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Full text of "Der Prozess Gegen die Attentäter von Sarajewo"

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DURHAM.N.C. 














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https://archive.org/details/derprozessgegend01prin 





Der Prozeß 
gegen die Attentäter 
von Sarajewo. 





Der ProzeS 
gegen die Atteniäler 
von Sarajewo 

Nach dem amtlichen 
Stenogramm der Gerichtsverhandlung 

aktenmäfSig dargestellt 
von 

Professor Pharos 

und einer 

Einleitung 

von 

Josef Köhler 

0. Professor der Friedrich Wilhelm-Universität in Berlin 
und Geheimer Justizrat 

Sonderabdruck aus dem „Archiv für Strafrecht und StrafprozefS“ 


Mit den Abbildungen der Anstifter und 
Attentäter, dem Attentatsort u. a., einem Plan von Sarajewo 
und einer Karte von Bosnien 

136164 



R. V. Decker’s Verlag 

G. Schenck, Königl, Hof Buchhändler 
Berlin 1918 






Alle Rechte, insbesondere auch der Überse^ung, Vorbehalten. 
Nachdruck, auch einzelner Teile, verboten. 
Copyright 1918 by R./v. Decker’s Verlag, Berlin. 


Altenburg 

Pierersdie Hofbuchdruckerei 
Stephan Geibel & Co. 



* La ’ ■ • 

^ Der Tag von Sarajevo. 

Von J o s e f K o h I e r. 



I 


E s gibt Augenblicke der Weltgeschichte, in welchen der Zeiger der 
Weltenuhr einen Moment stillzustehen scheint; denn so ungeheuer 
ist das Ereignis, so folgenschwer, so gewaltig die Explosion, welche in 
diesem Zeitpunkt stattfindet, daß uns ein Grauen erfaßt vor der un¬ 
geheuren Verantwortung, welche der Moment in sich trägt. Jeder kennt 
die unglückselige Stunde, in welcher auf dem Hradschin die kaiserlichen 
Abgesandten aus dem Fenster geworfen wurden, an welcher Tat 
sich der Dreißigjährige Krieg entzündete; und so wird der Tag von 
Sarajevo ewig denkwürdig sein als der Ausgangspunkt des größten 
Krieges, den die Weltgeschichte gesehen hat. 

Die Verhandlungen über die Attentäter von Sarajevo bieten daher 
das allergrößte geschichtliche Interesse. Es waren scheinbar ein paar 
elende Individuen gewesen, welche die Völker in die furchtbarsten Zer¬ 
würfnisse geführt und Zerfleischung und Vernichtung verursacht haben, 
unerhört in der Weltgeschichte; und doch waren es nicht etwa diese 
traurigen Wichte, es war die ganze Verschwörungsatmosphäre eines 
Volkes, in der sie lebten und atmeten, es waren die furchtbaren Ver¬ 
derbenskeime, die jahrelang von einer ganzen Nation ausgesandt wurden, 
es war die unerhörte Heße, es war die jeder positiven Kulturarbeit 
feindliche, quasi politische Vergiftung, welche hoch und nieder erfaßt 
hatte und bis in die Sphäre der Gymnasiasten drang, die natürlich, 
statt sich einem geordneten Studium zu widmen, es besser fanden, 
politisch zu quengeln und auf hoch und nieder zu schimpfen. Am fluch¬ 
würdigsten aber waren die politischen Drahtzieher, welche alle diese 
verderblichen Elemente lenkten, die verheerenden Keime in das Volk 
sandten und schließlich, nachdem alles verseucht war, den Durchbruch 
versuchten, um das schreckliche Ereignis herbeizuführen, von dem man 
eine politische Umgestaltung erwartete. 

Eine echt russische Atmosphäre war es, die hier waltete; nihilistisch, 
anarchistisch, terroristisch, gegen Gott und die Welt und gegen jede 
Staatsordnung verschworen. Daneben flunkerten allerdings ein paar 
positive Züge, wie zum Beispiel der Gedanke der Vereinigung der 
serbischen und serbo-kroatischen Bevölkerung, — diese Gedanken aber 
waren so unbestimmt und verschwommen, daß sie wieder in das 
Negative umschlugen und schließlich in dem Hasse gegen Österreich und 
in dem Streben nach Vernichtung dieses großen Reiches gipfelten. Die 
ganze Art des byzantinisch-slawischen Typus, starke momentane Erregtheit, 
Widerwille gegen regelmäßige Arbeit, Hang zum verbummelten Dasein, 
unheimlicher Zerstörungswahnsinn, alles trat hier zutage, und auf solche 
Weise konnte das Gift in einer Weise wirken, wie es bei den Germanen 
oder Romanen undenkbar gewesen wäre. Bei den Germanen niemals; 
aber auch bei den Romanen nimmt der Verschwörertypus zwar auch 


36164 


VI 


furchtbare Gestalten an, aber doch finden wir dort ein kräftigeres, kon¬ 
zentrierteres und zielbewußteres Handeln und ein Überwiegen der 
positiven Bestrebungen über den reinen Nihilismus. 

Mancher wird aus den Protokollen Aufschluß über die Beteiligung 
des zaristischen Rußlands an dem serbischen Verbrechen erwartet haben. 
Sie ist unzweifelhaft vorhanden gewesen, und jeder weiß, daß ein Mann 
mit deutschem Namen, Hartwig, der vor dem Kriege plö^lich in Belgrad 
einem Schlaganfall erlag, hier zerse^end und aufrührerisch gewirkt hat; 
aber die Protokolle enthalten hierüber nichts; dagegen werfen sie nach 
einer anderen Richtung hin ein lebhaftes Licht. Wir wissen nun, daß 
internationale Mächte hier gewaltet haben, Mächte, die auch sonst in 
diesem Kriege die unheilvollste Rolle gespielt und sowohl in Frankreich 
die Elsaß-Lothringen-Hege bis zur Siedehi^e getrieben als auch in den 
französischen Schweizerkantonen Fluch und Verderben gegen Deutsch¬ 
land gespien und schließlich Italien zu dem furchtbaren Treubruch ver¬ 
leitet haben, welcher der Nation einen ständigen Makel aufdrückt. Es 
war der Großorient, die französische Freimaurerloge, welche überall 
ihre Fühler ausstreckte, wo es galt, die Kirche zu vernichten, die 
m.onarchische Gesinnung zu untergraben, die Staatsgewalt zu lockern, 
vor allem aber das Germanentum in seinem Lebensnerv zu treffen; und 
so war es diese Freimaurerloge, die auch die fluchwürdige serbische 
Agitation betrieb. Wir wissen, daß die Hauptvereinigung, in der sich 
die destruktiven Kräfte sammelten, die »Narodna obrana«, nicht nur 
Freimaurer enthielt, sondern, daß ihre Häupter Freimaurer waren; und 
der geistige Urheber des ganzen Verbrechens, Tancosic, wird uns als 
Freimaurer geschildert, daneben ein Kasimirovi6, der sich vielfach in 
der Loge von Paris herumgetrieben hat; und ebenso war Ciganovic, der 
den Verbrechern Geld, Bomben und Pistolen gab, ein Freimaurer, ebenso 
einige der jugendlichen Verbrecher selbst, wenn sie es auch zunächst 
ableugneten. Der Großorient wollte hier einen Hebel unseren, um von 
diesem Punkte aus das katholische Österreich und damit den germani¬ 
schen Staat zu zertrümmern, zu dessen Hauptaufgaben es von jeher 
gehört hat, verschiedene slawische Völker zu einer großen Kultureinheit 
zu verbinden. 

* 

Die Art, wie die Bomben nach Sarajevo geschafft wurden, ist ebenso 
romanhaft interessant wie auch bezeichnend für das ganze Verhalten 
des serbischen Beamtentums. Wie von seiten des serbischen Kriegs¬ 
ministeriums an die Grenzbeamten Aufträge gegeben waren, in Bosnien 
Kommissäre und Vertrauensmänner aufzustellen und zu spionieren, um 
von jedem Dorf und jeder Stadt die Anzahl der militärpflichtigen Be¬ 
völkerung zu erfahren, ebenso war es das serbische Militär, welches 
bei der Bombenangelegenheit seine Hilfe lieh. Es ist wirklich etwas 
Wahres, wenn einer der serbischen Urheber den Verschwörern 
sagte, daß ein Tunnel von Belgrad bis Sarajevo ging; so waren die 


VII 


Etappen überall ausgewählt und überall Vorsorge getroffen, daß diese 
verderblichen Geschosse an Ort und Stelle geschafft wurden. Von 
Belgrad ging es bis Sabac zu Wasser; in ^abac war es ein Major, der 
die Weitervermittlung übernahm: die Verschwörer bekamen die An¬ 
weisung für die Eisenbahn bis Loznica, wo sie einem Hauptmann emp¬ 
fohlen waren, alles mit lakonischen Bemerkungen, welche zeigen, wie 
genau die Sache eingefädelt war. Von da aus handelte es sich um die 
schwierige Grenzüberschreitung. Der eine der Verschworenen nahm 
den Weg über Zvornik, die anderen, welche die Bomben trugen, nämlich 
Princip und Grabez, aber fuhren gegen LjeSnica und von da auf die 
Drinainsel. Dies war der berüchtigte Schmuggelweg. Einer der serbi¬ 
schen Grenzwächter mußte sie hier durchlassen, und dort trafen sie 
einen allbekannten Schmuggler, der sie abends unbeachtet über die 
Drina führte. Jeßt waren sie auf bosnischem Grund, und von da hieß 
es dann, überall die gefährlichen Strecken hindurch, an all den Gen¬ 
darmeriekasernen vorbei, nach Sarajevo zu gelangen. Zunächst ging 
es nach Priboj, wo man den serbischen Vertrauensmann, den Kommissär 
der »Narodna obrana«, den Lehrer Cubrilovic, antreffen sollte. Das war 
nun nicht so einfach; die Bomben waren schwer, die Wege bedenklich. 
Die Expedition machte vor Priboj halt, schlief in einem Stalle und trat 
morgens in die Hütte eines Bauern ein, der sie den Weg bis Priboj 
geleiten sollte. Der Lehrer Cubrilovic stand längst mit der »Narodna 
obrana« im Verkehr: er war der Vorstand des dortigen »Sokol«, der an¬ 
geblich ein Turnverein sein sollte, aber, wie alle jene Vereine, politischer 
Natur war und einen Zweigverein der »Narodna obrana« bildete. Der 
Lehrer war mit den serbischen Häuptern der »Narodna obrana« in ständiger 
Verbindung, und der Zwischenträger war eben jener Schmuggler, der 
jeweils die Vermittlung zwischen dem Pribojer Verein und der »Narodna 
obrana« besorgte. Während sich nun die Verschwörer in der Nähe von 
Priboj im Versteck hielten, suchte der Schmuggler den Lehrer auf; er traf 
ihn schon unterwegs, reitend, und nun ging es weiter. In Priboj selbst 
geleitete sie der Lehrer zu seinem Gevatter Kerovic, der einen Wagen 
besorgen sollte, und so fuhr man nachts 11 Uhr im tiefen Dunkel 
weiter. Der Gevatter wußte von der ganzen Sache und kam dadurch 
in die bösesten Ungelegenheiten. Schon bei jenem ersten Bauern vor 
Priboj hatte man die Bomben in Taschen gelegt, die Taschen dann in 
die Satteltasche des Pferdes gesteckt, auf dem der Lehrer ritt: jeßt 
konnte man mit den Bomben auf dem Wagen weiterfahren. An ver¬ 
dächtigen Orten stiegen die Verschwörer aus und machten einen Um¬ 
weg, um nachher den Wagen wieder zu treffen. Und so gelangte man 
in aller Frühe nach Tuzla. Dies scheint ein gefährlicher Verschwörerort 
gewesen zu sein; das dortige Gymnasium war ein Herd politischer 
Treibereien der unreifsten Leute, und der Leiter der ganzen Bewegung 
war eine Art von Studentenvater, Jovanovic, der Inhaber eines Kinos, der 
Vorstand des dortigen Sokol, der mit der »Narodna obrana« in ständigem 


VIII 


Verkehr stand. Ihm mochte die ganze Angelegenheit weniger angenehm 
sein; denn er war trog seiner revolutionären Tätigkeit ein Mensch des 
behaglichen Lebensgenusses, der die Verschwörung gleichsam nur en 
bon-homme betrieb. Doch konnte er sich der Aufgabe nicht entziehen, 
denn der Lehrer Cubrilovic hatte ihm noch einen besonderen Brief ge¬ 
schrieben und ihm die ganze Gesellschaft empfohlen. Die Bomben 
selbst nach Sarajevo zu bringen, übernahm er nicht; sie sollten bei ihm 
in Tuzla bleiben. Er hatte auf dem Boden ein gründliches Versteck, 
und hier wurden die verhängnisvollen Geräte geborgen. In Tuzla traf 
auch von Zvornik jener dritte Verschwörer mit den zwei anderen zu¬ 
sammen, und so ging es auf der Bahn nach Sarajevo. Die Bomben 
sollten nun von einem vierten Verschwörer, einem etwas erwachseneren 
jungen Manne (Ilic) abgeholt werden, der sich bei Jovanovic durch 
eine Schachtel Stephaniezigaretten legitimierte. Aber auch dies machte 
wieder einige Schwierigkeiten. Ilic getraute sich nicht mit dem ver¬ 
hängnisvollen Paket durch Tuzla zu gehen; daher sollte es Jovanovic 
zur kleinen Station Doboj bringen. Das übernahm er, hatte er ja auch 
dort noch Geschäfte; und so trug er das verschnürte Paket unter seinem 
Havelock, barg es dort bei einem Händler, und von diesem holte es 
wieder Ilic ab, der es dann nach Sarajevo brachte und dort in seiner 
Wohnung unter einem Sofa versteckte. 

Dies sind die Einzelheiten der verhängnisvollen Bombenreise! 

Ilic selbst war in Sarajevo der eigentliche Leiter der Verschwörung; 
er hatte die drei Verschwörer an der Hand, suchte aber noch andere 
junge Leute heranzuziehen, damit ja der Thronfolger, wie man sagte, 
richtig »empfangen« werde. Er vermittelte Bomben und Pistolen, zeigte, 
wie man die Pistole abschießt, was übrigens bei Prinzip nicht nötig 
war, denn er war schon genügend eingeschossen. So kam der ver¬ 
hängnisvolle Tag heran. Wie sich hier die Sache weiter entwickelte, 
ist allgemein bekannt. Der Bombenwurf verunglückte und verlebte 
andere Personen, darunter auch den Adjutanten des Thronfolgers, der 
seinem Herrn im besonderen Auto nachfolgte, und die Sache wäre bei 
einem verunglückten Attentat geblieben; aber nun folgte die Tat des 
Princip. Von allen Verschwörern war dieser die selbstbewußteste, 
gereifteste, gewissenloseste Figur. Daß man den Thronfolger, der nach 
dem vergeblichen Attentat heil und unversehrt in das Rathaus gelangt 
war, die Fahrt tro^dem im offenen Auto fortse^en ließ, ist mir von 
jeher rätselhaft erschienen; allerdings änderte man die Route, wollte in 
schnellem Tempo fahren, und Graf von Harrach, der den Thronfolger 
in seinem Auto begleitete, stellte sich auf das linke Trittbrett, um den 
hohen Gast zu decken. Aber unglücklicherweise blieb die rechte Seite 
frei, und da war es nun Princip, der, als das Auto gerade vor ihm 
hielt, mit Pistolenschüssen den Thronfolger und seine Gemahlin so sicher 
traf, daß kurz darauf der Tod eintrat. 


IX 


Die Täter sind Verbrechensfanatiker der Art, wie ich sie in meiner 
Schrift »Verbrechertypen in Shakespeares Dramen«, S. 42 geschildert habe: 

»An Stelle der egoistischen Beweggründe tritt die Idee. Sie verdrängt 
alle andern Triebe, sie nimmt den Gesichtskreis des Fanatikers völlig 
ein und verscheucht damit jede andere Bestrebung. Der Fanatiker 
opfert Leib und Leben.« 

Die Täter gehören aber einer besonderen Sippe der Verbrecherfanatiker 
an, sie gehören zu der Klasse der nihilistischen Zyankaliverschwörer; sie 
spielen nicht nur um Leben und Tod, sie opfern sich definitiv; wenn 
die Tat gelungen, suchen sie sich mit Zyankali aus der Welt zu schaffen, 
damit ihr Mund stumm bleibe und sie nicht mehr zu reden gezwungen 
werden. So wurde auch diesen Verschwörern Zyankali mitgegeben, das 
aber seine Funktion nicht erfüllte: der eine kam nicht mehr dazu, das 
Gift zu nehmen, bei dem anderen war es wirkungslos. 

Solche Nihilisten hoffen nicht etwa auf unmittelbaren Erfolg und 
wiegen sich nicht im Traum, selbst eine Machtstellung zu gewinnen 
oder in der künftigen Herrschaft eine Rolle zu spielen; ihre Überzeugung 
ist nur, daß das, was sie tun, der Vorbote von Umwälzungen ist, die 
etwa kommen können. Selbstmord ist ihnen vertraut-, das Leben ist 
ihnen ebenso gleichgültig wie jener indischen Sekte, die mit Sein und 
Nichtsein spielt. Sind es doch regelmäßig verwahrloste Subjekte, ohne 
positiven Lebensinhalt, bummelnd, bettelnd, hungernd, frierend, ein un¬ 
geordnetes Lotterleben führend; was ist ihnen da das irdische Dasein? 
Ein Jenseits schreckt sie nicht, denn sie sind erklärte Atheisten, und so 
kann das einzige, was sie noch lockt, der Gedanke sein, daß sie als 
»Retter des Volkes« gepriesen werden und man ihnen dereinst als 
Befreier« einen Denkstein errichtet. 

Die Rechtsordnung kann hier nur mit der Vernichtung Vorgehen, die 
Schonung solcher Existenzen hätte keinen Sinn und keinen Wert. Die 
abschreckende Funktion der Strafordnung allerdings gleitet an ihnen 
fruchtlos ab; der Tod ist ihnen bedeutungslos. Es gilt, was ich in an¬ 
geführtem Werke S. 45 sagte: 

»Was wir an Strafen haben, läßt ihn unberührt, noch mehr: er dürstet 
nach Opfern, und alle unsere Strafmittel wirken nicht gegen ihn, sondern 
gegen uns, weil sie ihn zu heftigerem Kampf, seine Genossen zu 
heroischerem Widerstand anreizen.« 

»Nur in der Art kann die Strafrechtspflege präventiv Vorgehen, daß 
sie streng gegen die Gehilfen und Vermittler verfährt, auch wenn sie 
nicht gerade zu den eigentlichen Verschwörern zählen, und daß man 
eine unerbittliche Anzeigepflicht feststellt für alle diejenigen, die von 
einem solchen Vorhaben wissen« (»Verbrechertypen«, S. 47). 

Das ist auch in diesem Prozeß geschehen, und man hat diejenigen, 
welche die Anzeige unterließen, scharf genug bestraft. 


X 


übrigens gibt es auch unter den Attentätern verschiedene Varianten. 
Wie ich bereits in meinem Werk über Shakespeares Verbrecher- 
tjrpen ausgeführt habe, sind die Verbrecher teilweise absolut ge¬ 
wissenlose Naturen, so daß ihnen das moralische Gefühl vollkommen 
gebricht und sie jeder Regung des menschlichen Empfindens stumpf 
gegenüberstehen. Hart und schneidend wie ein Stück Eisen, so wirken 
sie in der Menschheit — wohlbekannt ist ihnen, wie die bürgerliche 
Welt und die Gese^gebung ihre Tat verurteilt, aber diese gesellschaft¬ 
liche Brandmarkung dringt nicht in ihr Gefühlsleben ein, ihr ganzes 
Nervensystem bleibt gleichsam außerhalb der Gemeinschaft mit der 
Menschheit, sie sind Outsider, denen das Kabel abgeschnitten ist, das 
sonst einen jeden mit der Mitwelt verbindet. Es gilt von ihm, was ich 
in dem genannten Werke S. 8 ausgeführt habe: 

»Wo die anderen tro^ aller Zuwiderhandlungen die Macht der Welt¬ 
ordnung in sich fühlen und durch das Gewissen an Mächte außer 
ihnen erinnert werden, fehlt diesem vollkommen das Sensorium für die 
Allgemeinheit, es fehlt ihm die Beteiligung an der Mitwelt; er ist so 
sehr er selbst, daß alle anderen Wesen aus seinem Gemüte verschwinden.« 

Darum auch keine Regung der Reue und die vollständige Stumpfheit 
gegenüber dem furchtbaren Unheil, das sie angerichtet haben. 

So ist Princip. Selbstverständlich verleiht ihnen diese ganze Ver¬ 
brecheranlage eine ganz besondere Ruhe und Kraft; sie brauchen nicht 
zu zittern, wenn sie zur Tat schreiten, das Menschheitsgefühl kommt 
nicht über sie, erfaßt nicht ihre Hand, und das Bangen und Beben 
dessen, der über die lebten Züge des Menschentums hinaus will, bleibt 
ihnen erspart. 

Nicht ganz auf diesem Boden steht Cabrinovic, der Bombenwerfer. 
Er ist natürlich ebenfalls ein zerfahrener Geselle, der bald da, bald dort 
sich einnistet, in Anarchismus eingeweiht, von unklaren politischen 
Ideen erfaßt, lottrig in seinem Wesen, verwüstet in seinem Innern, 
ohne Gott und Moral handelnd; so plant er die verruchte Tat. Aber 
doch noch steckt ein Funke Menschheit in ihm, und den zarteren Zügen 
des Gemüts ist er nicht vollkommen fremd. Ein gewisses Reueempfinden 
scheint sich in seine Seele eingeschlichen zu haben. Solche Naturen 
sind nicht völlig gewissenlos, in ihrem Innersten liegt noch ein gewisses 
Gefühlszentrum, das bei oder nach der Tat zum Erzittern kommt. 

Sodann Grabet, der Popensohn! In der Jugend tiefer in die Religion 
eingeführt, wirft er später das religiöse Empfinden nicht etwa vollständig 
ab, sondern es geht bei ihm in Nationalismus über. Das politische 
Idol, das er verehrt, ist nun Gegenstand seiner Religion, und so kommt 
er zu jenem nationalen Fanatismus, in dem noch ein Funke des ehe¬ 
maligen religiösen Gefühls glimmt, aber mißleitet und abgesplittert. 

llic gehört zu denjenigen Verschwörernaturen, die als Drahtzieher 
hinter der Kulisse stehen, Leute anwerben, sich aber soviel als möglich 
hüten, als direkte Urheber hervorzutreten, die da und dort organisieren. 


XI 


bald Pläne anspinnen, bald wieder, sobald die Pläne erfaßt sind, 
scheinbar zum Rückzug blasen, nur eben, um die Verantwortung völlig 
auf die Täter selbst abzuwälzen; es sind ruchlose Gesellen, die nicht 
den Mut der Verantwortung in sich fühlen. 

Zu dem Betrübendsten gehört, daß gerade junge Leute, ganz un¬ 
gereifte Gesellen mit der Tat betraut waren. Dies wäre nicht möglich 
gewesen, wenn nicht die ganze Jugend, namentlich das Gymnasiastentum, 
im höchsten Grade durchseucht gewesen wäre. Überall hatten sich 
Vereine junger Leute gebildet, welche die Befreiung der Serben als 
Idol vor Augen führten, welche Österreich als den Unterdrücker der 
Völker darstellten, und die Schlagworte von der Knebelung der Freiheit 
usw. waren in aller Munde. Wenn unreife Jugend Politik treibt, so ist 
es ein Wahnsinn: sie läßt sich von berauschenden Worten leiten, und 
alle Überlegung, alle gesunde Beobachtung, alles tiefere Nachdenken 
gebricht. In diese Jugend die Oppositionspolitik zu werfen, ist ein 
Verbrechen; jegt wird alles von der positiven Arbeit abgehalten, ver¬ 
nünftige und staatserhaltende Gedanken schweigen, und der Serbe, der 
überhaupt die regelmäßige Tätigkeit gern als Pedanterie erklärt, findet 
hier die beste Ausflucht, sich all der Kleinarbeit zu entziehen, welche 
das Leben von jedem verlangt, der an unserer Kultur mitwirken will. 
Diejenigen aber, die von oben her die Jugend verleiten, den Brand 
in ihre Seele legen, durch Gründung von Vereinen, durch Verbreitung 
von Flugschriften ihr Heil und Wesen vergiften, übernehmen die furcht¬ 
barste Verantwortung. Das Blut von Tausenden vernichteter Existenzen 
klebt an ihren Händen. Dies aber tat die »Narodna obranas, welche 
sich in unzähligen Zweigvereinen über Serbien und Bosnien verbreitete, 
alles unter den unschuldigen Namen von Turnvereinen, Antialkohol¬ 
vereinen, Kulturvereinen usw.; welche offen den Abfall Bosniens und 
die Verbindung der Südslawen zu einem politischen Ganzen lehrte, 
welche Freischärler ausrüstete und mit Pistolen und Bomben versah, 
welche ein Ne^ von Spionage über Bosnien legte: so war sie eines 
der fluchwürdigsten Institute, die sich je gebildet haben. Auf der 
einen Seite mit dem Großorient zusammenhängend, auf der anderen 
Seite bis in das Bauernvolk hinein werbend, vor allem aber die Jugend 
vergiftend, die Gelegenheit des serbischen Nationalheiligen benugend, um 
hier bei Sang und Gelage he^erische Reden zu halten: so verbreitet sie eine 
Brut des Verderbens, und ihre Versammlungen waren Stätten des Unheils. 

Noch erinnere ich mich, wie ein Serbe mit mir vor Jahren über die 
bosnische Annexionskrisis sprach. Ich hatte nach der langjährigen 
segensreichen Tätigkeit Österreichs in Bosnien und Herzegowina, die 
mir durch eigene Reise bekannt war, seinerzeit in der Wiener »Neuen 
Freien Presse« für die Annexion gesprochen, weil hierdurch die ge¬ 
ordneten Verhältnisse einen definitiven Charakter annahmen und den 


Xll 


Schein des Provisorischen verloren. Man hat es mir in Serbien sehr 
übel genommen und wollte mir entgegenhalten, daß österreidi das 
Land vernachlässigt habe; und als ich auf die Schulen hinwies, so be¬ 
hauptete man, Österreich habe für Bildungsanstalten nicht genügendes 
getan, Serbien tue mehr. Aber welches diese Schultätigkeit Serbiens 
war, das ergibt sich klar aus dem Prozeß; es war die sogenannte Ein¬ 
pflanzung des Nationalismus, mit anderen Worten eine politische Be¬ 
arbeitung der unreifen Jugend, die natürlich in Österreich fehlte. Und 
als ich in diesem Prozeß erkannte, wie die Jugend hier systematisch 
vergiftet wurde, so wußte ich, worin der Hauptvorwurf gegen Öster¬ 
reich liege: der Nationalismus war nichts anderes als Aufhebung gegen 
die kulturbringende Macht, als Einpflanzung von Haß und Verachtung 
gegen sie. Wie in der Tat die Schulen in Serbien aussahen, das zeigt 
die Tatsache, daß die Jungen aus Bosnien nach Belgrad zogen, um 
dort gleich das Examen in drei oder vier Gymnasialklassen zugleich zu 
machen, und nichts ist charakteristischer als die Protokollaussagen: man 
lerne dort nicht soviel Latein und Griechisch, aber Lehrer und Schüler 
seien gebildeter und verständiger. Das Gebildetsein und Verständigsein 
hieß eben nichts anderes, als daß unreife Menschen mit Politik beschäftigt 
wurden und sich in unklaren Plänen und perversen Schlagworten verloren. 

^iC- 

Das Schreckbild aber, das der Jugend vorgehalten wurde, war Franz 
Ferdinand; nicht als ob er ein Slawenfeind gewesen wäre; aber man 
witterte in ihm einen kräftigen, militärgeschulten, entschlossenen 
Herrscher Österreichs, der mit fester Hand das Gefüge zusammenhielt 
und die ungeheure Aufgabe der Beherrschung einer so vielsprachigen 
Völkergruppe machtvoll bewältigen konnte. Dies war allen denen ein 
Dorn im Auge, denen die Auflösung Österreichs und damit die Zer¬ 
trümmerung der germanisch - ungarischen Kulturmacht als Ideal vor¬ 
schwebte. »Er sollte für Österreich alles büßen«, dieser Ausspruch gibt 
die furchtbare Stimmung wieder, die unter der serbischen Jugend herrschte; 
hatte doch, so hieß es, die Loge ihn bereits zum Tode verurteilt! 

Man hat darum auch die Attentäter wegen Hochverrats verurteilt; denn 
mit dem Tode Franz Ferdinands sollte eben die Thronfolge verschoben 
und damit die verfassungsmäßige Entwicklung gewaltsam geändert werden. 

Das strenge Vorgehen Österreichs gegen Serbien war unentbehrlich: 
es war durch die Ehre, ja durch die Existenz des Kaiserstaates ge¬ 
fordert. Die schweren Schläge Serbiens im Weltkriege aber waren 
eine gerechte Sühne für die furchtbare Tat, welche nicht aus der 
Gedankenwelt der einzelnen, sondern aus der verruchten Leidenschaft 
eines ganzen Volkes hervorging. 







Vorwort. 


D ie Kunde vom Attentate von Sarajevo hat seinerzeit bei ihrem 
Laufe durch die Welt die Herzen von Millionen erschüttert. Ein 
überaus edles Fürstenpaar war einem ruchlosen Verbrechen zum Opfer 
gefallen. Vielen Österreichern war es zumute, als hätten die Schüsse 
der Mörder die Zukunft und die Hoffnung der Monarchie vernichtet. 
In Deutschland wußte jedermann, daß das Reich »unsagbar viel verloren«. 
Der Ermordete war ihm und seinem Kaiser in aufrichtiger Freundschaft 
zugetan gewesen voll unwandelbarer Treue; seine Person hatte gebürgt 
für das Zusammengehen beider Mittelmächte und ihrer Kraftentfaltung 
zu Lande und zur See. Aber trog des gewaltigen Eindruckes, den die 
Sarajevoer Tragödie gemacht, hat man doch nicht viel über ihre Einzel¬ 
heiten und näheren Umstände erfahren. Private Initiative konnte nicht 
den Schleier lüften über alle Geheimnisse des Verbrechens, und die 
offiziellen Kreise hatten Wichtigeres zu tun, als sie bekanntzugeben. Es 
wurde sogleich klar, daß es sich nicht um die Tat eines Wahnsinnigen 
oder vereinzelten exaltierten jungen Menschen handelte, sondern um 
etwas ganz anderes. Es war das Attentat das Aufflammen eines Hasses 
gegen Österreich und sein Herrscherhaus, der in langer, zielbewußter 
und organisatorischer Arbeit von Serbien aus unter der schismatischen 
Bevölkerung Bosniens und anderer Länder weithin geschürt worden 
war. Es war die Explosion einer Mine, deren Leitungsdrähte sich bald 
bis in die Ministerien von Belgrad verfolgen ließen und bis zum Throne 
jenseits der Drina. auf dem der Königsmörder saß. Es mußte mit 
männlich entschiedener Tat durch das an Serbien gestellte Ultimatum 
der von der serbischen Regierung bewerkstelligten, hochverräterischen 
Organisation ein Ende gemacht werden. Dabei tauchte freilich am 
Horizonte das Bild eines Weltbrandes auf, wie ihn die Geschichte noch 
nicht gesehen. Es wäre aber tro^dem politischer Selbstmord gewesen, 
jene Tat zu unterlassen. Sie erfolgte. Es kam aber auch der Welt¬ 
brand in nie geahnter Ausdehnung und Dauer mit all seinen Schrecken. 
Die Bomben und Pistolen der Attentäter von Sarajevo hatten ihn ent¬ 
facht. Während nun das gigantische Ringen mit all seinen Wechselfällen 
die Geister in Spannung hielt, schenkte man dem Vorspiele zum Welt¬ 
krieg wenig Aufmerksamkeit. Die interessanten Prozesse von Banjaluka 
und Sarajevo, jener gegen die Hochverräter, dieser gegen die Atten¬ 
täter, wurden von deutschen Zeitungen nicht einmal beachtet. Jeßt, da 
der Weltbrand, nachdem er Millionen von Menschen und Hunderte von 
Milliarden schon verschlungen, sich noch immer nicht gelegt, ist es end- 

Pharos, Der Prozeß gegen die Attentäter von Sarajevo. 1 


2 


lieh Zeit, auf jenes Verbrechen zurückzukommen, das die Veranlassung 
dazu war, und das nun in all seinen Motiven und Umständen klar zu¬ 
tage liegt. Unter den vielen Aufschlüssen und Nachträgen, die jegt 
über die Geschichte der lebten vier Jahre erscheinen werden, darf der 
Prozeß gegen die Attentäter von Sarajevo nicht fehlen. Noch nie hat 
eine Gerichtsverhandlung eine so denkwürdige Begebenheit der Welt¬ 
geschichte zum Gegenstand gehabt. 

Wir haben darum den Gang des Sarajevoer Attentatsprozesses akten¬ 
mäßig nach den uns vorliegenden kroatischen (serbischen) Stenogrammen 
dargestellt. 

Sarajevo, den 1 . September 1Q17. 

Professor Pharos. 


Erstes Verhör der Angeklagten. 

Sarajevo, 12 . Oktober 1914. 

Die Verhandlungen werden in den Räumen des Garnison-Militär¬ 
gerichts geführt. Der Saal im ersten Stock ist hell genug und ziemlich 
akustisch. Er hat vier Fenster: zwei an der Stirnseite und zwei im 
Hintergrund des Zimmers. Die Fenster sind mit weißen, rotgestreiften 
Vorhängen verhüllt. Der einzige Schmuck des Zimmers sind ein Bild 
des Kaisers und eines des verewigten Thronfolgers Franz Ferdinand. 

In der Mitte des Zimmers sind Bänke für die Angeklagten aufgestellt, 
auf denen sie, wenngleich nicht nach der in der Anklageschrift an¬ 
geführten Reihenfolge, sißen. Alle sehen recht elend aus. Sie tragen 
sehr einfache Kleider, ihre Gesichter sind bleich und abgemagert. Neu¬ 
gierig sehen sie sich um und betrachten das Publikum. Dasselbe be¬ 
steht nur aus dem Bürgermeister Fehim Effendi Curßic, dem Vizepräsi¬ 
denten des Landtages Dimovic, Scherif Arnantovic, dem P. Puntigam S. J. 
und dem Landtagsabgeordneten Kalixt Tadin, ferner aus Polizeibeamten 
und Offizieren. Um die Bänke herum halten acht Soldaten mit auf¬ 
gepflanztem Bajonett Wache. 

Um 8 Uhr tritt der Senat ein. Die Verteidiger haben schon vorher 
ihre Pläge auf beiden Seiten der Anklagebänke eingenommen. 

Um 8 V 4 Uhr eröffnet der Präsident Luigi v. Curinaldi die Verhandlung. 
Zuerst werden die Generalien vorgenommen. Als Gabriel Princip 
sein Alter angibt und betont, daß er am Tage des Attentats noch nicht 
volle 20 Jahre hatte, antwortet der Präsident: >-Das werden wir sehen!« 

Die Angeklagten antworten ruhig auf die an sie gestellten Fragen. 
Während der Verlesung der Generalien und der Anklageschrift dreht 
sich Cabrinovic beständig herum und lacht höhnisch. 

Hiernach werden die Zeugen aufgerufen. Von ihnen fehlt Jevgjelic, 
der nach Ungarn abgeführt wurde. 



3 


Präsident: Ihr Zeugen seid verpflichtet, bei Gericht die ganze 
Wahrheit zu sagen; denn ihr würdet durch lügenhafte Aussagen nicht 
bloß eine Sündenschuld auf euer Gewissen laden, sondern dazu noch 
nach dem Geseke bestraft werden. Ein Teil der Zeugen ist für Samstag 
vormittag berufen, der andere Teil für Montag. — Je^t wird die An¬ 
klageschrift vorgelesen. Paßt auf diese wohl auf, wie auf den ganzen 
Gang der Verhandlung. Führt euch anständig auf; denn ich würde 
euch sonst aus dem Gerichtssaale entfernen lassen, und ihr würdet in 
diesem Falle den Gang der Verhandlung nicht verfolgen können. Bitte, 
nun die Anklageschrift zu verlesen. 

Dieselbe wird verlesen. 

Die Angeklagten hören während der ganzen Zeit aufmerksam zu. 

Die Verhandlungen leitet der Präsident: Obergerichtsrat Luigi 
V. Curinaldi. Ihm zur Seite stehen als Richter: Gerichtsrat Bogdan 
Naumowicz und Dr. Mayer Hoffmann; als Schriftführer: Gerichts¬ 
adjunkt Nikolaus Rasic; als Staatsanwalt: Franz Svara; als Privat¬ 
teilnehmer: Ida Pfob, Maria Keller und Josef A. Danon; als Ver¬ 
teidiger: Advokaturskonzipient Dr. Max Feldbauer, Dr. Konst. 
V. Premusic, Gerichtsrat Franz Strupl, Advokaturskonzipient Dr. Rudolf 
Zisler, Advokat Dr. Felix Perisic, Gerichtssekretär Wenzl Malek. 

Verhör des Nedjelko Cabrinovic. 

Sarajevo, am 12. Oktober 1914. 

(Er ist ein Mann von mittlerer Größe, unterseßt, breitschultrig und von 
ziemlich regelmäßigen Gesichtszügen. Er hat eine hohe Stirn, schwarzes, 
zurückgekämmtes Haar und sieht nicht gerade sehr schlecht aus. Er hat 
eine lange, gerade Nase und schwarze, lebhafte Augen und trägt einen 
dunklen Anzug. Nun sißt er ruhig und schaut vor sich hin. Auch in den 
Ruhepausen trägt er die Handfesseln.) 

Präsident: Fühlen Sie sich schuldig? 

Cabrinovic: Ja. 

Präs.: Wessen sind Sie schuldig? 

Cabr.: Des Verbrechens, einen Mordversuch auf den Thronfolger 
Franz Ferdinand gemacht zu haben. 

Präs,: Erzählen Sie uns also, wie es dazu kam. Wo sind Sie überall 
gewesen? Was haben Sie gemacht? 

Cabr.: Soll ich vom Attentat sprechen? 

Präs.: Nein, zuerst von Ihrem Vorleben. 

Cabr.: Ich habe zwei Jahre Handelsschule absolviert. 

Präs.: Warum haben Sie die Studien nicht fortgeseßt? 

Cabr.: Der Vater erlaubte es mir nicht, 

Präs.: Hat er Ihnen also nicht die Mittel dazu gegeben? 

Cabr.: Nein. Ich besuchte die Schule in Trebinje (Herzegowina). 
Hernach rief mich der Vater nach Sarajevo. Ich machte in der Schule 

1 * 


4 


keine Fortschritte, und mein Vater mißhandelte mich deshalb. Er wollte 
überhaupt nichts von mir wissen. Ich wandte mich also dem Hand¬ 
werk zu und erlernte zuerst die Schlosserei und hernach das Tischler¬ 
handwerk, und endlich kam ich in eine Drudterei. Ich war in der 
^'Serbischen Aktiendruckerei« in der Lehre. 

Präs.: Wie alt waren Sie damals? 

Öabr.: 14 Jahre. Daselbst blieb ich etwa zwei Monate und ging 
dann fort, weil mich ein Vorgese^ter ohrfeigte. Einmal entzweite ich 
mich zu dieser Zeit mit meinem Vater, und er ließ mich einsperren. 
Ich verbüßte drei Tage Polizeihaft. Als ich herauskam, fand ich beim 
spanischen Juden Kajon Arbeit. Daselbst wollte ich das Handwerk 
fertig lernen. Ich bl eb ein Jahr, dann kam der Balkankrieg. Damals 
entließen alle Arbeitgeber den größten Teil ihres Personals. Ich war 
damals bei Ka'on noch Lehrling und wollte Weiterarbeiten. Inzwischen 
brach ein Streik aus, und eines Nachts kam die Polizei zu uns, um 
mich festzunehmen. Doch mein Vater ließ das nicht zu und versprach, 
am nächsten Morgen mit mir zur Polizei zu kommen. Am anderen 
Tag ging ich zur Polizei, aber vorher kehrte ich bei Kajon ein, um 
ihm zu melden, daß ich an diesem Tage nicht zur Arbeit kommen 
werde. Später jedoch erfuhr ich, Kajon habe mich angezeigt, ich hätte 
ihm die Werkstatt anzünden wollen. Als ich diese Angelegenheit ge¬ 
ordnet hatte, begab ich mich in die »Serbische Druckerei« nach Karlo- 
wi^ (Slawon’en). Von da kam ich in die Sozialistendruckerei nach ^id 
(Sirmium) und dann nach Belgrad. Da wurde ich krank und mußte 
wieder nach Sarajevo zurück. In dieser Sozialistendruckerei wurde 
das Anarchistenblatt »Commune« gedruckt. Es verkehrten daselbst öfter 
die Redakteure dieses Blattes, und ich disputierte häufig mit ihnen. 
Ich war Sozialist und bekämpfte als solcher ihre Ideen, soviel ich es 
konnte. ScMieFlich unterlag ich doch ihren Ideen und wurde ein über¬ 
zeugter Anarchist. Jeden Abend kam ich zu ihren Vorträgen und blieb 
bis 11, 12 Uhr und noch weiter in der Nacht. 

Als ich in Belgrad krank wurde — ich war damals sehr elend —, 
kehrte ich nach Sarajevo zurück. Die Redakteure gaben mir von 
Belgrad viele Bücher mit; in dieser Druckerei wurde nämlich auch 
das Blatt »Novo vrijeme« (Die neue Zeit) gedruckt, und zwar ließ es 
Konstantin ÖiCvaric, der Vertreter des Anarchismus auf dem Balkan, 
drucken. Von ihm hatte ich ebenfalls viele seiner Bücher bekommen, 
von denen mir jedoch meine Mutter in Sarajevo einen Teil verbrannte. 
Wegen dieser Bücher wurde ich aus der sozialistischen Jugendvereini¬ 
gung in Sarajevo ausgeschlossen. Nach meiner Rückkehr nach Sarajevo 
arbeitete ich zwei Monate nicht. Als ich mich erholt hatte, trat ich in 
die Druckerei des Blattes »Narod« (Volk) ein. Da blieb ich bis zum 
Schrittse^erstreik 1912. Ich streikte ebenfalls; allein mein Vater war 
damit nicht zufrieden und jagte mich wieder aus dem Hause. Ich be- 


5 


gab mich deshalb zu Stefan Obilic, der dieselben Grundsäge hatte wie 
ich; beide waren wir Anarchisten. Wir hielten die Arbeiter von der 
Arbeit ab und erwarteten diejenigen, die aus dem Ausland hierher 
kamen, um zu arbeiten. Man brachte gegen mich viele Klagen vor, 
auch falsche, und so wurde ich auf fünf Jahre von Sarajevo verbannt. 
Ich begab mich nun wieder nach Belgrad. Dort trat ich nirgends in 
ständigen Dienst, sondern half in verschiedenen Druckereien aus. Da 
bekam ich auf einmal ein Telegramm, mit der Nachricht, daß mir die 
Rückkehr nach Sarajevo gestattet sei. Ich wollte nach Hause, hatte 
aber kein Geld. Da beredete mich ein Kamerad im Kaffeehaus »Zum 
Eichelkranz«, mit ihm zu gehen. 

Präs.: Wie lange sind Sie in Belgrad gewesen? 

Öabr.: Zwei Monate. 

Präs.: Haben Sie da einen dieser Angeklagten kennen gelernt? 

Cabr.: Ja, den Gabriel Princip. 

Präs.: Haben Sie mit ihm übereingestimmt? 

Cabr : Nein, nein; denn er war Nationalist, ich aber Revolutionär. 
Dort führte mich mein Freund, mit dem ich Bekanntschaft gemacht 
hatte, zur »Narodna obrana« (Volks wehr) *) und sagte mir, ich werde 
dort Geld bekommen für die Rückreise nach Sarajevo, Zum Lohne 
dafür mußte ich ihm einen halben Liter Branntwein zahlen. Nun be¬ 
gab ich mich mit ihm zur »Narodna obrana« und stellte mich dem Major 
M. Vasic, dem Sekretär des Vereins, vor. 

Präs.: Waren Sie eingeweiht in dessen Ideen? Zu welchem Zwecke 
verlangten Sie Geld? 

Cabr.: Zur Rückreise. Und wirklich erhielt ich nachmittags von 
ihm 15 Dinare. 

Präs.: Haben Sie diesem Major von Ihren Ideen gesprochen? 

Cabr.: Nein. Ich hatte ein Buch in der Tasche. Es waren Er¬ 
zählungen von Maupassant. Er zog mir dieses Buch aus der Tasche 
und sagte, es sei nichts für mich. Statt dessen gab er mir Bücher, 
welche die »Narodna obrana« herausgibt, unter anderen auch ihre Statuten. 
Ich nahm das Geld in Empfang und sagte, ich wisse nicht, wie ich 
danken solle, er aber klopfte mich auf die Schulter und sagte, ich solle 
nur immer ein braver Serbe sein. 

Unverhofft bekam ich auch Geld von meinem Vater. Ich hatte ihm 
freilich schon früher um Geld geschrieben, allein er hatte mir nicht 
einmal geantwortet. Für all dieses Geld kaufte ich mir Bücher, vor 
allem russische. Auch von der Organisation »Anarchistenverein« bekam 
ich 20 Dinare Unterstü^ung, Die gekauften Bücher schickte ich über 

*) Die »Narodna obrana« war ein politischer Verein in Serbien, der seit 1911 
auch in Bosnien verbreitet war. Er segte sich zur Aufgabe, die südslawischen Teile 
der österreichisch-ungarischen Monardiie von derselben im günstigen Augenblicke 
loszureißen. 



6 


Semlin nach Hause, ich selbst aber ging zu Fuß und kam nach Sarajevo. 
Dort trat ich wieder in die Druckerei des »Narod«, wo ich auch frei¬ 
gesprochen wurde. Das war im Dezember 1Q12. Im Vereine meiner 
Freunde und Gesinnungsgenossen schrieb ich eine Notiz und brachte 
sie in die Redaktion der »Srpska rijec« (Serbisches Wort). Dieselbe 
richtete sich gegen das Sozialistenblatt »Glas slobode« (Freiheitsbotschaft). 
Die Sozialisten schrieben nämlich gegen mich, ich sei ein serbischer 
Spion und Agitator der Verräter. Ich unternahm eine Polemik mit dem 
»Glas slobode«, in welcher diese freilich siegten, weil sie das Blatt in 
den Händen hatten, wir aber nicht. 

Präs.: Hat man Sie aus der Partei ausgestoßen? 

Öabr.: Ja. Mir war das schwer, und ich konnte es in Sarajevo 
nicht mehr aushalten. Da ich schon freigesprochen war, begab ich 
mich im Mai 1913 nach Deutschland. Ich kam jedoch nur bis Triest, 
wo ich in der Druckerei »Edinost« Stellung fand. Während ich dort 
arbeitete, brach der bulgarisch-serbische Krieg aus. Schon während 
des türkisch-serbischen Krieges fühlte ich große Sympathie für die Balkan¬ 
völker und das um so mehr, als man ihnen die Früchte des Krieges 
rauben wollte. Ich haßte die Art und Weise, wie die österreichische 
Presse schrieb. Und war ich bis dahin gegen jeden Nationalismus, so 
fühlte ich jeljt das Bedürfnis desselben. Während meines Aufenthaltes 
in Triest fühlte ich in mir einen immer größeren Drang zu wandern. 
Ich konnte jedoch nicht gleich abreisen, sondern erst nach dem Ende 
des Krieges. Ich kam nach Belgrad zur Zeit einer Krise und konnte 
keine Stelle bekommen. 

Präs.: Zu welcher Zeit? 

Öabr.: Im Oktober vorigen Jahres. Eines Tages traf ich auf dem 
Kalimegdan (Festung) den Dichter Veljko Petrovic, der mich der National¬ 
druckerei empfahl, ^ivojin Dacic, der damalige Direktor der Druckerei, 
nahm mich. Ich arbeitete daselbst anfangs für den Lohn von 90 Dinar. 
Ich litt viel, es war mir schrecklich. Nach Hause schrieb ich nie, da 
ich mit meinem Vater nicht auskam. Von Natur aus bin ich ziemlich 
gemütvoll angelegt. Jeden Tag war ich verzweifelter. Ich besuchte 
die Kaffeehäuser »Zum Eichelkranz«, »Zum grünen Kranz«, »Zum Gold¬ 
fischlein,« wo ich allerlei Reden hörte. 

Präs.: Mit wem sind Sie da zusammengekommen? 

Öabr.: Mit Studenten, Typographen, Komitatschis (Freischärler). 

Präs.: Was haben Sie dort gesprochen? 

Öabr.: Von allem möglichen, von Politik usw. Wir kommentierten 
Zeitungsberichte nach unserer Methode. 

Präs.: Was ist Ihr Standpunkt? 

Öabr.: Anarchistisch mit nationalistischer Mischung. 

Präs.: Was ist das, radikaler Nationalismus? 

Öabr.: Die Wiedervereinigung des Reiches Duäans (altserbischer König). 


7 


Präs.: Aber nicht unter Österreich? 

Öabr.: Nein. 

Präs.: Wie glaubten Sie das ins Werk zu se^en? 

Öabr.: Durch einen Krieg. 

Präs.: Konnten diese radikalen Nationalisten auf eine Kriegserklärung 
Einfluß üben? 

Cabr.: Nein, aber sie wünschten alle den Krieg. 

Präs.: Wie dachten Sie darüber? 

Öabr.: Eine allgemein-slawische Republik oder doch eine südslawische. 

Präs.: Serbien hat eine Dynastie; ist diese beliebt? 

Öabr.: Ja. 

Präs.: Erklären Sie mir also, wie Sie Ihre Ideen zu verwirklichen 
gedachten. 

Öabr.: Nach Art Mazzinis. Das Ideal jener war, Bosnien von der 
Monarchie loszureißen. Darin stimmten wir alle überein. Jene waren 
für die Dynastie, ich war Republikaner. Wir konnten also ein Kom¬ 
promiß machen, daß König Peter auf Lebenszeit König bleibe, und daß 
nach seinem Tode die Republik ausgerufen werde. 

Präs.: Sie waren also für den Krieg Serbiens mit der Monarchie, 
damit Bosnien mit Serbien vereinigt werde. 

Öabr.: Wenn das ohne Krieg geschehen konnte, so war ich nicht 
für den Krieg. 

Präs.: Wie lange blieben Sie in Belgrad? Bis zum Attentate? 

Öabr.: Einen Monat vorher reiste ich ab. 

Präs.: Wann kam Ihnen direkt der Gedanke, das Attentat aus¬ 
zuführen ? 

Öabr.: Mir allein kam die Idee vom Attentate nicht in den Sinn. Ich 
erhielt einen Zeitungsausschnitt, wo in lateinischen Lettern gedruckt 
stand, der Thronfolger komme nach Bosnien, um den Manövern bei¬ 
zuwohnen. 

Präs.: In welchem Monate war das? 

öabr.: Ich weiß es nicht, aber ich glaube, es war im Monate März 
oder April. 

Präs.: Was dachten Sie bei dieser Nachricht? 

öabr.: Ich bekam diesen Ausschnitt zur Zeit der Arbeit, las ihn 
durch und arbeitete fort, ohne weiter daran zu denken. Erst abends . . . 

Präs.: War auf diesem Abschnitt etwas geschrieben? 

Öabr.: Nur das Wort: »Zdravo« (Grüß Gott!). 

Präs.: In lateinischer oder zyrillischer Schrift? 

öabr.: Ich weiß es nicht mehr. Zu Mittag speiste ich im »Eichel¬ 
kranz«, neben mir spielte Princip Tablanett. Ich stand auf und zeigte 
ihm jene Nachricht. Princip machte darauf nur eine abwehrende Be¬ 
wegung. Von da legte ich diesem Zettel keine Bedeutung mehr bei. 
Ich steckte ihn in meine Westentasche und ging an meine Arbeit. Als 


8 


ich abends ins Kaffee »Grüner Kranz« kam, kam auch Princip hin und 
sagte mir, ich sollte mit ihm hinausgehen, damit wir über diese Note 
sprächen. 

Präs.: Haben Sie früher mit ihm über das Attentat gesprochen? 

Öabr.: Wir hielten das für einen Ansporn und, als der Landtag in 
Sarajevo eröffnet wurde, hieß es, man solle ein Attentat ausführen und 
seine Mamelucken ”) erschlagen. Jedenfalls maß ich der Nachricht keine 
große Bedeutung bei. Mit Princip begab ich mich in einen Park, und 
er lud mich ein, daß wir Franz Ferdinand töten. 

Präs.: Und die Herzogin? 

Cabr.: Nein. Wir beschlossen, sie auf jeden Fall zu schonen. 

Präs.: Mit welchen Worten hat Sie Princip aufgefordert, das Attentat 
zu vollbringen? 

Öabr.: Ich weiß es nicht. Mir imponierte dieses Attentat nicht. Ich 
hielt es für etwas Größeres, ein Attentat auf die Mameluken des Land¬ 
tages auszuführen. 

Präs.: Warum haben Sie das Attentat ausgeführt? 

Öabr.: Ich habe es schon gesagt. Es liegt ihm die Tendenz zu¬ 
grunde, das nationale Bewußtsein zu erwecken. Ich selbst dachte nie¬ 
mals an den Thronfolger. Ich hätte lieber Potiorek^) aus dem Wege 
geräumt. 

Präs.: Haben Sie mit andern über das Attentat gesprochen? 

Öabr.: In den »Eichelkranz« kam öfter ein Kellner, namens Gjoka 
Bajic. Er war ohne Posten und lebte immer flott, weshalb ich und 
andere ihn für einen österreichischen Spion hielten. Er redete immer 
von einem Attentat auf den Thronfolger, so daß die Sache schon auf¬ 
fallend wurde. Ich selbst hätte lieber den Nastic umgebracht als den 
Thronfolger. Das sagte ich auch öfter; denn ich hörte, daß Nastic nach 
Vollendung seiner Studien Beamter im österreichischen Ministerium ge¬ 
worden sei. Einmal machten wir die Bemerkung, er könne dereinst 
noch als österreichischer Konsul nach Belgrad kommen. An jenem Tage 
sagte mir der Kellner: »Wenn du schon ein Attentat vollführen willst, 
so tue es an Franz Ferdinand.« Unwillkürlich zog ich jenen Zeitungs¬ 
ausschnitt hervor und zeigte ihn dem Bajic. Da kam Princip, führte 
mich hinaus und sagte zu mir: »Gib acht! Dieser Mensch spricht oft 
von einem Attentat, ob er wohl nicht ein österreichischer Spion ist.« 
Princip erzählte mir, er sei bei Pribiöevic ®) gewesen und habe ihn um 
ein Stipendium von der »Narodna obrana« gebeten; derselbe habe ihn 
jedoch abgewiesen. Sogleich fingen wir an, vom Attentat zu reden 
und von den Mitteln zu dessen Ausführung. Princip sagte mir, er habe 

‘‘‘) Das sind die regierungsfreundlichen Abgeordneten. 

®) Damaliger Landeschef von Bosnien. 

*) Ein von der bosnischen Regierung umgestimmter Serbe. 

®) Ein nach Serbien desertierter österreichischer Offizier. 


9 


es auf sich genommen, die Mittel zu beschaffen. So vereinbarten wir 
die Sache. Doch eines Tages begegnete ich dem Ciganovic. Er ist 
ein kleiner Beamter bei der Eisenbahndirektion und gleichfalls aus 
Bosnien gebürtig. 

Präs.: War er bei den Komitatschis? 

Cabr.: Ja, er ist ein ausgesprochener Komitatschi (Freischärler); 
darum ist er eine in den Kaffeeschänken gern gesehene Persönlichkeit. 
Einmal trat er plöl5lich auf mich zu, und ich zeigte ihm die Notiz von 
der Ankunft Franz Ferdinands. Zufällig hatte ich sie bei mir; denn ich 
trug alle meine Habseligkeiten mehrere Tage mit mir herum, dann warf 
ich sie wieder in den Koffer. Ciganovic bemerkte mir, es sei das eine 
günstige Gelegenheit, wenn sich nur auch Leute hierzu fänden. Ich 
erwiderte, Leute seien schon da, es fehle nur an Mitteln. Darauf sagte 
er, bezüglich der Mittel hätte es keine Schwierigkeiten. Ich erklärte 
ihm hierauf, daß ich und Prinzip das Attentat vollführen möchten, und 
daß sich hierzu noch mehrere anheischig machten. 

Präs.: Was ist es also mit diesem Ciganovic? Haben Sie davon 
mit Princip gesprochen, und was hat er darauf geantwortet? 

Öabr.: Ja, ich sprach ihm davon, und er antwortete mir, daß auch 
er mit Ciganovic darüber geredet habe. Darüber war etwa ein Monat 
verstrichen. Ich sprach während dieser Zeit nichts mehr davon, wenn 
wir uns in den Kaffeehäusern trafen. Wir sagten zueinander: »Zdravo! 
Zdravo!« (Grüß Gott!) und das war alles. Einmal redete mir Ciganovic 
von einem Tunnel, der von Belgrad nach Sarajevo führe. Er war über¬ 
haupt eine geheimnisvolle Persönlichkeit. Immer tröstete er uns dort 
mit der Phrase, es werde alles in Ordnung sein. 

Ich hatte mich schon mit dem Gedanken vertraut gemacht, es werde 
zu keinem Attentat kommen. Ich hatte etwas Schulden und zahlte sie 
allmählich ab, indem ich in der Druckerei bis in die Nacht hinein arbeitete. 
Ich wollte auch nach Kosovo auf das Amselfeld reisen und von da nach 
Sarajevo. Auf dem Amselfeld veranstaltete man nämlich eine große 
Feierlichkeit. 

Da traf ich eines Tages den Ciganovic im »Eichelkranz«. Er redete 
mich an mit dem Worte: »Sabahile« (Es wird Tag). Daselbst bekam 
ich von ihm am selben Abend die Browningpistole mit mehreren Paketen 
Patronen. Ich vernahm, auch Princip habe schon Revolver bekommen, 
und man werde sich vom nächsten Morgen an im Topcider®) im 
Schießen üben. 

Präs.: Wer hat euch im Schießen eingeübt? 

Cabr.: Niemand. 

Präs.: Ist das wahr? 

Cabr.: Ja. Als ich die Mittel zum Attentat bekam, hatten sie audi 


") Park bei Belgrad. 



10 


jene schon erhalten. Ich erhielt einen Revolver, sechs Schachteln voll 
scharfe Patronen und zwei Bomben. (Der Präsident zeigt ihm eine 
Bombe.) Ja, so waren sie beiläufig. Ich ging mit Princip zur Typo¬ 
graphenorganisation und nahm mein Büchlein. Zwei Tage später reisten 
wir ab. 

Präs.: Wo haben Sie sich mit Princip und Grabeiü bezüglich der 
Reise verständigt? 

Öabr.: Vor dem »Goldfischlein«. 

Präs.: Wie dachte Grabe?, von dem Attentate ? 

Öabr.: Alle, die in Belgrad waren, hatten dieselbe Ansicht wie wir. 

Präs.: Wünschten Sie Bosnien und die Herzegowina zu Serbien zu 
schlagen? 

Öabr.: Mein Wunsch war eine südslawische Republik, während 
Princip und Grabe? mehr für ein Königreich waren. 

Präs.: Was dachten Sie, als Sie erfuhren, daß Princip und Grabe? 
Waffen hätten? 

Öabr.: Ich weiß es nicht, ich dachte, sie hätten von Ciganovic Geld 
bekommen, 

Präs.: Wie kann dieser Ciganovic über Geld und Brownings ver¬ 
fügen? 

Öabr.: Das weiß ich nicht. Er erhielt von Tankogic Geld. Dieser 
aber unterschrieb mit einem seiner Kollegen einen Wechsel, behob 
a conto desselben das Geld und kaufte die Waffen. Zu Tankosic begab 
sich in unserem Namen Grabe?, Tanko§ic frag ihn: »Bist du bereit?« 
und als ihm Grabe? antwortete: »Ja«, frag er ihn um uns, ob wir ver¬ 
läßliche Leute seien. Grabe? versicherte ihn, er könne für uns garan¬ 
tieren. Was er sonst mit Tanko§ic verhandelte, davon weiß ich nichts, 

Präs.: Wie haben Sie denn überhaupt dieses Attentat vorbereitet? 
Das war alles in der Luft. Ihre Ideen stehen im Gegensaß zu denen 
Ihrer Gefährten. Was haben Sie denn überhaupt mit Ihren Kameraden 
über Franz Ferdinand gesprochen? 

Öabr.: Man sagte, er wolle eine föderative Monarchie mit Einschluß 
von Serbien gründen. 

Präs.: Nun, demnach wäre ja eure Idee verwirklicht. 

Öabr.: Wir glauben nicht daran. Ich bin für gar keine Monarchie. 

Präs.: Wenn Sie gegen jede Monarchie sind, und wenn Ihnen nur 
um ein Attentat zu tun war, sei es, gegen wen immer, wenn Sie es 
auch in Belgrad hätten vollführen können und nicht bei Nacht durch 
Bosnien hätten reisen müssen, warum haben Sie sich entschlossen, 
gerade Franz Ferdinand zu töten? 

Öabr.: Wir haben alle gelesen, daß der Thronfolger in der Nähe 
von Wien Manöver abhalten ließ, um zu sehen, wie er einen Krieg 
mit Rußland durchführen könnte. Bei dieser Gelegenheit degradierte er 
200 Offiziere. Dann kam das Manöver in Bosnien. Da sahen wir, daß 


11 


er ein Mann der Tat sei, und daß er gerüstet sei. Einige unters chatten 
ihn freilich. Uns Serben in Bosnien war es nicht um den Krieg mit Ru߬ 
land zu tun; denn diese sind Slawen, und wir sind es auch. Zudem 
mußten wir Kriegssteuer zahlen, und für wen? 

Präs.: Haben Sie für den etwaigen Kriegsfall von der Lage Öster¬ 
reich-Ungarns gesprochen ? 

Öabr.: Ja. Wir wußten nicht, daß für den Fall eines Krieges in 
Bosnien eine Organisation bestehe'^); aber wir sagten, man müsse die 
Serben organisieren, ihnen Mittel, Dynamit und Bomben verschaffen, 
daß sie vor dem Krieg eine Revolution machen, und daß Serbien nur 
hierherkomme, um Ordnung zu schaffen. 

Präs.: Aber Österreich-Ungarn ist ein großer Staat. Auf welche 
Weise glaubten Sie, ihm diese Länder zu entreißen? 

Öabr.: Natürlich durch Krieg. 

Präs.: Aber Österreich-Ungarn ist groß. 

Öabr.: Sie täuschen sich sehr in bezug auf Serbien. Es ist auch 
stark. Sie glaubten, Serbien binnen acht Tagen zu bezwingen, und je^t 
sind schon zwei Monate verflossen. Gott weiß, wie lange das noch 
dauern wird. In Österreich liegt die ganze Macht auf Bajonetten. Wir 
haben gelesen, daß einige Dampfschiffsgesellschaften Militärpflichtige der 
Monarchie nach Amerika beförderten, und zwar nur in einem Jahr fünf¬ 
hunderttausend. Der Kaiser soll bei dieser Nachricht in Tränen aus¬ 
gebrochen sein. 

Präs.: Je^t sagen Sie, Sie hätten das Attentat aus terroristischen 
Motiven ausgeführt, in der Untersuchung aber sagten Sie, Serbien hätte 
auch ohnedies Bosnien leicht erobert. 

Öabr.: Das ist nur die Antwort auf die Frage. 

Präs.: Haben die Herren etwas zu fragen bezüglich dieses Aufent¬ 
haltes in Belgrad? 

Dr. Hoffmann: Wie war das, als Sie dem Kronprinzen Alexander 
vorgestellt wurden? Hat er mit Ihnen gesprochen? 

Öabr.: Das war in der Staatsdruckerei. Er kam, dieselbe zu be¬ 
sichtigen und sprach bei dieser Gelegenheit mit jedem einzelnen. So 
kam er auch zu mir. Jeden andern frug er, ob er im Kriege war, ob 
er verwundet worden sei usw. Als man ihm sagte, ich sein ein Bosnier, 
fragte er, ob ich hier zu bleiben wünschte, und ich antwortete: »Jawohl!« 

Naumowicz: War in Belgrad die Rede von Jovanovic und Öubri- 
lovic ? 

Öabr.: Nein. 

Premusic: Hast du die Bücher des Rosic gelesen“)? 

öabr.: Ich las seine Abhandlungen von der Freimaurerei. 

’) Sie wußten das sehr wohl, es war das die weitverbreitete »Narodna obrana* *. 

®) Mitschuldige. Vgl. unten. 

*) Die Ansprache mit »du» ist in Bosnien unter Bekannten vorherrschend. 



12 


Premus.: Wurden diese Bücher in Belgrad verteilt? 

Öabr.; Ich habe sie als Schriftse^er gese^t. 

Premug.: Hast du das Buch des Cißvaric gelesen: »Wie werden 
wir Österreich besiegen?« 

Öabr.: sdiweigt. 

Premug.: Sage mir, glaubst du an Gott oder irgend etwas? 

Öabr.: Nein. 

Premug.: Bist du ein Freimaurer? 

Öabr. (wird verwirrt und schweigt. Das Schweigen dauert einige 
Zeit. Er wendet sich gegen Premugic und schaut ihn an): Was fragen 
Sie mich darum? Ich kann darauf nicht antworten. 

P r e m u g.: Hast du in Belgrad gehört, daß man Österreich vorwerfe, 
es sei ein katholischer Staat? 

Präs.: Bitte, das sind suggestive Fragen. (Gegen Öabr.): War es 
Ihnen bekannt, daß der Erzherzog ein sehr frommer Mann war? 

Öabr.: Der hier anwesende P. Puntigam war sein Ratgeber. 

Präs.: Aber das war für Sie vielleicht doch kein Grund, ihn zu 
töten ? 

Öabr.: Ich wußte, er sei ein Chauvinist, er war mir nicht sympathisch. 

Präs.: Auch mir könnte jemand antipathisch sein, doch würde ich 
ihn deswegen nicht umbringen. War also sein Katholizismus der Haupt¬ 
oder Nebengrund, daß Sie ihn töteten? 

Öabr.: Ein nebensächlicher Grund. 

Premug.: Wissen Sie etwas Näheres vom Kellner Bajie? Ist er 
wohin gereist? 

Öabr.: Ja, nach Österreich. 

Premug.: Ist der Voja Tankosic ein Freimaurer? 

Öabr. (schweigt wieder verlegen): Wozu fragen Sie mich darum? 
(Nach einigem Schweigen): Ja, und auch Ciganovic. 

Präs.: Woher wissen Sie das? 

Öabr.: Daher, weil Tankosic im »Piemont« einen Artikel gegen die 
Regierung schrieb, daß dieselbe in Üsküp einen russischen Anarchisten 
auslieferte, der den russischen Kaiser töten wollte. 

Präs.; Daraus folgt, daß auch Sie Freimaurer sind. Nur ein Frei¬ 
maurer wird wieder einem Freimaurer sagen, daß er Freimaurer sei. 

Öabr.: Bitte mich um das nicht zu fragen; ich werde darauf nicht 
antworten. 

Präs.: Wer auf eine Frage schweigt, der bejaht sie^®). 


’®) Der politische Charakter des Mordes von Sarajevo ist vollkommen klar. Es 
sollte jene Persönlichkeit aus dem Wege geräumt werden, welche als der stärkste 
Schu^wall Österreichs gegen die serbischen Pläne galt. Doch sehen wir nebenher 
noch eine andere Macht am Werke — die Freimaurerei. Jener tatkräftige habs¬ 
burgische Thronanwalt war ihr aus bekannten Gründen ein Dorn im Auge. Der 
serbischen >Narodna obrana«, deren führende Häupter der Freimaurerei angehörten, 



13 


Nachmittägige Verhandlung. 

(Um 3 Uhr ist Öabrinovic schon im Saale.) 

Präs.: Sie haben uns vormittag die Ereignisse bis zu jenem Augen¬ 
blicke erzählt, wo Sie von Ciganovic die Waffen erhielten. 

Öabr.: Ich möchte noch die Motive erläutern, die mich leiteten. 

Präs.: Also, was ist’s? 

Öabr.: An erster Stelle leitete mich die Rache wegen der Bedrückung, 
welche die Serben in Bosnien und der Herzegowina zu leiden hatten, 
besonders der Ausnahmezustand, der im vorigen Jahre zwei volle 
Monate dauerte. Es leitete mich noch ein persönliches Motiv, weit ich 
von Sarajevo ausgewiesen wurde. Mir war es nicht recht, daß mich 
ein dahergelaufener Fremder aus meinem Lande jage. Ich wurde vor¬ 
geladen, zum Regierungschef Rohony zu kommen. Ich glaubte, man 
werde mir meine kleinen Ausschreitungen nachsehen, allein sein Sekretär 
hielt mir statt dessen eine Predigt. Da bedauerte ich das erstemal, 
keine Waffen zu haben, da hätte ich alle sieben Schüsse auf ihn ab¬ 
feuern können. Solange die Ausnahmezustände dauerten, beschäftigten 
mich noch mehr die Rachepläne wegen der Bedrückung des serbischen 
Volkes in Bosnien und der Herzegowina. Ich hielt die Rache für eine 
heilige Pflicht eines moralischen Kulturmenschen und trachtete darum, 
mich zu rächen. 

Präs.: Aber das stimmt nicht zu Ihren anarchistischen Grundsägen. 

Öabr.: Gerade ein Anarchist anerkennt keinen Herrn. Ich wußte, es 
bestehe am Ballplag") eine Clique, die sogenannte Kriegspartei, die 
Serbien erobern wollte. An der Spige stand der Thronfolger. Ich 
glaubte, mich an allen zu rächen, wenn ich mich an ihm rächte. 

Präs.: Sie weichen jegt von Ihrer bei der Untersuchung abgegebenen 
Aussage ab. Sie sagten damals, die Serben hätten Aspirationen auf 
Bosnien, und Sie hätten diese Aspirationen unterstügen wollen. Heute 
reden Sie darüber anders. 

Öabr.: Ich haßte den Thronfolger, weil er ein Feind Serbiens war, 
ach ja, unser König' 2 ) und der verewigte Kronprinz Rudolf war ein 
Freund Serbiens. Unser König war besonders befreundet mit König 
Milan. 

Präs.: Aber wie kam das, daß gerade die offiziellen Kreise Serbiens 
Ihnen beistanden, wenn Sie aus persönlichen Motiven handelten? 

Öabr.: Die offiziellen Kreise haben nicht mitgetan '®). 

war die mächtige Bundesgemeinschaft der Loge in den Ententeländern viel zu 
kostbar, als daß dieselbe durch Außerachtlassung ihrer Direktiven in dieser höchst 
wichtigen Angelegenheit hätte beleidigt werden dürfen. 

") Im Wiener Kriegsministerium. 

*=) Er meint den Kaiser Franz Josef. 

'*) Man merkt hier und überall die Absicht der Attentäter, eine Teilnahme des 
offiziellen Serbiens am Attentat zu verschleiern oder ganz abzuleugnen. 



14 


Präs.: Doch, es haben Majore, Beamten und Lehrer mitgetan. 

Cabr.: Ich kannte sie nicht einmal. 

Präs.: Aber wie erklären Sie, daß Sie Ihnen doch geholfen haben. 

Cabr.: Erklären Sie es, wie Sie wollen. Ich habe nicht einmal den 
Tankosic gekannt; so war die Lage. 

Präs.: Haben Sie sonst noch etwas hinzufügen? 

Cabr.: Alle Ungerechtigkeiten, von denen ich in den Zeitungen las, 
alles das hat sich in mir angesammelt, bis es am Veitstag revoltierte. 

Präs.: Es revoltierte schon zwei, drei Monate vor dem Veitstag. 

Cabr.: Ja, aber am Veitstag kam es zum Ausdruck. 

Präs.: Sagen Sie uns noch etwas von den Motiven. War es Ihnen, 
bevor Sie sich zum Attentat entschlossen, irgendwie bekannt, daß 
Tankosic und Ciganovie Freimaurer seien? Hat es auf Ihren Entschluß 
Einfluß gehabt, daß Sie und jene Freimaurer seien? 

Cabr.: Ja. 

Präs.: Erklären Sie mir das: Haben Sie von jenen den Auftrag er¬ 
halten, das Attentat auszuführen? 

Cabr.: Ich habe von niemand den Auftrag erhalten, das Attentat 
zu vollführen. Die Freimaurerei steht mit dem Attentat insofern in 
Verbindung, als ich dadurch in meinem Vorsa^ bestärkt wurde. In der 
Freimaurerei ist es erlaubt, zu töten. Ciganovie sagte mir, die Frei¬ 
maurer hätten Franz Ferdinand schon vor einem Jahre zum Tode ver¬ 
urteilt. 

Präs.: Ist da nicht etwas Phantasie dabei? Wo wurde er ver¬ 
urteilt? 

Premus.: Ich werde hierfür die Beweise erbringen. 

Präs.: Hat er Ihnen das gleich gesagt oder erst dann, als Sie ihm 
sagten, Sie hätten Lust, das Attentat zu vollführen? 

Cabr.: Wir sprachen auch früher schon von der Freimaurerei, allein 
er sagte uns nichts von diesem Todesurteil, bis wir uns definitiv zu 
dem Attentat entschlossen. 

Staatsanwalt Svara: Kannten Sie in Belgrad eine geheime Ver¬ 
brüderung mit dem Namen »Schwarze Hand«? 

Cabr.: Ja. 

Staatsanw.: Was ist die »Schwarze Hand«? 

Cabr.: Ich weiß vom Lesen, daß die »Schwarze Hand« in Offiziers¬ 
kreisen besteht. 

Staatsanw.: Wissen Sie, daß das eine Abordnung der »Narodna 
obrana« ist? Ist Ihnen die revolutionäre Organisation der Studenten 
bekannt, welche »die Tat« propagiert? 

Am Veitstag, das ist am 15. Juni alten Stils, also am 28. Juni nach unserem 
Kalender, dem Tage des Attentats. Der Veitstag spielt bei den Serben überhaupt 
als politischer Schicksalstag eine große Rolle, seit am 15. Juni 1389 das serbische 
Reich durch die Schlacht am Amselfelde an die Türken fiel. 




15 


Öabr.: Ja, das war ein Klub mit dem Namen »Jugend«. 

Präs.: Ist Ihnen die »Narodna obrana« bekannt? Waren Sie deren 
Mitglied ? 

Cabr.: Die »Narodna obrana« ist ein altruistischer VereinSie hat 
insofern ein politisches Ziel, als sie sich die Befreiung und Vereinigung 
des serbischen Volkes zum Ziele se^t. 

Präs.: Auf welche Art und Weise will Sie dieses Ziel erreichen? 

Öabr.: Durch Revolution. 

Präs.: Woher wissen Sie das? Haben Sie Mitglieder gekannt? 

Öabr.: Ich weiß nicht, ob es Mitglieder im gewöhnlichen Sinne des 
Wortes gibt. 

Staatsanw.: Haben Sie Broschüren * durchgelesen, die Ihnen der 
verstorbene Milan Vasic gab? 

Öabr.: Ja, selbstverständlich, 

Staatsanw.: Sie sagten uns vormittags, er habe Ihnen einmal eine 
Broschüre über die »Narodna obrana« gegeben, jeßt sagen Sie, er habe 
Ihnen mehrere Bücher gegeben. 

Präs.: Gehen wir auf Ihre Reise über. Sie bekamen die Waffen, 
und dann entschlossen sie sich zur Abreise. Haben Sie den Reiseplan 
selbst gemacht, hat Ihnen jemand anderes denselben gegeben? 

Öabr.: Ja, Ciganovic hat ihn uns gegeben. Er gab uns auch seine 
Visitkarte. 

Präs.: War auf ihr etwas geschrieben? 

Öabr.: Ich weiß es nicht, vielleicht. 

Präs.: Wie sind Sie gereist? 

Cabr.: Mit dem Dampfschiff^®). 

Präs.: Wohin gingen Sie, als Sie nach Sabac kamen? 

öabr.: Zum Hauptmann Popovic. 

Präs.: Was haben Sie ihm gesagt? Wo haben Sie ihn getroffen? 

Öabr.: Wir fanden ihn im Kaffeehaus. Er spielte an einem Tisch 
Karten. Wir gaben ihm den Zettel, er las ihn durch, stand von dem 
Tische, an dem er saß, auf und führte uns auf das Kommando. Da¬ 
selbst fertigte er uns eine Bestätigung aus, daß wir als Finanzer zur 
Grenztruppe gehen. Auf der Privatbahn bekamen wir halbe Karte, auf 
der Staatsbahn fuhren wir umsonst. 

Präs.: Wie konnte er Ihnen auf der Privatbahn eine halbe Karte 
geben, wenn er nicht wußte, wer Sie seien und was Sie seien? 

öabr.: Ich weiß es nicht, vielleicht hat Ciganovic etwas auf den 
Zettel geschrieben. 

Präs.: Aber, wie kann Ciganovic mit der Grenzwache komman- 


Auch die »Narodna obrana« suchen die Attentäter verabredetermaßen als 
einen möglichst harmlosen Verein hinzustellen. 

Von Belgrad saveaufwärts nach Öabac. 



16 


dieren, selbst mit Majoren, wenn er, wie Sie sagten, nur ein niedriger 
Beamter bei der Eisenbahnverwaltung ist. 

Cabr.: Ich weiß es nicht. Ich gebe die Möglichkeit zu, daß unser 
Übergang schon organisiert war, bevor wir nach Sabac gingen. Der 
Major Popovic sagte selbst, daß er tags zuvor in Belgrad war, oder 
vielleicht genügte die bloße Chiffre oder einige Worte, daß er wußte, 
um was es sich handle. 

Präs.: Dann gab Ihnen der Major Popovi6 einen Brief? 

Cabr.: Ja, an den Hauptmann Prvanovic in Loznica. 

Präs.: Hat er Sie gefragt, zu welchem Zwecke Sie gekommen wären? 

Cabr. Nein. 

Präs.: Sondern, was machte er? 

Cabr.: Er (der Hauptmann) telephonierte ins Wachthaus, konnte aber 
keine Verbindung damit hersteilen, und so mußten wir in Loznica bleiben 
und am andern Morgen wiederkommen. Wir begaben uns alle drei 
in den nahen Badeort KoviljaCa. Als wir daselbst eintrafen, entzweite 
ich mich heftig mit Princip wegen einer Karte, die ich von Koviljaßa 
abschickte und auf welche ich die Anfangsbuchstaben eines Liedes von 
Karagjorgje schrieb. Die beiden nahmen mir darauf die Waffen ab. 

Präs.: Als Sie vom Bade Koviljaßa nach Loznica kamen, begaben 
Sie sich zum Grenzhauptmann. Was machte er, als Sie kamen? 

Cabr.: Nichts. Ich besorgte die Pässe. Princip und Grabet fuhren im 
Fiaker nach Lesnica, und ich begab mich wieder nach Bad Koviljafia. 
Ich suchte den Finanzerfeldwebel f^unjo. Für ihn hatte ich einen Brief. 
Ich fand ihn nicht, und so begab ich mich zu Jakovljevic. 

Präs.: Haben Sie den Brief gelesen, den Sie vom Hauptmann be¬ 
kamen ? 

Cabr.: Nein. 

Präs, (liest den Brief): Lieber Sunjo! Gehe diesem Jünglinge an die 
Hand, daß er bei Mali Zvornik i'^) die bosnische Grenze überschreite. 
(Der Brief war nämlich an beide Adressen gerichtet für den Fall, daß 
der eine Adressat an diesem Tag abwesend wäre.) 

Cabr.: Als ich ins Wachthaus zurückkehrte, visitierten sie meinen 
Paß und trugen mich ins Buch ein. Unterdessen unterhielt ich mich 
mit den Gendarmen und ging hinaus. Inzwischen war auch Jakovljevic 
gekommen. 

Staatsanw.: Eine Frage! Sie behaupteten, Ciganovi^ habe Ihnen 
gesagt. Sie würden von Belgrad nach Sarajevo in einem Tunnel gehen. ^®) 

Cabr.: Von Zvornik fuhr ich im Wagen nach Tuzla. 

Präs.: Sahen Sie da den Princip und Grabet ? 

Cabr.: Ja, nach zwei Tagen meines Aufenthaltes. 

”) Gegenüber von Zvornik an der Drina. 

^^) Das heißt, es sei für ihre Reise schon ein Posten nach dem andern ver¬ 
ständigt. 



17 


Präs.; Haben Ihnen diese zwei mitgeteilt, wo die Waffen seien? 

Öabr.: Nein; denn wir hatten uns, wie ich sagte, entzweit. 

Präs.: Was geschah dann? 

Öabr.: Ich segte mich auf die Eisenbahn und fuhr nach Hause, nach 
Sarajevo. Auf der Eisenbahn traf ich einen Geheimpolizisten, der mir 
mitteilte, es seien je^t infolge der Ankunft des Thronfolgers strenge 
Maßnahmen für Sarajevo ergriffen. Bei mir waren auch Princip und 
Grabet. Von den Waffen wußte ich nichts; denn damals hatte Mncip 
zu mir kein Vertrauen. Als ich nach Sarajevo kam, hörte und sah ich 
nichts mehr von den Revolvern, und an den lebten Tagen glaubte ich 
schon nicht mehr, daß es zum Attentat kommen werde. 

Präs.: Sind Sie in Sarajevo mit Ilic zusammengekommen? Sagte 
er Ihnen, daß es in Sarajevo Waffen gibt, und daß er für das Attentat 
noch Teilnehmer gefunden habe? 

Öabr.; Nein. 

Präs.: Wie war es am Vorabend des Attentates? 

Öabr.: Zwei Tage vorher traf ich Princip. Er lud mich ein zu Ilic*^), 
in die Redaktion des »Zvono« (Glocke) zu kommen. Ich ging wirklich 
dahin, fand aber die beiden nicht da. Erst spät am Vorabend des 
Attentates trafen wir uns, und man versprach mir, am nächsten Morgen 
die Waffen zu geben. An diesem Abend bekam ich auch das Zyankali. 

Präs.; Oho, darauf hätte ich bald vergessen. Welche Rolle spielte 
denn das Zyankali? Warum hat man es Ihnen gegeben? Wer hat euch 
allen das Zyankali gegeben? 

Öabr.; Ciganovic gab es uns mit dem Bemerken, daß wir uns nach 
dem Attentat entweder mit der Browningpistole erschießen oder vergiften 
sollen. Hätte ich gewußt, daß ich mich nicht umbringen könne, hätte 
ich das Attentat nicht vollbracht. 

Präs.: Wie war es also am Vorabend des Attentats? 

Öabr.; Zwei Tage vorher traf ich Princip. Am Tage des Attentats 
ging ich mit ihm auf und ab. Er sagte mir, ich sollte unten bei der 
Österreichisch-Ungarischen Bank^*') bleiben. Bei dieser Gelegenheit 
machte er die Bemerkung, es seien unser mehrere. 

Präs.: Erzählen Sie, mir wie es beim Attentat selbst war. Um vorher 
noch etwas zu bemerken, nicht wahr. Sie ließen sich photographieren 
und gaben dem Photographen eine Adresse nach Agram. Warum ließen 
Sie sich photographieren? 

Öabr.: Damit ein Andenken bleibe. Die Adresse, die ich angab, war 
nicht die richtige. Ich tat das absichtlich, daß die Bilder auf diese Weise 
in Sarajevo verbleiben. 

Präs.; Sie hatten also Geld? 


Auch einer der Verschwörer. Vgl. später. 
2^') Am Appelquai in Sarajevo. 

Pharos, Der Prozeß gegen die Attentäter von Sarajevo. 


2 



18 


C a b r.: Ja, ich hatte etwas verdient. (Wird gerührt.) Ich gab meiner 
Großmutter 20 Kronen. Sie hatte mich früher unterstü^t, und jetjt wollte 
sie nur 10 Kronen annehmen. Kaum konnte ich sie bewegen, alle 
20 Kronen zu nehmen. Auch von der Schwester nahm ich Abschied. 
Um den Vater tat es mir ebenfalls leid. Wenn er mit mir auch un¬ 
gerecht verfuhr, so hatte er mich doch lieb. Freilich hat er mich gar 
nicht erzogen, und seine Erziehung hat mich hierher gebracht. 

Präs.: Wie ging es weiter? 

Öabr. (mit weinerlicher Stimme): Dann ging ich gegen die Öumurja- 
brücke zu; um nicht aufzufallen, ging ich auf und ab. Ich gab acht, ja 
niemand anderen zu töten. 

Präs.: Je^t sprachen Sie nicht die Wahrheit. 

Ö a b r.: Doch, hören Sie mich zuerst. Ich dachte, in dem Auto fahren 
nur er und Potiorek und etwa auch seine Gemahlin. Als sie heran¬ 
kamen, entfernte ich mich von den andern, so' gut ich konnte, um nie¬ 
mand zu verwunden. Anfangs war ich von ihnen 20 Meter entfernt. 
Es kam das erste und zweite Auto — dann auch das dritte- 

Präs.: Haben Sie schon früher die Bombe abgeschraubt? 

Öabr.: Sie war nicht zugeschraubt. Als das dritte Auto herankam, 
war ich aufgeregt. Doch als es vor mir war, sah ich nichts als den 
grünen Federhut des Verstorbenen. Ich warf die Bombe. 

Präs.: Als Sie die Bombe zuerst an den Laternenpfeiler anschlugen, 
hörte man einen Knall. Haben Sie denselben auch gehört? 

Öabr.: Ja. Ich warf die Bombe und sah, wie mich der Verstorbene 
mit kaltem Blick anschaute. Die Bombe fiel auf das Dach des Autos 
und dann auf die Straße, wo sie explodierte. Ich nahm das Gift und 
sprang in die Miljacka^^). 

Präs.: Wissen Sie, daß infolge Ihrer Bombe viele verwundet wurden? 

Öabr. (mit dumpfer Stimme): Ja, ich weiß es, und es ist mir leid! 
Ich wollte sie nicht verwunden. Ich wollte mich vom Automobil noch 
mehr entfernen, um nicht andere zu verwunden. 

Präs.: Ist Ihnen leid, sich überhaupt in diese Geschichte eingelassen 
zu haben? 

Öabr.: Ich wäre sehr glücklich, sagen zu können, es sei mir leid. 
Hätte ich gewußt, welche Folgen dieses Attentat haben wird, so hätte 
ich mich auf die sechs Stücke der Bombe gese^t und mich selbst in 
die Luft gesprengt. 

Präs.: Und in bezug auf Ihre Opfer? 

Öabr.: Es ist mir immerhin ein Trost, ihn nicht getötet zu haben. 
Es war mir leid, als ich später erfuhr, daß Verhaftungen vorgenommen 
wurden. Als ich alle Folgen des Attentats übersah, war es mir herzlidi 
leid. Ich wollte die Schuldigen nicht einmal angeben und bin sehr froh, 
daß meinetwegen nur meine Wenigkeit auf der Anklagebank si^t. 


2’) Der Fluß in Sarajevo. 



19 


Präs.: Was haben Sie von Major Vasic gehört? 

Cabr.: In Serbien spricht man, er sei als Kellner hier (in Sarajevo) 
gewesen und habe spioniert; ja, er soll beim Bau der hiesigen Festungen 
Steine auf die Kastelle geschleppt haben. 

Präs.: Haben Sie, als Sie über Öabac reisten, etwas Neues bemerkt? 

Cabr.: Ja, die Mobilisation. 

Präs.: Woraus schließen Sie, daß es Mobilisation war? 

Öabr.: Ich sprach mit den Soldaten, die sich aufs Kommando begaben, 
um sich anzumelden; es waren Reservisten. 

Präs.: Warum war denn gerade damals Mobilisation? 

C a b r.: Man sprach allerlei (schweigt einen Augenblick). Man redete 
in Belgrad, Bulgarien habe für das nächste Frühjahr mit einem Krieg 
gedroht. 

Präs.: Würden denn in diesem Fall die Reservisten nach Loznica, 
LjeSnica und Öabac gehen statt an die bulgarische Grenze. 

Cabr.: Sie mußten sich zuerst bei ihrem Kommando melden. 

Präs.: Haben Sie bei Ihrer Durchreise durch Loznica und Ljesnica 
Ausnahmezustände bemerkt? 

Öabr.: Nein. 

Präs.: Hat jemand von den Herren eine Frage zu stellen? 

Naumowicz: Zu welchem Zwecke hat Ihnen Ciganovic Zyankali 
gegeben ? 

Cabr.: Daß wir uns nach vollbrachter Tat vergiften. 

Naum.: Warum denn? Ciganovic befindet sich doch in einem 
fremden Staate. 

Cabr.: Wären die früheren Verhältnisse geblieben, so wäre auch er 
ohne Zweifel verhaftet worden. 

Dr. Hoffmann: Was taten Sie bei Ihrem Verwandten in Zvomik? 
Er ist Ihr Verwandter, nicht wahr? Haben Sie ihm etwas erzählt von 
dem geplanten Attentat? 

Cabr.: Nein. Er ist Gemeindesekretär. Was weiß ich, was erdenkt. 

H 0 f f m.: Haben Sie außer mit Princip noch mit jemand vom Attentat 
gesprochen? Wer waren Ihre Freunde? 

Cabr.: Es waren mehrere, mit denen wir sprachen. 

Staatsanwalt: Sagen Sie mir einmal, warum Sie sich an die 
»Narodna obrana« wandten, als Sie in Not waren? 

Cabr.: Ich wußte nichts von der »Narodna obrana«. Mich führte 
jemand dorthin und sagte mir, daß man dort Geld bekomme. 

Präs, (auf die Bomben zeigend): Wissen Sie nicht, woher diese 
Bomben sind? 

Cabr.: Nein. 

Präs.: Wissen Sie, daß sie aus Kragujevac sind? 

Cabr.: Nein. 

Präs.: Klären Sie mich ein wenig über jenen Gjoko Bajic auf. Sie 

2 * 


20 


sagten, er wäre ihnen verdächtig gewesen, als sei er ein österreichischer 
Spion, und das deshalb, weil er Geld habe und lebte, ohne zu arbeiten. 

Öabr.; Ja, er war sehr verdächtig. 

Präs.: Hörten Sie in Öabac etwas über Bo2o Milanovic? 

Cabr.; Ja, er ist dort Hauptmann und eine sehr angesehene Per¬ 
sönlichkeit. 

Präs.: Wissen Sie, daß er das Zentrum aller Spionage war, die von 
Bosnien nach Serbien kam? 

Öabr.: Nein. Wir brauchten in Sabac Geld und wollten uns an 
ihn wenden; allein wir standen wieder davon ab. 

Präs.: Sind Sie mit Grabez in Sarajevo zusammengetroffen? 

Öabr.: Ja, ich traf ihn einmal vor unserem Hause, aber ich sprach 
nichts mit ihm. 

Feldbauer: Sage mir, wer war denn jene dritte Person? Hast du 
ihn einmal in Gesellschaft von jemand gesehen, von dem du vermuten 
könntest, daß er ihn zu dieser Tat überredet habe. 

Öabr.: Nein (schweigt). Nachdem wir uns zum Attentat entschlossen 
hatten, wirkten auf uns auch andere Personen ein, daß wir es ja auch 
ausführen. Unter anderen war da ein absolvierter Theolog Georg Sarac. 

Feldb.: Warst du vielleicht dabei, als jemand Princip beredete? 

Öabr.: Nein. 

Präs.: Wer war der erste, der die Idee zum Attentat gab? 

Öabr.: Wir selbst. 

Sekretär Malek; Hat Ihnen Princip etwas gesagt oder wußten 
Sie, an welcher Stelle Ilic zur Zeit des Attentates stehen werde, und 
daß das Attentat überhaupt zur Ausführung kommen werde? 

Öabr.: Nein. 

Malek: Welche Ideen hatte er? 

Öabr.: Er war Sozialist. 

Malek: Haben Sie jemals gehört, daß ein Artikel, den liic geschrieben, 
konfisziert wurde? 

Öabr.: Nein. 

Malek: Haben Sie die Briefe gelesen, welche Princip dem Ilic schrieb? 

Öabr.: Nein. 

Malek: Hat Princip von Ilic eine Antwort bekommen? 

Öabr.: Ich weiß es nicht. 

Malek: Bei der Untersuchung sagten Sie, Princip habe Ihnen gesagt, 
Ilic scheine ihm nicht verläßlich. 

Öabr.: Das war damals, als wir nach Sarajevo kamen. Ich frug den 
Princip, was es mit Ilic sei, und er erwiderte: »Laß ihn sein, er ist 
nicht verläßlich.« 

Malek: Hielten Sie den Ilic für das Attentat tauglich? 

öabr.: Nein. 

Premuiic: Fanden Sie in der unter der Sarajevoer Jugend ver- 


21 


breiteten Lektüre etwas, was von entscheidendem Einfluß war auf 
Ihren Entschluß, das Attentat auszuführen? 

Cabr.: Jawohl. Ich fand den »Tod eines Heroen« (Zerajic)"2). 

Premu^.: Sie sagten mir, auch die Zeitschrift »Zora« (Morgenröte) 
habe auf Sie großen Eindruck gemacht. 

Öabr.: Ja. In einer Nummer fand ich eine Notiz, wie sich einmal 
ein junger Professor tötete. Dabei stand die Bemerkung, derselbe habe 
töricht gehandelt; denn durch seinen Tod hätte er auch einen unserer 
Feinde unschädlich machen können. 

(Der Präsident unterbricht die Verhandlung, Um 4^4 Uhr wird 
dieselbe wieder eröffnet.) 

Staatsanw.: Bitte, Sie haben vormittag gesagt. Sie wollten sich 
bezüglich der Waffen an die »Narodna obrana« wenden. Wie kommt das? 

Öabr.: So, weil wir glaubten, die »Narodna obrana« würde uns die 
Mittel zum Attentat geben. 

Staatsanw.: Wie kommt die »Narodna obrana« dazu, Ihnen Waffen 
zum Attentat zu verschaffen? Wie kommt die dazu? 

Öabr.: Das ist eine revolutionäre Organisation. 

Staatsanw.: Was für eine Revolution hat die »Narodna obrana« 
verbreitet? 

Cabr.: Wir selten das wenigstens voraus. 

Staatsanw.: Hat sie denn in Serbien über Waffen zu verfügen? 

öabr.: Sie rüstet die Komitatschis (Banden) aus. 

Staatsanw.: Wer hat Sie angewiesen, sich an die »Narodna obrana« 
um Waffen zu wenden? 

öabr.: Gjoko Bajic sagte mir, ich sollte mich, wenn ich Waffen zu 
bekommen wünschte, an die »Narodna obrana« wenden. 

Peri§ic: Haben Sie den Cvjetko Popovic gekannt? 

Öabr.: Nein. 

Periäic: Wo bekamen Sie die Bomben, mit welchen Sie das 
Attentat ausführten? 

Öabr.: Vom Vlajinic. 

Peri§ic: Wußten Sie, daß Cvjetko Popovic das Attentat ausführen 
werde ? 

Öabr.: Nein? 

Präs.: Hat noch jemand an ihn eine Frage zu stellen? Nein? Gut. 
Se^en Sie sich dort in die zweite Bank. Gabriel Princip soll hereinkommen. 

In den Saal tritt 

Gabriel Princip. 

(Er ist ein kleiner, schwächlicher Jüngling, trägt ein gelbliches, sehr arm¬ 
seliges Gewand. Der Kopf ist auffallend lang, die Stirn fällt schief gegen 

*2) Dieser hatte am Tage der ersten Eröffnung des bosnisdien Landtages auf 
den Landeschef FML. Vareäanin geschossen. 


22 


die dichten Augenbrauen ab. Die Augen sirid tiefliegend und ruhig. Die 
diarakteristische Nase ist in der Mitte ein wenig vertieft, was ihr ein eigen¬ 
tümliches Aussehen verleiht. Die Lippen sind dünn, die untere Lippe ist 
aufgeworfen. Er trägt einen Vollbart, sein Gang ist träge und langsam, 
sein ganzes Auftreten ruhig.) 

Präs.: Sie sind Gabriel Princip. Fühlen Sie sich schuldig? 

Princ.: Ich bin kein Verbrecher, denn ich habe einen Übeltäter be¬ 
seitigt. (Bewegung im Saal.) 

Präs.: Und die Herzogin? 

Princ.: Sie wollte ich nicht treffen. 

Präs.: Also halten Sie sich nicht für sdiuldig? 

Princ.: Nein. 

Präs.: Welche Schulen haben Sie besucht? 

Princ.: Ich besuchte drei Klassen Handelssdiule, dann legte ich die 
Prüfung für die vierte Gymnasialklasse ab und trat aufs Gymnasium in 
Tuzla über. Von dort kam ich hierher. Hier war ich einen Monat lang 
krank, und danach ging ich nach Belgrad. Ich wollte in Belgrad als 
Privatist die Prüfung für die fünfte Klasse machen, was ich auch tat. 

Präs.: Warum gingen Sie nach Belgrad? 

Princ.: Das ist meine Sache. 

Präs.: Hatten Sie Mittel, um in Belgrad zu leben? 

Princ.: Ich hatte auch hier keine Mittel. Ich lebte auf Schulden. Ich 
führte überhaupt ein sehr elendes Dasein. (Er spricht kalt.) In Belgrad 
vollendete ich die fünfte, sechste, siebente Klasse, dann kam ich hierher 
und vollbrachte das Attentat. (Bewegung im Saale.) (Er spricht mit 
rohem Zynismus und erkünstelter Kaltblütigkeit.) 

Präs.: Also das Attentat vollbringen und nichts weiter? In welchem 
Jahr gingen Sie nach Belgrad? 

Princ.: Im Jahre 1912, im Mai. 

Präs.: Waren Sie bei den Komitatschis? 

Princ.: Ja, bei der »Narodna obrana«. Daselbst ließ ich mich durch 
den nun verstorbenen Sekretär Vasic in die »Narodna obrana« auf¬ 
nehmen. Ich begab mich an die türkische Grenze und machte da die 
Übungen mit. Als es jedoch galt, die Grenze zu überschreiten, schickten 
sie mich fort, da ich zu schwach war. 

Präs.: Wovon lebten Sie denn in Belgrad? 

Princ.: Der Vater sandte mir die Mittel. 

Präs.: Sie kehrten von Belgrad nach Had2ici^®) zurück. 

Princ.: Ja, 

Präs.: Wie lange waren Sie in Had^idi? 

Princ.: Bis zum März des vorigen Jahres. 

Präs.: Was machten Sie da? 


-®) Ort in Bosnien zwischen Sarajevo und Mostar. 



23 


Princ.: Ich studierte, um die Prüfung für die fünfte und sechste Klasse 
zu machen. 

Präs.: Kann man denn in Serbien zwei Prüfungen auf einmal machen? 

Princ.; Auch vier. 

Präs.: Warum sind Sie hier aus der Schule ausgetreten? Sind Sie 
nicht durchgekommen? 

Princ.: Nein, ich war krank. 

Präs.; Hatten Sie nicht etwa einen Konflikt mit Ihren Professoren? 

Princ.; Nein. 

Präs.: Sie kehrten also nach Belgrad zurück. Und dann? 

Princ.: Dann reiste ich wieder nach Hadzici. Dort verbrachte ich 
den legten Winter und bereitete mich auf die Prüfung für die achte 
Klasse vor. Das dauerte bis zum Februar dieses Jahres. 

Präs.; Welcher politischen Gesinnung gehörten Sie an? 

Princ.: Ich war Nationalist. Ich trachtete die Südslawen (Jugo- 
slovenen) zu befreien; denn ich bin Südslawe (Jugoslave) 2 *). 

Präs.: Wie wollten Sie das anstellen? 

Princ. (kalt): Durch Einschüchterung. Von oben! 

Präs.: Im März waren Sie in Belgrad und studierten für die Prüfung. 
Welche Kaffeschänken besuchten Sie? 

Princ.: Den »Eichelkranz« und die übrigen. 

Präs.: Trafen Sie daselbst Bosnier? 

Princ.: Ja. 

Präs.: Welche politische Gesinnung hatten diese Bosnier? 

Princ.: Sie waren Nationalisten. 

Präs.; So wie Sie? 

Princ.; Nicht wie ich; denn jeder führt seine Ideen nach seiner 
Manier durch. Was jedoch Serbien anlangt, so ist es seine Pflicht, uns 
zu befreien, wie Italien die Seinen befreite. 

Präs.: Wann haben Sie das erstemal erfahren, daß der Thronfolger 
nach Bosnien kommen werde? 

Princ.: Im Monat März aus irgendeiner deutschen Zeitung. 

Präs.: Ist es Ihnen damals schon in den Sinn gekommen, das Attentat 
zu vollbringen? 

Princ : Ja. 

Präs.: Wann sprachen Sie mit Öabrinovic vom Attentate? Nadi 
dieser Nachricht? 

Princ.: Wir dachten bereits daran, ein Attentat auszuführen, und 
zwar speziell am Thronfolger. Deshalb wollten wir uns an die »Narodna 
obrana« wenden; allein wir sahen ein, wir würden dort nicht die Mittel 
dazu erhalten, weil wir dort nicht bekannt sind. Daraufhin bemühte 

®') Die Jugoslovenen sind eine politische Partei, die sich aus Slowenen, Kroaten 
und Serben rekrutiert. Ihr politisches Ziel ist die Aufrichtung eines imabhängigen 
südslawischen Staates (Jugoslavia). 



24 


ich mich, jemanden zu finden, an den ich mich bezüglich der Mittel 
oder des Geldes wenden könnte. Da machte mich Gjulaga Bukovac 
auf Ciganovic aufmerksam. Er hatte mit ihm gesprochen und im Ge¬ 
spräche erwähnt, er könne mir trauen. Dem Ciganovic sagte ich, er 
solle uns Bomben geben, die Revolver würden wir uns selbst ver¬ 
schaffen. Ich sagte ihm auch, zu welchem Zweck. Er versprach, uns 
sofort die Bomben zu geben. Ich sagte ihm ausdrücklich, daß wir sie 
beim Attentat auf den Thronfolger verwenden wollten. 

Präs.: Warum wollten Sie dies Attentat ausführen? 

P r i n c.: Nach meiner Ansicht müßte jeder Serbe, Kroate und Slowene 
auf die Monarchie böse sein. 

Präs.: Haben Sie früher jemals mit Ciganovic darüber gesprochen, 
daß Sie das Attentat ausführen wollten, oder daß Sie eine Neigung 
dazu hätten? 

Princ.: Nein, aber ich sprach mit ihm über die Verhältnisse der 
Monarchie. Mit ihm war ich nicht so vertraut. Ciganovic sagte mir 
nach einiger Zeit, er werde mir Bomben geben. Da aber Bomben eine 
unsichere Waffe sind, denn sie explodieren erst nach einigen Sekunden, 
sagte ich ihm, wir brauchten auch Revolver. In Anbetracht unserer 
Armut bat ich ihn, wenn irgendwie möglich, uns diese zu verschaffen. 
Wie es dann später weiterging, weiß ich nicht. 

Präs.: Was hatte Ciganovic mit Tankosic zu tun? 

Princ.: Das weiß nicht. Indes gab er uns die Revolver. 

Präs.: Wie ging es mit Grabet und Ciganovic? 

Princ.: Ich weiß es nicht. Grabet sagte mir, er sei bei Tankosid 
gewesen, derselbe habe auf ihn persönlich einen üblen Eindruck ge¬ 
macht. 

Präs.: Zu welchem Zwecke ging Grabet zu Tankosic? 

Princ.: Damit er uns sehe und prüfte, ob wir tauglich seien. 

Präs.: Wie dachte Grabet über die ganze Sache? 

Princ.: Nachdem er nach Belgrad gekommen, nahm auch er die¬ 
selben Grundsä^e an. 

Präs.: Also ist es genug, nach Belgrad zu kommen, um alsbald von 
denselben Ideen eingenommen zu werden wie Sie? 

Princ. (schweigt). 

Präs.: Hatten Sie früher jemals Bomben in der Hand? 

Princ.: Ja, in Prokupje^®). 

Präs.: Haben Sie jemals mit einem Gewehr geschossen? 

Princ.: Ja, in Prokupje und in Topßider. 

Präs.: Wer hat Sie nach Topßider geführt? 

Princ.: Ciganovid. 

Präs.: War auch Grabet in Topßider? 


2®) Ort in Serbien, wo die Komitatschis (Banden) eingeübt werden. 



25 


Princ.: Ja. 

Präs.: Und Ciganovic? 

Princ.: Nein. 

Präs.: Haben Sie Geld bekommen? 

Princ.: Ja, 150 Dinar von Ciganovic. 

Präs.: Wie gingen Sie über die Grenze nach Bosnien? 

Princ.: Ciganovic sagte uns, er wisse den Weg nicht, aber er werde 
uns an den Hauptmann Popovic weisen. Er gab uns ein kleinen Zettel 
mit zwei Anfangsbuchstaben, ich glaube N. C. 

Präs.: War dieser Zettel in einem Kuvert eingeschlossen oder offen? 

Princ.: Offen. Ich steckte ihn in die Tasche. 

Präs.: Was geschah nach eurer Ankunft in Sabac? 

Princ.: Wir suchten den Major auf. Er sagte uns, wir könnten auch 
über Klenak gehen. Ich bemerkte jedoch, das sei unsicher. Ich sagte 
ihm auch die Gründe, warum es unsicher sei. Beim Abschied gab er 
uns seine Karte, damit wir auf der Eisenbahn Nachlaß bekämen. Auch 
übergab er uns einen Brief für den Grenzhauptmann in Loznica. Wir 
übernachteten dort und begaben uns Dienstag auf die Bahn, wo wir 
die Ermäßigung für die Fahrt erhielten. Der Major hatte uns auch 
einen Passierschein mitgegeben. 

Präs.: Lautete dieser Passierschein auf Ihren Namen oder auf 
einen fremden? 

Princ.: Er lautet auf Finanzer. 

Präs.: Haben Sie bei Ihrer Ankunft in Loznica dem Grenzhauptmann 
den Brief vom Major gezeigt? 

Princ.: Ja. Er fragte uns: »Wo geht ihr hin?« Wir antworteten: 
Wir gehen nach Bosnien. Er rief hierauf die Finanz wache ans Telephon 
und sagte uns, wir sollten morgen kommen, 

Präs.: Und was war’s weiter mit Cabrinovic? 

Princ.: Wir waren beieinander bis Loznica. Am andern Tag kamen 
drei Finanzer und sagten uns, wir dürften bei ihnen nicht die Grenze 
überschreiten. Einer sagte uns jedoch, bei ihm könnten wir es tun. 
In einem Gasthofe entschieden wir, Grabez solle den Passierschein des 
Cabrinovic nehmen und mit mir gehen, Cabrinovic aber mit dem des 
Grabez; denn sie sehen sich ähnlich. 

Präs.: Haben Sie sich vorher mit Cabrinovic entzweit? 

Princ.: Ja, aber nicht ernst. Es war das ein kameradschaftlicher 
Streit. Cabrinovic ging gegen Zvornik, wir aber gegen Ljesnica zu 
und kamen auf die Insel Isakovic. 

Präs.: Sind Sie auf der Insel in eine Hütte gekommen? 

Princ.: Ja, in die Hütte eines Bauern. Dahin kam auch ein ge¬ 
wisser Misetic, welcher sich uns antrug, uns einen Wagen zu ver¬ 
schaffen. Wir sagten, wir wollten keinen Wagen; denn wir wollten 
ohne Aufsehen hinüber. Auch der Bauer Jakovljevic kam dazu und 


26 


rief den Milio. Dieser sprach mit dem Finanzer von der Überschreitung 
der Grenze. Der Finanzer sagte ihm zum Schlüsse: »Sieh zu, daß du das 
Geheimnis wahrst, sonst kostet es dir den Kopf.« 

Präs.: Sagten Sie dem Milovic, er solle Sie sogleich naqh Tuzla 
führen? Haben Sie ihm von einem gewissen Misko gesprochen? 

Princ.: Nein. 

Präs.: Siegingen also mit dem MiCic und Grbic. Was dann? 

Princ.: Nach Überschreitung der Grenze gingen wir auf Feldwegen 
weiter. Es war sehr kotig. Ich weiß nicht, wann wir in das Haus 
des Grbic kamen. Dort rasteten wir ein wenig. Dann gingen wir 
durch einen Wald, aus dem wir uns kaum herausfanden. Am Saume des 
Waldes fanden wir eine Hütte, in der niemand wohnte, dort ruhten 
wir aus und schliefen. Am nächsten Tag setjten wir unsere Reise fort. 

Präs.: Sind Sie bei Tag oder bei Nacht weitergereist? 

Princ.: Bei Nacht. Dann kamen wir zu Theodor Obren. Er war 
draußen auf dem Felde. Wir traten nicht sogleich ins Haus, sondern 
warteten außerhalb desselben. Doch da es stark regnete und wir schon 
naß waren, traten wir endlich in das Haus ein. Man nahm uns freund¬ 
lich auf und bewirtete uns mit Kaffee. Wir baten die Hausleute um 
Taschen, denn unser Gepäck war schwer. Vier Revolver und sechs 
Bomben sind nicht leicht zu tragen, besonders unter dem Gürtel, wie 
wir sie trugen. Damit man jedoch nicht merkte, was wir in den 
Taschen trügen, so verlangten wir auch Tücher zum Einwickeln. 

Präs.: Hat Obren diese Dinge gesehen? 

Princ.: Ich weiß es nicht. Ich sagte ihm nur, wenn er uns ver¬ 
rate, so sei es um sein Haus und seinen Kopf geschehen. Ich wußte, 
daß dies auf ihn, als einen ungebildeten Bauern, großen Eindruck machen 
werde, und drohte ihm deshalb. Von da an gingen wir durch den 
Wald. Wir bemerkten auf unserem Gange im weichen Erdboden eine 
Spur von beschlagenen Absagen. Da die Bauern kein solches Schuh¬ 
werk tragen, stieg uns gleich die Vermutung auf, es könnten Gen¬ 
darmen hier vorübergekommen sein, und wir versteckten uns eine 
Zeitlang. So kamen wir nach Priboj. Auf einer Wiese verbargen 
wir uns hinter einem Hag, während die Bauern vorwärtsgingen und 
einen gewissen Cubrilovic trafen. Dieser war zu Pferd mit einem 
Popen, vielleicht kehrten sie von einer kirchlichen Feier zurück. Ich 
trat aus dem Gehege heraus und fragte Öubrilovice, nachdem ich mich 
ihm vorgestellt, ob er nicht jemand finden könnte, der uns nach 
Tuzla brächte. Als er das bejahte, verabschiedeten wir uns von den 
Bauern; denn sie wollten nicht weiter mitgehen, und wir gaben jedem 
von ihnen fünf Kronen. 

Präs.: Warten Sie ein wenig. Sagten Sie jenen Bauern, welche 
Absicht Sie mit diesen Waffen hatten. 

Princ.: Nein. Beim Abschied sagte ich ihnen noch einmal: »Hütet 


27 


euch wohl, denn ihr wißt, was ich euch gesagt habe. Wir verab- 
sdiiedeten uns nun von ihnen und gingen mit dem Veljko (Cubrilovic) 
weiter. Ich frag ihn, wohin wir je^t gehen sollten. Es sagte; »Bis zu 
jenen Leuten dort.'< Im Gespräch kamen wir auch auf das Attentat zu 
sprechen. Ich sagte ihm ausdrücklich, wohin ich gehe und zu welchem 
Zwecke, indem ich ihn ermahnte, sich wohl hüten, uns zu verraten. Er 
versicherte uns, schweigen zu wollen. So gelangten wir endlich zum 
Hause des Kerovic. 

Präs.: Wo befanden sich die Sachen während dieser Zeit. 

Princ.: Veljko hob sie, als er zum Gebüsch kam, vom Boden auf 
und legte sie in die Satteltaschen seines Pferdes. Als wir zu Kerovic 
kamen, redete Veljko mit den Landleuten. Wir traten in das Haus. 
Da wir sehr müde waren, legten wir uns sogleich nieder und schliefen 
ein. Währenddessen kam ein anderer Bauer ins Zimmer, und Veljko 
zeigte ihm sogleich unsere Sachen. Ich redete später mit ihnen allen 
und fragte sie, wie wir nach Tuzla kommen könnten. Am nächsten 
Tag gedachte ein anderer Bauer, namens Stepanovic, nach Tuzla zu 
gehen. Wir schlossen uns ihm an. Es fiel uns schwer, mit unserem 
Gepäck zu reisen. Auch diesen Bauern drohten wir, daß sie uns nicht 
verrieten, denn sonst sei es um ihr Haus geschehen. 

Präs.: Also jedem Bauer haben Sie gedroht? 

Princ.: Ja. 

Präs.: Wer nahm die Bomben und Revolver, als Sie nach Tuzla 
weiterzogen? Haben Sie mit den Bauern gesprochen, zu welchem 
Zwecke Sie diese Bomben und Revolver mitbringen? 

Princ.: Nein, ich sagte ihnen nichts davon, vor allem nicht den 
Bauern, in deren Wagen sich die Bomben befanden; denn das hätte 
keinen Sinn gehabt, Bauern so etwas mitzuteilen. 

Von dort brachen wir nun um 11 Uhr nachts zu Wagen auf. In 
einem Dorfe war eine Gendarmeriekaserne. Diese umgingen wir, nach¬ 
dem wir vom Wagen gestiegen, damit uns die Gendarmen nicht etwa 
anhielten, die Pässe verlangten und uns untersuchten. Die Bauern 
fuhren allein an der Kaserne vorbei, wir trafen hernach wieder mit 
ihnen zusammen, selten uns auf den Wagen und schliefen ein. End¬ 
lich gelangten wir nach Siminhan, wo wir uns von den Bauern ver¬ 
abschiedeten. Sie begaben sich nach Tuzla, um den Mi§ko Jovanovic 
die Sachen zu übergeben, wir aber verabredeten mit ihnen, später auch 
dahin zu kommen und die Sachen zu übernehmen. Wir wuschen uns 
im Flusse Jala und gingen in die Stadt (Tuzla) hinein. Wir begaben 
uns zum Misko. Vorher indes gingen wir in eine Kaffeeschänke; ich 
kaufte mir eine neue Hose und zog diese bei einem Bekannten an. 
Hierauf gingen wir in das serbische Lesekasino. Dort trafen wir bei 
unserer Ankunft schon den Bauern Stepanovic beim Zeitungslesen. 
Er zeigte uns den Weg zum Jovanovic. Wir gingen mit diesem in 


28 


ein Nebenzimmer, wo wir uns vorstellten und uns in ein Gespräch 
einließen. Er fragte uns weder nach dem Zweck der Sachen, noch 
tat er des Attentates Erwähnung 

Präs.: Wahrhaft köstlich! Es kommen zu ihm unbekannte Studenten, 
bringen Bomben mit, die er in seine Wohnung nimmt, und er fragt 
gar nicht, wozu diese Waffen dienen. 

Princ.: Jovanovic war sehr erschreckt über die Waffen. Später 
sprachen wir davon, wie wir diese Waffen aus seiner Wohnung fort¬ 
schaffen würden. 

Präs.: Aber sagen Sie mir, hat er Sie nicht wenigstens gefragt, 
woher Sie diese Waffen haben, und wozu sie Ihnen dienen sollen? 

Princ.: Nein, er hat uns nach nichts gefragt. 

Präs.: Dann mußte er also schon davon wissen, daß Sie kommen 
und Bomben zu einem bestimmten Zwecke mitbringen würden. Hat 
ihm Öubrilovic etwas darüber geschrieben? 

Princ.: Nein. Wir fragten ihn, ob er diese Sachen nach Sarajevo 
schaffen könnte. Er antwortete, er könne das nicht. Offenbar fürchtete 
er sich. Darauf bedeuteten wir ihm, daß wir sie je^t unmöglich nach 
Sarajevo mitnehmen könnten; denn dort werde scharfe Kontrolle geübt. 
Darum baten wir ihn, diese Waffen bei sich zu behalten. Später werde 
einer von uns oder Ilic deswegen kommen. 

Präs.: Je^t mischt sich Ilic das erste Mal in diese Angelegenheit. 
Woher wußte er oder hat er überhaupt gewußt, daß er zu Jovanovic 
nach Tuzla wegen der Waffen gehen sollte? 

Princ.: Ich schrieb ihm noch von Belgrad aus in sehr unbestimmten 
Ausdrücken, daß ich das Attentat ausführen werde. 

Präs.: War dieser Brief chiffriert? 

Princ.: Nein. 

Präs.: Also haben Sie sich mit dem Misko®^) verständigt. Sind 
Sie in Tuzla mit Öabrinovic zusammengekommen? 

Princ.: Ja. 

Präs.: In Tuzla trafen Sie auch mit einigen Studenten zusammen. 
Wie war das? 

Princ.: Ich kannte sie noch von der Schule her, vom Gymnasium 
in Tuzla. 

Präs.: Wissen Sie, von welchem Geist sie erfüllt waren. 

Princ.: Das weiß ich nicht. Woher soll ich es wissen, weldier 
Geist den einzelnen Menschen beherrscht? 

Präs.: Dann sind Sie also nach Sarajevo abgereist, wo Sie auch 
angekommen sind. Sind Sie hier mit jemand zusammengetroffen? 

Princ.: Ja, mit Daniel Ilic. Ihn kannte ich ebenfalls von früher 


2®) Jovanovic, ein angesehener Kaufmann in Tuzla. Ihn wollten sie rein waschen. 
Nämlich MiSko Jovanovic. 



29 


und sagte ihm, er solle noch andere taugliche Teilnehmer für das 
Attentat aufbringen, aber verläßliche Leute. Zu Ilic hatte ich überhaupt 
Vertrauen und wagte es daher, ihm auch meine Absicht, das Atten¬ 
tat zu verüben, mitzuteilen. 

Präs.: Welches war seine Gesinnung? 

Princ : Er ist Nationalist. 

Präs.: Was für ein Nationalist? Für die Vereinigung der Serben? 

Princ.: Ja, für die Vereinigung der Serben. 

Präs.: Unter Österreich? 

Princ.: Gott behüte! (Heiterkeit im Saale.) Ich gab dem Ilic Weisung, 
zu Jovanovic zu gehen. 

Präs.: Aber Ilic war dem Jovanovic unbekannt. Haben Sie ver¬ 
einbart, welches Zeichen Ilic dem Jovanovic geben sollte? 

Princ.: Ja. Das Zeichen sollte eine Schachtel Stephaniezigaretten 
sein. Bei Ilic wohnte ich bis zum Tag des Attentates. Er suchte mich 
in den lebten Tagen mit aller Entschiedenheit vom Attentat abzubringen, 
aber ich blieb fest dabei, meinen Vorsa^ auszuführen. Als er sah, daß 
ich nicht nachgab und zule^t auf seine Vorhaltungen nicht einmal 
mehr antwortete, hörte er auf, auf mich einzuwirken, das Attentat 
aufzugeben. 

Präs.: Wer hat die Waffen unter die übrigen Teilnehmer verteilt? 

Princ.: Er, Ilic, 

Präs.: Wann nahmen Sie die Waffen in Empfang? 

Princ.: Am Morgen des Attentatstages selbst. Ich nahm meine 
Waffen und ging spazieren. Auch Ilic nahm seine Waffen und gab 
sie dem Grabez und Öabrinovic an dem Orte, den sie für ihre Zu¬ 
sammenkunft vereinbart hatten. Wo dieser Pla^ war, kann ich nicht 
sagen, ich habe den Ilic nicht deswegen gefragt. 

Präs.: Wußten Sie, daß unter den anderen, die sich zur Ausübung 
des Attentats rüsteten, sich auch ein Mohammedaner befand? 

Princ.: Ja, ich wußte es, aber seinen Namen kannte ich nicht. 

Präs.: War es Ihnen lieb, daß auch ein Mohammedaner unter 
Ihnen war? 

Princ.: Ja, es war mir lieb. 

Präs.: Und warum ? 

Princ.: Deshalb, weil das Attentat, wenn nur Serben dabei mit¬ 
getan hätten, nicht solchen Effekt gehabt hätte. So war es der Aus¬ 
druck der Gesinnung von ganz Bosnien und der Herzegowina. 

Präs.: Sind Sie sogleich auf den Appelquai gegangen? 

Princ.: Nein. Ich hielt mich zuerst mit einigen Studenten im Park 
auf. Inzwischen nahte der Zeitpunkt heran. Ich begab mich auf den 
Quai und trachtete, jemand zu finden, mit dem ich ohne Aufsehen 
auf und ab gehen könnte. (In schadenfrohem Tone.) Ich traf den 
Sohn des Staatsanwaltes Svara und ging eine Weile mit ihm umher. 


30 


Inzwisdien kam das eine Automobil allmählich heran. Ich stand auf 
der Lateinerbrücke, als ich den Knall einer Bombe hörte. Ich wußte 
sogleich, daß es einer der Unsrigen sei. Alles lief hin, auch ich, denn 
ich glaubte, die Sache sei in Ordnung. Doch das war nicht der Fall. 
Ich sah, wie man den Öabrinovic abführte. Sofort wußte ich, daß ihm 
sein Unternehmen nicht gelungen sei, und er sich auch nicht hatte 
vergiften können. Deshalb wollte ich ihn schnell mit dem Revolver 
erschießen. In diesem Augenblick fuhren die Automobile vorbei. Ich 
wollte jeßt das Attentat ausführen, allein es war mir nicht möglich; 
denn sie sausten zu schnell dahin. Ich nahm also wieder meinen 
Standort auf der Lateinerbrücke ein; denn ich hoffte, das Automobil 
mit dem Erzherzog werde neben der Brücke wieder zurückfahren. Ich 
wollte dann von der gleichen Stelle aus schießen wie der verstorbene 
i^erajic^®). Da jedoch hier zuviel Volk war, so ging ich etwas weiter 
hinab und stellte mich an der Straßenecke vor einem Kaufladen auf. 
Da trat gleich ein gewisser PuSara auf mich zu und sagte zu mir: 
»Hast du die Dummheit gesehen, die er begangen?« Er lud mich ein, 
ein wenig auf die Seite zu treten. Allein ich dachte, er sei ein Spion 
und könnte meine Taschen untersuchen wollen. Darum wollte ich nicht 
mit ihm gehen, sondern blieb stehen und wartete. (Einen Augenblick 
schweigt er, dann spricht er in kaltem Tone): Währenddessen kamen 
die Automobile heran und blieben vor mir stehen. Ich ziehe den 
Revolver heraus und schieße. 

Präs.: Sie ziehen heraus und schießen, und nichts weiter?. 

(im Saale große Spannung wegen der Kaltblütigkeit des Mörders). 
Auf wen haben Sie geschossen? 

Princ:. Auf. . . ihn. Auf.Ferdinand. . 

Präs.: Wollten Sie auch auf die Herzogin schießen? 

Princ.: Nein. Ich sah im Automobil nur ihn und Potiorek. Auf 
diesen wollte ich schießen, doch die Kugel ging anderswohin. Ich war 
in diesem Augenblicke sehr aufgeregt. Man fiel über mich her und 
wollte an mir Rache nehmen. Auch auf der Polizei schlug man mich. 

Präs.: Lassen wir das. Sie haben also mit Absicht geschossen, um 
den seligen Thronfolger zu töten? Und Sie sagen. Sie wollten auch 
Potiorek töten? 

Princ.: Ja, auch Potiorek wollte ich erschießen, ich habe ihn jedoch 
nicht getroffen. 

Präs.: Und ist es Ihnen leid, das getan zu haben? 

Princ.: Nein, es ist mir gar nicht leid. Ich habe ein Übel aus dem 
Wege geräumt. Er ist ein Germane und ein Feind der Südslawen. 
Mit diesen ist er übel verfahren. 


■■^®) Zerajic, ein Serbe, hatte am 2. Juni 1909 nach der Eröffnung des bosnischen 
Landtages auf den Landeschef FML. Varesanin geschossen. 






31 


Präs.: Welches Übel hat der Thronfolger den Südslawen zugefügt? 

Princ.: So manches. Jeden Tag Hochverratsprozesse . . . 

Präs.: Ein Hochverratsprozeß ist kein Übel. Auch Sie sind des 
Hochverrats angeklagt. Welches Übel hat er dem Volke angetan, für 
dessen Verteidigung Sie, wie Sie behaupten, die Mordwaffe erhoben? 

Princ.: Unserem Volk geht es Tag für Tag schlechter. Es ist verarmt. 

Präs.: Hat etwa er das Volk arm gemacht? 

Princ.: Sie verstehen das nicht. Ich habe es gesehen, wie unser 
Volk immer mehr in Verfall gerät. Ich bin der Sohn eines Bauern 
und konnte mich so vom Elend unserer Leute überzeugen. Ich habe 
ihn getötet, und es ist mir nicht leid. Ich wußte, er war ein Feind 
der Slawen. 

Präs.: Haben Sie ihn für einen fähigen Mann gehalten? 

Princ.: Nicht so, wie der Staatsanwalt in der Anklageschrift sich 
poetisch ausdrückt, daß er ein Genie gewesen sei, sondern ich hielt 
ihn für einen Mann der Arbeit, der als künftiger Herrscher bestimmte 
Ideen und Reformen durchgeführt hätte, die uns im Wege standen. 

Präs.: Haben Sie gehört, daß man von ihm sagte, er denke daran, 
einige Forderungen der Slawen zu erfüllen ? Darum haben Sie ihn also 
getötet. Vielleicht wollten Sie, daß die Slawen in der Monarchie niemals 
zufrieden seien? 

(Die Verhandlung wird unterbrochen.) 

Forisefeung am 13. Oktober 1914. 

(Die Verhandlung wird um 8 ühr 10 Minuten früh eröffnet. Der Senat 
betritt den Saal. Auf der Anklagebank sißt Cabrinovic zuerst allein.) 

Präs, (ruft Cabrinovic noch einmal vor den Senat): Sie sagten. Sie 
hätten das Attentat ganz allein geplant, niemand hätte Sie dazu be¬ 
redet, Sie hätten keine Mitschuldigen. Ist dem wirklich so, wie Sie 
sagen ? 

öabr.: Ja, ich habe das Attentat allein geplant und habe keine 
Mitschuldigen. (Kurze Pause.) Das heißt, so ganz allein nicht. Andere 
haben mich dazu beredet, aber ich will meine Mitschuldigen nicht 
nennen. Meinetwegen soll niemand leiden. 

Präs.: Gut. Man führe Princip herein. (Princip wird hereingeführt.) 

Präs, (gegen Princip): Sie sagten bei der Untersuchung am 28. Juni: 
»Ich habe das Attentat aus eigenem Antrieb ausgeführt. Ich bin kein 
Mitglied irgendwelchen Vereins. Ich hatte keinerlei Mitschuldigen und 
wunderte mich, als die Bombe explodierte.« Ist dem so, wie Sie be¬ 
haupteten? 

Princ.: So sagte ich wirklich beim Verhör. Aber das ist nicht 
wahr, wie Sie selbst wissen. Das sagte ich nur, damit die anderen 
unentdeckt blieben. Es ist also nicht wahr, was ich sagte, daß ich um 
andere nichts wisse, aber alles andere ist wahr. 


32 


Präs.: Werden Sie auch je^t nicht sagen, was Sie wissen? 

Princ.: Nein, durchaus nicht. 

Präs.: Gehen wir wieder ein wenig auf Ihren Belgrader Aufenthalt 
zurück. Welche Lokale und Gesellschaften haben Sie besucht? 

Princ.: Viele, hauptsächlich das Kaffeehaus »Zum Eichelkranz«. 

Präs.: Mit wem sind Sie dort zusammengekommen? 

Princ.: Mit Studenten, hauptsächlich Bosniern. 

Präs.: Was war deren politische Denkart? 

Princ.: Das weiß ich nicht. Ich habe mit ihnen nicht vertraut 
verkehrt. 

Präs.: Sie sagten am Vormittag, jene waren von derselben Ge¬ 
sinnung wie Sie. 

Princ.: Einige ja, andere aber nicht. Ich war nicht so gut bekannt 
mit ihnen. 

Präs.: Woraus schlossen Sie, daß einige davon von gleicher Denk¬ 
art seien wie Sie und einige wieder nicht? 

Princ.: Aus ihren Reden. Sie waren mit der Lage und dem Stande 
der Dinge in Bosnien nicht zufrieden. 

Präs.: Kamen in diese Kaffeeschänke auch Komitatschis? 

Princ.: Ja, auch solche. 

Präs.: Und was war es mit dem Kellner, von dem Sie sagten, er 
habe jene Schänke besucht? 

Princ.: Das ist ein gewisser Gjöko Bajic. Er ist von hier, aus 
Bosnien, und hielt sich auch in Sarajevo auf. Ich hielt ihn für einen 
österreichischen Spion. 

Präs.: Woraus schlossen Sie, daß er ein österreichischer Spion sei? 

Princ.: Er war ohne Beschäftigung, so hielt ich ihn für einen Spion. 

Präs.: Das genügt also in Serbien, um jemanden für einen Spion 
zu halten, wenn er ohne Beschäftigung ist? Nun gut. Hat er mit Ihnen 
über etwas gesprochen? Hat er Ihnen seine Ideen dargelegt? War 
er unzufrieden und sagte er, man solle den Thronfolger töten? 

Princ.: Ja, er sprach oft davon, man solle den Thronfolger töten, 
darum glaubte ich, er sei ein Spion. 

Präs.: Waren Sie in Belgrad ein vertrauter Freund des Cabrinovic? 

Princ.: Ja, ich kenne ihn schon seit vier Jahren. 

Präs.: Sie sagten, Sic^ seien mit ihm gleicher Denkart gewesen. 
Wie das? Er ist Anarchist und Sie Nationalist. 

Princ.: Wir waren in der Wahl der Mittel einig, um den Südslawen 
zu helfen. 

Präs.: Was sind das für Mittel? 

Princ.: Mord, Verschwindenlassen aller derer, die der Verwirklichung 
der südslawischen Ideen im Wege stehen und dem Volke Unrecht tun. 

Präs.: Sind das Ihre Gesinnungen oder die des Öabrinovic ? Hat 
er Sie das vielleicht aus seinen Reden merken lassen? 


33 


Princ.; Das ist meine Gesinnung, aber auch die seine. 

Präs.: Sind Sie überzeugt, daß auch er den Wunsch hatte, Bosnien 
mit Serbien zu vereinigen? 

Princ.: Ja. 

Präs.: Unter Österreich-Ungarn? 

Princ.: Nie und nimmermehr. 

Präs.: Hat Sie bei Ihrer Tat noch ein anderes Motiv geleitet? 
Vielleicht ein religiöser Standpunkt? (Princip schweigt.) Glauben Sie 
etwas ? 

Princ.: Eine komische Frage. 

Präs.: Das ist keine Antwort. Es steht Ihnen freilich das Recht 
zu, auf die Ihnen gestellten Fragen nicht zu antworten. 

Princ.: Darauf will ich nicht antworten. 

Präs.: Kennen Sie den Major Tankosic? 

Princ.: Ich kenne Tankosic nicht. 

Präs.: Haben Sie jemals mit ihm gesprochen? 

Princ.: Ich nicht, wohl aber Grabet. Ich kenne den Ciganovic. 

Präs.: Haben Sie mit Ciganovic über die Freimaurerei gesprochen? 

Princ.: Warum fragen Sie mich darüber? 

Präs.: Ich frage Sie, weil ich das wissen möchte. Haben Sie mit 
ihm darüber gesprochen oder nicht? 

Princ.: Ja. Ciganovic sagte mir, er sei ein Freimaurer. 

Präs.: Wie sagte er Ihnen das, daß er ein Freimaurer sei? 

Princ.: Als ich mich bezüglich der Mittel zur Ausführung des Atten¬ 
tats an ihn wandte, sagte er mir und betonte es, er werde mit einem 
gewissen »Mann« sprechen. Er werde von diesem die Mittel zur Aus¬ 
führung des Attentats bekommen. Bei einer anderen Gelegenheit er¬ 
zählte er mir, der österreichische Thronfolger sei in einer Loge von 
den Freimaurern zum Tode verurteilt worden. 

Präs.: Und Sie? Sind vielleicht auch Sie Freimaurer? 

Princ.: Wozu diese Frage? Ich werde darauf keine Antwort geben. 
(Nach einer kurzen Pause): Nein. 

Präs.: Ist Cabrinovic Freimaurer? 

Princ.: Ich weiß es nicht. Vielleicht ist er’s. Er sagte mir bei 
einer Gelegenheit, er werde in die Loge eintreten. 

Präs : Sie bekamen also von Ciganovic ein kleines Briefchen für 
den Major Popovic. Ist Ihnen das nicht selbst sonderbar vorgekommen, 
daß Sie der Major Popovic gleich auf Grund der Karte des Ciganovic 
weiterbeförderte? 

Princ.: Wir sagten ihm, daß uns Ciganovic schicken würde. Er 
fragte uns selbst darum, und wir sagten: »Ciganovic schickt uns,« be¬ 
ziehungsweise in seinem Auftrag Tankosic. 

Präs.: Also dennoch Tankosic? 

Princ.: Ja, aber durch Ciganovic. 

Pharos, Der Prozeß gegen die Attentäter von Sarajevo. 


3 


34 


Präs.: Ist Major Tankosic bei Ihrer Abreise von Belgrad nach Sabac 
auf die Dampfschiffstation gekommen, um sich von Ihnen zu verab¬ 
schieden ? 

Princ.: Nein, wozu sollte er auch kommen? 

Präs.: Nun, er versorgt die Leute mit Bomben und Revolvern, wäre 
es denn da gar so sonderbar, wenn er Sie bei der Abreise auf der 
Station besuchte? Sagte er Ihnen, es gebe in Belgrad einen Tunnel, 
der bis Sarajevo führt? 

Princ.: Nein, das sagte er mir nicht. 

Präs.: Öabrinovic sagt, er habe diesen Ausdruck gebraucht. Öabri- 
novic! sagte er so oder nicht? 

öabr.: Ja, er sagte mir das, aber ich wollte daran nicht glauben, 
sondern hielt es für einen Scherz. 

Präs.: Es ist kein Scherz, wie Sie später hören werden. Princip, 
wissen Sie etwas von der »Narodna obrana«? Welchen Zweck verfolgt 
dieser Verein? Wer ist dessen Vorstand? 

Princ.: Ja, ich kenne ihn. Es ist ein Kulturverein, dessen Haupt¬ 
zweck ist, im serbischen Volke Bildung und nationales Bewußtsein zu 
verbreiten. 

Präs.: Weiter nichts? 

Princ.: Nein. Was da der Staatsanwalt sagt, daß sich die Wirksam¬ 
keit dieses Vereins auch auf Bosnien erstreckt, ist nicht wahr. 

Präs.: Wie wissen Sie das? 

Princ.: Ich fragte »jemand«, der mir sagte, es sei da keine Propa¬ 
ganda im Spiel. 

Präs.: Da hat Sie dieser »Jemand« betrogen. Es ist nicht wahr, daß 
es da keine Propaganda gibt. In Loznica hat man beim Kommando 
eine Schrift gefunden, in welcher von einem sehr verläßlichen Lehrer 
die Rede ist, der in seiner Umgebung sehr angesehen und bei seiner 
Arbeit sehr vorsichtig sei. Auch Misko Jovanovic ist ein Mitglied, ja 
sogar Vertrauensmann dieses Vereins für Tuzla, und das liegt doch 
nicht in Serbien! 

Princ.: Ich weiß nicht, wie es damit steht. Die »Narodna obrana« 
verfolgte jedenfalls keine solche Wirksamkeit. 

Präs.: Nicht? Also vielleicht eine solche, wie Sie sie ausübten. 
Wissen Sie, was die Aufgabe der »Narodna obrana« war, als der 
türkisch-serbische Krieg ausbrach? 

Princ.: Sie nahm die Aufgabe auf sich, die Komitatschi zu be¬ 
waffnen. 

Präs.: V/issen Sie, daß Ciganovic mit dem Major Tankosic bezüg¬ 
lich der Anschaffung der Waffen im Einverständnis war? 

Princ.: Ich weiß es nicht. Ciganovic sprach nur von einem »Mann«, 
mit dem er sich bezüglich der Anschaffung der Waffen verständigen 
würde und der die Mittel zu deren Beschaffung geben werde. 


35 


Präs.: Was heißt bei Ihnen »Mann« »guter Mann«? Hat das eine 
besondere Bedeutung? 

Princ.: Nein. Das heißt nichts Besonderes. »Guter Mann« heißt, 
daß ein bestimmter Mensch wirklich gut oder ein guter Serbe ist. 

Präs.: Es scheint nicht geradeso zu sein, wie Sie sagen. Er¬ 
innern Sie sich jenes Bauern, der Sie über die Isakovic-Insel und 
über die Grenze führte. Als Sie ihn fragten, wie er heiße, sagte er 
»Mann«. 

Princ.: Ich erinnere mich nicht. Mir nannte er, glaube ich, seinen 
Namen »Jakob«; ich habe ihn aber später vergessen. 

Präs.: Erinnern Sie sich ein wenig, mit welchen Worten sie 
dem MiSko empfohlen wurden. Ihm sagte man, daß ihr »gute 
Leute« seid. 

Princ.: Ich erinnere mich nicht daran. Diese Worte haben keinerlei 
Bedeutung. 

Präs.: Warum sagten Sie früher, daß Ihnen jene Reise nach Priboj 
geheimnisvoll war? 

Princ.: Deshalb, weil man uns ausforschte und über Klenok (ein 
Ort) brachte, das war mir auffallend. Das Wort »geheimnisvoll« 
selbst hat keine weitere Bedeutung, ich habe es vielleicht unrichtig 
angewendet. 

Präs.: Sie sagten vorher, daß Ihnen der Bauer Obren Milo§evic 
Tücher gab und zwei Taschen, um die Revolver und Bomben hinein¬ 
zulegen. Hat Obren bei dieser Gelegenheit jene Dinge gesehen? 

Princ.: Ich weiß nicht, ob er die Bomben und Revolver sah. 

Präs.: Als er Sie fragte, wozu braucht ihr das, mußte er wohl 
auch die Sachen sehen. 

Princ.: Er sagte nicht: »Wozu braucht ihr das?«, sondern »Was 
habt ihr da drin?« Also hat er es nicht gesehen, wenn er danach 
fragte. 

Präs.: Als Sie von Belgrad fortgingen, erhielten Sie außer den Waffen 
auch Zyankali? 

Princ.: Alle erhielten es. 

Präs.: Wozu? 

Princ.: Damit wir uns nach dem Attentat vergifteten. Ich habe es 
auch wirklich eingenommen, denn bei meiner Festnahme gelang es 
mir, das Zyankali aus der Tasche zu ziehen und zu nehmen, allein es 
wirkte nicht, sondern es verursachte mir nur große Magenschmerzen, 
und später erbrach ich es. 

Präs.: Kehren wir ein wenig zur »Vereinigung« zurück. Sie sagten, 
daß sich der Gedanke derselben im Südslawentum sehr verbreitet habe. 
Welche Aufgabe fiel Serbien bei dieser »Befreiung« zu? 

Princ.: Ich sagte beim Verhör, es sei ganz natürlich, daß jeder auf 
Befreiung hoffe. 


3 


36 


Präs.: Beim Verhör sagten Sie anders. Damals sagten Sie, es sei 
das Ihre Ansicht, daß jeder die Befreiung erwarten muß, und diese 
Ansicht teile auch ein Teil der Jungmannschaft. Freilich gebe es unter 
denselben auch Mist, solche, die anders denken. 

Princ.: Ja, so sagte ich. 

Präs.: Glauben Sie, daß diese »Vereinigung« eine so wichtige Sache 
war, daß man dafür das Leben vieler aufs Spiel se^en muß? 

Princ.; Ja. Für die »Vereinigung« mußte man das Leben vieler opfern, 
und um ihretwillen fiel auch der Thronfolger Franz Ferdinand. Doch 
das Hauptmotiv, das mich bei meiner Tat leitete, war: Rache zu nehmen 
für das serbische Volk. 

Präs : Das ist wieder ein neues Motiv. 

Naumowicz (Richter): Wo sind Sie mit Veljko Öubrilovic zusammen¬ 
gekommen? 

Princ.: Auf der Insel. 

Naum.: Haben Sie schon früher von den Bauern verlangt, zu Veljko 
Öubrilovic geführt zu werden? 

Princ.; Ja. 

Naum.: Obren Milosevic sagte bei der Voruntersuchung aus. Sie 
hätten ihm gesagt. Sie wollten, nicht mehr weitergehen. Ferner hätten 
Sie die Bauern direkt zu Veljko öubrilovic geschickt. Wie konnten Sie 
es wagen, in dem Augenblick, wo Sie sich auf das Attentat rüsteten, 
an einen fremden Menschen eine Einladung ergehen zu lassen? Er 
konnte ja auch ein Spion sein und Sie verraten. Es ist doch klar, daß 
Sie ihn wohl kannten und sicher waren, er werde Sie aufnehmen. 

Princ.: Vielleicht schickte Grabe2 zu ihm, und vielleicht kannte 
dieser ihn. 

Naum.; Sie bekamen von MiloSevic Taschen und bezahlten diese 
gar nicht. Sie wissen, wie schwer sich unsere Leute von Sachen 
trennen, die Sie selber brauchen. Wie kommt dies? 

Princ.; Wir sagten dem Milosevic, bei der Rückkehr würden wir 
sie (die Taschen) wieder zurückgeben. 

Naum.; Sagen Sie mir, wie kommt es, daß diese Bauern auf Ihr 
bloßes Wort hin Sie führen, ja umsonst bis Tuzla auf ihrem Wagen 
fahren lassen? Sie gaben ihnen bloß zwei Kronen für Kaffee. Wie 
kommt das überhaupt, daß diese Leute auf Ihr bloßes Verlangen hin 
Ihnen gehorchen? 

Princ.; Mein Ziel lag an ihrem Wege, und da nahmen sie 
mich mit. 

Naum.; Haben Sie den Brief gelesen, den Ihnen der Major Popovic 
an den Hauptmann in Loznica mitgab? 

Princ.; Es waren nur drei Zeilen mit schiefer Handschrift ge¬ 
schrieben. 

Naum.; Grabe2 sagte uns, es habe auf diesem Zettel gestanden; 


37 


»Die betreffenden Behörden werden gebeten, diesen Leuten an die Hand 
zu gehen.« Sonderbar ist, daß Sie als unbekannte Leute vom Hauptmann 
in Sabac einen solchen Brief an die Grenzbehörden bekommen, in 
denen diese ersucht werden, Ihnen, ganz unbekannten Leuten, an die 
Hand zu gehen. 

Princ.: Wir bekamen schon einen Brief an den Major, damit wir 
auf der Eisenbahn Nachlaß bekommen; demgemäß waren wir nicht 
unbekannte Leute. 

Naum.: Ja, für einen Passierschein, aber nicht daß man euch über 
die Grenze lasse. Wie kam das, daß der Hauptmann in Loznica sich 
vom Spieltische erhob und euch zuliebe, die ihr ihm doch unbekannt 
wäret, mit zum Kommando ging? 

Princ.: Das geschah lediglich aus Höflichkeit. 

Naum.: Sagte Ihnen Ciganovic, an wen Sie sich in Bosnien wenden 
sollen? 

Princ.: Ich frug Ciganovic, ob er jemand in Bosnien kenne, an den 
wir uns wenden könnten. Er aber sagte, er kenne in Bosnien niemanden. 

Naum.: So sagen Sie jegt, allein bei der Vorverhandlung kam heraus, 
daß Ihnen Ciganovic noch zur Zeit Ihres Aufenthaltes in Belgrad gesagt 
habe, ihr solltet die Waffen bei Misko Jovanovic in Tuzla lassen. 

Ho ff mann (Richter): Sie sagten. Sie hätten mit dem (nun schon 
verstorbenen) Sekretär der »Narodna obrana« verkehrt? 

Princ.: Das habe ich nicht gesagt, sondern nur, daß ich mich von 
ihm unter die Komitatschi einschreiben ließ. 

Hoffm.: Was für ein Beamter ist Ciganovic, ein höherer oder ein 
niederer? 

Princ.: Er hat etwa 250 Dinar monatliches Gehalt. 

Hoffm.: Erklären Sie mir dann, wie er Ihnen 150 Dinare geben 
konnte, wie Sie behaupteten. 

Princ.: Das weiß ich nicht. Vielleicht sammelte er diesen Betrag 
bei seinen Kollegen. Er sprach auch von einem Wechsel, den Tankosic 
unterschrieb, und auf den er das Geld für die Waffen erhob. 

Hoffm.: Wer nahm dieses Geld in Empfang? 

Princ.: Ich. Zuerst erhielt ich 130 Dinare, doch da dies zu wenig 
war, verlangte ich mehr. Etwas Geld hatte ich auch selbst. 

Hoffm.: Wieviel von diesem Geld erhielt Cabrinovic? 

Princ.: 40 Dinare; aber auch er hatte eigenes Geld. 

Hoffm.: Wo übergab Ihnen Ciganovic die Bomben und die 
Pistolen ? 

Princ.: Er übergab uns diese eines Abends vor der Kaffeeschänke 
»Zum Goldfisch lein«. Er brachte sie selbst, 

Hoffm.: Brachte er ihnen alles auf einmal oder wie? 

Princ.: An einem Abend brachte er die Bomben, am anderen die 
Pistolen. 


38 


Hoffm.: Gab er Ihnen eine Anweisung, als Sie die Bomben über¬ 
nahmen ? 

Princ.: Ich sagte selbst, ich werde mich nach dem Attentat töten. 
Er antwortete, so sei es besser. 

Hoffm.; Fahren wir fort! Als Sie von der Insel in Begleitung des 
Micic weggingen, wie lange brauchten Sie da von der Insel nach 
Obrijezje?^®). 

Princ.: Ich weiß es nicht, lange Zeit, und der Weg war damals 
sehr schlecht. 

Hoffm.: Was redeten Sie auf dem Wege mit ihm? 

Princ.: Nichts. Wir gingen gebückt. 

Präs, (auf die Bomben weisend); Kennen Sie diese Bomben? 

Princ.; Das sind die Bomben des Ciganovic, 

Präs.: Und woher bekam Ciganovic diese Bomben? 

Princ.: Solche hat jeder Komitatschi. Nach dem Krieg bekam jeder 
Komitatschi die Waffen, die er im Kriege hatte, zum Geschenk. 

Präs.: Das ist nicht wahr. Wir verhörten im Laufe der Unter¬ 
suchung einen Komitatschi, der behauptete, daß nach dem Kriege den 
Komitatschi die Ablieferung der Waffen unter strenger Strafe anbefohlen 
wurde. 

Princ. (in Verlegenheit); Das war bei einigen der Fall, von denen 
man meinte, sie könnten etwa die Waffen mißbrauchen. Bei anderen 
war dies nicht so. 

Präs, (zeigt ihm den Browning): Ist das Ihre Waffe? 

Princ.: Ja. 

Präs.: Woran erkennen Sie, daß es die ihre ist? 

Princ.; An der Nummer, die eingraviert ist. 

Naum.: Wußten Sie um den Brief des Veljko Öubrilovic an 
Jovanovic? 

Princ.: Es war das kein Brief, sondern ein Zettel, auf dem ganz 
kurz geschrieben stand, er solle uns aufnehmen. 

Hoffm.; Wer hat euch am Tage des Attentates die Pläße angewiesen, 
an denen ihr stehen sollt? 

Princ.: Niemand. Wir machten selbst den Plan, wo jeder stehen 
sollte. 

Feldbauer: Haben sich Ihre Eltern um Sie und Ihre Erziehung 
gekümmert? Haben sie Ihnen Geld zum Unterhalt geschickt? 

Princ.: Für mich sorgte mein Bruder, der mich erhielt. 

Feldb.: Haben Sie in Serbien gewisse allegorische Bilder oder 
Darstellungen gesehen? Haben diese auf Sie irgendwelchen Einfluß 
geübt ? 

Princ.; Ich sah keinerlei Bilder. 


Ort an der serbisch-bosnischen Grenze. 




39 


Feldb.; Übten Sie sich im Schießen mit dem Revolver? 

Princ.: Nein. Ich konnte früher schon schießen; denn ich habe im 
Schü^enverein in Belgrad geschossen. 

Feldb.: Was bewog Sie, vier Tage nach dem Attentat dem Unter¬ 
suchungsrichter zu sagen, Sie werden alles sagen, aber zuvor möchten 
Sie mit Cabrinovic und Grabet sprechen? 

Princ.: Weil ich sah, daß viele verhaftet wurden, die an dem Attentat . 
nicht schuld waren. Ich wollte mit ihnen auch deshalb reden, damit 
sie den Jovanovic und die Bauern nicht angäben. 

Feldb.: Bei der Untersuchung sagten Sie aus. Sie hätten bemerkt, 
daß Ciganovic bei diesem Unternehmen der Vermittler zwischen Ihnen 
und Tankosic war. 

Princ.: Das ist nicht wahr. Ich glaubte nur so. 

Feldb.: Hat jemand auf Sie eingewirkt? Gjulaga Bukovac? Lasen 
Sie ein revolutionäres Werk? 

Princ.: Auf mich hat niemand eingewirkt. Von revolutionären 
Werken las ich Krapotkin, Bakunin und Spencer. 

Premusic: Seit wann wurden Sie ein offener Nationalist? 

Princ.: Seit zwei Jahren fing ich an, mich ernster mit der Idee des 
Nationalismus zu befassen. 

P r e m u §.: Erinnern Sie sich, was Sie bei der Untersuchung bezüglich 
des Benehmens des Misko Jovanovic anführten, als Sie zu ihm kamen 
und ihm die Waffen übergaben? 

Princ.: Ich bemerkte sogleich, daß er ängstlich war und sich sehr 
fürchtete. Um ihm noch mehr Furcht einzuflößen und ihn zu zwingen, 
uns nicht zu verraten, sagte ich ihm noch: »Ich werde dir alles zer¬ 
stören, wenn du uns verrätst.« 

Zisler: Wissen Sie, daß es in Serbien revolutionäre Organisationen 
gibt, welche die Aufgabe haben, Rache zu nehmen, wenn jemand das 
nicht ausführt, was ihm aufgetragen ist? 

Princ.: Jawohl. 

Präs.: Wann sprachen Sie die Drohungen gegen Öubrilovic aus? 
Bevor Sie in das Haus des Kerovic kamen oder hernach? 

Princ.: Sowohl vorher als nachher. Bevor ich mich von ihm und 
Kerovic verabschiedete, sagte ich ihm: »Merkt euch wohl, was ich 
sagte, daß alles geheim bleiben muß.« 

Verteidiger Dr. Perisic: Kennen Sie den Cvijan Stepanovic? Wer 
hat ihn in das Haus des Kerovic gerufen? 

Princ.: Ja, ich kenne ihn. Es rief ihn Veljko Öubrilovic. 

Perig.: Waren Sie immer im Zimmer anwesend? Zeigte man da 
vor Stepanovic die Waffen? Sagte jemand, wozu diese Waffen 
dienen? 

Princ.: Ja, man zeigte sie. Ich weiß nicht, ob auch jemand davon 
sprach, wozu sie dienen sollten. 


40 


Peri§.: Fragte Sie Stepanovic auf dem Wege, wohin Siegehen und 
warum Sie diese Waffen bei sich tragen? 

Princ.; Nein, denn es war Nadit, und wir schliefen. 

Peri§.: Wie stellen Sie sich diese Vereinigung der Südslawen vor? 
Könnte man dieselbe nicht auf andere Weise bewerkstelligen, wenn es 
sclion nicht unter der Dynastie Karagjorgjevic geht? Wie konnten Sie 
sich einbilden, Serbien, das nun durch Kriege ganz geschwächt ist, 
könnte noch einmal mit Österreich Krieg führen? 

Princ.: Ich wußte nicht, daß es zum Kriege kommen würde. 

Präs.: Glaubten Sie denn, die Monarchie werde Bosnien und die 
Herzegowina ohne Krieg aufgeben? 

Princ.: Man konnte unsere Ziele ja auch ohne Krieg durchführen. 

Präs.: Sie sagten, es sei eine moralische Pflicht Serbiens gewesen, 
als selbständiger Teil der Südslawen und als selbständiger Staat die 
noch nicht befreiten Südslawen zu befreien. 

Princ.: Freilich, aber nicht je^t, weil je^t Serbien müde ist. 

Präs.: In Belgrad seien Sie, wie Sie sagen, mit verschiedenen 
Schichten der Bevölkerung in Berührung gekommen. Haben Sie auch 
mit Offizieren Bekanntschaft gemacht? 

Princ.: Nein, ich verkehrte nicht in Offizierskreisen. 

Konfrontierung Princips mit Öabrinovic. 

Präs, (gegen Cabrinovic): Du hast behauptet, zuerst auf den Ge¬ 
danken des Attentats gekommen zu sein. 

Cabr.: Als ich jenen Zeitungsausschnitt bekam, teilte ich es Princip 
mit und las ihm vor, was darauf stand. 

Princ.: Ich sagte zuerst, noch bevor er jenen Zettel bekam, daß 
ich das Attentat ausführen werde. Ich weiß es positiv, daß ich noch, 
bevor Cabrinovic den Zettel bekam, zu ihm sagte, ich werde das 
Attentat ausführen. (Sie geraten in Streit.) 

Cabr.: Ich erinnere mich heute nicht mehr genau daran, wie es 
war. 

Präs.: Aber gestern sagtest du uns, die Idee vom Attentat sei 
dir erst eingefallen, nachdem du jenen Zeitungsauschnitt bekamst. 

Princ.: Ich hatte bei mir allein schon vorher den Entschluß gefaßt, 
das Attentat auszuführen. Als ich noch früher in Sarajevo war, be¬ 
schloß ich bereits das Attentat. Nachts pflegte ich zum Grab des 
Zerajic hinauszugehen. Dort verbrachte ich oft ganze Nächte, indem 
ich über unsere Verhältnisse, über unsere elende Lage und über ihn 
(Zerajic) nachdachte, und da entschloß ich mich zum Attentat. Auf 
seinem Grabe schwur ich bei mir selbst, ein Attentat auszuführen, sei 
es wann immer. 

Cabr. (schnell): Ich begab mich ebenfalls zum Grabe des verstor¬ 
benen Zerajic, als ich nach Sarajevo kam. Das Grab war verwahrlost, 


41 


darum richtete ich es ein wenig her, daß es schöner aussah®®). Da 
faßte ich den festen Entschluß, zu sterben wie er. Ich wußte über¬ 
haupt, daß ich nicht lange leben werde. Immer beschäftigte mich der 
Gedanke an Selbstmord, da war mir alles gleichgültig. 

Verteidiger Malek (gegen Princip): Hören Sie, Princip, erklären Sie 
uns ein wenig einige Sachen. Sie sagten zuerst, Sie hätten das Atten¬ 
tat aus Rache begangen; denn die Rache sei süß. Jeßt sagten Sie uns, 
Sie hätten das Attentat wegen der Einigungsidee verübt. Welches 
Motiv war demnach beim Attentat das vorwiegende, das persönliche 
oder das politische? 

Princ,: Das persönliche. Aber auch das andere war stark. Sie 
hielten sich die Wage. 

Malek: Warum nahmen Sie gerade bei Ilic Wohnung? 

Princ.: Weil er ein ruhiger Jüngling war. 

Malek: Welches Zimmer bewohnten Sie bei Ilic? 

Princ.: Ich wohnte mit ihm im nämlichen Zimmer. 

Malek: Wo befanden sich die Bomben, in welchem Zimmer? 

Princ.: In dem gemeinsamen Zimmer. Ich legte sie in eine Schachtel, 
die ich dann unter den Diwan schob. 

Malek: Wer hat Ihnen das Zimmer aufgeräumt? 

Princ.: Seine Mutter. 

Malek: Konnte dieselbe jene Schachtel sehen, in der die Bomben 
waren? 

Princ.: Nein. Sie ist eine alte Frau. 

Malek: Wieviel hatten Sie bei Ihrer Ankunft in Sarajevo noch 
von dem Gelde, das Sie in Serbien bekamen? 

Princ.: Mir blieb wenig. 

Malek: Haben sie von Ilic Geld geborgt? 

Princ.: Ja, dreißig bis vierzig Kronen. 

Malek: Also haben Sie doch von Ilic Geld geborgt? 

Princ.: Ja. 

Malek: Sie behaupteten, Ilic hätte gesagt, es wäre doch besser, 
vom Attentat abzustehen. 

Princ.: Ja. 

Malek: Erzählen Sie uns davon etwas, wie Ihnen Ilic sagte, es 
wäre besser, vom Attentate abzustehen. 

Princ.: Ilic sprach mir in le^terer Zeit in einem fort davon, daß 
je^t die Zeiten für die Ausführung eines Attentats ungünstig seien, und 
daß daraus schlimme Folgen für das serbische Volk entstehen würden. 

Malek: Sagte Ihnen Ilic, er werde beim Attentat nicht mittun? 

Princ.: Jawohl. 

Präs.: Aber Sie wußten schon in Belgrad, daß Ilic beim Attentat 


®®) Indem er von anderen Gräbern Kränze und Blumen hierfür stahl. 



42 


mitwirken wollte ? Sie haben ihm selbst aus Belgrad geschrieben, daß 
Sie das Attentat ausführen werden, und daß er Ihnen Gefährten 
suchen soll. 

Princ.: Ja, aber damals hatte ich niemand anders, den ich für dieses 
Unternehmen hätte anwerben können. 

Malek: Haben Sie auch mit Ciganovic darüber gesprochen, daß Ilic 
beim Attentat mithelfen werde. 

Princ.: Ja .... Nein, ich sagte ihm nur: Für den Fall, daß sich 
keine anderen fänden. 

Malek: Haben Sie etwas über Obren Milosevic gehört? 

Princ.: Ja, von Milovic, der ihn wie einen Freund kannte. 

Malek: Wußten Sie, daß er ein Schmuggler ist? 

Princ.: Er sah so aus; denn Grbic sagte mir, er werde ihn nicht 
mehr auf den Inseln herumgehen lassen. 

Präs.: Sie sagten bei der Untersuchung nicht aus, daß Sie dem 
Milovic gedroht hätten. 

Princ.: Ich habe ihm gedroht; das ist wahr. Daß ich dies nicht bei 
der Untersuchung ausgesagt habe, kommt vielleicht daher, daß mich der 
Untersuchungsrichter nicht danach fragte und ich der Sache keine Be¬ 
deutung beimaß. 

Malek: Erinnern Sie sich, daß Sie damals, als Sie mit dem Veljko 
gingen, ihm auf die Frage, was Sie trügen, geantwortet haben: »Zeit, 
Zeit.« 

Princ.: Das bedeutet nichts. 

Staatsanwalt Svara: Sie behaupteten zuerst, 120 Dinare erhalten zu 
haben und dann das übrige. Wo haben Sie das übrige erhalten? 

Princ.: In Belgrad bekam ich alles. 

Svara: Im Jahre 1908 wäre Österreich mit Serbien bald in einen 
Krieg geraten. Sie wissen auch, daß wir 1912 schon an der Grenze 
waren. Wie stellten Sie sich das vor, daß Sie da herkommen würden 
und den Thronfolger umbringen, und Österreich würde nichts tun? 

Princ.: Unser ganzes Unternehmen war vollkommen privater Natur 
und nicht, wie die Anklageschrift sagt, offiziell. Serbien hat damit nichts zu 
tun und kann für unsere Tat nicht zur Verantwortung gezogen werden. 
Um diese weiß in Serbien niemand außer uns und Ciganovic, wie soll 
es also dafür die Verantwortung tragen? 

(Die Verhandlung wird unterbrochen.) 

Forisefeung der Verhandlung. 

Verteidiger Feldbauer: Princip, glaubst du an Gott? 

Princ.: Ich bin Atheist. 

Präs.: Bemerkten Sie bei Ihrer Reise von Belgrad nach Sabec irgend¬ 
welche Verschiebung der Truppen? 

Princ. (lächelnd): Nein. Ich sah keinerlei Truppenbewegung. 


( 


43 


Präs.: Cabrinovic, haben Sie irgendwelche Bewegung bemerkt? 

Cabr,: Es war Mobilisation. 

Präs.: Wie wissen Sie, daß Mobilisation war? 

Cabr.: Im Zuge, in dem wir fuhren, befanden sich Militärpflichtige, 
die sich, wie sie mir sagten, bei ihrem Kommando meldeten. 

Staatsanw.: Hatten Sie die Mittel, sich selbst Waffen zu verschaffen? 

Princ.: Ich wollte nach Hause um Geld telegraphieren und hätte es 
bekommen. Aber auch Cabrinovic hatte etwas Geld, denn er arbeitete 
in der Staatsdruckerei. 

Staatsanw.: Aber damals hatten Sie keins? 

Princ.: Nein; es war vor dem Ersten. 

Staatsanw.: Wollten Sie sich an die »Narodna obrana« wenden? 

Princ.: Ich dachte daran. 

Staatsanw.: Aber warum wollten Sie sich gerade an die »Narodna 
obrana« wenden? Wußten Sie denn, daß Ihnen diese zu einem solchen 
Zweck Geld geben werde? 

Princ.: Ich wollte es tun, weil sie schon so manchem Studenten 
Unterstüßung gewährt hat. 

Staatsanw.: Für Revolver und dergleichen Dinge? 

Princ.: Nein, wir wollten eine Unterstüßung für den Lebensunter¬ 
halt verlangen. 

Staatsanw.: Sie sagten, es habe niemad von der »Narodna obrana« 
auf Sie Einfluß geübt. Woher kommt es also, daß gerade ein Major, der 
in der »Narodna obrana« eine wichtige Rolle spielte. Sie mit Geld 
unterstüßte und Ihnen die Waffen lieferte. 

Princ.: Er hatte durchaus keine Fühlung mit der »Narodna obrana«, 
ja, er stand mit ihr sogar auf feindlichem Fuße. 

Staatsanw.: Das wird bewiesen werden. Tankosic war außerdem, 
daß er einer der Führer der »Narodna obrana« war, auch aktiver Offizier 
der königlich serbischen Armee. Wie kommt er dazu, daß er als eine 
offizielle serbische Persönlichkeit und als höherer Offizier des serbischen 
Heeres Ihnen beim Attentat behilflich ist? 

Princ.: Das ist seine persönliche Sache, die mit Serbien nichts ge¬ 
mein hat. 

Staatsanw.: Wie kommt es, daß Ihnen, gewöhnlichen Leuten, 
Hauptleute an die Hand gehen und Sie samt Ihren Waffen in einen 
fremden Staat überführen? 

Princ.: Das sind einfache Offiziere, und sie handelten auf eigene 
Faust. 

Staatsanw.: Glauben Sie, in unserer Armee würden sich Leute 
finden, die so etwas täten? 

Princ.: Etwas anderes ist unsere Armee, etwas anderes die serbische. 

Staatsanw.: Mit wem sind Sie zuerst bezüglich des Attentats 
übereingekommen? Mit Grabei^ oder Cabrinovic? 



44 


Princ.: Mit Öabrinovic. 

Präs.: Hat sonst noch jemand von den Herren an Princip eine Frage ? 
Die Herren Advokaten ? Nein. Gut. Setjedich! Man führe Grabe?, vor. 

Tryphon Grabe?. 

(Ein Jüngling von mittlerer Größe in dunklem Anzug tritt ein. Der Kopf ist 
groß und bärtig. Er ist schwarz wie ein Zigeuner, hat ein markantes Gesicht 
und lebhafte, schwarze Augen. Sonst macht er den unangenehmsten Ein¬ 
druck unter allen dreien. Er tritt selbstbewußt auf und blickt troßig um sich.) 

Präs.: Sie sind der Trifko Grabe?? Fühlen Sie sich schuldig? 

Grab.: Ja. 

Präs.: Wessen? 

Grab.; Des Attentats. 

Präs,; Erzählen Sie uns also? Wo haben Sie studiert? 

Grab.; In Belgrad. 

Präs.: Haben Sie von Anfang an in Belgrad studiert? 

Grab.; Nein. Ich war am Gymnasium zu Tuzla und wurde von 
da weggeschickt. 

Präs.: Warum hat man Sie aus dem Tuzlaner Gymnasium weg- 
geschickt? 

Grab.: Weil ich dem Professor Truhelka eine Ohrfeige gab. 

Präs.: Was taten Sie dann, als man Sie wegschickte? 

Grab.: Dann war ich etwa ein halbes Jahr zu Hause in Pale®^). 
Mein Vater ist dort Pope, und ich hielt mich bei ihm auf. Dann ging 
ich nach Belgrad, wo ich die 5. und 6. Gymnasialklasse besuchte, 

Präs.: Auf diese Weise haben Sie noch ein Jahr profitiert. 

Grab.: Nein. Ich mußte für die 5. Klasse die Nachprüfung machen, 
dann die Prüfung für die 6., und endlich besuchte ich die 7. Klasse. 

Präs.: Also haben Sie doch ein Jahr profitiert? 

Grab, (rechnet): Jawohl. 

Präs.; Wann wurden Sie vom Tuzlaner Gymnasium weggeschickt? 

Grab.: Am Beginn des Balkankrieges. 

Präs.; Wann legten Sie die leßte Prüfung ab? 

Grab.; Jeßt, um unsere Ostern. 

Präs.; Wie ist das möglich, daß man dort Studenten von hier als 
Privatisten aufnimmt, welche zwei, drei Monate studieren und dann so¬ 
gleich für zwei Klassen die Prüfung machen ? Sind die dortigen Schulen 
vielleicht besser als die unsrigen? 

Grab.: Nein, das ist der Geist des serbischen Unterrichtes. Man 
lernt nicht soviel Latein und Griechisch wie bei uns. Auch ist die 
Materie anders verteilt, und die Lehrer wissen den Unterricht besser 
zu leiten als die unsrigen hier. Zudem sind die Lehrer und Schüler 
dort gebildeter als bei uns. 


18 km von Sarajevo gegen Osten. 



45 


Präs.: Wo haben Sie gewohnt, als Sie in Belgrad waren? Mit 
wem wohnten Sie? Wer waren in Belgrad ihre besten Freunde? 
Welche Kaffeeschänken besuchten Sie? Erzählen Sie uns davon. 

Grab.: Sobald ich nach Belgrad kam, geriet ich sogleich in die 
Gesellschaft Princips. Mit ihm verkehrte ich ausschließlich. Als ich 
das zweitemal nach Belgrad kam — es war das 1913 — , lernte ich 
Cabrinovic kennen. Ich besuchte viele Kaffeeschänken und machte 
daselbst die Bekanntschaft zahlreicher Studenten. Hauptsächlich kam 
ich in das Gasthaus »Zum Eichelkranz« und »Zum Goldfischlein«. 
Solange ich mit Princip verkehrte, wohnten wir auch zusammen und 
wechselten einigemal die Wohnung. In leßter Zeit wohnten wir in der 
Zarigrader Straße. Verjagt aus Bosnien, unserem Heimatland, sprachen 
wir auch über die politische Lage Bosniens und der Herzegowina 
und verfolgten die Tagesereignisse des Landes. Als wir hörten, der 
Thronfolger Franz Ferdinand werde zu uns kommen, entschlossen wir 
uns zum Attentat, da wir wohl wußten, wieviel Böses er und Öster¬ 
reich unserem Volke angetan. Er sollte für Österreich alles büßen. 

Präs.: Wer von euch beiden hat zuerst den Entschluß gefaßt? 

Grab.: Die Idee war grundsäßlich und nicht persönlich. Es ward nur 
beschlossen, daß wir, er und ich, das Attentat auf diese Weise aus¬ 
führen sollten. Ich kam um diese Zeit nach Hause; denn ich hatte in 
Belgrad eben die 7. Klasse vollendet und entschloß mich, auch die 
8. in Belgrad zu besuchen. Zu Hause blieb ich etwa 14 Tage. 

Präs.: Wann haben Sie den festen Entschluß gefaßt, das Attentat 
zu vollführen? 

Grab.: Im Monat April. 

Präs.: Princip wußte also darum, daß Sie bestimmt beim Attentat 
mitwirken werden? 

Grab.: Nein; damals handelte es sich noch nicht darum, ein Atten¬ 
tat gerade an Franz Ferdinand auszuführen. Princip sagte nur, der 
Thronfolger werde nach Sarajevo kommen, und es sei Schuldigkeit der 
Bosnier, ihn gehörig zu empfangen. Sonst wurde damals kein be¬ 
stimmter Plan gefaßt. Als ich das erstemal nach Hause kam, nach Pale, 
gedachte ich mich auf die Prüfung für die 8. Klasse vorzubereiten. Da 
las ich im Blatte »Istina«, der Thronfolger werde hierher kommen und 
hier Manöver abhalten. Das empörte mich, daß er in unserem Lande 
militärische Übungen abhalten wollte, wie er etwa Serbien überfallen 
könnte I und ich entschloß mich, ihn auf jeden Fall aus dem Wege 
zu räumen, 

Präs.: Warum denn gerade ihn? 

Grab.: Weil er überhaupt der böse Geist der Slawen war, ein ent¬ 
schlossener Mann und ein Gegner der großen Ideen des Südslawentums. 
Ein solcher Mensch durfte nicht weiterleben, ein solcher Mensch mußte 
vernichtet werden. 


46 


Präs.: Wie konnten Sie über ihn so urteilen? 

Grab.: Darum, weil ich sah, was in Bosnien geschieht. 

Präs.: Aber er war weder Landeschef noch Herrscher. Wie konnten 
Sie gerade ihn dafür verantwortlich machen, warum gerade ihn? Er 
war nur Armeeinspektor. 

Grab.: Das ist’s gerade. Er muß als Offizier ein Gegner der 
Slawen sein. 

Präs.: Auch jeßt gibt es in unserer Armee eine Menge Slawen, die 
sich tapfer und ehrlich für unsere Monarchie schlagen. 

Grab.: Wenn es solche gibt und wenn sie sich tapfer schlagen, wie 
Sie behaupten, so ist das eine Masse ohne Selbstbewußtsein. 

Präs.: Haben Sie ihn für einen trefflichen Führer gehalten, der 
Serbien Verlegenheiten bereiten könnte? 

Grab.: Nein, ich stellte mich nicht auf den serbischen Standpunkt. 
Hätte ich gewußt, daß solche Folgen daraus entstehen, so hätte ich 
beim Attentat nicht mitgewirkt. 

Präs.: War es Ihr Ideal, daß Bosnien samt der Herzegowina zu 
Serbien geschlagen werden sollte? 

Grab.: Ja, das war mein höchstes Ideal, mochte es sich meinetwegen 
unter einem Königreiche oder einer Republik verwirklichen. 

Präs.: Sie sagten, daß das Volk hier in Bosnien ein elendes Dasein 
friste. Worauf gründen Sie diese Behauptung? 

Grab.: Auf die Erfahrung. 

Präs.: Bitte, Sie sind noch ein junger Mensch, wie können Sie mit 
solcher Bestimmtheit von Erfahrung reden? 

Grab.: Ich spreche aus Erfahrung. Sind denn der Ausnahmezustand, 
die Hochverratsprozesse, das Kommissariat und die Abschaffung der 
serbischen Autonomie nicht Erfahrungen? 

Präs.: Halten Sie sich auch für unschuldig? Sie sagten einmal, daß 
Sie erst in Belgrad auf einmal die elende Lage in Bosnien erkannt 
hätten. 

Grab.: In Belgrad, wo Freiheit herrscht, konnte ich erst unser ganzes 
Elend einsehen und verstehen. 

Präs.: Ja, im Lichte jener Leute, im Lichte der serbischen Zeitungs¬ 
schreiber. 

Grab.: Sowohl der serbischen als auch der kroatischen. 

Präs.: Glaubten Sie, die Südslawen würden von Ihrer Tat irgend¬ 
welchen Vorteil haben? 

Grab.: Ich glaubte, die Südslawen, die am meisten Geld- und Blut¬ 
steuer zahlen, würden wenigstens die allerprimitivsten Rechte erhalten. 

Präs.: Welche sind denn nach Ihrer Auffassung diese allerprimitivsten 
Rechte ? 

Grab.: Ich weiß es selbst nicht recht. 

Präs.: Warum reden Sie denn in Phrasen? Die Serben haben in 


47 


Bosnien ihre autonomen Schulen und alle Rechte wie die anderen 
Staatsangehörigen. 

Grab.: Man verfolgt aber doch die Serben. 

Präs.: Führen Sie mir einige Tatsachen an. 

Grab.: Mit einem kaiserlichen Patent wird alles aufgehoben, was 
das Volk durch 30 Jahre mit schwerer Mühe erreicht hat. 

Präs.: Ihr habt ja alles zurückbekommen, was ihr verlangt habt, die 
autonomen Schulen wurden wieder errichtet, die Vereine wieder eröffnet. 

Grab.: Ja, aber wann! Bis ein Bittgesuch erledigt wird, braucht es 
mitunter ein ganzes Jahr. 

Präs.: Davon ist je^t nicht die Rede. — Glauben Sie an etwas? 
Haben Sie irgendweldien Glauben? 

Grab.: Ja. 

Präs.: Wie können Sie also Ihren Glauben in Einklang bringen mit 
der Vernichtung von Menschenleben ? Denn Sie wissen doch wohl, daß 
das vom religiösen Standpunkte aus eine schwere Sünde ist? 

Grab.: So weit geht mein Glaube noch nicht. 

Präs.: Ihr Vater ist Pope. Welchen Religionsunterricht hat Ihnen 
Ihr Vater gegeben? Hat er in Ihnen religiöse Gefühle genährt? 

Grab.: Freilich wohl, so allgemein im Rahmen des Evangeliums. 
Und das nur, solange ich ein Kind war. Als ich unter die jungen 
Leute kam, ließ ich die Gefühlsreligion fahren und nahm eine nationale 
Religion an. 

Präs.: Gibt es bei den jungen Leuten Religion? 

Grab.: Es gibt gerade keine solche, wie Sie es meinen; aber es 
gibt eine nationale Religion, und das in hohem Grade. 

Präs.: Nun gut; reden Sie also weiter. 

Grab.: Als ich wieder nach Belgrad kam, traf ich Princip und er¬ 
zählte ihm, was ich in den Zeitungen von der Ankunft Franz Ferdinands 
gelesen hatte. Er sagte sogleich, er sei für die Tat bereit. Ich ant¬ 
wortete ihm darauf: »Ich bin es auch.« Princip sagte, auch Cabrinovic 
sei bereit, und er sei gut. Wir entschlossen uns also, das Attentat 
jedenfalls auszuführen. Jegt entstand die Frage, woher die Mittel zur 
Ausführung des Attentats nehmen. Wir mußten uns Waffen verschaffen. 
Princip sprach mir von einem gewissen Ciganovic, dieser werde die 
Waffen für das Attentat beschaffen. Ciganovic war nämlich im serbisch- 
bulgarischen Krieg Komitatschi gewesen und konnte leicht Bomben er¬ 
langen. Als geborener Bosniake willigte er natürlich sogleich ein und 
versprach, uns Bomben zu verschaffen. Er hatte auch mehrere Bomben, 
ich sah sie in seinem Zimmer in seinem Koffer. Dabei blieb es also. 
Wir warteten selbst auf Ciganovic, der uns die Bomben zu geben 
versprochen hatte. Ciganovi6 war wieder im Einverständnis mit dem 
Major Tankosic. Doch dieser ist eine Nebenfigur. Der Hauptschuldige 
dabei, wenn man hier überhaupt von Schuld sprechen will, ist Ciganovid. 


/ 


48 


Als wir die Bomben erhellten hatten, machten wir uns auf. Um nicht 
aufzufallen, reisten wir 20—30 Tage früher von Belgrad ab nach Sarajevo. 

Präs.: Wußten Sie, daß noch jemand am Attentat in Sarajevo teil¬ 
nehmen würde? 

Grab.: Nein. Princip hatte mir nur gesagt, er werde an Ili6 schreiben, 
daß dieser Teilnehmer auftreibe. Ich wußte nicht, daß Ilic mittun werde. 

Präs.: Hat Tankosie den Wunsch geäußert, einen von euch zu sehen? 

Grab.: Ich weiß es nicht. So sagte wenigstens Ciganovic®^). Der 
Auserwählte war ich. Ich saß nämlich einmal in dem Kaffeehaus »Zum 
Goldfischlein«, als Ciganovic kam und sagte, ich möchte ihm zum Major 
folgen. Ich begab mich in dessen Wohnung. Er war nicht zu Hause, 
kam aber etwas später. Da lernte er mich kennen. 

Präs.: Ist er allein gekommen oder mit einem anderen Offizier? 

Grab.: Allein. Ich stellte mich vor, und er sagte: »Bist du bereit?« 
Ich sagte: »Ja.« Er frug nun, ob ich schießen könne. Ich antwortete, 
ich könne es nicht. Darauf fragte er mich: »Wie gedenkst du es aus¬ 
zuführen?« Ich antwortete: »Ich meine, am sichersten ist es mit einem 
Revolver.« Da wandte er sich an Ciganovic und sagte: »Nimm einen 
Revolver und lehre sie auf der Schießstätte schießen.« Am anderen 
Tag gingen wir wirklich hin und lernten schießen. 

Präs.: Hat euch nur Ciganovic schießen gelehrt oder war noch 
jemand anderes dort? 

Grab.: Nur Ciganovic. 

Präs.: Früher sprachen Sie von einem gewissen Moji6, welcher 
ausmaß, wer von euch besser schieße. 

Grab.: Das habe ich widerrufen. 

Präs.: Bei der Untersuchung haben Sie ausgesagt, Ciganovic habe 
besser geschossen als Sie, und Mojic habe das ausgemessen. 

Grab,: Nein, Ciganovic hat gesagt, daß Princip besser schieße als ich. 

Präs.: Was geschah hierauf? 

Grab.; Nachdem wir uns im Schießen gut eingeübt hatten, brachen 
wir nach Sabac auf. 

Präs.: Sind Sie vorher noch bei Ciganovic gewesen? 

Grab.: Ja, er gab uns die Revolver, die Bomben und Zyankali. 

Präs.: Und einen Brief? 

Grab.: Ja, einen Brief mit zwei Buchstaben. 

Präs.: Was geschah weiter? Wie sind Sie gereist? 

Grab.: Wir fuhren mit dem Schiffe nach Sabac. Als wir dort an¬ 
kamen, begaben wir uns in ein Kaffeehaus, wo sich Major Popovi6 
befand. Er spielte an einem Tisch. Wir riefen ihn heraus und sagten 
ihm, wir reisten nach Bosnien und hätten Ursache, es geheim zu tun. 
Auch baten wir ihn, uns, wenn irgendwie möglich, für die Eisenbahn 


Tankosie wünsche einen zu sprechen. 



49 


eine halbe Karte zu verschaffen sowie einen Brief für den Grenz¬ 
hauptmann in Loznica mitzugeben. Alles dies gab er Princip. Wir 
selten uns also in die Eisenbahn und kamen nach Loznica. Dort 
suchten wir einen Hauptmann auf — ich weiß jeßt nicht mehr, wie er 
heißt — und sagten ihm, wir hätten für ihn einen Brief vom Major in 
Öabac und bäten ihn, uns über die Grenze nach Bosnien zu schaffen. 
Er las den Brief durch und sagte uns, er habe einen Mann an der 
Grenze, der uns hinüberbringen werde, wir sollten am nächsten Tage 
kommen. Am anderen Tag saßen wir in einer Kaffeeschänke. Da trafen 
uns drei Finanzer und sagten uns, wir sollten aufs Kommando kommen. 
Einem von ihnen, namens Grbi6, sagte der Hauptmann, er habe uns 
über die Grenze zu bringen. Wir beschlossen nun, Cabrinovic solle 
meinen Passierschein nehmen, der allerdings auf meinen Namen 
lautete, aber der Beschreibung nach auch für ihn paßte. Er sollte 
allein auf Zvornik zugehen, während ich und Princip uns in die 
Finanzkaserne von Ljesnica zu Grbic'^®) begaben, der uns bis zu den 
Inseln begleitete. 

Präs.: Haben Sie in dieser Kaserne übernachtet ? Haben Sie in der 
Kaserne durch das Fenster hinausgeschossen? 

Grab.: Ja. Von da begaben wir uns auf die Isakovic-Insel. Grbic 
suchte nun eine Stelle, von der aus er uns über die Insel auf bosnisches 
Gebiet hinüberführen könnte, aber er konnte nicht sogleich einen Fähr¬ 
mann finden. 

Präs.: Ist da ein Bauer gekommen? 

Grab.: Ich weiß es nicht. Es kam ein gewisser Micic. 

Präs.: Was haben Sie mit ihm gesprochen, als er kam? 

Grab.: Ich sprach mit ihm nichts, da ich sehr müde war. Ich schlief. 
Vor Sonnenuntergang kam der Bauer Jakob Milovic. Er führte uns 
über die Grenze. Die Revolver und die Bomben steckten wir unter 
den Hosenriemen. So gingen wir immer auf Schleichwegen und kamen 
endlich in das Haus des Milosevic. 'Wir fürchteten, die Gendarmen 
möchten uns abfangen, da wir in dieser Gegend durch unsere Zivilkleider 
auffielen, darum ließen wir Jakovljevic und Milosevic die Taschen mit 
den Waffen tragen. 

Präs.: Haben Milovic und Milosevic eure Revolver gesehen? 

Grab.: Ja, ich sagte ihnen aber nicht, wozu wir sie brauchen wollten. 

Präs.: Haben sie gefragt, wozu ihr diese Dinge habt? 

Grab.: Nein, sie trugen nicht, sondern führten uns gleich weiter. Sie 
sagten, wir könnten ruhig weitergehen. 

Präs.: Sonderbar, daß diese Bauern euch, als völlig unbekannten 
Leuten, in allem auf daß bloße Wort folgen. 

Grab.: Milosevic sagte uns, wir sollten uns nicht fürchten, sondern 


Dieser scheint ein serbischer Grenzwächter gewesen zu sein. 

Pharos, Der Prozeß gegen die Attentäter von Sarajevo. 


4 



50 


nur vorangehen. Sie^*) und Jakob Milovic trugen die Bomben. Sie 
gingen voran und wir hinterdrein. Wir holten sie dennoch öfters ein, 
obwohl sie, wie ich sagte, etwa 200 Sdiritte voraus waren, um uns 
gegebenenfalls zu verständigen, wenn etwa Gendarmen in Sicht kamen. 

Präs.: Sagten Sie ihnen, sie sollten vorausgehen? 

Grab.: Ja. Ich drohte ihnen, sie sollten vorausgehen und sich hüten, 
uns zu verraten. 

Präs.: Das ist leeres Geschwä^. Jene Leute waren stärker als Sie 
und hatten dazu noch eure Bomben und Revolver bei sich; sie konnten 
euch überwältigen, wenn sie wollten. Demgemäß begleiteten sie euch 
freiwillig. Erklären Sie mir das einmal! Bringen Sie das in Einklang 
mit Ihrer Aussage, ihnen gedroht zu haben. 

Grab.: Ich glaube, daß jene sich, sobald sie sich in die Sache ver¬ 
wickelt sahen, fürchteten. Wenn sie uns verrieten, würde man sehen, 
sie stehen mit Jakob Grbic in Verbindung, und sie würden deshalb zur 
Verantwortung gezogen. 

Präs.: Bitte, zu konstatieren, daß er sagt, Milovic sei öfter mit Grbic 
in Berührung gekommen. Nach all Ihren bisherigen Aussagen bestand 
unter den Bauern eine gewisse Disziplin, und diese folgten einer 
bestimmten Persönlichkeit aufs Wort in allem, was diese ihnen sagte. 
Nun, gehen wir weiter. Ihr seid weitermarschiert bis zum Dorfe 
Priboj. Was geschah hernach? 

Grab.: Sie wollten uns nach Priboj führen. Doch dort befand sich 
eine Gendarmeriekaserne. Da hätten uns die Gendarmen angehalten 
und visitiert und schließlich noch eingesperrt. Wir redeten darum den 
Bauern zu, mit uns nach Tuzla zu gehen. Doch sie wollten uns nicht 
führen und sagten uns, sie kennen die Wege nicht. 

Präs.: Warum denn gerade nach Tuzla ? Hat euch vielleicht Ciganovic 
gesagt, an wen ihr euch zu wenden habt, wenn ihr nach Tuzla kommt? 

Grab.: Nein. Wir verlangten nur von den Bauern, sie sollten uns 
nach Tuzla führen, aber sie wollten nicht. Wir mußten nun einen 
anderen Führer für Tuzla suchen. 

Präs.: Sagte euch vielleicht Milovid, ihr sollt nach Priboj gehen? 

Grab.: Nein. Wir glaubten, Milovic würde uns nach Tuzla führen. 
Nach Priboj schickten wir die Bauern, um zuzusehen, ob die Gendarmen 
zu Hause seien. Sie gingen voran, kehrten aber bald zurück. Inzwischen 
lagen wir im Gebüsch versteckt, da hörten wir auf einmal Stimmen. 
Princip sprang über den Zaun, sprach ein wenig und rief mich nach 
einigen Augenblicken. Ich kam zu ihm und erblickte einen mir un¬ 
bekannten Mann. Es war, wie ich alsbald erfuhr, der Lehrer Öubrilovi6. 
Ich stellte mich ihm vor, kehrte dann zurück, holte die Bomben und 
Revolver, die in der Tasche waren, und hing sie an den Sattel des 


Nämlich Grbio und Milosevic. 



51 


Pferdes, auf welchem der Lehrer wohl gekommen war. Ich sagte dem 
Lehrer, man solle diese Taschen in die Satteltaschen des Pferdes legen. 
Nun zahlte ich den Milovid aus. C!ubrilovi6 fragte mich: »Was ist da 
drinnen; ich aber antwortete: »Zeit«. Von da reisten wir in Begleitung 
des Lehrers. Er steckte unsere Taschen in die Satteltaschen; der Weg 
ging über Hügelland, bis wir vor dem Hause des Bauern Kerovic halt¬ 
machten. Ich war inzwischen ganz naß und schmu^ig geworden, des¬ 
halb wusch ich mich ab und legte mich zu Bett. Mir war schlecht, 
aber ich schlief dennoch vor Ermüdung ein. Nicht lange darauf er¬ 
wachte ich, mußte mich erbrechen, schlief aber danach wieder weiter. 
Was man während dieser Zeit dort verhandelt hat, davon weiß ich 
nichts; denn, wie gesagt, ich schlief. Näheres darüber erfuhr ich erst 
aus der Anklageschrift. 

Präs.: Was ist dann geschehen? 

Grab.: Wir gingen nun auch von Kerovic fort. 

Präs.: Um wieviel Uhr gingen Sie von Kerovic fort? 

Grab.: Bei Nacht. 

Präs.: Sagten Sie den Bauern, sie sollten schweigen? 

Grab.: Mir kam es so vor, als ob Kerovic die Bomben gesehen 
hätte; deshalb sagte ich ihm: »Hütet euch, zu irgend jemandem davon 
zu sprechen; denn wenn ihr uns verratet, werden nach uns Leute 
herkommen, die stärker sind als eure Gendarmen und Soldaten, und 
diese werden dann alle Männer in eurem Hause erschlagen. 

Präs.: Weiter! Ich habe Sie früher gefragt, ob Sie jemand an den 
Lehrer gewiesen habe, und Sie leugneten es. Bei der Voruntersuchung 
sagten Sie aus, einer der Bauern habe Ihnen nach der Ankunft in 
Priboj gesagt. Sie sollten in die Kaffeeschänke gehen. Sie aber wollten 
nicht. Jedoch schickten Sie den Bauer alsbald zum Lehrer Öubrilovic, 
damit er Ihnen bei der Weiterreise behilflich sei. 

Grab.: Ich weiß nicht, wie das war, denn mir war übel. 

Präs.: Hat euch Cubrilovic einen Brief für jemand mitgegeben, bei 
dem ihr die Bomben lassen könnt? 

Grab.: jÖubrilovic sagte, in Tuzla sei ein gewisser Misko Jovanovic, 
der sein Gevatter sei; derselbe werde wohl unsere Bitte nicht abschlagen. 
Ich weiß überhaupt nicht, was im Hause des Kerovic beschlossen wurde, 
da ich, wie bereits gesagt, schlief. Als wir nach Tuzla aufbrechen 
mußten, weiß ich nur, daß wir uns in einen Wagen seßten, und daß 
wir anfangs auf einem Seitenwege fuhren, bis wir plößlich zur Haupt¬ 
straße kamen. Unterwegs stiegen wir noch einmal vom Wagen, als 
wir nämlich in Lopare zu einer Gendarmeriekaserne kamen, der wir zu 
Fuß auswichen. Später, als wir diese Kaserne im Rücken hatten, ver¬ 
einigten wir uns wieder mit den Bauern und seßten uns auf den Wagen. 
Ich schlief sogleich wieder ein. Um 4 Uhr früh kamen wir vor Tuzla 
an. Wir stiegen vom Wagen, verabschiedeten uns von den Bauern 

4* 


52 


— idi gab dem Stepanovic einen Gulden für Kaffee, und sie fuhren 
mit den Waffen nach Tuzla hinein, um sie dem Misko Jovanovic zu 
geben, während wir uns im Flusse Jala wuschen. Princip kaufte sich 
eine Hose und wechselte die Wäsche. Dann begaben wir uns in den 
serbischen Gesangverein. Dieser hat sein eigenes Lesekasino. Im 
Wartezimmer saß schon ein Bauer; auch Misko Jovanovic war da. 
Wir stellten uns ihm vor, und er führte uns in das anstoßende Zimmer, 
wo der Ausschuß seine Si^ungen abhält. Dort fragten wir ihn be¬ 
züglich der Revolver und Bomben. Er sagte uns, daß die Bauern sie 
richtig abgeliefert hätten. Wir trugen weiter, ob er sie nicht nach 
Sarajevo bringen möchte, da er nicht auffallen werde. Doch darauf 
wollte er durchaus nicht eingehen und schien sehr aufgeregt zu sein. 
Wir baten ihn dann, wenn er schon nicht auf unseren Vorschlag ein¬ 
gehe, die Sachen einige Zeit bei sich aufzuheben, wir würden nach 
einigen Tagen entweder selbst darum kommen oder jemand schicken, 
damit er sie von ihm fortnehme. Jener, der um die Waffen komme, 
werde ihm als Erkennungszeichen eine Schachtel Stephaniezigaretten 
zeigen. Er willigte schließlich ein, die Waffen bei sich aufzuheben. 
Im übrigen sprachen wir mit ihm nichts weiter, denn diese ganze 
Unterredung dauerte etwa 5—6 Minuten. Wir verblieben in Tuzla bis 
zum Abend und fuhren abends mit der Eisenbahn nach Sarajevo. 
Wir reisten gemeinsam, ich, Princip und Oabrinovic. Als wir am 
nächsten Morgen ankamen, trennten wir uns; ich ging heim nach Pale, 
wo ich mich fast bis zum Tage des Attentates aufhielt. Während 
dieser ganzen Zeit weilte ich in Pale und kam nur ab und zu nach 
Sarajevo. 

Präs.: Hatte Ilic inzwischen schon die Bomben und Revolver gebracht ? 

Grab.: 1116 sagte uns, man solle das Attentat aufschieben; denn es 
werde für die Serben schreckliche Folgen haben. Ich sagte immer, das 
Attentat aufzuschieben, habe keinen Sinn, und sollten die Behörden nach 
dem Attentat die Serben verfolgen, so würde gerade dadurch die 
Widerstandskraft des Volkes geweckt. Von mir speziell hatte Ilic die 
Meinung, ich werde das Attentat nicht ausführen; denn ich sei dazu 
nicht fähig. Ferner erzählte er mir, er habe fünf Leute angeworben, 
die bei dem Attentat mitwirken sollten; aber er sagte mir nicht, wer 
diese Leute und was sie seien. Er lebte der Überzeugung, daß ich 
das Attentat nicht vollführen werde; denn ich machte auf seine Vor¬ 
stellungen hin öfter die Bemerkung, es sei besser, das Attentat für 
jegt nicht auszuführen. 

Präs.: Haben Sie, als Sie in den lebten Tagen in Sarajevo waren, 
gehört, daß zugleich mit dem Thronfolger auch seine Gemahlin 
kommen wird? 

Grab.: Ich wußte nicht, daß mit dem Thronfolger auch seine Ge¬ 
mahlin kommen werde, und es war nicht meine Absicht, sie zu töten. 


53 


Ich kam nach Sarajevo am' Tage des Attentats selbst und traf mit 
Cabrinovic zusammen. Er sagte mir, ich sollte um 8 Uhr früh in die 
Konditorei Vlajinic kommen. Dort saß Cabrinovic hinter dem Gitter 
und mit ihm auch Ilic. Ilic gab Cabrinovic eine Bombe und mir eine 
Bombe und einen Revolver. Damals sagte er mir noch, ich sollte das 
Attentat nicht ausführen, sondern für weitere Arbeit in Reserve bleiben. 
Ich sagte ihm, ich werde das Attentat nicht ausführen; aber bei mir 
hatte ich doch beschlossen, es zu tun. Daraufhin trennten wir uns. 
Ich ging fort, Princip aufzusuchen; denn ich wußte, dieser werde auf 
der Lateinerbrücke stehen. Dort suchte ich ihn denn auf. Allein, ich 
fand ihn nicht. Ich sollte bei der Ankunft des Thronfolgers mit der 
Bombe das Publikum in "Verwirrung bringen, Princip konnte dann 
leichter schießen. Ich fand aber Princip nicht am besagten Orte und 
ging weiter gegen das Rathaus zu. Auch da war er nicht, und es kam 
mir schon der Verdacht, Princip sei vielleicht verhaftet. Ich dachte 
hernach, der Chauffeur könnte, falls das Attentat nicht gelinge, zum 
Konak (Palais des Landeschefs) einbiegen. Ich stellte mich also auf 
der Kaiserbrücke auf, dem Plaße, wo der verstorbene Zerajic auf den 
Landeschef gefeuert hatte. Danach aber begab ich mich auf die Lateiner¬ 
brücke. Daselbst war eine große Gruppe von Menschen und auch 
Detektive, die mich musterten. Ich sah darum ein, hier sei es un¬ 
möglich, die Tat auszuführen. Deshalb versuchte ich aufs neue, mich 
zur Kaiserbrücke durchzudrängen; doch es hielt schwer, da sich dort 
bereits eine große Menschenmasse angesammelt hatte. Unterdes fuhr 
der Thronfolger vom Bahnhof heran, die Autos kamen näher; da 
hörte man plößlich die Detonation der ersten Bombe. Ich dachte mir 
sogleich, es sei dies einer der Unsrigen, und zwar dachte ich an Cabri¬ 
novic ; denn ich hielt die anderen für Attentäter von minderer Qualität. 

Präs.: Sie sind besser, nicht wahr? Vielleicht deshalb, weil Sie in 
Serbien waren. 

Grab.: Dann hörte ich, daß die Automobile zurückkamen. Ich dachte, 
meine Gefährten seien schon alle verhaftet, da sich außer Cabrinovic 
keiner gemeldet hatte. Der Thronfolger und seine Begleitung kehrten 
vom Rathaus, und zwar in langsamem Tempo zurück. Ich glaubte, er 
werde, wenn er über die Kaiserbrücke zum Konak einbiege, ein wenig 
anhalten, und ich werde dann bequem schießen können; doch sie 
fuhren direkt weiter. Nach einigen Minuten hörte ich den ersten Schuß. 
Ich überzeugte mich, und man rief auch schon auf den Straßen, der 
Thronfolger sei getötet worden. 

Präs.: Hätten Sie im Falle, daß der Verewigte über die Kaiserbrücke 
gefahren wäre, auf ihn geschossen? 

Grab.: Jedenfalls. Ich trachtete jeßt, mich in Sicherheit zu bringen 
und mich des Corpus delicti, das heißt der Pistole, zu entledigen. Ich 
ging also zu meinem Freunde Slavi'evic, wo ich unbemerkt die Bombe 


54 


und die Pistole unter dern Dachvorsprung versteckte. Von da ging 
ich zum Orte des Attentats und besichtigte die Stelle, wo es verübt 
ward. Ich wußte schon, daß Princip der Täter ist. Ich begab mich von 
da zum Volksvertreter GaSio, der mein Verwandter ist. Ich war ganz 
ruhig und sprach unterwegs mit niemand. 

Präs.: Wußten Sie, daß bei dieser Gelegenheit auch die Herzogin 
zugrunde ging? 

Grab.: Ich hätte es lieber gesehen, daß er an ihrer Stelle Potiorek 
getötet hätte. Gleich darauf kam mir der Gedanke zu fliehen, damit 
man mich nicht auch erwische. Ich kaufte mir einen Sommeranzug 
und ging nach Pale. Am anderen Tag ging ich nach Koran; doch dort 
hielten mich die Gendarmen an, und da ich keinen Paß hatte, verhafteten 
sie mich und brachten mich zurück nach Pale. 

Präs.: Warum haben Sie vor dem Untersuchungsrichter darüber 
ganz anders ausgesagt? 

Grab.: Ich dachte, daß man im Falle meiner Verhaftung mich nicht 
als Mitschuldigen verurteilen werde, sondern als einen, der um die 
Sache wußte und sie nicht verriet. Hier hat man mich auf der Polizei 
visitiert, dazu auf jede Weise gequält, ja, man nahm mir sogar meinen 
Hosenriemen und untersuchte, ob unter ihm Bomben gewesen seien 
und ob sich am Riemen davon nicht Spuren finden .... Auf der Polizei 
wußten sie nichts. Als ich vor das Gericht geführt wurde, stellte mich 
der Untersuchungsrichter Princip gegenüber. Da bekannte ich, daß ich 
beim Attentat mitgewirkt habe. Heute aber, da ich sah, daß jeder 
Attentäter in gleichem Maße schuld ist, sagte ich die volle Wahrheit. 

Präs.: Das werden wir später sehen. Sie verweilten also, wie Sie 
sagten, bis einige Tage vor dem Attentat fortwährend in Pale. Sind 
Sie nicht vielleicht in irgendeiner Angelegenheit vor dem Attentat nach 
Tuzla gereist? 

Grab.: Nein. Darüber befragte mich auch der Untersuchungsrichter ; 
aber das ist nicht wahr. Sie können sich übrigens auch bei den Bürgern 
von Pale überzeugen, daß ich während der ganzen Zeit meines Aufent¬ 
haltes von Pale nicht mehr als einen Tag abwesend war . . . 

Präs.: Waren Sie nicht vielleicht im Einverständnisse mit den 
Studenten in Tuzla? Sie wissen, daß sich dieses Gymnasium durch 
seine hochverräterischen Ideen bei der dortigen Jugend geradezu 
auszeichnet. 

Grab.: Ich war unmittelbar vor dem Attentate nicht in Tuzla. 

Präs, (indem er ihm die Bombe und den Revolver zeigt): Sind das 
Ihre Waffen? 

Grab.: Ja. 

Präs.: Woher haben Sie diese? 

Grab.: In der Anklageschrift wird angeführt, wir hätten sie von der 
»Narodna obrana« erhalten; doch das ist nicht wahr. In Belgrad kann 


55 


man Bomben in einigen Waffenhandlungen bekommen. Auch kann 
man eiserne Panzerschilder erhalten, die dann mit Explosivstoff ge¬ 
füllt werden, 

Präs.: Bitte, in welchen Geschäften werden in Belgrad Bomben ver¬ 
kauft? Doch nicht in jedem? 

Grab.: Nein, aber in einigen Geschäften. 

Präs.: Können Sie uns ein solches anführen? 

Grab.: Je^t weiß ich nicht mehr die Namen dieser Handlungen; 
aber man kann Bomben in jeder größeren Handlung bekommen. Auch 
von den Komitatschis kann man sie leicht erhalten, denn es sind ihnen 
Bomben von den lebten Kriegen übrig geblieben. Es muß also da 
nidit gleich die »Narodna obrana« im Spiel sein. 

Präs,: Einige Zeugen haben jedoch ausgesagt, daß alle Komitatschis 
die übrigen Bomben unter strenger Strafe zurückgeben mußten. 

Grab.: Nein. 

Präs.: Was ist denn das überhaupt: die »Narodna obrana«? Wissen 
Sie das? Erklären Sie es uns ein wenig. 

Grab.: Die »Narodna obrana« ist ein rein kultureller Verein, der 
sich bemühte, im serbischen Volke Kultur und Fortschritt zu verbreiten. 
Zur Zeit des Türkisch-bulgarischen Krieges hat sie viele Komitatschis 
(Freischärler) in die Türkei geschickt. Sie gab den Freischärlern keine 
Waffen, sondern warb nur Leute für die Banden, die der Staat hernach 
bewaffnete. 

Präs,; Sind Sie Mitglied der »Narodna obrana«? 

Grab.: Nein. 

Präs.: Sind Tankosic und Ciganovic deren Mitglieder? 

Grab.; Nein, das heißt Tankosic nicht; er ist sogar der größte Feind 
der »Narodna obrana« und lebte mit ihr in Feindschaft. 

Präs.: Das war ein wenig anders, als Sie hier erzählen. Was sagte 
Ciganovic von Tankosic? 

Grab.: Ciganovic sagte mir bei einer Gelegenheit, Tankosic sei 
wegen einiger Zwistigkeiten der größte Feind der »Narodna obrana« 
und habe sich auch in den Zeitungen mit ihr gezankt. Tankosic war 
zugleich ein großer Feind des PribiCevic. 

Präs.: Sie waren also nicht Mitglied ? Sahen Sie auch die Liste der 
Mitglieder niemals? 

Grab.; Nein. 

Präs.: Haben Sie Zyankali erhalten, um sich zu vergiften? 

Grab.: Nein; Ili6 hatte es irgendwo verloren. 

Präs.: Wie kam das, daß Cabrinovic keinen Revolver bekam? Sie 
waren doch mit Princip und Cabrinovic die schneidigsten, aber nur 
diese Kinder (diese zwei) erhielten einen Revolver? 

Grab.: Wir wollten, da’ß wir unser so viel als möglich seien, um auf 
diese Weise die Unzufriedenheit mehr zur Schau zu tragen. 


56 


Präs.: Hat Ihnen Ciganovic etwas von MiSko Jovanovic gesagt? 

Grab.; Ja, er sagte mir, er sei ein »guter Mensch« und ein tüchtiger 
Arbeiter für das Serbentum. 

Präs.; Wie ist die Landbevölkerung in Serbien gegen Österreich ge¬ 
sinnt? Was denkt sie von Österreich? 

Grab.; Sie ist Österreich nicht gewogen. Sie hält es für einen 
mächtigen Staat; aber das Volk in Serbien ist gegen denselben sehr 
eingenommen, ein entschiedener Gegner und Feind. 

Präs.; Wie kommt es, daß der serbische Bauer sich um Politik 
kümmert ? Der Bauer kümmert sich sonst nur um sich selbst und sein 
Haus. Sie sind demgemäß systematisch zum Hasse gegen unser Land 
erzogen worden. 

Grab.; Der Grund davon ist, daß der serbische Bauer verständiger 
ist als der unsrige. So sind sie in der Schule hierüber besser unter¬ 
richtet worden. 

Präs.; Haben Sie die Grenzhauptleute von Loznica und Ljesnica ge¬ 
fragt, welche Mission Sie haben? Verfahren die serbischen Hauptleute 
mit jedem Studenten so, wie sie mit Ihnen verfuhren? Schmuggeln die 
Finanzer jeden über die Grenze in ein fremdes Land, obwohl sie 
wissen, daß er in schlimmer Absicht Waffen bei sich trägt? 

Grab.; Die serbischen Offiziere sind gleich liebenswürdig mit 
einem jeden. 

Präs.; Sie sagten. Sie wüßten nicht, woher diese Bomben seien, 
während Sie protokollarisch aussagten, sie seien von Kragujevad und 
daß sie erst nach 13 Sekunden explodieren; sie seien deshalb un¬ 
praktisch und schwer zu tragen. 

Grab.; Die Bomben von Kragujevac sind diesen ähnlich. Ob diese 
gerade aus Kragujevac sind, weiß ich nicht, sie sind ihnen aber ähnlich. 
Es gibt mehrere Arten von Bomben. 

Präs.; Hat jemand von den Herren eine Frage zu stellen? 

Naumowicz; Ist es Ihnen bekannt, was der Major Popovic dem 
Hauptmann in dem Briefe schrieb, den er Ihnen für ihn mitgab? 

Grab.; Ich weiß es nicht. 

Naum.; Aber Sie sagten, daß dort geschrieben stand; »Die Grenz¬ 
organe werden gebeten, diesen Leuten keine Schwierigkeiten zu machen.« 

Grab.; Ja, aber das stand auf der Anweisung, die wir für die 
Eisenbahn bekamen. 

Naum.; Aber wie kam es, daß er sie so aufnahm, heimlich über 
die Grenze expedierte, wenn Sie das auch betonten, und das alles nur 
auf Grund dessen, daß Sie sagten. Sie müßten im geheimen über 
die Grenze. 

Grab.; Ich weiß es nicht. 

Präs.; Wären Sie hier zu einem BezirkWorsteher gekommen und 
hätten ihm gesagt, daß Sie Bomben und Revolver bei sich tragen, daß 


57 


Sie heimlich hinüber wollten, so hätte sie der gleich einsperren lassen 
und würde Sie nicht hinübergeschickt haben. 

Grab.: Auch der Fürst Mihajlo wurde von österreichischer Hand 
getötet. • 

Präs.: Sie sagten, daß man in Serbien auch privatim Bomben fabri¬ 
ziere. Führen Sie mir ein Beispiel an: wie heißt die Fabrik, die dort 
im geheimen Bomben verfertigt und sie dann an Studenten verkauft. 

Grab.: Mir ist der Name einer solchen Fabrik nicht bekannt. 

Präs.: Wie wissen Sie dann, daß solche Bomben verfertigt werden? 

Grab.: Das weiß ich. In Belgrad gibt es fünfzig Geschäfte, die 
solche Bomben verkaufen. 

Na um.: Woher wußten Sie, daß Sie sich unterwegs an den Lehrer 
Öubrilovic wenden können? 

Grab.: Milovic sagte uns selbst auf dem Wege, er werde uns zu 
Cubrilovic führen. 

Naum.: Warum sagte Ihr Vater in Pale, als sich das Gerücht vom 
Attentat verbreitete, er habe gleich geahnt, Sie seien auch ver¬ 
haftet. 

Grab.: Weil viele unschuldige Serben verhaftet wurden. Er wußte, 
daß auf mich, als einem Studenten aus Belgrad, leicht der Verdacht 
fallen könne, da auch Princip ein Belgrader Student war. 

Naum.: Sie behaupten, die Taschen zum Transport der Bomben 
und Revolver von einem gewissen MiloSevic geliehen zu haben. Was 
ist mit diesen Taschen später geschehen? Hat Ihnen denn der Bauer, 
der so viel auf seine Sachen hält, diese Taschen so einfach auf Ihr bloßes 
Verlangen hin überlassen? 

Grab.: Wir sagten Jakob Milovic, er müsse uns einen Mann auf¬ 
treiben, der uns die Sachen tragen solle. 

Präs.: Sagen Sie uns, Grabez, sind Sie ein Anhänger des Terro¬ 
rismus ? 

Grab.: Ja. 

Präs.: Sie sagten. Sie hätten den Bauern gedroht. Haben Sie denn 
jedem, dem Sie begegneten, gedroht, er solle Sie nicht verraten? 

Grab.: Wir mußten Gehilfen haben. Wir waren allein, noch jung, 
und das Werk war von riesiger Bedeutung; darum mußten wir auch 
manchem etwas mitteilen, was geschehen konnte, ohne uns ganz zu 
verraten. Das Werk selber verlangte, daß wir Gehilfen hatten; denn 
diese Tat war ihren Folgen nach die wichtigste Tat in der Geschichte. 

Präs.: Wußten Sie, daß Ihre Tat solche Folgen haben werde? 

Grab.: Nein. 

Staatsanw.: Wer sagte Ihnen, daß in Lopare eine Gendarmerie¬ 
kaserne ist? 

Grab.: Wir wußten das schon in Belgrad. Ich hatte eine Spezial¬ 
karte, in der alle Gendarmeriekasernen von ganz Bosnien verzeichnet 


58 


waren. Ich sah, daß es in dieser Gegend nur zwei Gendarmerieposten 
gibt, und daß man da am leichtesten hinüber kann. 

Präs.; Woher haben Sie in Belgrad diese Karte? 

Grab.: Es ist genug, wenn ich Ihnen sage, ich habe sie gehabt. 
Ich habe sie gekauft. Es war eine Spezialkarte. 

Präs.: Kennen Sie einige Bücher, welche die »Narodna obrana« 
herausgab ? 

Grab.: Ich las ihre Statuten und einige Bücher über Gesundheit. 

Premusic: Bitte, erzählen Sie uns, wie sich Misko Jovanovic ver¬ 
hielt, als Sie mit Princip zu ihm kamen, um die Waffen bei ihm in 
Verwahrung zu geben. 

Grab.: Ich sah, daß Jovanovic sehr in Verwirrung geriet, und daß 
er unserem Ansinnen, er möge die Waffen nach Sarajevo bringen, 
nicht entsprechen wollte. Wir konnten ihn kaum dazu bewegen, sie 
für einen oder zwei Tage in Verwahrung zu nehmen. 

(Die Verhandlung wird bis Nachmittag unterbrochen.) 

Nachmittägige Verhandlung am 13. Oktober 1914. 

(Der Senat tritt um 3 Uhr 5 Minuten ein.) 

Präs.: Grabet, treten Sie vor. Was haben Sie in Belgrad von der 
Freimaurerei gehört? Haben Sie überhaupt etwas gehört? 

Grab.: Ciganovic erzählte mir, der Major Tankosic sei Mitglied der 
Freimaurerloge. Von der Freimaurerei weiß ich nur, daß sie irgend¬ 
ein religiöses Fundament hat. 

Präs.: Sind Sie Mitglied dieses Vereins? 

Grab.: Nein. 

Feldbauer: War es Ihnen lieb, als Sie von Ilic erfuhren, es 
werde bei dem Attentat auch ein Mohammedaner mitwirken? 

Grab, (mit besonderer Schadenfreude): Ja freilich, es war mit lieb, 
sehr lieb. Ich dachte, man solle sehen, daß unsere Tat der Ausdruck 
der Unzufriedenheit von ganz Bosnien ist. Auch für die Mohammedaner 
ist das gut. Sie sind ohnehin gegen die österreichische Regierung loyal 
und nur zu loyal! 

Feldb.; Waren Sie entschlossen, den Mehmedbasic zu töten, wenn 
ihm das Attentat geglückt und er gefangen worden wäre? 

Grab.: Ja. 

Präs.: Hatten Sie den Vorsaß, sich zu töten, wenn Ihnen das Attentat 
gelang? 

Grab.: Ja, ich hätte mich in diesem Fall jedenfalls ums Leben 
gebracht. 

Präs.: Hat noch jemand von den Herren eine Frage an den An¬ 
geklagten zu stellen? Nein? Nun gut. Seßen Sie sich dort hinten 
nieder. Daniel 1116 soll hereinkommen. 


59 


Daniel llic\ 

(Es tritt ein ziemlich hochgewachsener, magerer und schlanker Jüngling 
ein. Das runde Gesicht ist bleich, fast bläulich, die Augen blau und ruhig. 
Er ist bartlos und trägt ein gelbliches Gewand. Der ganze Eindruck ist 
armselig.) 

Präs.: Sie sind Daniel Ilic? 

Ili6: Ja. 

Präs.: Fühlen Sie sich schuldig? 

II.: Ja. 

Präs.: Warum? 

II. (schweigt). 

Präs.: Ist Ihnen leid, daß das geschehen ist? 

II. (schweigt). 

Präs.: Ist es Ihnen leid, daß dies geschehen ist, oder nur, weil es 
solche Folgen hatte? 

11.: Ja, es ist mir leid, weil es geschehen ist, und noch mehr wegen 
der Folgen. 

Präs, (blickt ihn an): Nun sagen Sie mir, wo haben Sie studiert, 
wie haben Sie gelebt? und alles, was Sie wissen. 

II.: Ich besuchte die hiesige staatliche Lehrerpräparandie und genoß 
ein Regierungsstipendium. Als ich den Kurs beendet hatte, wurde ich 
in Foßa®®) angestellt. Dort wurde ich krank und reichte deshalb ein 
Gesuch um Entlassung aus dem Dienst ein. Noch bevor dieses erledigt 
war, begab ich mich nach Sarajevo. Dort blieb ich einige Zeit zu 
Hause, bei meiner Mutter, bis ich mich erholt hatte, alsdann trat ich 
in den Dienst bei der »Serbischen Nationalbank«. Hier war ich fünf 
Monate angestellt, dann gefiel es mir nicht mehr, und ich begab mich 
nach Serbien, um dort eine Anstellung zu suchen. Es war im Juli 1913, 
als ich nach Serbien reiste; ich konnte jedoch keine passende Beschäfti¬ 
gung finden, denn es war die Zeit nach dem Balkankrieg; ich kehrte 
deshalb wieder zurück. In Serbien hielt ich mich in Belgrad zwei¬ 
einhalb Monate auf. Ich war wieder krank geworden und verbrachte 
anderthalb Monate im Spital. Als ich es verließ, war ich einige Monate 
ohne Beschäftigung. 

Präs.: Wovon lebten Sie? 

II.: Ich habe in Sarajevo ein Haus. 

Präs.: Sie lebten also vom Ertrage dieses Hauses. 

11.: Ja. Ich und meine Mutter bekamen monatlich 50—60 Kronen an 
Mietszins; davon lebten wir. 

Präs.: Haben Sie jemals von Ihrer Mutter Geld verlangt? 

II.: Ja, aber das geschah selten, denn sie war sehr geizig. Wir 
lebten überhaupt sehr armselig. 


**) Ein Bezirksstädtchen in Ostbosnien. 



60 


Präs.: Gaben Sie ihr mitunter Geld? 

II.: Ja. 

Präs.: Wo waren Sie später? 

II.: Ich war bei dem Blatte »Zvono« (Glocke) angestellt, aber ohne 
Bezahlung. 

Präs.: Demnach haben Sie also seit vorigem Jahr nur auf Kosten 
Ihrer Mutter gelebt? 

II.: Ja. 

Präs,: Bei Gelegenheit der Hausdurchsuchung fand man etwas Geld 
bei Ihrer Mutter. Woher hatte sie dieses Geld? 

11.: Vielleicht hat sie es früher erspart, denn sie war sparsam. Ich 
weiß nicht, woher sie sonst dieses Geld haben könnte. Ich weiß nur, 
daß wir armselig lebten, und daß sie das Geld, wie ich glaube, er¬ 
spart hat. 

Präs.: Welches sind Ihre politischen Ansichten ? Sind Sie ein Freund 
des Gabriel Princip? Stimmten Sie mit seinen Gesinnungen überein? 

II.: Ja, mehr oder weniger. Ich kann es nicht genau sagen. Wir 
stimmten bezüglich des Attentatplanes überein. Ich betrachtete es als 
ein Mittel, gegen die Gewaltmaßregeln zu protestieren. 

Präs.: Sprechen Sie also von Ihren politischen Ansichten. 

11.: Jeßt kann ich nicht mehr davon reden, nachdem ich gegen das Attentat 
tätig gewesen war. Je^tkann ich davon nicht sprechen. (Verwunderung.) 

Präs.: Wenn Sie je^t nicht davon sprechen können, so werde ich 
Ihnen vorlesen, was Sie über Ihre Ideen bei der Untersuchung aus¬ 
gesagt haben. (Er liest): »Wir hielten die in der Monarchie herrschenden 
Kreise für Gegner unserer Ideen und waren deshalb auch gegen den 
Thronfolger Franz Ferdinand, den wir als eingefleischten Vertreter 
jener Kreise betrachteten.« 

II.: Ich habe später darüber eine andere Aussage gemacht. 

Präs.: Sie sagten beim Verhör vom 4. August (1914), Sie seien 
einmal bei dem Mehmedbasic gewesen und seien mit ihm darin über¬ 
eingekommen, daß das Attentat das beste Mittel sei zur Realisierung 
des »Südslawentums« und dessen praktischen Ideen. Darüber haben 
Sie mit dem Mehmedbasic gesprochen, noch bevor der Thronfolger nach 
Sarajevo kam. Jeßt sagen Sie dagegen, daß Sie gegen die Ausführung 
des Attentats gesprochen hätten. Zu welchem Zweck haben Sie sich 
denn damals für das Zustandekommen desselben eingeseßt? 

II.: Ich war in der leßten Zeit gegen das Attentat tätig. 

Präs.: Erzählen Sie uns das also. Sie haben mit dem Mehmedbasic 
Bekanntschaft gemacht und mit ihm gesprochen. Wovon? 

11.: Wir stimmten in dem Gedanken, daß man überhaupt ein Atten¬ 
tat vollführen müsse, vollständig überein. Das war noch früher, als 
man auf den Gedanken kam, ein Attentat auf den Thronfolger aus¬ 
zuführen. Es war beiläufig um unser Osterfest, als ich eines Tages — 


61 


das Datum weiß ich nicht mehr — aus Belgrad einen Brief von Princip 
bekam, in welchem er mir mitteilte, er habe die Absicht, ein Attentat 
auszuführen, und er werde dazu die Waffen haben. 

Präs.; Und daß Sie ihm Gefährten für die Ausführung des Attentats 
suchen sollten, damit ihrer mehr seien? 

11.: Ja, daß ich auch Genossen suchen sollte. Später habe ich solche 
auch gesucht? 

Präs.: Was taten Sie dann? Erzählen Sie uns jeßt ein wenig aus¬ 
führlicher davon. 

11.: Ich traf darauf mit Mehmedbasic in Mostar zusammen. Ich sagte 
protokollarisch aus, ich hätte ihn nach Mostar zur Besprechung ein¬ 
geladen, denn er war in Stolac^*^). Das ist jedoch nicht wahr. Er 
berief mich mit einer Karte nach Mostar, und dort kamen wir zusammen. 
Er brachte mich auf die Idee, es sei gut, ein Attentat auszuführen. Wir 
bestellten uns einander in Mostar ins Hotel Jelic. Hier begannen wir 
sogleich von unseren Angelegenheiten zu sprechen, und daß der Thron¬ 
folger durch Mostar nach Sarajevo kommen solle. Mehmedba§ic 
sagte mir, jeßt solle man die günstige Gelegenheit benußen und ein 
Attentat auf Franz Ferdinand machen. Doch da wir keine Waffen 
hatten, beschlossen wir, nach Serbien um Waffen zu gehen; denn hier 
kann man solche nicht bekommen, zudem sind sie in Serbien billiger. 
Wir entschieden nicht, wer von uns nach Serbien gehen sollte, sondern 
wer sich zuerst zur Reise entschließe, solle melden, er gehe, um die 
Waffen zu holen. Da ich kein Geld zur Hand hatte, konnte ich nicht 
gehen, deshalb beschlossen wir, jeder solle sich für die Reise zu Hause 
vorbereiten und dann dem anderen melden, ob er gehe oder nicht. 

Präs.: Sie glaubten, in Serbien leicht zu Waffen kommen zu können. 
Warum wollten Sie denn gerade nach Serbien gehen und sich der Ge¬ 
fahr ausseßen, bei der Rückkehr mit den Waffen ertappt zu werden? 
Wenn es Ihnen nur um Waffen zu tun war, konnten Sie diese auch 
hier bekommen. Fast jeder schismatische Bauer hat einen Revolver, 
und den konnten Sie von ihm bekommen. Doch Sie zog, wie es scheint, 
ein bestimmter Plan nach Serbien. 

II.: Nein, wir hatten keinen Plan, sondern wollten nur Waffen kaufen. 
Hier hätten wir sie schwerlich bekommen, in Serbien aber leicht; denn 
dort ist der Verkauf von Waffen erlaubt, und sie sind viel billiger als 
hier. Wir dachten bloß, Waffen zu kaufen und dann zurückzukehren. 

Präs.:lDas scheint sehr unwahrscheinlich. Sie sagen. Sie wollten 
nach Serbien reisen, weil die Waffen dort angeblich billiger seien, 
aber Sie hätten für die Reise Auslagen gehabt, und hätten sich Ge¬ 
fahren ausgeseßt, da Sie heimlich, ohne Paß, zu reisen gedachten, und 
das alles nur, um sich Waffen zu verschaffen, die Sie auch hier be- 


"®) Stadt in der südlichen Herzegowina. 



62 


kommen konnten. Sie entstellen da die Tatsachen. Sagen Sie nur die 
Wahrheit, es wird besser sein. 

II.: Wir gingen . . . um auch Bomben zu bekommen. Deshalb 
wollten wir gehen. Ich war auch früher in Serbien, kam in Kaffee¬ 
schänken und sah, daß einzelne Komitatschis sich Bomben zu ver¬ 
schaffen wissen. So gedachte ich, mir von ihnen Bomben zu verschaffen. 
Als ich den Brief von Princip erhielt, schrieb ich dem MehmedbaSic 
und teilte ihm mit, die Waffen würden kommen. Etwa einen 'Monat 
später kam eines Tages Princip zu mir und brachte Waffen, von denen 
er sagte, er habe sie von Ciganovic erhalten. Er sprach auch etwas 
von einem Major Tankosic, aber heute erinnere ich mich nicht mehr 
an die Einzelheiten. 

Präs.: Sagte er Ihnen, er habe mit Major Tankosid gesprochen? 

II.: Ich weiß es nicht genau. 

Präs.: Im Protokoll haben Sie sich noch erinnert. Sie sagten näm¬ 
lich, Princip hätte Ihnen erzählt, er sei beim Major Tankosic gewesen 
und habe mit ihm gesprochen. Tankosic habe ihm noch gesagt, er 
solle sich nach dem Attentat gleich mit Zyankali vergiften, damit man 
um sie nichts wisse. 

II.: Nein, er hat mir dies nicht gesagt, sondern das war nur meine 
Vermutung. 

Präs.: Sie leugnen heute alles, was Sie zu Protokoll gegeben 
haben. Sie können sich allerdings verteidigen, wenn Sie glauben, es 
sei das beste. Doch erzählen Sie weiter. Was^war hernach? 

II.: Einmal kam ich zufällig mit Lazar Gjukic zusammen, dem ich 
im Gespräche die Mitteilung machte, er könne von mir Waffen be¬ 
kommen. Er sagte mir nämlich schon früher, man solle auf den Thron¬ 
folger ein Attentat verüben, wenn er hierher nach Sarajevo komme, 
aber es sei schwer, zu Waffen zu kommen, mit denen man es aus¬ 
führen könnte. Ich sagte ihm: Was die Waffen angeht, ist’s leicht, wenn 
sich nur Leute dazu fänden. So oder ähnlich sagte ich, aber in 
diesem Sinne. 

Präs.: Haben Sie ihm gesagt. Sie suchten einen, der das Attentat 
ausführen möchte. 

11.: Nein. Ich sprach ihm nur von der Möglichkeit des Attentats, daß 
es dazu kommen könnte. 

Br äs.: Was sagte Ihnen Vaso Cubrilovic vom Attentat? , 

II.: Er redete davon, daß man ein Attentat auf den Thronfolger be¬ 
gehen sollte. Ich sagte ihm, ich werde ihm die Waffen dazu liefern. 
Ich hütete mich immer, jemand direkt zum Attentat zu bereden, sondern 
sie sollten sich selbst dafür melden, damit ich im Falle einer Anklage 
nicht der geistige Urheber der ganzen Angelegenheit wäre. 

Präs.: Sagte Ihnen Vaso Öubrilovic gleich, er sei bereit, das Attentat 
auf den Thronfolger zu vollbringen? 


63 


II.: Ja, er sagte mir sogleich, er werde es ausführen, und er warb 
noch den Cvjetko Popovic dazu an. 

Präs.; Kamen Sie irgend einmal mit Cvjetko Popovic zusammen? 

II.: Ja, aber ich sprach mit ihm nicht von dem Attentat. 

Präs.: Was sagte Ihnen Princip von den Waffen? Hat er sie bei 
sich gehabt, als er zu Ihnen kam? 

II.: Sobald Princip ankam, sagte er sogleich, er habe Waffen, aber 
dieselben befänden sich in Tuzla. Er sagte mir, ich müsse nach Tuzla 
zu Misko Jovanovic gehen. Ich sollte ihm bei dieser Gelegenheit eine 
Schachtel Stephaniezigaretten zeigen, dann werde mir jener die Waffen 
einhändigen; denn so sei es vereinbart. 

Ich begab mich wirklich nach Tuzla, wo ich bis dahin nie war und 
ging dort in die Wohnung des Misko Jovanovic. Vor ihm legitimierte 
ich mich mit einer Schachtel Stephaniezigaretten. Bei der Untersuchung 
sagte ich, ich hätte mit Misko Jovanovic über das Attentat gesprochen. 
Doch dem ist nicht so. Als ich später in meiner Gefängniszelle über 
jede Kleinigkeit nachdachte, kam ich zum Schluß, es sei nicht so ge¬ 
wesen. Ich sprach mit dem Jovanovic kein Wort über das Attentat (Ge¬ 
lächter im Saale) .... Ich weiß überhaupt nicht, was ich und Jova- 
novi6 bei dieser Gelegenheit sprachen .... 

Präs.; Aber als Sie nach Tuzla kamen, hatten Sie wenigstens einen 
bestimmten Eindruck von Jovanovic. Hatten Sie den Eindruck, daß 
Jovanovid um das Attentat wußte? 

II.: Ich weiß überhaupt nicht, wie wir uns damals benahmen. Nur 
das weiß ich, daß wir alle beide verwirrt waren, und daß wir nur von 
der Fortschaffung der Waffen sprachen. Ich hielt dafür, er wisse alles, 
und sprach nicht vom Attentat, sondern nur von den Waffen. Das 
Gespräch über das Attentat vermied ich. 

Präs.: Auch über diesen Punkt sagten Sie damals anders aus. Doch 
lassen wir das. Sie können sprechen, wie Sie wollen, sich verteidigen, 
wie Sie wollen, das ist Ihre Sache. Wo haben Sie dann die Bomben 
hingetan? Was ist dann geschehen? 

11.: Jovanovic sagte, er werde die Bomben nach Doboj schaffen, und ich 
übernahm sie dort von ihm. Sie waren in einem Zuckerkarton samt 
den Revolvern. Als ich zur Station Alipasinmost^'^) kam, stieg ich aus 
und seßte mich auf den Ilid^ezug Mit diesem fuhr ich bis zur Station 
bei der Tabakfabrik, und von da mit der Tramway bis zur Kathedrale 
und ging dann nach Hause. Das tat ich, um sicherer zu sein. 

Präs.: Wohin legten Sie dann die Sachen? 

11.; Ich legte sie in ein kleines Kistchen, das ich verschloß, und schob 
es unter den Diwan. 


Die zweite Station vor Sarajevo. 

Ilid2e, ein Badeort bei Sarajevo, zu welchem Lokalzüge verkehren. 


« 


— 64 — 

Präs.: Wer kehrte das Zimmer? 

II.: Meine Mutter. 

Präs.: Konnte sie die Sachen sehen? 

II.: Nein, weil sie im Kistchen und unter dem Diwan waren. 

Präs.: Gut. Sie hatten also für das Attentat den Cubrilovic, den 
Mehmedbasic und den Popovic angeworben. 

II.: Ja, diese waren in Reserve. 

Präs.: Haben Sie sich verabredet, wie Sie sich aufstellen 
würden ? 

II.: Ja. Mehmedbagic sollte bei der Österreichisch-Ungarischen Bank 
stehen. Alle sollten sich nämlich längs des Quai aufstellen; denn wir 
wußten, daß der Thronfolger nach dem Programm diesen Weg nehmen 
werde. Cubrilovic hatte etwas weiter oberhalb zu stehen, beiläufig 
beim Konvikt der Präparandie, noch weiter oben Cabrinovic und Popo¬ 
vic, ganz oben aber Princip und Grabez. 

Präs.: Haben Sie das so angeordnet, oder haben Sie sich so ver¬ 
abredet? 

11.: Wir haben uns so verabredet. 

Präs.: Wie alt mochte nach Ihrer Schälung Mehmedbasic sein. 

II.: Etwa 28 Jahre. Ich schrieb ihm einige Tage vor dem Attentat, 
er möge nicht nach Sarajevo kommen. Ich suchte nämlich damals das 
Attentat zu verhindern. Davon werde ich nun sprechen. Ich schrieb 
nämlich gleich nach der Ankunft des Princip an Mehmedbasic, Princip 
sei angekommen und habe Waffen mitgebracht. Den Brief schickte 
ich mit der Post. Später sah ich ein, das ganze Attentat habe keinen 
Sinn. Ich redete von da an auch öfter mit Princip davon, allein er 
wollte anfangs nichts davon hören, sondern wehrte sich gegen alle Vor¬ 
stellungen. Ich redete ihm unaufhörlich zu, er solle das nicht tun; er 
verteidigte sich noch immer gegen mich, aber schon weniger. All¬ 
mählich schwieg er ganz still, sobald ich davon zu reden anfing, so 
daß ich glaubte, er habe seinen Plan aufgegeben. Ich meldete nun 
dem Mehmedbasic, er solle überhaupt nicht kommen, denn der Plan 
sei fallen gelassen. Er kam aber dennoch. Nun sagte ich ihm, das 
Attentat werde nicht zur Ausführung kommen. Er bemerkte mir 
darauf nur, ich sollte ihm einen Teil der vorrätigen Waffen geben, er 
werde sie mit sich nach Stolac nehmen. 

Präs.: Und was war es dann mit Cubrilovic und Popovic ? Sagten 
Sie ihnen, sie möchten kein Attentat verüben? 

II.: Nicht direkt. Ich hielt sie überhaupt zu einem Attentat für un¬ 
fähig und fürchtete darum von ihrer Seite nichts. Sie verlangten einige 
Tage vor dem Attentat Waffen, um sich zu üben. Ich wollte ihnen 
jedoch bis zum Vorabende des Attentats keine Waffen geben, da ich 
dafür hielt, sie würden doch nichts ausrichten, da sie der Waffenführung 
unkundig waren. Vor dem Attentate kamen wir nachmittags unserer 


65 


Verabredung gemäß bei Bendbasa®®) zusammen, dort gab ich jedem je 
eine Pistole, eine Bombe und Munition. 

Präs.: Hat bei dieser Gelegenheit nicht einer aus der Pistole ge¬ 
schossen? Haben Sie ihnen nicht gezeigt, wie man eine Pistole 
abschießt ? 

11.: Ich erinnere mich nicht mehr. 

Präs.: Erinnern Sie sich nur. Haben Sie ihnen gezeigt, wie man mit 
einer Bombe umgeht? 

II.: Ja. 

Präs.: Und mit dem Revolver? 

II.: Ja, ich zeigte ihnen, wie man ihn lädt. 

Präs.: Also Sie feuerten vor ihnen keinen Schuß ab? 

II.: Nein, sicher nicht. 

Präs.: Waren die Revolver geladen? 

II.: Ja. 

Präs: Wer hat sie geladen? 

II.: Ich weiß es nicht, ich nicht. (Gelächter im Saale.) 

Präs.: Gaben Sie ihnen Zyankali? 

II.: Ja. 

Präs.: Warum gaben Sie es ihnen? Sie sagten uns hier. Sie hätten 
sich bemüht, das Attentat zu verhüten, und gaben jenen am Vorabend 
Revolver und Bomben, unterrichteten sie in der Handhabung der 
Bomben, im Laden des Revolvers und gaben ihnen Zyankali. Gaben 
Sie am Tage des Attentates noch jemand Waffen? 

II.: Ja, ich gab dem Cabrinovic eine Bombe. Ich glaubte jedoch, er 
werde kein Attentat vollführen. 

Präs.: Ach ja! Warum gaben Sie ihm die Bombe? Daß er mit 
ihr nur Aufsehen mache? Nun gut! Sie haben, wie Sie sagen, noch 
früher mit Mehmedbasic gesprochen, man sollte ein Attentat verüben. 
Sie suchten Mittel für die Reise nach Serbien, um auf eigene Faust 
Waffen anzuschaffen. Dann schrieb Ihnen Princip, er werde kommen 
und die zum .Attentat nötigen Waffen mitbringen. Sie nahmen ihn in 
Ihre Wohnung auf und reisten zu Misko Jovanovic, um die Waffen 
nach Sarajevo zu bringen. Sie warben junge Leute an zur Ausführung 
des Attentates, gaben diesen Waffen und unterwiesen sie in deren 
Gebrauch. Am Tag des Attentates selbst gaben Sie dem Cabrinovic 
die Bombe. Und je^t auf einmal sagen Sie, Sie hätten das Attentat 
zu verhüten getrachtet. Warum haben Sie nicht selbst das Attentat 
ausgeführt, wenn Sie schon davon sprachen, sondern haben sich hinter 
Kindern versteckt. 

II.: Weil ich gegen das Attentat auf den Thronfolger war. 

Präs.: In Ihrer Aussage vom 4. August sagten Sie, Sie hätten sich. 


*“) Ein türkisches Kaffeehaus an der östlichen Stadtgrenze. 

Pharos, Der Prozeß gegen die Attentäter von Sarajevo. 


5 



66 


als Princip schrieb, er werde Waffen bringen, an Mehmedbasic erinnert 
und ihm darüber auch geschrieben. Sie taten also alles mögliche nur, 
daß das Attentat gelinge, aber nichts dagegen. Hätten Sie gewünscht, 
daß es nicht gelinge, so konnten Sie die Sache anzeigen. 

11.: Ich wollte auf diese Aussage zurückkommen; denn es sieht nach 
ihr aus, als wäre ich für das Attentat gewesen; allein diese Aussage 
machte ich in den ersten Tagen, da ich noch sehr aufgeregt war. 

Präs.: Sagen Sie uns wenigstens die volle Wahrheit. Haben Sie, 
als Sie den Popovic und Öubrilovic zum Bendbasa führten und ihnen 
die Revolver gaben, haben Sie, frage ich, damals aus einem Revolver 
in einem Tunnel einen Schuß abgefeuert? Bei dieser Gelegenheit 
sollen Sie gesagt haben: »Wohin dieser trifft, da gibt es kein Leben 
mehr.« 

II. (neigt ein wenig den Kopf auf die Seite, als ob er nachdächte. 
Im Saale herrscht einige Augenblicke erwartungsvolle Stille): Ich erinnere 
mich nicht! (Murren.) , 

Präs. Sie erinnern sich heute an nichts! (Gegen Princip): Princip! 
hat Sie Ilic irgend einmal vom Attentat abwendig machen wollen? 

Princ.: Ja. Er redete mir ab und sprach mir unmittelbar vor dem 
Attentat zu, es nicht auszuführen; denn es habe keinen Sinn, und das 
serbische Volk werde danach nur unter Verfolgung leiden. Ich ver¬ 
teidigte mich anfangs, indem ich antwortete: »Was man niederdrückt, 
springt um so mehr in die Höhe;« später antwortete ich nicht mehr 
darauf. Als er sah, ich habe aufgehört zu reden, hörte auch er auf. 

Präs, (gegen Ilic): Haben Sie denn auch den Grabet beredet, das 
Attentat nicht auszuführen? 

II. (freudig): Ja, freilich! 

Präs, (gegen Grabez): GrabeJ;, ist das wahr, was er sagt? 

Grab.: Ja. 

Princ.: Ich sagte beständig, ich werde nie von meinem Plan ab¬ 
stehen, dann wurde es mir zuviel, und ich sagte nichts mehr. 

Präs, (gegen Princip): Sehen Sie, wie er je^t die ganze Sache 
umdreht! 

Princ. (entschieden): Seine Sache ist es, sich zu verteidigen, wie 
er will, und ich sage, wie es ist (sefet sich). 

Naumovicz: Cvjetko Popovid sagt ausdrücklich. Sie hätten beim 
Tunnel mit dem Revolver geschossen. Wie hängt das zusammen? 

II.: Ich habe nicht geschossen. 

Naum.: Sie sagten: »Wen diese Kugel trifft, der lebt nicht mehr.« 

II.: Ich habe nicht geschossen und konnte das auch damals nicht 
sagen. 

Feldbauer: Ich bitte Sie, Princip wohnte bei Ihnen. Zahlte er 
Ihnen etwas für die Wohnung? 

II.: Für einen Monat. Ich weiß nicht, hat er etwas dafür gegeben? 


67 


Hat er der Mutter etwas gegeben ? Ich weiß es nicht. Mir gewiß nicht. 
Ich habe die Mutter nicht gefragt. 

Premu§i6: Kannten Sie den Gioko Baiic? 

II.: Nein. 

Dr. Perisic: Haben Sie den Grabe2 nach Hause geführt, als Sie 
ihm die Bombe gaben? War das an jenem Morgen, an dem das 
Attentat stattfand? 

II.: Ja. 

Periö.: Haben Sie dem Popovi6 gesagt, welche Folgen dieses Attentat 
für das serbische Volk haben werde? 

11.: Nein. Ich dachte, er werde weder Bomben werfen noch schießen. 
Mit ihm habe ich überhaupt nie geredet, außer am Vorabend des 
Attentats. Ich nahm ihn überhaupt nur deshalb, weil ich keinen anderen 
hatte. 

Peris.: Um damit Staffage zu machen. (Gelächter.) 

Malek: Haben Sie für Cubrilovic einen anderen gesucht, der Lust 
hatte, ein Attentat auszuführen? 

II.: Nein. 

(Der Präsident ordnet eine Pause an.) 

Pause. 

(Nach der Pause eröffnet der Präsident die Verhandlung um 4^/4 Uhr.) 

Präs.: Wo waren Sie im Moment des Attentates. 

II.: An der Ecke der Öumurjagasse. 

PremuSic: Wie oft waren Sie in Ihrem Leben in Tuzla? 

II.: Damals das erstemal, als ich zu Misko Jovanovic wegen der 
Waffen ging. 

Premug.: Sie haben sich mit Politik beschäftigt. Kannten Sie den 
Stojanovic? 

II.: Ja, aber nicht näher. 

Präs.: Wie reisten Sie von Sarajevo nach Doboj? 

II.: Mit der Eisenbahn. 

Präs.: Wann war das? 

II.: Ich weiß es nicht. 

P r e m u g.: Sie sagen heute nur: Ich weiß es nicht; aber damit werden 
Sie nur den anderen schaden. Sagen Sie mir, ich bitte Sie als Ver¬ 
teidiger, haben Sie mit Misko Jovanovic vom Attentat gesprochen, als 
Sie bei ihm waren? 

II. (schweigt): Ich erinnere mich nicht. (Unwille im Saal.) 

Präs.: Zu welchem Zwecke sind Sie einige Tage vor dem Attentate 
nach Brod gereist? 

II.: Ich weiß es selbst nicht recht. Damals kam mir der Gedanke, 
beim Attentat überhaupt nicht mitzutun. 


5 


68 


Präs.; Wann kam Ihnen ein solcher Gedanke? 

II.: Gleich als der Brief von Princip ankam. 

Präs : Ja, aber Sie gingen doch schon am anderen Tag aus, Gefährten 
zu suchen? 

II.: Ja, damit wir unsrer so viel als möglich wären. 

Präs.: Warum kehrten Sie von Brod nach Sarajevo zurück, wenn 
Sie wollten, es solle nicht zum Attentat kommen? 

11.: Ich kehrte deshalb zurück, um auch die anderen davon abzubringen. 

Feldb.: Warum trug der MiSko die Waffen bis Doboj? 

II.: Weil ich fürchtete, die Polizei könnte mich als eine in Tuzla un¬ 
bekannte Persönlichkeit abfangen. Ich wollte anfangs mit ihm in den 
Zug gehen; aber später beschloß ich, es sei besser, daß er die Waffen 
nehme und sie aus Tuzla fortschaffe, ich sie aber in Doboj übernehme 
und nach Sarajevo bringe. 

Premus.: Wollte er nach Doboj selbst in eigenen Angelegenheiten 
gehen, oder haben Sie ihn darum gebeten, daß er gehe? 

II.: Ich weiß es nicht. 

Präs.: Hat noch jemand von den Herren irgendeine Frage an den An¬ 
geklagten zu stellen? Niemand. Hat jemand von euch noch etwas zu 
sagen? Keiner? Gut, se^en Sie sich. Vaso Öubrilovic soll hereinkommen. 

Vaso Cubrilovic. 

(Ein kleingewachsener junger Mensch, kurz geschoren, der Kopf rundlich, 
die Nase hakenförmig und nach unten gebogen. Die Augen sind klein 
und schlau. Er sieht sich schnell nach allen Seiten um. Er macht den 
Eindruck eines Zinzaren. Der ganze Ausdruck des Gesichtes ist sehr un¬ 
sympathisch und unverschämt. Er trägt einen leichten Sommeranzug von 
heller Farbe.) 

Präs.: Sie sind Vaso Cubrilovic? 

Cubr.: Ja. 

Präs.: Fühlen Sie sich schuldig? 

Cubr.: Ja. 

Präs.: Wessen sind Sie schuldig? 

Cubr.: Daß ich den Thronfolger Franz Ferdinand umbringen wollte. 

Präs.: Und die Herzogin? 

Cubr.: Sie nicht. 

Präs.: Erzählen Sie uns, wie Sie als ein 17jähriges Bürschchen auf 
die Idee kamen, den Thronfolger Franz Ferdinand umzubringen. 

Cubr.: Warum soll ich Ihnen das erzählen? Was ich sagte, das 
wissen Sie aus der Voruntersuchung. 

Präs.: Ja, aber auch die übrigen müssen es wissen, denn das ist 
eine öffentliche Untersuchung. Hatten Sie in der Schule irgendeinen 
Verein? 

Öubr.: Ja, wir hatten einen literarischen Verein. 


69 


Präs.: Wie dachten Sie über das Südslawentum? 

(5 u b r.: Unter der Idee des Südslawentums stellte ich mir die politische 
Einheit der Kroaten und Serben vor, 

Präs.: Wenn Sie die Idee der Vereinigung hatten, wie glaubten Sie, 
diese durchzuführen? 

Öubr.: Ich glaubte sie durch Attentate herbeiführen zu können. 

Präs.: Warum gerade durch Attentate? Erklären Sie uns Ihre 
Denkungsart. 

Öubr,: Durch Attentate wegen des Druckes, der auf unser Volk 
durch den Ausnahmezustand ausgeübt wurde. 

Präs.: Bitte, wie bringen Sie den Ausnahmezustand in Verbindung 
mit Franz Ferdinand? Er hat ihn nicht eingeführt, er ist ja nicht 
Herrscher. 

Öubr.: Er war in der Monarchie der faktische Herrscher. Er hatte 
den größten Einfluß auf die Verhältnisse in Österreich. 

Präs.: Sind Sie Serbe oder Kroate? 

Öubr.: Ich bin Serbokroate. 

Präs.: Erklären Sie uns, was das heißt: Serbokroat. 

Öubr.: Das heißt, ich bin alles, ich bin Serbe und Kroate, ich muß 
arbeiten für die Serben und für die Kroaten. 

Präs.: Sind Sie Nationalist? 

Öubr.: Ja. 

Präs.: Sagen Sie uns, was heißt das: Nationalist? 

Öubr.: Das heißt, daß man das Volk auf die Stufe bringt, auf der 
es stehen muß. 

Präs.: Bei der Voruntersuchung haben Sie darüber ein wenig anders 
gesprochen. Sie sagten. Sie seien ein Nationalist, und das Ziel der 
Nationalisten sei, daß sich die Serben, Kroaten, Slowenen und Bulgaren 
zu einem Staate vereinigen. 

Öubr.: Ja, das habe ich gesagt. 

Präs.: War das das Ziel Ihres ganzen Vereins? 

Öubr.: Das ist nicht das Ziel unseres Vereins, und ich weiß nicht 
einmal, welches Programm dieser hatte. Das ist meine persönliche 
Ansicht. 

Präs.: Nun gut, erzählen Sie uns, wie es kam, daß Sie in das 
Attentat verwickelt wurden. 

Öubr.: Als ich hörte, der Thronfolger werde kommen, kam ich auf 
den Gedanken, ihn umzubringen. Ich kam einmal mit Gjukic zusammen 
und sagte ihm, man solle den Thronfolger töten; er aber antwortete: 
Dazu fehlten die Leute. Ich erwiderte, die Leute seien schon da, man 
solle ihn nur empfangen. 

Präs.: Wieso, empfangen ? Empfangen heißt auch feierlich empfangen. 

Öubr.: Nein, er wußte sogleich, was ich meine, wie ich ihn emp¬ 
fangen würde. 


70 


Präs.: Was sagte er Ihnen darauf? 

Cubr.: Er sagte, er werde mich mit einem Mann bekannt machen, 
der dazu die Mittel habe. Später machte er mich gelegentlich mit Ili6 
bekannt. Er verließ uns bei dieser Gelegenheit, um einen Gang zu 
machen; ich blieb bei Ilic und ging mit ihm spazieren. Wir redeten 
von unseren Verhältnissen, allein vom Attentat sprachen wir nichts. 
Ich sagte Ilic nur das eine, ich werde beim Attentat mitwirken, worauf 
er nur antwortete: »Gut!« 

Präs.: Sagte Ihnen Ili6 bei dieser Gelegenheit, daß er schon Waffen 
habe, oder daß er sie erst bekommen werde? 

Ö u b r.: Er redete nichts davon; nur bemerkte er, ich werde Waffen 
erhalten. 

Präs.: Sie sagten bei dieser Gelegenheit, daß das offizielle Serbien 
die Waffen aufbewahre, daß es schwer sei, diese zu erhalten, und daß 
Serbien sie nicht hergebe. 

Cubr.: Ja. 

Präs.: Ilic, kommen Sie her! Haben Sie gesagt, das offizielle Serbien 
und seine Kreise geben die Waffen nicht her? 

Ilic: Ich habe von diesem Attentat schon so viel gesprochen, daß 
ich je^t positiv davon nichts mehr weiß. Vielleicht sagte ich das, 
vielleicht hatte ich damals schon Waffen und wollte ihn auf diese Weise 
vom Plan des Attentats abbringen, wenn ich ihm sagte, die offiziellen 
Kreise Serbiens geben die Waffen nicht her. Ich hatte keinen Grund, 
das zu behaupten, und wenn ich es schon sagte, so tat ich es, um ihn 
von seinem Plan abzubringen und ihn hinters Licht zu führen. 

Präs.: Gut, se^en Sie sich. Was geschah weiter? 

Öubr.: Ilic sagte mir, aber ich weiß nicht genau, ob er geradeso 
gesagt hat, er brauche noch einen Gefährten. Ich weiß es nicht sicher, 
ob er so gesagt habe. Ich kannte in Sarajevo nicht viel Kameraden, 
sondern nur Cvjetko Popovi6. Er hatte dieselben Ansichten wie ich 
und war mit Pjanic in Haft gewesen. Mit ihm sprach ich also und 
fragte ihn, ob er beim Attentate mitwirken wolle. Er war sogleich 
dazu bereit. 

Präs.: Wann erfuhren Sie, daß die Bomben in Sarajevo seien? 

Cubr.: Einige Tage vor dem Attentat selbst. 

Präs.: Wann haben Sie die Waffen in Empfang genommen? 

Cubr.: Am Tag vor dem Attentat. 

Präs.: Wie war das? 

Cubr.: Ilic sagte uns, wir sollten an diesem Tag zum Bendbaga 
kommen. Wir gingen auch hin, nämlich ich und Popovic, und trafen 
daselbst Ilic. Mit ihm gingen wir ein wenig weiter in den Park bis 
da, wo die Badeanstalt ist. Dort gab uns Iii6 die Bomben und die 
Revolver. Er unterwies uns in der Handhabung derselben, zeigte uns, 
wie man mit den Bomben verfährt und wie man aus einem Revolver 


71 


schießt. Dann feuerte er im Tunnel bei der Ziegenbrücke einen Schuß 
aus dem Revolver ab. 

Präs.: Warum schoß er mit dem Revolver? 

C u b r.: Er feuerte zwei Schüsse ab und gab den Revolver Popovic 
zurück, 

Präs.: Ilic, haben Sie gehört, was dieser sagt? Ist das wahr? 

Ilic (steht auf): Möglich, ich gebe die Möglichkeit zu, daß ich einen 
Schuß abfeuerte. 

Präs.: Nicht »möglich«, sondern es ist wahr oder nicht wahr. 

Ilic; Ich weiß es nicht. Möglich, daß ich schoß, möglich, daß ich es 
nicht tat. 

Präs.: Früher haben Sie ausdrücklich gesagt. Sie hätten nicht ge¬ 
schossen, je^t geben Sie die Möglichkeit zu, geschossen zu haben. ; Wie 
verhält sich das? 

Ilic: Ich erinnere mich nicht daran. 

Präs, (gegen den Schriftführer): Lesen, Sie ihm vor, was er früher 
hierüber gesagt hat. 

Schriftf.: Im Tunnel habe ich nicht geschossen. 

Präs, (gegen Cubrilovic): Als man Ihren Revolver fand, fehlte eine 
Kugel. Im Augenblick, als Öabrinovic die Bombe warf, hörte man 
einen Schuß. Aus wessen Revolver feuerte Ilic beim Tunnel einen 
Schuß ab? 

Cubr.: Aus dem des Popovic. 

Präs.; Haben Sie jemand anderen in Sarajevo erzählt. Sie hätten die 
Absicht, ein Attentat auszuführen? 

Cubr.: Ich fragte noch vor dem Attentat Kalember, ob ich bei ihm 
einige Sachen aufheben könnte. Er sagte es mir zu. Später teilte idi 
ihm mit, es sei eine Bombe und ein Revolver. Er sagte mir darauf, 
er wolle sich in diese Angelegenheit nicht einmischen. 

Präs.: Sagten Sie ihm, wozu Sie diese Bombe und diesen Revolver 
brauchen wollten? 

Cubr.: Ja. 

Präs.: Sagen Sie uns, mit welchen Worten Sie ihm das mitteilten. 
Sagten Sie ihm ausdrücklich, daß sie damit ein Attentat auf Franz 
Ferdinand ausführen würden? 

Cubr.: Nein. Ich sagte es ihm nur so, daß er mich verstand. 

Präs.; Haben Sie etwas Derartiges noch einem andern gesagt? 

Cubr.; Ja, dem Perina. 

Präs.: Was sagte er? 

Cubr.: Er erschrak und sagte, er getraue sich nicht, solche Dinge an¬ 
zunehmen. 

Präs.: Haben Sie mit noch jemand davon gesprochen, daß Sie ein 
Attentat ausführen würden? 

Öubr.: Ja, mit Zagorac und Kalember. 


72 


Präs.: Was war mit dem KranjCevic? Sie baten ihn, die Bombe 
und den Revolver bei ihm lassen zu dürfen. 

C u b r.: Davon weiß ich nichts. Popovid sprach mit ihm davon und 
ich willigte ein, sie bei ihm zu lassen, falls es not täte. 

Präs.: Wo standen Sie, als das Attentat vorfiel? 

Tubr.: Vor dem Hause des Dimovic^o). 

Präs.: Wollten Sie auf den seligen Thronfolger schießen, als sich 
das Auto näherte? 

Oubr.: Nein. 

Präs.: Warum nicht? Sie standen dort bewaffnet in der Absicht, 
ein Attentat auszuführen. 

(^ubr.: Weil ich sah, daß auch die Herzogin bei ihm war. Ich sah 
gut, wie die Bombe geschleudert wurde und sprang beiseite, damit sie 
mich nicht treffe. 

Präs.: Wann gaben Sie das Attentat auf? Erst je^t, an dieser Stelle, 
oder früher? Haben Sie sonst immer den festen Entschluß gehabt, das 
Attentat auszuführen? 

Cubr.: Ich stand davon erst an jenem Pla^e ab. Ich war immer 
fest entschlossen, das Attentat auszuführen, allein ich wußte nicht, daß 
auch die Herzogin dabei sei. Ich glaubte, sie nicht an seiner Seite zu 
sehen. 

Präs.: Sie haben aber bei der Voruntersuchung ausgesagt, es sei 
Ihnen auch um den Erzherzog leid gewesen, als Sie ihn sahen, und 
Sie hätten es deshalb aufgegeben. 

Cubr. (streckt sich plö^lich nach vorn): Um ihn? Nein, um ihn war 
es mir nicht leid. (Entschlossen und tro^ig): Nicht um ihn, sondern 
um sie. 

Präs.: Ich bitte Sie, Sie verwahren sich ja gegen die Idee, daß Ihnen 
auch um den Erzherzog leid war, so energisch, als hätte ich Ihnen 
damit eine Beleidigung gesagt. 

Cubr.; Jawohl. (Bewegung im Saal.) 

Präs, (liest ihm die Aussage aus dem Untersuchungsprotokoll vor): 
»Als ich ihn sah, dauerte er mich.« 

Cubr.: Ich sagte: »Sie dauerte mich,« nicht er. Vielleicht hat mich 
der Untersuchungsrichter falsch verstanden. Ihn habe ich nicht schonen 
wollen. 

Präs.: Was war es mit dem Gjukic, Kalember und Forkapic? Diese 
lachten ein wenig und sagten, man solle Sie der Polizei anzeigen, um 
so 200 Kronen Prämie zu erhalten. 

Cubr.: Ich weiß nicht, wie es mit ihnen war. Einmal begegnete ich 
ihnen auf dem Spaziergange am Quai, bei welcher Gelegenheit sie 
etwas lächelten. Nun weiß ich nicht, haben Sie davon geredet, man 


Am Appelquai in Sarajevo. 



73 


solle das Attentat anzeigen und die Prämie bekommen, oder man solle 
die Studenten als Täter anzeigen, um deutsche Firmenzu foppen; 
denn damals brachte der »Hrvatski Dnevnik«'*^) eine Polizeikundmachung 
von der ausgese^ten Prämie. 

Präs.: Hatten Sie an diesem Abend den Revolver in der Tasche? 

Cubr.: Ja, Perina konnte ihn greifen. 

Präs.: Sie sagten ihm, er sollte am Sonntag nicht am Quai stehen 
bleiben, denn es werde ein Attentat ausgeführt. 

Ö u b r.: Ja, ich sagte ihm, er solle dort nicht stehen; denn es werde 
zu einem Attentat kommen. Vielleicht sagte ich ihm, daß wir mehrere 
wären, und daß er sich darum nicht auf den Quai begeben solle. 

Präs.: Erzählen Sie uns, was weiter geschah. Haben Sie sogleich 
nach dem Attentat jemand von Ihrer Kameradschaft gesehen? 

Öubr.: Ja, ich sah Perina. 

Präs.: Sind Sie mit ihm später zusammengetroffen? 

Cubr.: Nein, ich traf mit ihm nicht zusammen, sondern ich habe ihn 
nur gesehen. Erst am zweiten Tag nach dem Attentat kam ich mit 
ihm zusammen. 

Präs.: Sie sagten damals zu Perina, Sie hätten aus dem Revolver 
geschossen, als die Bombe geworfen wurde. 

Cubr.: Ja, aber nur zum Spaß. 

Präs.: Haben Sie außer den Patronen, die im Revolver waren, auch 
noch andere bekommen? 

Cubr.: Ja. 

Präs.: Hatten Sie irgendwelche Verbindung mit Serbien? 

Cubr.: Nein. 

Präs.: Wußten Sie, daß mehrere Personen in diese Angelegenheit 
verwickelt waren, und daß sich darunter auch Princip und Cabrinovic 
befanden? 

Cubr.: Nein. 

Staatsanw.: Wie wurde Forkapic in diese Angelegenheit verwickelt? 
Was sagte er am Quai? 

Cubr.: Zur selben Zeit wurden von gewissen deutschen Kreisen 
Bestechungssummen ausgeseßt. Da machte er die Bemerkung, man 
könnte jeßt von der Polizei 300 Kronen bekommen, wenn man jene 
anzeigte, die diese Firmen bestechen. Doch ich weiß nicht recht, ob 
er vom Attentat redete, daß man es anzeigen solle, oder von der Be¬ 
stechung deutscher Firmen'*^). 

Zisler: Sind Ihre Eltern noch am Leben? 

Cubr.: Nein. 

■*0 Hiermit bezeichnet C. die bosnische Landesregierung. 

Kroatisches Tageblatt in Sarajevo. 

Unter deutschen Kreisen (Firmen) versteht er wieder die Regierung, unter 
Bestechungssummen die ausgeseßten Polizeiprämien. 



74 


Zisler: Wer erhält Sie also? 

Cubr.; Meine Geschwister, 

Zisler: Was für ein Student waren Sie? 

Cubr.: Bis zum Serbisch-türkischen Krieg war ich ein guter 
Student, nach demselben ein schlechter. In der Mathematik fiel 
ich durch. 

Zisler: Sie sagten zur Wache, daß Sie am Ende des zweiten 
Semesters die zweite Klasse bekämen, und daß Ihnen dann schon nichts 
mehr an Ihrem Leben gelegen war. Ist das wahr? 

Öubr. (schweigt). 

Präs.: Haben Sie während der ganzen Zeit, seit Sie auf die Idee 
des Attentats kamen, auch die Absicht gehabt, es auszuführen,, oder 
haben Sie den Plan aufgegeben und wieder aufgenommen? Wie 
war das? 

Cubr. (tro^ig): Ja, ich hatte während der ganzen Zeit den Plan. 
Doch endlich entschloß ich mich fest. Die Ursache davon war, daß 
man bei der Ankunft des Thronfolgers in Ilid^e die serbischen und 
kroatischen Fahnen einzog. 

Präs.: Wie denken Sie von der Religion? Sind Sie Atheist? 

Cubr. (lacht): An Gott glaube ich allerdings; ich glaube alles. 

Präs.: Hätten Sie nur ein wenig Glauben gehabt, so hätten Sie nicht 
einen Totschlag verübt. Sie wissen doch wohl, daß der Glaube den 
Totschlag verbietet? 

Cubr. (heftig): Und, wer Millionen von Menschen auf den europäi¬ 
schen Kriegsschauplä^en tötet? 

Präs.: Daran sind Sie schuld. 

Cubr. (auffahrend): Nicht wir, sondern solche Menschen, wie der 
Thronfolger war. Ich kann ihn als Menschen bedauern, aber nicht als 
österreichischen Thronfolger. (Lautes Murren im Saale; der Präsident 
fixiert ihn einen Augenblick, dann wendet er sich ab): Hat jemand von 
den Herren noch eine Frage an ihn zu stellen? 

Zisler: Was ist das: Serbokroat? 

Cubr. (verwundert): Was das ist, Serbokroat? Doch ein und das¬ 
selbe Volk, da wir die nämliche Sprache sprechen. 

Zisler: Sie bringen da allerlei durcheinander. Sie sprechen zuerst 
von den Südslawen, dann von den Serbokroaten, und die Staatsanwalt¬ 
schaft klagt Sie an. Sie hätten die Absicht gehabt, gewisse Territorien 
von der österreichisch-ungarischen Provinz abtrennen zu wollen, 

Cubr.: Mir ist es gleich, ob Bosnien unter Österreich oder Serbien 
ist; mir ist nur daran gelegen, daß es unserem Volke gut geht, daß 
man mit dem Volke gut verfährt. 

Zisler: Glaubten Sie, bei der Ausführung des Attentats auf diese 
Weise Ihr Ziel zu erreichen? 

Cubr.: Ich weiß es nicht. 


75 


Zisler: Kennen Sie wenigstens im großen und ganzen die staatliche 
Zusammenseßung der österreichisch-ungarischen Monarchie? 

Cubr.: Ich kann sagen, daß in der Monarchie nur die Ungarn und 
die Deutschen herrschen, die doch in der Minderzahl sind, und daß alle 
übrigen unterdrückt sind. 

Malek: Erinnern Sie sich, gesagt zu haben, daß die Studenten aus 
Tuzla anders sind als die hiesigen? 

Cubr.: Ja, das habe ich gesagt, und sie sind auch wirklich anders 
als die hiesigen. Sie sind kampfbereiter. 

Präs.: Jeßt eine kleine Pause von 5 Minuten. 

Nadi der Pause. 

Präs.: Hat jemand an ihn noch eine Frage zu stellen? Nein? Gut. 
Cvjetko Popovic soll kommen. 

Cvjeiko Popovit\ 

Präs.: Sind Sie schuldig? 

Pop.: Ja. 

Präs.: Warum sind Sie schuldig? 

Pop.: Wegen des Attentates. 

Präs.: Erzählen Sie uns, wie es dazu gekommen ist. 

Pop.: Ich redete einmal mit Gjukic von der Ankunft des Thronfolgers 
nach Sarajevo. Er sagte, man sollte ihn »empfangen«. 

Präs.: Was stellen Sie sich unter diesem »Empfang« vor? 

Pop.: Versteht* sich, ein Attentat. 

Präs.: Welches sind Ihre politischen Ansichten? 

Pop.: Ich bin ein Verfechter der Vereinigung der Serben und Kroaten. 
Ich bin Serbe und Kroat. Und das deshalb, weil man sich gegen die 
Unterdrückung wehren muß. 

Präs.: Gegen welche Unterdrückung? 

Pop.: Gegen die Unterdrückung, der wir in Bosnien-Herzegowina 
und in allen südslawischen Ländern der Monarchie ausgeseßt sind. 

Präs.: Reden Sie nicht in Phrasen, sondern erklären Sie uns, was 
das nach Ihrer Auffassung für eine Bedrückung sei. 

Pop.: Die Ausnahmezustände, das Kommissariat, die Protektion der 
Deutschen. 

Präs.: Sie hielten sich also dazu berufen, hierfür Rache zu nehmen ? 

Pop.: Ja. 

Präs.: Haben Sie nicht auch daran gearbeitet, daß Serbien mit 
Kroatien vereinigt werde? 

Pop.: Ich bin überzeugt, daß es einmal dazu kommen wird, allein 
ich weiß auch, daß dies noch in ferner Zukunft liegt. 

Präs.: Warum wollten Sie gerade an dem Erzherzog Rache nehmen? 
Was hörten Sie von ihm? 


76 


Pop.: Ich hatte von ihm die Überzeugung, er sei uns Slawen mehr 
geneigt als den Ungarn. Ich hörte, er sei, wenn er nach Budapest 
kam, dort nur eine Stunde lang geblieben. 

Präs.: Demgemäß sollten Sie danach gestrebt haben, daß er am 
Leben blieb, da Sie wußten, er sei für die Slawen eingenommen, und 
sollten ihm nicht nach dem Leben getrachtet haben. 

Pop.: Ja, aber die Rache! 

Präs.: Was für eine Rache, wenn die Slawen von ihm das Heil 
hoffen konnten? Haben Sie den Artikel gelesen, den der »Hrvatski 
Dnevnik« (Kroatisches Tagblatt) über ihn bei seiner Ankunft in Sarajevo 
schrieb? Da stand zu lesen: »Sei gegrüßt, unsere Hoffnung!« 

Pop.: Ja. 

Präs.: Nun, sehen Sie! Auch jene (die Kroaten) dachten wie Sie, 
daß die Slawen auf ihn ihre Hoffnung se^en müssen, haben ihm darum 
zugerufen: »Sei gegrüßt, unsere Hoffnung!« und gingen nicht darauf aus, 
ihn umzubringen, wie Sie. Sie führen uns da einen Grund zur Rache 
an, aber dieser Grund besteht nicht. 

Pop.: Ich sagte es sogleich, daß ich ihn nicht für seine Person zu 
töten beabsichtigte, sondern ich glaubte, in ihm alle jene Kreise zu 
treffen, welche die Slawen bedrücken. 

Präs.: Ihnen war es vielleicht darum zu tun, daß die Slawen unter 
der Monarchie niemals zufrieden wären, und darum wollten Sie gegen 
ihn Ihre Hand erheben? Das war das Motiv, das sie führte, Aufruhr 
und Verwirrung in der Monarchie hervorzubringen. 

Pop.: Nein. Ich dachte, diese Rache würde die stärkste Warnung 
für die herrschenden Kreise sein. 

Präs.: Sie trafen also den Cubrilovi6, und er sagte Ihnen, man solle 
mit dem Attentat noch warten. 

Pop.: Nein, ich war sogleich damit einverstanden, beim Attentat mit¬ 
zuwirken, nur fragte ,ich mich, wie wir es anstellen sollten, da wir 
keine Waffen hatten. Er teilte mir daraufhin mit, daß Ilic Waffen habe, 
und daß wir das Attentat mit Bomben und Revolver ausführen könnten. 

Präs.: Haben Sie vor dem Attentat selbst auch mit Ilic gesprochen ? 

Pop.: Nein. Cubrilovic sagte mir am Samstag vor dem Attentat, 
wir würden alle bei Bendbasa Zusammenkommen und dort von Ilic die 
Waffen erhalten. 

Präs : Wo erwarteten Sie am Tage des Attentats bewaffnet den 
seligen Thronfolger? 

Pop.: Ich wartete bei der Tabakfabrik gegenüber der Öumurja-Brücke. 

Präs.: Trafen Sie vorher mit anderen Studenten zusammen? 

Pop.: Mit Ausnahme von Kranjgevic, dem ich alle meine Pläne ein¬ 
gestand. 

Präs.: Was sagte er Ihnen darauf? 

Pop.: Er sagte mir, ich solle mich hüten; denn das sei unbesonnen. 

Präs.: Was verlangten Sie von ihm? 


77 


Pop.: Ich verlangte von ihm nichts. Es ist nicht wahr, daß ich von 
ihm verlangte, bei ihm die Waffen aufheben zu dürfen, da ich die 
Absicht hatte, das Attentat auszuführen, 

Präs.: Waren Sie fest entschlossen, das Attentat auszuführen? 

Pop.: Ja, aber ich führte es nicht aus, weil ich in jenem Augenblicke 
bei seinem Anblick den Mut verlor. 

Präs.: Was geschah dann, als das Auto fortfuhr? Was fingen Sie 
mit der Bombe an? 

Pop.: Als ich die Explosion der ersten Bombe hörte, begab ich mich 
von meinem Standorte ein wenig weiter hinauf zum Gebäude der 
»Prosvjeta«. Da verwahrte ich meine Bombe im Keller, und zwar hinter 
einer Kiste. 

Präs.: Sagten Sie dem Kranjgevic, er möge auf Sie warten. Sie 
würden ihm die Bombe geben? 

Pop.: Nein. 

Präs,: Und waren Sie zugegen, als Cubrilovic zu Kranjüevic sagte, 
er werde ihm die Bombe zum Aufheben geben? 

Pop.: Ja, ich war bei dieser Unterredung zugegen. 

Präs.: Hat Kranjfevic die Bombe in Empfang genommen? 

Pop.: Ich weiß es nicht. 

Präs.: Hatten Sie am Quai Gelegenheit, die Bombe zu werfen, wann 
Sie wollten? 

Pop.: Ja, ich konnte sie werfen, hatte aber, wie schon gesagt, nicht 
den Mut. 

Präs, (schaut ihm einen Augenblick ruhig ins Gesicht): Waren Sie 
in der Schule ein guter Student? 

Pop.: Ja, ich war immer ein guter Student. 

Präs.: Aber, ich bitte Sie, wie kam es dann, daß Sie, der Sie von 
den Studenten hier (auf der Anklagebank) der einzige gute Schüler 
waren, sich zu einer so schrecklichen Tat verführen ließen? 

Pop. (senkt den Kopf und schweigt). 

Präs.: Ist es Ihnen wenigstens jegt leid, daß dies geschah? 

Pop.: Mir ist es wahrhaftig leid, denn ich ahnte nichts von so 
schauerlichen Folgen. 

Präs.: Und um die Personen, um die Herzogin, die als Opfer dieser 
Verschwörung fielen? 

Pop.: Um die Herzogin ist es mir leid. 

Präs.: Und um den Erzherzog? Ist es Ihnen um den leid? 

Pop. (einen Augenblick schweigt er, dann sagt er kühl): Um ihn ist 
es mir nicht leid. 

Präs.: Wie hat man Sie entdeckt? 

Pop.: Ich weiß es selbst nicht. Als ich nach Hause kam, nach 
Semlin, führte man mich auf die Stadthauptmannschaft und begann mich 
da alsbald zu verhören. Nun wußte ich, daß man alles entdeckt hatte. 

Präs.: Sie wollten nach Belgrad fliehen? 


78 


Pop.: Nein, In Semlin sind meine Eltern. 

Präs.: Fürchteten Sie, nach dem Attentat verhaftet zu werden? 

Pop.: Nein. 

Präs.: Waren Sie also sicher, daß keiner von Ihren Kameraden Sie 
verraten werde? 

Pop.: Ja. 

Präs.: Ihre Eltern sind also am Leben. Was ist Ihr Vater? 

Pop.: Schulleiter. 

Präs.: Tat es Ihnen um ihn nicht leid? Wußten Sie nicht, daß Sie 
dadurch Ihren Vater unglücklich machten, daß Sie seinen Namen be¬ 
flecken würden? 

Pop.: Er kann für mich nicht verantwortlich gemacht werden; denn er 
war nicht hier. Für mein Tun kann er nicht Rechenschaft geben, sondern ich. 

Präs.: Und wie ist denn bei Ihnen mit dem Glauben bestellt? Haben 
Sie Glauben? Was glauben Sie? 

Pop.: Ich habe meinen Glauben. 

Präs.: Was für einen? 

Pop.: Den orthodoxen (schismatischen). 

Präs,: Und wissen Sie, daß jeder Glaube verbietet zu töten, und so 
auch der ihrige ? Glauben Sie denn fest ? 

Pop,: Nur so obenhin. 

Präs.: Ist Ihnen von Tankosic etwas bekannt? 

Pop.: Nein, weder kenne ich ihn, noch weiß ich etwas von ihm. 

Präs.: Kannten Sie Princip und Cabrinovic? 

V 

Pop.: Princip wohl, Cabrinovic habe ich nicht gekannt, 

Präs.: Wer war Ihr bester Freund unter den Studenten? 

Pop.: Kranj6evi6. 

Naumovicz: War unter Ihnen auch jemals davon die Rede, daß 
der verstorbene Erzherzog Thronfolger ein Heerführer von Ruf sei, und 
daß er im Falle eines Krieges mit Serbien für dasselbe gefährlich sei? 

Pop.: Nein. 

Staatsanw.: Wie kommen Sie zu der Behauptung, er sei der 
Urheber der Ausnahmezustände? 

Pop.: Nein, ich habe mich zum Attentat entschlossen aus dem 
Grunde, weil die Slawen in der Monarchie verfolgt werden; ich wollte 
mich auf diese Weise rächen. 

Peri^ic: Bewegten Sie sich in Ihrer politischen Überzeugung auch 
außerhalb des Rahmens der österreichisch-ungarischen Monarchie? 

Pop.: Nein, dafür war ich nie. Davon habe ich nie gesprochen. 

Peris.: Sind Sie Mitglied eines Vereins? 

Pop.: In le^ter Zeit trat ich der Organisation der »Fortschrittler« bei, 
die in unserer Schule gegründet wurde. 

Periö.: Wie dachten Sie über die Vereinigung der Serben und Kroaten? 

Pop.: Wir arbeiteten an der kulturellen Vereinigung und an der 
Hebung der Selbstausbildung unter den Studenten. 


79 


Peri§.: Ist das Automobil, als Sie am Quai standen, schnell oder 
langsam an Ihnen vorbeigegangen? 

Pop.: Es ging ganz langsam vorbei, ja, es war sogar stehen 
geblieben. Ich hätte das Attentat ruhig und sicher ausführen können, 
wenn ich gewollt hätte. 

Malek (gegen den Präsidenten): Wie ist es überhaupt zu dieser 
Verhaftung gekommen? Das interessiert mich. 

Präs.: Ilic hat mir alle drei angezeigt, und daraufhin wurde telegraphisch 
der Auftrag zu ihrer Verhaftung gegeben. 

Premusic: Cabrinovic, Sie haben gehört und haben es mir selbst 
hier gesagt, ihr hättet geglaubt, daß es nicht zum Attentat komme. 

Cabrinovic: Ja, wir dachten, es komme nicht zur Ausführung. 

Prem.: Wie haben Sie wieder den Mut bekommen, es dennoch aus¬ 
zuführen? Hat jemand hier in Sarajevo auf Sie eingewirkt?. . . 
(Spannung. — Cabrinovic schweigt einen Augenblick, dann blickt er den 
Verteidiger an und macht eine abwehrende Bewegung.) 

Cabr.: Es waren da verschiedene Dinge im Spiele. Als ich zurück¬ 
kehrte, war es mir bei meinem Vater sehr wohl. Ich sah, daß sich 
alle über meine Ankunft freuten. Mir war es fast nicht recht — so ist 
einmal meine Natur —, daß man mich so freundlich aufnahm. Ich hatte 
mich mit der ganzen Situation und mit dem Gedanken ausgesöhnt, hier 
ein neues Leben anzufangen. Aber in legter Zeit, in den leßten Tagen 
hatte ich mit meinem Vater wegen meines langen nächtlichen Aus¬ 
bleibens einige kleine Auftritte. Das brachte mich wieder in Harnisch. 
Ich merkte, daß auch die Mutter zu ihm hielt. Es kamen mir immer 
wieder selbstmörderische Gedanken. Und dann jene serbischen Fahnen 
in Ilidze. Auch verlebte mich die Art und Weise, wie man den 
Thronfolger in Sarajevo empfing. Dann unser Landtag! Die Partei des 
Advokaten Dimovic gibt ein Blatt unter dem Titel »Istina« (Wahrheit) 
ganz im Sinne der Regierung heraus. Das tat mir weh, daß ein 
Serbe sich zum Diener eines Fremden erniedrigt. Dann war dieser 
Tag (mit einer Geste und Betonung) der Veitstag. Und der Veits¬ 
tag ist jedem Serben heilig. Zudem sagte man mir in Sarajevo, 
ich sei ein Spion und ich wollte zeigen, daß ich kein österreichischer 
Spion war. 

Prem.: Hat hier in Sarajevo irgend jemand auf Sie eingewirkt? 

Cabr. (schweigt): Das ist meine Sache. Davon will ich nicht reden. 
Ich sige auf der Anklagebank, dieses mein Geheimnis soll mit mir ins 
Grab gehen . . .. ! 

Princ.: Was den Schuß anlangt, den man hörte, als die Bombe ge¬ 
schleudert wurde, so ist es nicht wahr, daß jemand geschossen hat. 
Das Geräusch kommt von der Bombe selbst, wenn sie sich entzündet. 
Bei gewissen Bomben ist dieser Schuß stärker, bei anderen schwächer. 
So hat man auch einen Schuß gehört, als Cabrinovic die Bombe an den 
Pfeiler anschlug. 



80 


Präs.: Ich unterbreche die Si^ung auf 5 Minuten. Machen Sie die 
Fenster auf; denn es ist zum Ersticken. Die Verhandlung wird morgen 
um 8 Uhr fortgese^t. 

Mittwoch, den 14. Oktober 1914. 

(Die Verhandlung beginnt um 8 Uhr 10 Minuten.) 

Präs.: Cabrinovic, Sie haben uns hier erzählt, Sie seien von Belgrad 
nach Sabac gereist und seien dort zu einem Hauptmann gegangen. 
Dieser habe Ihnen unter falschem Namen eine Legitimation ausgestellt 
mit der Angabe, daß ihr Finanzer seid und zur Grenzwache abgeht. 
Wie stellen Sie sich das vor, daß ein Vorgeseßter nur euch zuliebe 
Dokumente fälscht, falsche Namen daraufseßt, für eine andere serbische 
Obrigkeit einen Schein für eine andere Person ausstellt, wenn er davon 
nichts wußte, wenn ihm nicht daran gelegen war, daß ihr euch durch 
Serbien und über die Grenze nur dann schmuggeltet, wenn die ganze 
Sache sich in größter Heimlichkeit vollzieht. Wäre er nicht eingeweiht 
gewesen in den Zweck eurer Reise nach Bosnien, so hätte er euch aus 
der Kaffeeschänke hinausgeworfen und dazu noch einsperren lassen. 

Cabr.: Ich weiß es nicht, aber wir brachten ihm den Zettel des 
Ciganovic. 

Präs.: Ja, aber wie Sie sagten, nur mit den Anfangsbuchstaben des 
Ciganovic. Ist denn das in Serbien genug, damit man euch samt euren 
Waffen heimlich über die Grenze schafft? Genügt der Name Ciganovic, 
daß jeder Offizier so handeln muß, wie es Ciganovic verlangt? 

Cabr.: Ich weiß nicht, was auf dem Zettel stand. Ich gebe jedoch 
die Möglichkeit zu, der Major habe gewußt, um was es sich handelt; 
denn er war am Tage vorher in Belgrad. Übrigens war dieser Passier¬ 
schein für die Eisenbahn, damit wir eine halbe Karte erhielten, und 
nicht für serbische Behörden. Als wir zu ihm kamen, lag vor ihm eine 
Liste der serbischen Grenzwache. Er nahm einen Namen heraus und 
seßte ihn in den Passierschein. Ich sage, ich gebe die Möglichkeit zu, 
daß er um den Zweck unserer Reise wußte, aber mir ist nicht bekannt, 
ob er darum wußte oder nicht. 

Präs.: Befindet sich in Sabac eine politische Behörde, wie zum 
Beispiel bei uns? 

Cabr.: Ja, das »Sresko naöelstvO'< (Bezirksobrigkeit). 

Präs.: Warum meldeten Sie sich dann nicht bei der politischen Be¬ 
hörde, wenn Sie die Grenze überschreiten wollten, sondern beim 
Major, der keine politische Obrigkeit ist? 

Cabr.: Als wir in Sabac ankamen, begegneten wir einem Beamten 
der politischen Behörde. Dieser erzählte uns, wieviel Arbeit er mit den 
Militärflüchtlingen habe. Wir aber hatten an die politische Behörde 
keinerlei Empfehlung, ja, Ciganovic sagte uns sogar ausdrücklich, wir 
sollten acht geben, daß niemand von der politischen Behörde über 
unsere Reise und den Zweck derselben etwas erfahre. Wenn das 


81 


ruchbar würde, so ließe uns das Ministerium des Innern sofort ver¬ 
haften. Zugleich sagte uns Ciganovic einige Zeit vor unserer Abreise, 
wir würden auf dem Wege nach Bosnien zu einem Abgeordneten der 
Skupschtina kommen. 

Präs.: Redete Ihnen Ciganovic von einem Kanal zwischen Belgrad 
und Sarajevo, in dem Sie sicher hinkommen können? 

Cabr.: Ja. 

Staatsanw. (zu Cabrinovic): Sie sagten, ihr hättet mit der »Narodna 
obrana« keinerlei Verbindung gehabt. Sie haben selbst behauptet, 
Ciganovic hätte Ihnen ausdrücklich aufgetragen, vor der politischen 
Behörde sich in acht zu nehmen, denn der Minister des Innern würde 
nicht zugeben, daß Sie sich in solche Händel einlassen, sondern würde 
Sie verhaften lassen^®). Sagen Sie also, wie und warum die beiden 
Haupthelden der »Narodna obrana« euch Mittel und Empfehlungen gaben 
und euch so über die Grenze nach Bosnien schafften? Daraus sieht 
man, daß euch Ciganovic gerade an Militärpersonen wies, welche zu¬ 
gleich Mitglieder der »Narodna obrana« sind. Eine Militärbehörde 
empfahl euch der anderen, und später wies man euch noch an jenen 
Jakovljevic, der ein ausgesprochenes Mitglied der »Narodna obrana« ist. 
Wie kommt das? Die anderen aber gingen zum Vertrauensmann 
Öubrilovic und später zu Jovanovic, der ebenfalls ein Vertrauensmann der 
»Narodna obrana« ist. Wie erklären Sie das, wenn Sie sagten, die »Narodna 
obrana« sei in die Sache nicht verwickelt und habe euch nicht geschickt? 


Serbisches Parlament. 

Diesbezüglich veröffentlicht der >Hrvatska Dnevnik« vom 12. Mai 1916 Nr. 132 
ein Dokument, welches bei der Eroberung von Serbien in die Hände der k. und k. 
Truppen gelangte: 

Stadtpräfektur Belgrad, Polizeiabteilung. 
Nr ... vertraulich. 17./30. Juni 1914. 

(Also 2 Tage nach dem Attentat) 
Dem Herrn Minister des Innern 


Belgrad. 


Ich habe die Ehre, Sie, Herr Minister, zu benachrichtigen, daß gestern abends 
drei Individuen — gewesene Freischärler — zu Herrn Svetolik Savir, Eigentümer 
des Blattes »Balkan«, gekommen seien und ihm den Auftrag des H. Major Tankosic 
überbrachten, ja um keinen Preis in seinem Blatte etwas zu veröffentlichen über 
irgend welche Verbindungen u. Beziehungen des Attentäters Cabrinovic mit den 
hiesigen Persönlichkeiten, ihren Bekannten. Überhaupt möge er in seinem Blatte 
nichts schreiben, was irgend einen Serben kompromittieren könnte; sonst werde 
es ihm schlecht gehen. 

Indem ich Ihnen, Herr Minister, obiges mitteile, beehre ich mich. Ihnen zu melden, 
daß ich zur Eruierung der Namen dieser gewesenen Freischärler Maßnahmen ge¬ 
troffen habe. Der Stadtpräfekt Belgrads. 

(Unterschrift unleserlich.) 

Auch die »Hrvatska Dnevnik» von 1917 Nr. 16 bringt ein Interview mit General¬ 
oberst Baron Sarkotic, dem jetzigen Landeschef von Bosnien, wo dieser behauptet, 
man sei nun bestimmt auf die Spur gekommen, daß die serbische Regierung mit 
den Attentätern im Einverständnisse war. 


Pharos, Der Prozeß gegen die Attentäter von Sarajevo. 


6 



82 


C a b r.: Ich Avußte nicht, daß Tankosic ein Mitglied der »Narodna obrana« 
sei, sondern hörte im Gegenteil, daß er mit dieser einen Konflikt hatte. 
Jene gewährten uns allerdings die Mittel, allein ich denke, sie haben 
das nicht als Mitglieder der »Narodna obrana« getan. Vielleicht taten 
sie das aus persönlichen Motiven, vielleicht auch darum, weil sie Mit¬ 
glieder eines anderen Vereins sind. 

Ciganovic sprach vielleicht mit dem Major Popovic. Vielleicht ver¬ 
abredeten die beiden noch alles mit Popovic, wie und auf welchem 
Wege wir reisen sollen. Popovic sagte mir selbst, er sei einen Tag 
vor unserer Ankunft in Sabac in Belgrad gewesen. Vielleicht ist er 
ein guter Freund des Ciganovic und Tankosic und hat ihnen zuliebe 
seine Stellung mißbraucht. So hat vielleicht auch der Hauptmann in 
Loznica dem Major Popovic die nämliche Gefälligkeit erwiesen. Ich 
erkläre mir das jeßt so, daß Misko und Dakic, falls sie, wie Sie sagen, 
Vertrauensmänner der »Narodna obrana« waren, auch früher Mittel und 
Wege fanden, sich zu verständigen; eine Möglichkeit mußte da sein. 
Wir gingen zufällig auf demselben Weg wie jene. Die »Narodna 
obrana« hatte damit nichts gemein, sondern es traf sich von ungefähr, 
daß wir eine Richtung einschlugen, auf der diese Verbindungen hatte; 
und je^t soll die »Narodna obrana« alles arrangiert haben. 

Präs.: Gut, se^en Sie sich. Grabez, Sie haben uns erzählt. Sie 
hätten im Parke Topgider (bei Belgrad) aus dem Revolver schießen 
gelernt. Haben Sie bei dieser Gelegenheit die Parkwächter ent¬ 
fernt ? 

Grab.: Ja. An diesem Tag war nämlich die Schießstätte geschlossen, 
und im offenen Park darf man nicht schießen. 

Präs.: Haben Sie also nicht in der Schießstätte geschossen? 

Grab.: Nein. Dieser Tag war ein Werktag, und die Schießstätte 
war, wie gesagt, geschlossen. 

Präs.: Princip, ist es so, wie Grabez sagte? 

Princ.: Ja, so ist es gewesen. 

Staatsanw.: Warum haben Sie anfangs geleugnet, daß Sie Tankosic 
und Ciganovic kennen? 

Grab.: Ich habe anfangs alles geleugnet, aber später, als ich sah, 
daß alles verraten sei, sagte ich es ebenfalls. f 

Präs.: Princip, wie bekommt ihr als unbekuiinte Leute auf der 
Eisenbahn eine halbe Karte? 

Princ.: Diese Eisenbahn ist ein ganz privates Unternehmen. Ich 
bat den Major, uns eine Legitimation auf den Namen eines Finanzers 
zu geben, denn nur so ließ man uns mitfahren. 

Präs.: Wie kommt der Major dazu, offizielle Dokumente zu fälschen, 
und das nur euch zuliebe und nur deswegen, weil Sie, Princip, darum 
gebeten haben? 

Princ.: Ich sagte ihm, Ciganovic schicke uns dun' Vermittlung des 
Tankosic, und diese beiden bäten ihn, uns an die Hann- zu gehen. 


83 


Präs.: Jegt ist mir die Sache klar. Sobald der Major hörte, ihr seid 
jene, welche Tankosic schickt, war sofort alles erledigt. 

Staatsanw.: Ilic, Sie reisten nach Mostar und nach Brod. Gab es 
da auch Banden, die den Thronfolger Franz Ferdinand töten wollten? 

II. (steht auf, schweigt einen Augenblick und sagt dann); Ich weiß 
es nicht. 

Staatsanw.; Sie behaupten, dahin gewirkt zu haben, daß das 
Attentat nicht zustande komme. Warum haben Sie nicht einfach die 
Bomben weggeworfen, da sie sich schon bei Ihnen befanden, wenn Sie 
schon nicht soviel Loyalität besaßen, die Sache den Behörden anzuzeigen ? 
Dann wäre es nicht zum Attentate gekommen. 

II.; Ich wagte es nicht. Princip erzählte, er hätte die Bomben von 
den Komitatschis erhalten, und da getraute ich mir nicht, sie wegzuwerfen, 
in Rücksicht darauf, daß ich noch manchmal nach Serbien ginge. 

Staatsanw.; Sie wären nicht mehr nach Serbien gegangen; denn 
Sie wußten, daß man Sie umbringen würde. Hier würde Sie niemand 
ums Leben bringen; denn wir haben — Gott sei Dank — Macht genug. 
Sie vor den Komitatschis zu schüfen. Aber Sie haben gewollt, daß 
die Bomben aufgehoben werden, und daß das Attentat zustande komme. 
Sie haben daran gearbeitet, und jeßt reden Sie sich nur aus. Gestehen 
Sie lieber die Wahrheit. 

Präs.; Hat noch jemand von den Herren an den Angeklagten eine 
diesbezügliche Frage zu stellen? Die Herren Verteidiger? Nein? Nun 
gut. Veljko Cubrilovic soll hereinkommen. 

Veljko Cubrilovic. 

(Ein Mann von mittlerer Größe, schwach entwickelt. Schwarz mit kleinem 
schwarzen, hängenden Schnurrbart und einem kleinen französischen Kinn¬ 
bart. Die Augen sind klein, schwarz und unruhig. Er tritt mit großem 
Selbstbewußtsein auf, spricht laut und deutlich und antwortet auf jede 
Frage schlagfertig und zuvorkommend.) 

Präs.; Sind Sie schuldig? 

C u b r.; Im Sinne der Anklageschrift nicht, aber sonst bin ich schuldig. 

Präs.; Ist es Ihnen leid, daß es geschehen ist? 

Cubr.; Ja, es ist rr 2 id. 

Präs.; Rücksichtlich uer Personen oder wegen der Folgen, die sich 
daraus ergeben haben? 

Öubr.; Wegen des einen und des anderen. 

Präs.; Seit wann ist es Ihnen leid? Nach der Verhaftung oder 
überhaupt? 

Cubr.; Überhaupt. 

Präs.; Ist es Ihnen auch leid um die Gemahlin des Thronfolgers? 

CJubr.; Ja. 

Präs.; Sie sind ' nrer? 

Öubr.; Ja, ich >/in Lehrer an der konfessionellen serbischen Schule in 
Priboj. 


6 


84 


Präs.: Woher sind Sie gebürtig? 

Cubr.: Aus Bosnisch-Gradiska. 

Präs.: Wann wurden Sie Lehrer? 

Öubr.: Im Jahre 1905. Ich wurde in Tuzla zum Lehrer gewählt. 

Präs.: Machten Sie da die Bekanntschaft von Misko Jovanovic? 

Öubr.: Ja, Er führte damals die Eisenhandlung seines Vaters und 
lebte und arbeitete mit diesem. Sonst trat er sehr als bonvivant auf 
und nahm an allen Vereinen teil. 

Präs.: Haben Sie sich einmal mit Politik beschäftigt? 

Cubr.: Ja, ich beschäftigte mich mit der heimischen Politik. In 
le^ter Zeit gehörte ich der Partei des Peter KoCic an. 

Präs.: Sind Sie als Anhänger der Ko6ic-Partei manchmal nach 
Serbien gereist? 

Cubr.: Ja, 1906 begab ich mich zum Lehrerkongreß nach Belgrad. 
Ein zweites Mal war idi zwar nidit in Belgrad, wohl aber in Serbien. 
Es war dies im Sommer 1911, wo ich in Begleitung meiner Frau und 
meiner Schwester an dem Turnerausflug des »Sokols« von Brßko nach 
Bad KoviljaCa und Sabac teilnahm. 

Präs.: Haben Sie da jemand kennen gelernt? 

Öubr.: Ja. Der Vorstand der »Narodna obrana«, Bozo Milanovi6, 
empfing uns. Er äußerte mir gegenüber den Wunsch, ich sollte ihn 
besuchen. Ich war nämlich Vorstand des serbischen »Sokols« in Pribo], 
der dort in den Jahren 1911/12 bestand. Diesen Sokolverein habe ich 
gegründet. Damals entstanden nämlich in ganz Bosnien-Herzegowina 
Sokolvereine. Ich weiß nicht mehr genau, wann der Verein in Tuzla 
gegründet wurde. Damals bestand der »Sokol« schon in Sarajevo und 
Mostar und hatte bereits von der Regierung bestätigte Statuten. 

Präs.: Wer war der Anführer des »Sokols« von Tuzla? 

Öubr.: Professor Zakula. 

Präs.: Was war es also mit dem Bo2o Milanovic? Sie wurden 
mit ihm bekannt, und dann? 

Öubr.: Ich begab mich dann mit meiner Frau zu ihm. Er wohnt in 
einem zweistöckigen Hause, ich ging mit ihm, glaube ich, über Stufen 
hinauf. Die Frau blieb unten bei den Weibern, und ich begab midi 
mit ihm in den oberen Stock. Da entspann sich zwischen uns ein 
Gespräch über Bosnien. Wir sprachen über die Bildungszustände in 
Bosnien. 

Präs.: Was heißt das nach Ihrem Begriff: »Bildungszustände«. 

Öubr.: Das heißt in erster Linie Lese- und Schreibunterricht, dann 
das Volk zu persönlichem Selbstbewußtsein und zu persönlicher Frei¬ 
heit bringen, mit einem Worte: nationales Bewußtsein wecken. Wir 
sprachen miteinander, wie das Land private Initiative für die Hebung 
der Literatur braucht. In diesem Jahre wurden nämlich Analphabeten¬ 
kurse eingerichtet. Bei dieser Gelegenheit redeten wir nicht von Politik. 
Er erwähnte indes im Laufe des Gespräches, wie notwendig eine zentrale 





85 


Vereinigung wäre, die der ganzen literarischen Arbeit in Bosnien und 
Herzegowina eine bestimmte Richtung gebe. Als Beispiel führte er mir 
an, wie sie in Serbien die Volksbildung durchgeführt hatten mittels des 
Vereins »Narodna obrana«; dieser sei auf folgende Weise gegründet 
worden; In Belgrad, als der Hauptstadt, bestehen die meisten literarischen 
und humanitären Vereine. Alle Vorsteher derselben sind zugleich Mit¬ 
glieder der »Narodna obrana« und wählen unter sich den Vorstand der 
»Narodna obrana«. Dieser Ausschuß ist der Mittelpunkt aller Vereine, 
und Mitglied der »Narodna obrana« ist jeder, der sonst Mitglied irgend¬ 
eines literarischen oder kulturellen Vereins ist. Dazu kommt noch der 
»Sokol«^’*). Die gleiche Organisation besteht in den Kreisstädten, so daß 
in dem Kreiszentrum ein Ausschuß besteht, der seinerseits einen Vor¬ 
stand für diesen Ausschuß wählt. In kleinen Orten der Provinz sind 
die intelligenteren Leute Vertrauensmänner der »Narodna obrana«. Ich 
antwortete ihm darauf, eine solche Konzentration würde bei uns in 
Bosnien die Obrigkeit nicht erlauben. 

Präs,: Warum glaubten Sie, die Behörden bei uns würden eine 
solche Konzentration nicht erlauben? 

(5 u b r.: Ich wußte, welche Schwierigkeiten die »Prosvjeta« '*®) bei ihrer 
Gründung von seiten der Regierung fand. 

Präs.: War es denn notwendig, daß Sie die Gründung solcher 
Vereine unternahmen, da schon die »Prosvjeta« besteht? 

Cubr.: Nein. Ich wußte, welche Ziele die »Prosvjeta« und welche in 
Serbien die »Narodna obrana« hat. Die Tätigkeit der legteren erstreckt 
sich auf alle Gebiete der Volkskultur. Dies stellte mir Milanovic am 
nächsten Tage vor und fragte mich, ob ich bereit wäre, für das Volk zu 
arbeiten. Ich antwortete: Sehr gern! 

Präs.: Wie kann die »Narodna obrana«, die doch ein Verein im 
Königreiche Serbien ist, ihren Wirkungskreis über ihr Territorium hinaus 
ausdehnen ? 

Ö u b r.; Das weiß ich nicht. Ich faßte das als eine kulturelle Tätigkeit 
auf, nicht als eine politische; auf Grund dessen versprach ich, für das 
Volk mitzuarbeiten. Er fragte mich, ob ich mittun wolle, ich antwortete: 
»Gern, für das Volk.« 

Präs.: Nun gut. Sie versprachen ihm also, Vertreter dieses Vereins 
in unseren Gegenden zu sein. Aber welches Übereinkommen trafen 
Sie bezüglich der Korrespondenz? 

Öubr.: Ich versprach ihm, die Briefe durch die Post zu schicken. 
Allein er antwortete, ich könnte das allerdings tun, doch habe er seine 
Bauern, und er werde mir einen von diesen schicken. Ich faßte das 
so auf, er würde mir auf diese Weise Bücher zukommen lassen; denn 
die Verbindung mit Sabac wäre so freilich viel kürzer. 

46 a) Turnverein. 

Serbisch-nationaler Verein für Bosnien unter der Maske eines Kulturvereins. 


86 


Präs.: Wenn Sie wirklich auf besagte Weise für das Volk arbeiten 
wollten, so konnten Sie das tun ohne jene Bauern und ohne ein Mit¬ 
glied der »Narodna obrana« zu sein. 

(^ubr.: Das weiß ich nicht. Ich habe von damals bis zu meiner 
Verhaftung nie mit ihnen korrespondiert. Milanovic ist ein älterer 
Mann, der sich allerlei Einbildungen hingibt. Er legte mir das nun so 
schön dar, daß es auf mich Eindruck machte. Ich hielt es wirklich für 
eine Wirksamkeit unter dem Volk und nahm die Vertretung an. 

Präs,: Haben Sie jemanden von der »Narodna obrana« einen Eid ab¬ 
gelegt, oder haben Sie ihm das Ehrenwort gegeben ? Hat Ihnen Milanovic 
irgendwelche Zeitungsausschnitte geschickt? 

Ö u b r.: Ich habe niemanden einen Eid abgelegt und niemals Zeitungs¬ 
ausschnitte erhalten. 

Präs.: Wie wurde die Verbindung mit Milanovic unterhalten? 

Öubr.: Später kam einmal ein Bauer zu mir und sagte: »Daß du es 
weißt, wenn du etwas von Serbien brauchst, ich bin derjenige, der es 
dir bringt.« 

Präs.: Wie heißt dieser Bauer? 

Öubr.: Früher wußte ich seinen Namen nicht, ich erfuhr ihn erst aus 
der Anklageschrift, Er heißt Jakob Milovic. Er machte auf mich gleich 
im ersten Augenblick, als er kam, den Eindruck eines Schmugglers, 
Ich gab ihm niemals einen Brief, denn ich sah, daß es nur eine eitle 
Ausrede war. 

Präs.: Wissen Sie, ob Milanovic in Öabac eine Aufgabe hatte? 

Öubr.: Nein. 

Präs.: Er hatte eine sehr wichtige Aufgabe; er war nämlich im 
lebten Jahr der Leiter der ganzen Spionage in Bosnien. Es wurden 
Briefe mit Spionagenachrichten aufgefangen, die an Bo2o Milanovic ge¬ 
richtet waren. Diese Briefe sind fast alle chiffriert. Ist Ihnen das 
bekannt? 

Öubr.: Nein, 

Präs.: Nun gut! Erzählen Sie uns weiter. Wie war das, als Sie 
die Studenten trafen? 

Öubr.: Damals, ich erinnere mich je^t nicht genau des Datums, be¬ 
gab ich mich mit dem Popen zu einem Begräbnis. Das Wetter war 
sehr schlecht, und es stand auf allen Wegen und Straßen viel Wasser, 
Ich bog also von der Hauptstraße ab und sah am Wege den Jakob 
Milovic, jenen nämlichen Bauer, der sich mir bezüglich der Beförderung 
von Briefen angetragen hatte. Bei ihm befand sich noch ein anderer 
Bauer, der mir jedoch nicht bekannt war. Ich grüßte den Milovic. 

Präs.: Sie haben ein gutes Gedächtnis, Sie behaupteten, den 
Jakob Milovic nur ein einziges Mal gesehen zu haben, nämlich damals, 
als er sich zur Vermittlung der Korrespondenz nach Serbien antrug, 
aber später hätten Sie ihn nie wieder gesehen; und jegt, zwei Jahre 
später, erinnern Sie sich seiner und erkennen ihn sogleich. 


87 


Cubr. (verwirrt): Dann ... ich sah ihn das eine oder andere Mal 
auch später noch, habe jedoch mit ihm nichts gesprochen. Ich fragte 
ihn: »Wohin gehst du ?« er antwortete, er sei nicht allein, sondern habe 
noch zwei bei sich, die mit mir zu sprechen wünschten. Ich sagte 
darauf: »Gehen wir.« Wir ritten durch den Fluß, der sehr tief war. 
Ich sagte zum Popen, ich getraute mir nicht, nach Mezgraja zu reiten, 
da der Fluß so tief sei, sondern ich würde ins Dorf zurückkehren und 
Zusehen, ob ich nicht ein Lamm kaufen könnte. Er lachte mich auf 
das hin aus und schalt mich einen Hasenfuß. Der Fluß heißt Lipovaca. 
Ich ging also mit Jakob, als vor uns auf einmal zwei Studenten auf¬ 
tauchten. Heute weiß ich, es sind das Princip und Cabrinovic — nein! 
— Grabez gewesen. Sie waren hinter einem Gebüsch, wie es ge¬ 
wöhnlich neben den Landstraßen wächst, versteckt. Sie stellten sich 
mir vor, aber ich vergaß später ihren Namen. Ich stellte mich ihnen 
gleichfalls vor, und sie fragten mich, ob sie nicht einen Wagen bis 
Tuzla bekommen könnten. Ich antwortete, es würde schwer halten, 
worauf sie fragten: »Wie sollen vdr dann nach Tuzla kommen?« Dar¬ 
auf trug ich mich an, sie auf die Hauptstraße zu führen; sie willigten 
ein. Sie bezahlten Milovic und die anderen Bauern. 

Präs.: Haben Sie mit den Bauern gesprochen, als Sie dieselben 
trafen ? 

Cubr.: Nein, nichts. 

Präs.: Sagten Sie ihnen nicht: »Geh du hinauf und du hinab?« 

Cubr.: Nein. Grabei^ war müde und ging nur mühsam. Ich bot 
ihm an, er solle reiten, er wollte aber nicht. Ich frug Princip: Was 
habt ihr denn da in den Satteltaschen; er gab jedoch eine ausweichende 
Antwort. Das weckte in mir die Neugierde, ich begann, etwas zu arg¬ 
wöhnen, und fragte ihn, ob das nicht etwa Waffen und Pulver seien. 
Darauf antwortete er nicht, sondern blickte mich nur an. 

Präs.: Wußten Sie damals schon, daß der Thronfolger nach Sarajevo 
kommen sollte? 

Cubr.: Ja. In diesem Augenblicke fiel mir ein, ob das nicht etwa 
Waffen für einen Anschlag auf den Thronfolger seien. Ich sagte ihm 
nun offen, daß ich Verdacht hege. Princip entgegnete mir darauf . . , 
(er wird verwirrt) ... es ist mir schwer zu sagen . . . 

Präs.: Nun, was sagte Ihnen Princip? Was ist Ihnen schwer zu 
sagen? 

C u b r.: Princip sah mich scharf an und sagte mir energisch: »Ja, 
wenn der Thronfolger kommt, das ist für ihn. Und Sie, da Sie nun 
darum wissen, werden, falls Sie es verraten, mit Ihrer ganzen Familie 
umkommen.« 

Präs.: Warum fürchteten Sie sich, uns das niitzuteilen? 

Cubr.: Deshalb, weil ich fürchtete, es stehe jemand hinter ihnen. 
Es kommen Studenten mit Bomben, es muß also ein Mächtigerer ihnen 
den Rücken decken; denn wie würden sie so etwas selber wagen ? . . . 


88 


Mich überkam gewaltige Furcht. Ich dachte an das, was man über die 
Tätigkeit der Komitatschis in Mazedonien erzählte. Nachdem ich einmal 
über die Bestimmung jener Waffen aufgeklärt war, machte das auf mich 
einen solchen Eindruck, daß ich alles Folgende über mich ergehen ließ. 
Auf dem ganzen Weg redete ich mit ihnen nichts mehr. Er wiederholte 
mir noch einmal eindringlich, ich sollte mir wohl merken, was er mir 
gesagt habe. 

Präs.: Bei der Untersuchung haben Sie ganz anders darüber ge¬ 
sprochen (liest): Sobald der Bauer mit den Studenten am 2. Juni erschien, 
war es mir sogleich klar, er habe mir etwas Wichtiges zu sagen .... 
Warum haben Sie damals so ausgesagt? 

Cubr.: Ich wollte lieber so sagen, da ich nicht wußte, daß die 
»Narodna obrana« ein revolutionärer Verein ist. Ich fürchtete, daß man 
im Falle, daß ich geständig bin, meine ganze Familie vernichtete. 

Präs.: Sie wußten also, daß es eine gefährliche Sache sei. 

Cubr.: Ja. 

Präs.: Warum haben Sie dann noch andere in dieselbe verwickelt? 

Cubr.: Ich mußte. Wir kamen zum Hause des Kerovic um einen 
Wagen zu verlangen. Hätte ich hier keinen bekommen, so wäre ich 
um einen Wagen nach Lopare gegangen. Bei Kerovic traf ich den 
Nedjo Kerovic und einen Zimmermann. Ich fragte also, wo Mitar sei, 
und als ich mit ihm zusammenkam, sagte ich ihm, ich brauche einen 
Wagen für diese Studenten. Er sagte zu. Anfangs hatte er sich aller¬ 
dings etwas geweigert, aber ich sagte ihm, er solle sie nur fahren. 
Nedjo ging zu den Studenten, und ich nahm die Satteltaschen vom 
Pferde und trug sie ins Haus. Ich war sehr aufgeregt und verlangte 
drin Wasser und Branntwein, um mich zu stärken. Inzwischen kamen 
Princip und Grabet ins Haus und selten sich. Da saßen nun Mitar, 
Nedjo und wir. Wir besprachen uns, wie sie nach Tuzla kommen und 
wer mit ihnen nach Tuzla mitgehen sollte. Die Weiber bewirteten uns 
mit Kaffee. Sonst sprachen wir von gewöhnlichen Dingen, hauptsächlich 
von der bevorstehenden Wahl im Bezirke Brßko^®). Von den Waffen 
war keine Rede. Wir redeten vornehmlich von dem Wahlkampfe 
zwischen Milißevic und Stoßevic. Ich hielt zu Ko5ic, Princip war neutral, 
und Grabez nahm an dem Gespräch nur wenig teil. Da kamen noch 
Blagoje, Jovan und Nedjo herein. Ich sagte ihnen nun teils unter dem 
Einfluß der Getränke, teils aus Vertrauen zur Familie Kerovic, warum 
diese Leute diese Reise machten, und daß es sich um Waffenschmuggel 
handle. Ich weiß nicht mehr, welcher Ausdrücke ich mich bediente, 
doch sprach ich nur in diesem Sinne, soviel ich mich erinnere. Darauf 
zog ich eine Bombe heraus und zeigte sie ihnen. Ich wußte mit der¬ 
selben nicht umzugehen. Darum schraubte Princip eine auf und zeigte, 
wie man sie werfen muß. 


•*') Auch einer der Angeklagten. Vgl. unten S. 136. 
Bezirksstadt in Bosnien an der Save. 





8Q 


Präs.: Hat er bei dieser Gelegenheit auch einen Revolver gezeigt? 

C u b r.: Ich erinnere mich nicht. Mir scheint wohl ... Ja, er zeigte 
auch einen Revolver. 

Präs.: Zeigte er ihnen, wieviel Bomben und Revolver er hatte? 

Cubr.: Ich erinnere mich nicht. 

Präs.: Haben Sie sich bei dieser Gelegenheit auch verständigt, wie 
man die Bomben und Revolver weiterschaffen soll ? 

Cubr.: Ja. Princip wünschte, jeder Bauer solle je drei Bomben und 
je drei Revolver im Gürtel mit sich nehmen. 

Präs.: Sie haben also dennoch erfahren, daß es mehrere Bomben 
und Revolver waren? Sie haben also in diese Angelegenheit Ihren 
Gevatter und die ganze Familie Kerovic verwickelt. Haben Ihnen 
Princip und Grabez mitgeteilt, wohin sie diese Bomben und Revolver 
schaffen würden? 

Cubr.: Ja, das war so. Noch bevor Princip mir etwas vom Attentat 
mitteilte, fragte er mich, ob ich ihn jemandem in Tuzla empfehlen könnte. 
Ich sagte ihm, er könne zu Jovanovic gehen, der ein Mäcen der Studenten 
sei. Später verlangte Princip von mir Leute, welche die Sachen zu 
Jovanovic schaffen könnten. 

Präs.: War es Ihnen bekannt, daß audi Jovanovic Vertrauensmann 
der »Narodna obrana« sei? 

Cubr.: Das kam so. Milanovic fragte mich in Sabac, ob ich in Tuzla 
jemand finden könnte, der Vertrauensmann der »Narodna obrana« sein 
möchte, wie ich es bin. Ich dachte an Jovanovic; denn ich wußte, er 
war für das Volk tätig. Als ich einmal Jovanovic in Tuzla traf, teilte 
ich ihm meine Unterredung mit Milanovic mit und erzählte ihm, ich 
hätte den Posten angenommen. Ich bemerke aber, daß ich mit jenem 
nur von kultureller Arbeit sprach. Wenn er auch mittun wolle, so 
möge er sich bei Milanovic melden. Zwei bis drei Monate später sagte 
mir Mi§ko, er sei nun auch Vertrauensmann. 

Präs.: Waren Sie überzeugt, daß Jovanovic die Studenten aufnehmen 
werde ? 

Cubr.: Nein. 

Präs.: Sie schrieben ihm einen Brief. 

Cubr.: Ja, ich schrieb ihm, er möge ihnen an die Hand gehen. 

Präs.: Sie schrieben ihm im Briefe, er solle sie aufnehmen, ihnen 
trauen und ihnen an die Hand gehen. 

Ö u b r.: Ja, so etwa, ich kann mich nicht mehr an den Inhalt erinnern. 

Präs.: Gut, was gab es weiter? War Mitar die ganze Zeit an¬ 
wesend? Wußte er, daß Nedjo und Cvijan die Bomben tragen werden? 

Cubr.: Mitar war bei uns. 

Präs.: Auch Blagoje? 

Cubr.: Das weiß ich nicht. Einige gingen während der ganzen 
Zeit ein und aus, und ich weiß nicht, was sie vom Gespräch hören 
konnten. 


90 


Präs.: Zu welcher Stunde der Nacht gingen jene fort? 

Cubr.: Ich weiß es nicht. Es war schon spät. 

Präs.: Haben Sie draußen jemand davon gesprochen, zu welchem 
Zweck diese Studenten die Reise machten? 

(''ubr.: Ja, ich sagte es dem Blagoje. 

Präs.: Hörte das auch Mitar oder Nedjo? 

Cubr.: Das weiß ich nicht. Später fragte ich Cvijanovic, ob die 
Studenten nach Tuzla kamen, und er bejahte es. 

Präs.: Wann sind Sie hernach nach Tuzla gekommen? 

Oubr.: Am 21. Mai nach dem alten Kalender. Das war am Vorabend 
des Festes des Kaisers Konstantin. Mit mir war meine Frau. Wir 
gingen in die Apotheke; denn sie war unwohl. 

Präs.: Wo haben Sie damals gespeist, als Sie in Tuzla waren? 

Tubr.: Bei Misko Jovanovie; er ist mein Gevatter. 

Präs.: Fragten Sie ihn bei dieser Gelegenheit um die Waffen? 

Cubr.: Er sagte mir selber, als wir einen Augenblick allein waren, 
daß die Waffen noch nicht abgegangen seien, sondern sich noch bei 
ihm befänden. Noch am selben Tag kehrte ich nach Hause zurück. 

Präs.: Hat er Ihnen später davon gesprochen? 

Cubr.: Ja, er sagte, es sei ein Mann darum gekommen und hätte 
die Waffen fortgeschafft. 

Präs.: Haben Sie mit ihm über den Zweck dieser Waffen geredet? 

Cubr.: Ich sagte bei der Voruntersuchung, als man mich darum 
fragte, ich könne mich nicht mehr entsinnen. Da fuhr mich ein Richter 
an und fragte mich: »Was haben Sie gesagt?« Ich antwortete ihm 
dann: »Ja, ich habe es ihm mitgeteilt.« Ich war nicht sicher, ob ich es 
ihm gesagt hatte oder nicht, aber ich weiß, daß ich es ihm sagen wollte. 
Ich hatte die Absicht, ihm den Zweck dieser Waffen mitzuteilen. 

Präs.: Sagen Sie mir, welches sind Ihre Prinzipien in der Politik? 
Ach ja! Sie sind Anhänger der Kofiic - Partei. Sind Sie Jugoslave 
(Südslawe)? Sind Sie zufrieden mit der Stellung Bosniens? 

Cubr.: Ich verlange nach meiner politischen Gesinnung für Bosnien 
und die Herzegowina die Autonomie. 

Präs.: Haben Sie Ihren Schülern in der Schule Treue gegen unseren 
Herrscher eingeflößt? 

Cubr.: Ja. 

Präs.: Haben Sie jem.als den Gedanken gehegt, man müsse Bosnien- 
Herzegowina mit Gewalt von der Monarchie lostrennen? 

Cubr.: Nein, niemals. 

Präs.: Wissen Sie, daß die »Narodna obrana« solche Grundsä^e ver¬ 
ficht? Sie waren ja deren Kommissär. 

Cubr.: Ich habe es schon gesagt, ich habe nur an deren kulturelle 
Aufgabe gedacht und habe auf Grund dessen die Stelle eines Vertrauens¬ 
mannes angenommen. 

Präs.: Nun gut. Je^t sollen Sie hören, welche Ziele die »Narodna 



91 


obrana« verfolgte. (Gegen den Schriftführer gewendet): Lesen Sie uns 
die Einleitung des Buches; »Die Narodna obrana«. (Der Schriftführer 
liest): Dieses Büchlein hat zum Zweck, in kurzen, wohldurchdachten 
Artikeln den breiten Schichten des Volkes die Aufgabe und den Zweck 
der »Narodna obrana« vorzuführen. Der Aufgabe selbst dient der zweite 
und dritte Teil dieses Buches. Der dritte Teil wird sich hauptsächlich 
damit beschäftigen, wie andere Völker in solchen Fragen vergehen, 
welche sich die »Narodna obrana« als Ziel gesteckt hat. 

Dieses Büchlein wird und kann nicht ein vollkommenes Bild der 
Arbeit der »Narodna obrana« geben. Das braucht man von dem Buche 
nicht zu erwarten. Sein Zweck ist, weitere Kreise über unsere Tätigkeit 
zu unterrichten. Es soll zielbewußte Leute noch mehr stählen im Kampfe 
und in der Arbeit, es soll Zaghafte für unsere Arbeit anwerben, es soll 
ein Aufruf sein an alle Serben zur Arbeit für unser gemeinsames Gut. 
Es ist geschrieben, um für unsere heilige Idee zu agitieren, für jene 
Idee, welche die »Narodna obrana« verbreitet. 

Präs, (gegen den Leser gewendet): Segen Sie ein wenig aus. 
(Gegen Cubrilovic): Also sehen Sie, daß die »Narodna obrana« auch 
solche Ziele verfolgt, um die man nicht einmal in Serbien wissen durfte. 
Das steht klar fest. Und Sie wußten es nicht? 

Cubr.: Nein. 

Präs, (gegen den Leser): Lesen Sie v/eiter! 

Der Schriftführer (liest): Das serbische Volk hatte in seinem Leben 
viele schwere Tage. Unter diese Tage ist auch jener Tag zu zählen, 
wo Österreich ohne irgendein Recht sich Bosnien - Herzegowina an¬ 
geeignet und die Annexion dieser durchaus und ausschließlich serbischen 
Länder durchgeführt hat. Aber das war ihm noch nicht genug. Öster¬ 
reich unterdrückte einige Millionen unserer serbischen Brüder in seinem 
Reiche. Man erlaubt ihnen nicht, sich frei Serben zu nennen, serbische 
Schulen zu errichten, in denen sie ihre Kinder erziehen und der Kultur 
und Bildung zuführen könnten. (Gelächter im Saale.) Man gestattet 
ihnen nicht, das Fest ihres Hauspatrons ^®) zu feiern und von Marko 
(Kraljevic) und Milog'^*’) zu singen. Nur ein solcher Staat konnte 
Millionen von Serben zu Sklaven machen und mit Füßen treten. 

Präs.: Das ist genug. (Gegen Cubrilovic): War Ihnen das bekannt? 

Cubr.: Nein, das war mir nicht bekannt. Wann ist denn dieses 
Buch herausgekommen? 

Präs.: Gleich nach der Annexion. Was jene Kanäle anlangt, von 
denen früher die Rede war, lesen Sie den Bericht des Grenzhaupt¬ 
manns an den Kommandanten der Drinadivision. 

Der Schriftführer (liest): Ich beehre mich, beiliegend dem Kommando 
den Brief des Kommissärs von ... in Bosnien zu unterbreiten. Unter 

Eine Sitte, die mit viel Müßiggang und Trinken, aber mit wenig Andacht 
verbunden ist. 

Serbische Nationalhelden. 



92 


anderem beehre ich mich, obigem Kommando folgendes mitzuteilen: Der 
Plan, den ich auszuführen begann und dem ich die größte Sorgfalt 
widmete, ist die Gewinnung von Vertrauensmännern (Kommissären). Sie 
alle waren noch aus der Zeit der Annexionskrise, aber sie wurden 
außer dem oben erwähnten und noch zwei, drei sämtlich entlassen. 
Einige derselben sind auch in andere Gegenden ausgewandert. Die 
»Narodna obrana« in Sabac hat auch einige Vertrauensmänner gefunden, 
so in Tuzla und in Sokolac. Die Verbindung war bisher schwach und 
ungenügend; denn sie befand sich in Händen von Leuten, die sich mit 
der Sache nur wenig befaßten und ihr nicht genügende Aufmerksam¬ 
keit widmeten. Ich bemühte mich, gemäß dem Wunsche des Herrn 
Kriegsministers, die mir gewordenen Aufträge und Anweisungen 
möglichst gewissenhaft auszuführen, besonders die Organisation am 
Orte selbst. Die einzelnen Vertrauensmänner kennen sich unter¬ 
einander, es empfiehlt sich jedoch, daß sie gegenseitig möglichst 
wenig bekannt seien. Die Wirksamkeit besteht hauptsächlich darin, 
daß man das Schulwesen®') und den Antialkoholverein »Pobratimstvo« 
(Verbrüderung) verbreitet, so ist sie ausgezeichnet maskiert. In der 
Drinagegend ist die Verbindung in genügendem Maße hergestellt; sie 
geht über Zvornik und Eabovje. An den übrigen Orten ist die Ver¬ 
bindung von früher unterbrochen, da sie jeßt überflüssig ist, weil die 
Garnisonen aus der betreffenden Gegend verseht sind. Über die bos¬ 
nische Insel und Draljaca vrata ist die Verbindung günstig. Es gibt 
da Leute, die sich vorzüglich zu gelegentlichen Hinüberschaffungen 
eignen. Die Kanäle sind für jeßt nicht vollzählig; doch ich glaube. 
Ihnen bald Informationen und Nachrichten schicken zu können. 

Präs.: Cubrilovi', haben Sie gehört? 

Cubrilovic (schweigt). 

Präs,: Lesen Sie ihm jeßt die »Anweisungen« vor, wie man für die 
»Akademie« Berichte und Informationen von unseren Gegenden ver¬ 
fassen soll. 

Schriftführer (liest): In diesen wird gefragt, wieviel es im Dorfe 
Quellen gibt, wieviel Häuser, wie alt jede serbische Familie ist, woher 
sie angesiedelt wurde, wieviel ihrer in der je^igen Ansiedlung sind. 
Wie sind die Quellen ? Wie stark ? An welcher Stelle ? Aus welchem 
Dorfe gibt es am meisten Rekruten ? Könnte das Dorf bestehen, wenn 
das nicht wäre? Wie ist überhaupt die Lage des Dorfes, der Typus? 
Wieviel männliche Individuen sind in jedem serbischen Hause? usw. 

Präs.: Sie behaupten also, wenn Sie für diese »Akademie« arbeiteten, 
nur auf dem Gebiete der Kultur gearbeitet zu haben und nichts von 
dem politischen Ziel gewußt zu haben? 

Cubr.: Nein. Ich glaubte, nur auf kulturellem Gebiete zu wirken. 


Durch Analphabetenkurse. 



0 


— 93 — 

Präs.: Sie behaupteten am 11. Juli bei der Voruntersuchung, keine 
Anzeige gemacht zu haben, weil Sie es nicht wußten. Stimmt das 
mit dem, was Sie jegt sagen? 

Öubr.: Es ist so, wie ich es heute behaupte. 

Präs.: Also heute erst haben Sie die Wahrheit gesagt? 

Öubr.: Ja. 

Präs.: Nun gut! Weil es heiß ist, öffnen Sie die Fenster. Einst¬ 
weilen unterbreche ich die Verhandlung auf 5 Minuten. 

Pause. 

(Nach der Unterbrechung beginnt die Verhandlung wieder um 
10 Uhr 10 Minuten.) 

Präs.: Cubrilovic soll hereinkommen! (Cubrilovi6 erscheint in Be¬ 
gleitung von Soldaten): Öubrilovi6, ich habe vergessen. Sie zu fragen, 
ob Sie von der »Königlich serbischen Akademie« für Ihre Arbeit Geld 
erhielten ? 

Öubr.: Ja, ich habe 50 Dinar bekommen. Ich erhielt auch ein 
Schreiben von der Akademie, in welchem Sie mir meldet, daß ich gut 
gearbeitet habe, ich solle in dieser Richtung Weiterarbeiten. 

Präs.: Haben Sie während des Serbisch-türkischen Krieges für das 
serbische »Rote Kreuz« in Priboj Beiträge gesammelt? 

Öubr.: Ja, ich sammelte, und wir alle. Ich sammelte, ein Pope 
sammelte, und wir alle. Unser wenige sammelten wir über 200 Kronen 
an Beiträgen und hatten dafür die Erlaubnis der Bezirksbehörde. 

Präs.: Haben Sie seinerzeit auch Artikel gegen die Professoren am 
Tuzlaer Gymnasium geschrieben? 

Öubr.: Ich erinnere mich nicht. Das ist schon lange her, als ich 
noch jung war. 

Präs.: Sie bekamen auch Broschüren aus Serbien. Wozu brauchten 
Sie diese? Haben Sie sie an andere weitergegeben? 

Öubr.: Diese Broschüren bekam ich aus Belgrad. Sie handelten 
sämtlich von Gesundheitspflege. Ich gab sie niemand anderem. 

Präs.; Hat jemand von den Herren an den Angeklagten eine Frage 
zu stellen? 

Naumowicz; Sie sagten hier, die ganze Arbeit des Milanovic sei 
Ihnen wie eine Utopie vorgekommen. Warum haben Sie sich also mit 
ihm eingelassen? 

Öubr.: Damit auch ich auf literarischem Gebiete arbeitete. Das war 
mein ganzer Ehrgeiz. 

Naum.: Sie behaupteten bezüglich der Bomben und Revolver, erst 
später davon gehört zu haben. Oder haben Sie etwa nicht gleich 
gewußt, daß jene Bomben und Revolver bei sich trugen? Wie war das? 

Öubr.: Ja. Ich wußte nicht gleich darum, als jener Bauer kam und 
sagte, es seien Studenten gekommen. 


94 


Naum.: Sie sagten, daß Sie alles übrige nur infolge von Drohungen 
getan hätten. Haben auch Sie jemand anderm gedroht? 

Cubr.: Nein, ich teilte nur mit, welchen Eindruck auf mich Princip 
gemacht hatte. 

Naum.: Haben Sie gehört, daß Grabez und Princip auch den 
Bauern gedroht haben? 

Cubr.: Das weiß ich nicht. Nur das weiß ich, daß einer der 
Studenten sagte, man müsse schweigen. 

Präs.: Hat er bei dieser Gelegenheit auch Ihnen gesagt, daß man 
nichts sagen darf? 

Cubr.: Er sagte, wir dürfen die Sache nicht verraten oder anzeigen. 
Er hat einfach gedroht. 

Präs.: Kennen Sie die politischen Gesinnungen dieser Bauern? Sie 
sind deren Gevatter und konnten sie so näher kennen. 

Cubr.: Die Bauern befassen sich nicht mit Politik, sie sind nur 
etwas mehr fortgeschrittenere Landleute. 

Naum.: Grabez sagte uns. Sie hätten sogleich die Waffen gesehen, 
als er Ihnen die Tasche übergab. 

Cubr.: Ich habe die Waffen nicht gesehen; denn sie haben ihre 
Taschen in die Satteltaschen gesteckt. 

Hoffmann: Hat Ihnen Princip mitgeteilt, wer ihm die Bomben 
gegeben hatte, und woher sie stammten? 

Cubr.: Nein. 

Hoffm.: Sprach er von Ciganovic oder Tankosic? 

Cubr.: Nein. 

Premusic: Sie behaupteten, den Mi§ko Jovanovic zu kennen. 

Cubr.: Ja, er ist mein Gevatter. 

Prem.: Wie hat er gelebt? 

Cubr.: Er lebte wie ein Gentleman. Sonst war er sehr weichherzig, 
sehr gutmütig. Er unterstü^te die Studenten viel, lieh Handwerkern 
Geld aus. Soweit war mir Misko bekannt. Später gründete er den 
»Sokol« und gab sich mit diesem ab. Er ist intelligent, aber er hat diese 
Bildung nicht in der Schule, sondern im gesellschaftlichen Verkehr 
erworben. 

Zisler: Im Grenzberichte aus Loznica an die Drinadivision heißt 
es, der »Sokol« sei nur eine Maske für die weitere Organisation der 
»Narodna obrana« in Bosnien-Herzegowina. Sie waren ein eifriger 
»Sokol«; erläutern Sie uns dies also. 

Cubr.: Ich habe den »Sokol« in Pribo] eingeführt. Als der Aus¬ 
nahmezustand kam, wurde der »Sokok aufgelöst, und ich gründete ihn 
später nicht mehr von neuem. In meinem »Sokol« gab es keinerlei 
geheime Agitationen. 

Zisler: Ist der serbisch-bosnische »Sokol« selbständig oder fällt er 
unter eine andere Organisation? 


96 


Ihnen gestanden haben, ein Attentat auf den Thronfolger ausführen zu 
wollen? Warum sagten Sie damals nicht, daß man Ihnen gedroht hat? 

Öubr.: Ich dachte, sie würden sich an mir rächen, wenn ich das 
früher sagte oder bei der Hauptverhandlung eingestand. 

Zisler: Wieviel bekamen Sie Gehalt jeden Monat? 

Cubr.: Im Monat? Das weiß ich nicht. Im Jahr bekam ich etwa 
2470 Kronen. Davon erhielt ich meine Familie und noch den Bruder. 

Zisler: Konnten Sie damit auskommen? Mußten Sie dazu noch 
literarisch tätig sein? 

Öubr.: Ja. Darum sandte ich jenen Bericht an die serbische 
Akademie. 

Hoffm.: Wie konnten Sie sich vor Princip fürchten, daß er Ihnen 
ein Leid zufügte? Sehen Sie ihn nur an; er ist ja schwächer wie Sie. 

Öubr.: Gerade deswegen erschrak ich. Ich sah, wie ein Student 
ankam, dem es gelungen war, bewaffnet die Grenze zu überschreiten, 
und wie er an Gendarmeriekasernen vorbeikam. Dieser Mensch flößte 
mir einen eigentümlichen Schrecken ein. Ich dachte, hinter ihm müsse 
jemand stehen; denn wie konnte er dies alles bewerkstelligen ? 

Zisler: Wie denken Sie vom Attentat? 

Öubr.: Ich bin ein Gegner von Attentaten und Revolten überhaupt; 
denn Sie hinterlassen zu blutige Spuren. So auch jegt. Ich glaube 
an die Revolution und Evolution des Geistes und der Ideen, aber nicht 
an die Revolution der Tat. ( 

P e r i § i c: Haben Sie dem Stepanovic irgend etwas mitgeteilt, welchen 
Zweck diese Bomben haben? War er zugegen, als Sie mit dem 
Kerovic vom Attentat sprachen? 

Öubr.: Nein. 

Präs.: Kennen Sie das Werk von Kalugjercic: »Historija srpskog 
naroda« (Geschichte des serbischen Volkes)? Dieses Buch ist in den 
serbischen konfessionellen Schulen eingeführt. Haben Sie Ihren Kindern 
danach die Geschichte vorgetragen? Haben Sie beim Lesen dieses 
Buches bemerkt, daß es viele Unrichtigkeiten enthält? Erinnern Sie 
sich jenes Lesestückes von der Schlacht bei Slankamen und Zenta? 
Dort wird gesagt, die Serben hätten diese Schlachten gewonnen. 

Öubr.: Ich habe die Geschichte nicht nachjsnem Buche vorgetragen, 
und dasselbe ist ohnehin heuer schon abgeschafft. 

Präs.: Haben Sie Ihren Schülern davon gesprochen, daß die Kroaten 
und Serben Brüder seien? 

Öubr.: Ja, ich habe ihnen davon gesprochen; denn ich stand auf 
dem Standpunkte, daß wir Brüder seien, da wir dieselbe Sprache reden. 

Feldbauer: Sie sagten, Blagoje sei neugierig gewesen bezüglich 
der Studenten, und Sie hätten ihm geantwortet: »Es steht schlecht; die 
Studenten haben Waffen bei sich.« Haben Sie etwas gesagt vom 
»Kopf verlieren«? 


95 


Cubr.: Die bosnischen Sokolvereine sind dem Zentral-Sokolbund in 
Sarajevo unterstellt. Sonst sind wir in Verbindung mit Agram, Prag 
und Belgrad. 

Zisler: Ist es Ihnen bekannt, daß es sich in le^ter Zeit um die 
Fusion des kroatisch-serbischen »Sokols« in Bosnien handelte? Ist es 
Ihnen bekannt, daß sie sich irgendwo fusioniert haben? 

Cubr.: Ja, in Banjaluka. 

Zisler: Sie behaupteten, ein Mitglied der Koßevic-Partei und Auto¬ 
nomist zu sein. Welche Ansicht haben Sie? 

Cubr.: Ich bin dafür, daß Bosnien und die Herzegowina einen 
besonderen Pla^ und eine eigene Stellung in der österreichisch-ungarischen 
Monarchie einnehmen. Daß steht auch im Programm der KoCevic-Partei. 

Zisler: Sie sind verheiratet? 

Cubr.: Ja. 

Zisler: Haben Sie aus Liebe geheiratet? Das ist eine etwas 
delikate Frage, aber antworten Sie uns. 

Cubr.: Ja, 

Zisler: Und sind Sie glücklich in der Ehe? 

Cubr.: Ja. 

Zisler: Sie sagten bei der Untersuchung aus. Sie hätten alles unter 
einer gewissen Suggestion der Furcht getan. Wenn man Ihnen drohte, 
befanden Sie sich zwischen zwei Übeln Warum entschlossen Sie 
sich zu diesem Übel, zum Attentat? 

Cubr.: Ich fürchtete die Vernichtung meiner Familie. Unser Haus 
ist nur fünf Stunden von der Grenze entfernt, und so könnten wir in 
einer Nacht zugrunde gehen, könnte uns alles zerstört werden und 
wir selbst das Leben lassen müssen. 

Zisler: Haben Sie gehört, daß es in Serbien geheime Organi¬ 
sationen gibt? 

Cubr.: Ja. Ich vernahm, es sollen deren viele sein, bis zu dem 
Balkankrieg soll es noch manche gegeben haben. Ich hörte, welche 
Grausamkeiten sie in Mazedonien verübten. Ich fürchtete nun, Princip 
möchte Mitglied einer derartigen Organisation sein, und so war mir 
bange um meinen Kopf. 

Präs.: Aber Bosnien ist nicht Mazedonien. 

Cubr.: Ich dachte, es müsse jemand hinter Princip stehen; denn 
wie soll er zu den Bomben gekommen sein? 

Zisler: Ist Ihnen bekannt, daß jemand Übles widerfuhr, wenn er 
nicht gehorchte oder Mitglieder solcher Organisationen verriet? 

Cubr.: Ja, ich hörte von einem Beg in Altserbien, dessen ganze 
Familie ausgerottet wurde. 

Präs.: Aber warum haben Sie uns nicht gleich gesagt, daß jene 


Zwischen dem Terrorismus der Serben und der Illoyalität. 



97 


Öubr.: Ja, ich sagte es, aber mit anderen Worten, nicht so. Es 
war nur dem Sinne nach so. Ich sagte, es sei das alles für uns eine 
gefährliche Sache, wir könnten dabei auch zugrunde gehen. 

Staatsanw.: Haben Sie in Priboj Ihren eigenen Besi^? 

Öubr.: Nein. 

Staatsanw.: Wie kam es, daß sie dennoch ins Attentat ver¬ 
wickelt wurden? Sie wußten, daß Sie in diesem Falle verhaftet 
würden. Warum blieben Sie dann in Priboj? 

Cubr.: Wie sollte ich meinen Pla^, meine Frau und meine Kinder 
verlassen? 

Staatsanw.: Sie behaupteten hier, sich vor dem Terrorismus 
der Serben gefürchtet zu haben. Sie hätten deshalb nichts verraten 
und auch hier nichts eingestehen wollen. Was glauben Sie denn? 
Wie käme Serbien dazu, dafür Rache zu nehmen und sich an Ihnen 
für Ihr Geständnis zu rächen? 

Cubr.: Es ist leicht, über die Drina zu mir zu kommen. 

Staatsanw. (rasch): Sie glauben also, Serbien habe beim Attentat 
seine Hand im Spiele? 

Öubr. (überrascht): Nein, ich . . . glaube das nicht. 

Präs.: Gut! Doch warten Sie. Sie sagten uns, jene hätten Ihnen 
verboten, davon zu sprechen; denn sonst seien Sie verloren. Und Sie 
reden fortwährend davon, obwohl jene Ihnen gedroht haben, und auch 
je^t sowohl als zur Zeit der Voruntersuchung sagten Sie alles, nur 
nichts von den Drohungen. Wie kommt das? 

Cubr.: Ich mußte alles auf das Attentat Bezügliche gestehen; denn 
da ich sah, ich sei verhaftet, wußte ich auch, daß alles entdeckt war; 
ich konnte also vom Attentat reden. 

Premu^ic: Sie haben als Lehrer gewiß auch der St. Sava-Feier®^) bei¬ 
gewohnt. Was pflegte man denn dabei zu sprechen? 

Cubr.: Gewöhnlich hält einer anfangs eine Rede über das Leben 
und Wirken des heiligen Sava. Abends kommen die Leute wieder 
zusammen, und man hält ihnen einen lehrreichen Vortrag über land¬ 
wirtschaftliche Vereine oder das .s>Pobratimstvo;< (Antialkoholverein) . . 
Darauf wurde gewöhnlich das St, Sava-Lied gesungen. Die St. Sava- 
Feier wird überhaupt genau nach dem Programm gehalten, und dieses 
bestätigt immer der Bezirksvorsteher. 

Prem.: Hat man bei dieser Gelegenheit vom heiligen Sava 
gesagt, er sei der Patron aller Serben, wo immer sie sich aufhalten, 
und er habe die Serben vereinigt? 

Öubr.: Ja, darum wird er auch gefeiert. Er ist auch der Patron 


®^) St. Sava (Sabas), ein serbischer Heiliger (Königssohn und Erzbischof), dessen 
Fest am 14. Januar alten Stiles gefeiert und zu nationalen Agitationen mißbraucht 
wird. 

Pharos, Der Prozeß gegen die Attentäter von Sarajevo. 


7 



98 


aller Sdiulen. Die St. Sava-Feier wurde bisher auch in allen Schulen 
Bosniens und der Herzegowina abgehalten. 

Malek: Haben Sie zu dem Obren gesagt, Franz Ferdinand komme 
nach Sarajevo? 

Öubr.: Ich weiß es nicht. 

Prem.: t'abrinovic möchte etwas sagen. 

Präs.: Nun, was ist es? 

Cabr.: Ich kaulte noch am Vortage des Attentats in Sarajevo eine 
Nummer des Blattes »Vihor«, in der sich ein Gedicht über Vojo Tan- 
kosic befand. Da sagt der Dichter von ihm, er sei irgendwo in Alt¬ 
serbien in das Haus eines türkischen Begs eingebrochen, der sie ver¬ 
raten hatte, und habe da alles niedergemacht. Ich fürchtete mich, 
falls ich nach Serbien käme, ohne das Attentat ausgeführt zu haben, 
möchte er auch über mich kommen. 

Präs.: Er wird nicht mehr kommen, fürchten Sie nichts. 

(Stimmen im Saale: »Er ist gefallen! Er ist gefallen! fürchte dich 
nicht, er wird nicht kommen.«' Cabrinovic erbleicht und starrt mit 
offenem Mund den Staatsanwalt an, der ihm zulächelt. Dann se^t er 
sich langsam nieder, stü^t den Kopf in die Arme und verfällt in Nach¬ 
denken. Auch Princip wurde blaß, ließ den Kopf hängen und zupft 
nervös an seinem Bärtchen. Er wollte im ersten Augenblick etwas 
sagen, zieht sich dann aber wieder zurück und blickt starr auf einen 
Punkt.) 

Präs.: Hat sonst noch jemand von den Herren an ihn eine Frage zu 
stellen? Herr Staatsanwalt? Nein? Nun gut. Und Sie? Nein. Gut, 
es soll hereinkommen 


Misko jovanovic. 

(Ein Mann in mittleren Jahren, ziemlich hohen Wuchses. Der Kopf ist 
charakteristisch und verrät mehr die karawallachische als die slawische 
Abstammung. Sein Haar ist kurz und glatt geschoren, am Scheitel schon 
etwas kahl. Die Augen sind schwarz und sehr unruhig. Er schielt fast 
beständig verschmißt nach der Seite. Er trägt ein kleines, schwarzes 
Schnurrbärtchen, das Gesicht ist langgezogen, seine Gestalt ist schon etwas 
gebeugt. Er macht den Eindruck eines Mannes, der seinerzeit das Leben 
ziemlich genossen hat. Er trägt einen lichten Anzug und an den Füßen 
gelbe Halbschuhe, die offen stehen. Die Hände sind lang, die Nägel lang 
gewachsen, aber kavaliermäßig in Ordnung. Der ganze Eindruck ist un¬ 
günstig, ein gewisses Etwas an ihm stößt ab.) 

Präs.: Sind Sie schuldig? 

Jov. (schweigt). 

Präs.: Nun, sind Sie schuldig oder nicht? 

Jov. (langsam und leise): Nein. (Verwunderung im Saale.) 

Präs.: Sie sind nicht schuldig? 

Jov.: Schuldig bin ich, weil ich die Waffen übernommen habe. 



99 


Präs.: Nun gut. Erzählen Sie uns etwas von sich. Was für Schulen 
haben Sie absolviert? 

Jov.: Ich vollendete in Tuzla zwei Klassen der Handelsschule, dann 
war ich in der Privat-Realschule in Tuzla, hernach kam ich zu meinem 
Vater ins Geschäft. Bei ihm war ich bis zum vorigen Jahr. Er baute 
damals das Gebäude und das Lokal für den Kinematographen und über¬ 
gab mir dasselbe, damit ich davon lebe. Da habe ich mich auch 
verheiratet. 

Präs.: Was waren Sie sonst in Tuzla? Waren Sie ein Mitglied 
der serbischen Gemeinde? 

Jov.: Ich war der Vorstand der serbischen Schulgemeinde, der Vor- 
sigende des »Sokol«, Mitglied der Direktion der Serbischen Bank. 

Präs.: Was hat man als Mitglied der serbischen Gemeinde zu tun? 

Jov.: Ernennung der Lehrer, Einse^ung der Popen, Bestimmung des 
Gehaltes, ferner Häuser, Schulen und Kirchen zu bauen. 

Präs.: Wußten Sie also wohl, was für eine Aufgabe Sie haben? 

Jov.: Ja. 

Präs.: Welche Pflichten hatten Sie beim Eparchialrat (bischöfliches 
Konsistorium). 

Jov.: Die einlaufenden Angelegenheiten zu erledigen. 

Präs.: Und beim Ausschuß der Serbischen Bank? 

Jov.: Als Mitglied des Kontrollausschusses hatte ich die Aufgabe, 
die Bücher, die Kasse und ähnliches zu kontrollieren. 

Präs.: Waren Sie, wenn jemand von der Bank Geld auf einen 
Wechsel verlangte, dabei, wenn entschieden wurde, ob man es geben 
sollte oder nicht? 

Jov.: Nein. Das war nicht meine Amtspflicht. 

Präs.: Was ist die Aufgabe des serbischen »Sokols«? 

Jov.: Die körperliche und geistige Gesundheit der Mitglieder zu 
fördern. 

Präs.: Hat man im »Sokol« auch Politik getrieben? 

Jov.: Nach den Vereinsstatuten darf man im »Sokol« keinerlei Politik 
treiben. 

Präs.: Und haben Sie sich auch genau an diese Vorschriften gehalten, 
daß man keine Politik treiben solle? Sie waren Vorsigender und mußten 
das wissen. 

Jov. Ich habe mich streng an die Vorschriften gehalten. 

Präs.: In welcher Verbindung standen Sie mit Serbien? 

Jov.: Ich war Vertrauensmann der »Narodna obrana«. 

Präs.: Erzählen Sie uns, wie es kam, daß Sie Mitglied und Ver¬ 
trauensmann (Kommissär) der »Narodna obrana« wurden. 

Jov.: Es war das im Jahre 1912. Ich war der Inspektor der Sokol- 
vereine im ganzen Kreise Tuzla. Da fand in Priboj eine öffentliche 
Übung statt. Dort traf ich den Veljko Cubrilovic, den Lehrer von 

7* 



100 


Priboj und Führer des Sokols von Priboj; dieser ist mein Gevatter. 
Bei dieser Gelegenheit fragte er midi, ob ich nicht Kommissär für die 
Narodna obrana« werden möchte. Er sagte mir, was das für ein Verein 
sei. Idi sagte sogleich zu aus folgendem Grunde. 

Einen Monat früher war ich in Deutschland, in Berlin, gewesen. Da 
hatte ich Gelegenheit zu sehen, wie die Deutschen auf dem Gebiete 
der Kultur arbeiten. Ich sah, mit welcher Ausdauer sie verschiedene 
kulturelle Vereine gründen, wie sie sidi in fernen Gegenden unter- 
stügen, wie sie überall ihre Kolonien gründen und erhalten. Als Veljko 
die Frage an mich stellte, ob ich Kommissär der »Narodna obrana« 
werden wolle, erinnerte idi midi sogleich alles dessen, w^as ich in 
Deutschland gesehen hatte, und dadite daran, wie die Deutschen ihren 
Leuten zu Hilfe kommen. Da schämte ich mich geradezu, daß ich für 
mein Volk nichts tue. Ich reiste also später nach Sabac, suchte Milanovic 
auf, erzählte ihm, was mir Cubrilovic gesagt hatte, und äußerte meinen 
Wunsch, Mitglied der iNarodna obrana« zu werden. Milanovic willigte 
ein und sagte mir, ich solle mich der Volksbildung annehmen, indem 
ich Bücher über den Stand der Ökonomie verbreite. Von der Politik 
sagte er nichts. 

Präs, (blidit ihn an): Welchen Zwedi hat die »Narodna obrana«? 

Jov. (schnell): Das weiß ich nicht. 

Präs.: Das wußte ich, daß Sie so antworten werden. Nun, idi habe 
Sie darum vorhin auch über Ihre Pflichten bei den Vereinen und den 
Anstalten in Tuzla gefragt Von ihnen wissen Sie genau zu sagen, 
was Sie zu tun haben, aber von dem Zwech und den Zielen der 
»Narodna obrana«, von Ihren Pflichten als deren Kommissär wissen Sie 
nichts. 

Jov. (verwirrt und überrascht): Ich weiß nichts. (Mit unsicherer 
Stimme) : Ich w^eiß nur, daß sie eine kulturelle Aufgabe hat, aber welche, 
das w'eiß ich selber nicht recht 

Präs.: Nun gut! Haben Sie von der »Narodna obrana« irgendwelche 
Broschüren bekommen? 

Jov.: Ja, das w aren Broschüren nationalistischen Inhalts. Diese ver¬ 
teilte ich im »Sokol;. 

Präs.: Sie sagten eben vorhin, daß der Zweck des »Sokol« nicht 
politisch sei, und jegt gestehen Sie, Broschüren verteilt zu haben, deren 
Tendenz politisch war und die über die Vereinigung der Kroaten, Serben 
und Mohammedaner handelten. Also sehen Sie, daß Sie auch auf 
politischem Gebiete wirkten und nicht bloß auf kulturellem , wie 
Sie behaupteten. Ist dem nicht so? Welches waren Ihre politischen 
Ideale ? 

Jov.: Geehrtes Gericht! Ich habe mich nie mit Politik befaßt. 

Präs.: Nicht? Vorstand des serbischen »Sokol« zu sein, ist keine 
politische Tätigkeit? Die Verteilung von Broschüren von politischer 



101 


Tendenz, ist das keine Politik? Kommissär der »Narodna obrana« zu 
sein, ist das nicht Politik? 

Jov.: Nein. 

Präs.: Haben Sie sich nicht zur Zeit des Krieges nach Serbien, nadi 
Belgrad, begeben, um in die serbische Armee einzutreten? 

Jov.: Ich reiste nach Belgrad, nicht um zum Militär zu gehen, sondern 
um meine Schwester zu besuchen, die in Belgrad verheiratet ist. Ich 
ging dorthin, um sie zu trösten und aulzuheitem. Ich blieb bei ihr 
acht Tage und wäre während der ganzen Kriegszeit dort geblieben, hätte 
das Geschäft es mir erlaubt, um sie zu zerstreuen, bis ihr Marm 
zurückkam. 

Präs.: Waren Sie zu jener Zeit verlobt? 

Jov.: Nein. 

Präs.: Erzählen Sie weiter. 

Jov.: Idi war bei meiner Schwester und kehrte wegen der Geschäfte 
zurück. 

Präs.: Also hatten Sie kein Verlangen, in den Krieg zu ziehen, und 
sind Sie nicht deshalb nach Serbien gegangen? 

Jov.: So sagte ich nur zu meiner Braut. 

Präs.: Haben Sie ihr auch darüber geschrieben? 

Jov.: Ja. 

Präs.: Bei Ihnen hat man diesen Brief von ihr gefunden (liest): »Mein 
lieber Bräutigam! Gestern abend erhielt idi Deinen Brief. Aus ihm 
ersah ich Deine ganze Seele. . . . Jedes Ding hat zwei Seiten. So 
mußt auch Du, mein Leben, ... Du kannst audi auf eine andere Art 
wirken für das liebe Serbien. Und Du hast auch gewirkt und Dich 
Gefahren ausgeseßt. Und das ist auch eine Wirksamkeit; denn jegt 
kann nicht jeder auf gleiche Weise arbeiten. Ich bin auf Didi stolz . . .« 
Auf welche Weise sollten Sie für das teure Serbien wirken? 

Jov.: Verehrtes Gericht! Vor zehn Jahren . . . 

Präs.: Nein, nein, lassen Sie das beiseite: vor zehn Jahren. Ant¬ 
worten Sie mir auf meine Frage: Auf welche Art und Weise sollten 
Sie für das teure Serbien wirken? 

Jov.: Sie meinte, für das serbisdie Volk. 

Präs.: Nein, sehen Sie, hier ist der Brief im Original. Ist das ihre 
Schrift? 

Jov.: Ja. (Der Präsident legt ihm das Schreiben vor.) Ich meine, 
sie dachte an das Serbentum. 

Präs.: Sie schreibt im Briefe: »Du hast gewirkt und Dich Gefahren 
ausgesegt.« Welchen Gefahren haben Sie sich ausgesegt? 

Jov.: Meine Braut wußte, daß idi in Angelegenheit des Sokolvereins 
zur Winterzeit und bisweilen bei Unwetter herumreise und mich Ge¬ 
fahren aussege. In Srebenica ließ mich der Bezirksvorsteher bei meiner 
Ankunft aus der Stadt fortschaffen . . . (Gelächter im Saal.) 





102 


Präs.: Sie behaupten, keine Politik getrieben zu haben. Sagen Sie 
uns, warum schrieben Sie dann in jenem Rundschreiben, das Sie an die 
Sokolvereine herumsandten, als Sie für das serbische »Rote Kreuz« 
sammelten (liest): »Uns, denen es noch nicht vergönnt ist, unser Leben 
für die Befreiung einzuse^en . . .« Bezieht sich das auf die Gesundheit? 
(Gelächter im Saal.) Nun, worauf denn? 

Jov.: Dieses Rundschreiben hatte die Absicht, möglichst viele Bei¬ 
träge für das »Rote Kreuz« zu sammeln. Diese Worte schrieb ich 
vielleicht unter dem Eindruck der Begeisterung. 

Präs.: Wann glaubten Sie, daß die Zeit (für Serbien) zu sterben 
kommen werde ? 

Jov.: An das dachte ich nicht. 

Präs.: Wie, sollten Sie nicht daran gedacht haben? Sie schreiben 
selber: »Uns, denen es noch nicht vergönnt ist, usw.« Glaubten Sie, 
damit nur eine Phrase zu schreiben? 

Jov.: Das alles hatte nur den Zweck, soviel Beiträge als möglich 
zu sammeln. Eine andere Tendenz lag diesem Schreiben nicht zugrunde. 

Präs.: Sind Sie ein loyaler Untertan unseres Staates? Sind Sie ein 
loyaler Mann? 

Jov.: Ja. 

Präs.: Wie weit geht Ihre Loyalität? Revolver und Bomben für 
das Attentat herbeizuschaffen? 

Jov.: Die habe ich nicht herbeigeschafft. 

Präs.: Nein? Sie gingen persönlich nach Doboj und gaben da dem 
Ilic die Bomben und Revolver. 

Jov.: Ja. 

Präs.: Sehen Sie also, so weit geht Ihre Loyalität, daß Sie zum 
Morde des seligen Erzherzog Franz Ferdinand die Mittel lieferten. 

Jov.: Aber ich wußte nicht, daß das für ein Attentat sei. 

Präs.: Sie entschuldigten sich ®^) damit, daß Sie allerdings wußten, 
daß es zum Attentat kommen werde, aber Sie hätten die Bedeutung 
dieses Wortes nicht verstanden, sondern hätten gemeint, die Studenten 
würden gegen Franz Ferdinand eine Demonstration machen. 

Jov.: Sie sagten mir nicht, daß sie ihn ermorden würden. 

Präs.: Nun gut, sagen Sie uns, warum Sie loyal sind. 

Jov.: Deshalb, weil es meine Pflicht ist. 

Präs.: In der Voruntersuchung redeten Sie anders. Sie sagten: 
Deshalb, weil es mir immer gut ging. 

Jov. (schweigt). 

Präs.: Haben Sie nach dem Attentat jemandem etwas telegraphiert? 
Beileid? 

Jov.: Ja. Ich habe an die Kanzlei telegraphisch unser Beileid aus- 


®^) In der Voruntersuchung. 



103 


gedrückt. Alle Korporationen von Tuzla drückten wegen dieses Un¬ 
glücksfalles ihr Beileid aus. 

Präs.: Wie kommt das, bitte, daß Sie ihr Beileid ausdrücken, und 
doch haben Sie schon früher gewußt, daß ein Attentat verübt werden 
würde, und haben selbst zur Übertragung der Waffen mitgewirkt, mit 
denen der Verewigte getötet wurde. 

J o V. ; Ich mußte mein Beileid ausdrücken, sonst hätte man den »Sokol« 
im Verdachte gehabt. 

Präs.: Jegt weiß ich, was für eine Ansicht Sie hegen. Nun weiter, 
erzählen Sie uns, wie es mit der Vorbereitung ging. 

Jov.: Eines Tages kamen in meine Wohnung zwei Bauern und 
brachten einen Zettel von Cubrilovic, auf dem geschrieben stand, ich 
solle diese beiden aufnehmen. Ich ließ die Bauern eintreten. Sie sagten 
mir, sie hätten sechs Bomben und vier Revolver bei sich. Ferner 
sagten sie, die Studenten würden diese Dinge abholen, ich aber möge 
in das Lesekasino gehen, wohin auch jene kommen werden. Ich nahm 
die Sachen in Empfang und legte sie in einen Küchenschrank. 

Präs.: Wie kommt das? Sie sehen, wie Bauern Bomben und Re¬ 
volver bringen, und sagen, es werden Studenten kommen, sie abzuholen. 
Sie mögen dieselben inzwischen verwahren — und Sie nehmen sie 
sogleich an. Wären sie zu mir gekommen, ich hätte sie an Ihrer Stelle 
hinausgeworfen . . . 

Jov.: Das fiel mir nicht ein. Das ist ja keine so große Sünde. 
Waffen tragen auch die edelsten Menschen. 

Präs.: Ja, aber Bomben? Vielleicht in Serbien, aber bei uns nicht. 
Was war dann weiter? 

Jov.: Das serbische Lesekasino befindet sich in meinem Hause im 
unteren Stockwerk. Ich begab mich also ins Kasino, wie mir die 
Bauern sagten. Dort traf ich zwei Jünglinge und die Bauern. 
Stepanovic stand auf, trat zu mir und sagte: »Das sind die zwei 
Studenten.« Ich führte sie in das Si^ungszimmer, dort stellten sich mir 
beide vor und sagten, sie seien Studenten aus Belgrad. Ich sagte 
ihnen sofort, sie könnten, wenn sie wollten, die Bomben und Revolver 
von mir mitnehmen. Doch sie entgegneten, sie hätten keinen Paß, und 
jegt sei die Kontrolle wegen der Ankunft des Thronfolgers sehr strenge, 
ich möchte deshalb diese Sachen nach Sarajevo bringen. Da ich jedoch 
darauf durchaus nicht einging, baten sie mich, ich möchte die Sachen, 
wenn ich sie schon nicht hinbringen wolle, wenigstens einige Tage 
verwahren; darin willigte ich ein. Es wurde vereinbart, es solle jemand 
um diese Sache kommen, entweder sie selbst oder ein anderer. Ich 
sagte ihnen noch, der Betreffende solle sich mit einer Schachtel Stephanie¬ 
zigaretten legitimieren, damit ich wisse, es sei der, der die Sachen fort- . 
schaffen soll. 

Präs.: Daraus geht hervor, daß jene Ihnen mitteilten, sie würden 



104 


die Bomben nach Sarajevo schaffen. Sie sagten ihnen, es seien jegt 
strengere Maßnahmen, da Franz Ferdinand und seine Gemahlin nach 
Sarajevo kommen werden. Sie wußten also das alles. Einige sagten 
hier bei der Verhandlung aus. Sie seien ein intelligenter Mann. 
Konnten Sie denn nicht nach all diesem Vorausgehenden gleich ein- 
sehen, worauf es jene abgesehen hatten, und wozu sie diese Dinge 
brauchten ? 

Jov.; Nein. Ich glaubte, sie reisten so wegen der strengeren 
Maßnahmen. 

Präs.: Nun gut, gehen wir weiter. 

Jov.: Nachdem ich ihnen gesagt hatte, der, der das abholt, solle 
mir zum Zeichen eine Schachtel Stephaniezigaretten zeigen, sagte Princip, 
wie mir scheint: »Herr, spaßen Sie nicht und geben Sie uns nicht an; 
denn sonst würden Sie und Ihre ganze Familie vernichtet werden.« 
Ich zuckte mit den Achseln. 

Präs.: Sie fürchteten also diese Studenten. Aber weshalb? Da die 
Waffen in Ihrer Hand waren, brauchten Sie nur den nächstbesten Poli¬ 
zisten zu rufen und jene Leute in die Hände der Gerechtigkeit über¬ 
liefern. Sie haben das aber nicht getan; denn es war Ihnen darum zu 
tun, daß sie nach Sarajevo kämen und ihre Untat ausführten. 

Jov.: Ich mußte, da mir diese Leute drohten, meine Familie aus¬ 
zurotten. 

Präs.: Wer? Jene, wenn sie schon im Kerker sind? 

Jov. (schweigt). 

Präs.: Nun, reden Sie weiter. 

Jov.: Ich ging darauf fort; wie und wann jene aber aus Tuzla ab¬ 
reisten, davon habe ich keine Kenntnis. Als die Bauern die Bomben 
brachten und sie bei mir ließen, legte ich sie zuerst in einen Schrank 
auf dem Gange. Aber da pflegte meine Frau oft etwas zu suchen 
und hätte sie leicht finden können. Darum kehrte ich ins Haus zu¬ 
rück, nahm die Bomben und die Revolver aus dem Kasten und ging 
hinauf auf den Dachboden, um sie an einem geeigneten Plag zu ver¬ 
stecken. Da fand ich, daß in einem Winkel noch vom Bau ein Stoß 
Ziegel übrig geblieben war. Hinter diesem Stoß verbarg ich sie. Am 
Sonntag, den 14. Juni arbeitete ich zwischen 9 und 10 Uhr in meinem 
Zimmer, als meine Frau hereinkam und sagte, draußen sei ein Jüngling, 
der mich zu sprechen wünsche. 

Präs.: Warten Sie, vorher kam Cubriloviß zu Ihnen. 

Jov.: Ja. Zuvor war hier Übung®®), und meine Frau sagte es mir, 
als sie ankamen. Wir gingen nach 10 Uhr, als ich den Kinematograph 
geschlossen hatte, zu ihnen ins Hotel. Dort befand sich außer 
Cubrilovic und seiner Frau auch der Pope GaSo Grabric aus Pripoj. 


®®) Des »Sokols«. 



105 


Sie schickten sich eben an, zum Bahnhof zu gehen. Ich sagte dem 
Veljko, aber leise, damit es die anderen nicht hören konnten: »Die 
Studenten ließen ihre Sachen bei mir und sind noch nicht darum ge¬ 
kommen.« Er frug mich: »Weißt du, wozu diese Dinge sind?« und 
als ich es verneinte, sagte er mir: »Schweige, Elender, es ist besser, 
daß du es nicht weißt.« Dann fing er in leiserem Tone an: »Siehst 
du nicht, und weißt du nicht, wie man uns mit Füßen tritt?« Inzwischen 
ging Scepo fort, und wir begleiteten ihn. Dann trennten wir uns und 
gingen schlafen. Meine Frau lud Veljko ein, er solle mit seiner Gattin 
(morgen) zu uns zum Mittagessen kommen. Er kam um V 2 I zu Tisch. 
Da sagte ich ihm bei Gelegenheit, das heißt, ich flüsterte ihm zu, daß 
heute um 10 Uhr früh einer um jene Sachen gekommen sei. Er ant¬ 
wortete mir darauf: »So? Nun gut.« Das war alles. Nachmittags 
kehrte Veljko nach Priboj zurück und nahm zwei oder drei Bücher aus 
meiner Bibliothek zum Lesen mit. 

Als Ilic morgens ankam, sagte mir meine Frau, es sei ein Jüngling 
da. Ich kam ins Zimmer, und er stellte sich mir vor, indem er mir 
eine Schachtel Stephaniezigaretten zeigte. Ich fragte ihn, wie er die 
Sachen fortzuschaffen gedenke. Er antwortete, ich möchte sie in eine 
Schachtel einpacken, damit es nicht auffalle. Zugleich bat er mich, ich 
möchte Sorge tragen, daß diese Sachen nach Doboj geschafft werden; 
denn wenn er sie von hier mitnähme, könnte ihn die Polizei hier als 
Unbekannten anhalten und die Dinge bei ihm finden. Bei mir würde 
niemand Verdacht hegen. Ich wollte zuerst meinen Diener bis Doboj 
schicken, aber es dauerte mich, falls er unglücklich werden sollte. Ich 
sollte übrigens selbst schon längst nach Doboj reisen, um das Holz zu 
besichtigen, das ich dort hatte, und entschloß mich deshalb, bis Doboj 
zu fahren und die Sachen dahin selbst mitzunehmen. 

Präs.: Was war es denn mit jenem Holz ? Wie lange lag es schon dort ? 

Jov.: Lange, ich meine vier Jahre. 

Präs.: Und gerade an diesem Tag mußten Sie hingehen, um nach¬ 
zusehen, was es damit sei? 

Jov.: Ich sagte Ilic, wenn er bis morgen warten wolle, so würde ich 
die Sachen nach Doboj schaffen. 

Präs.: Ist es Ihnen früher einmal in den Sinn gekommen, nach Doboj 
zu fahren, um jenes Holz zu besichtigen? 

Jov.: Ja, nur hatte ich nicht viel Zeit und verschob es von einem 
Tag auf den anderen. Aber nun mußte ich hingehen; denn ich hatte 
das Holz verkauft, und man mußte es schneiden und zersägen. 

Präs.: Nun gut, gehen wir weiter. 

Jov.: Ich frug Ilic noch, ob etwas daraus werde. Er antwortete 
mir, daß sie es ausführen werden, es seien ihrer viele. Was sie aus¬ 
führen werden, das sagte er mir nicht, und ich habe ihn darum auch 
nicht gefragt. 


106 


Präs.: Sie gingen also bis Doboj mit. Wer trug die Schachtel? 

J 0 V. : Ich habe sie selbst getragen. 

Präs.: Was für eine Kleidung trugen Sie an jenem Tag? 

Jov.: Dieselbe, die ich jetjt am Leibe habe. Da es an jenem Tage 
kühl war, nahm ich auch den Havelock mit. 

Präs.: Worin trugen Sie denn die Sachen? 

Jov.: In einem Zuckerkarton. Diese Schachtel wickelte ich in weißes 
Papier ein und band sie mit einer Schnur zusammen. 

Präs.: Ihr Diener aber sagt, Ihre Schwägerin habe die Schachtel 
auf die Station getragen. Sie sei nämlich einige Zeit bei Ihnen ge¬ 
wesen und gerade diesen Tag nach Hause, das ist nach Mostar, zurück¬ 
gekehrt. 

Jov.: Nein. Ich habe alles selbst getragen. Als ich und die 
Schwägerin auf die Station kamen, war das Publikum schon im 
Waggon, und ich fand Ilic nirgends. Ich meinte, Ili6 sei schon im 
Waggon, und ich würde ihn auf einer anderen Station treffen und ihm 
die Sachen übergeben können; allein er war bis Doboj nirgends zu 
sehen. Als ich auf die Station hinausging, suchte ich Ilic irgendwo zu 
finden, aber ich merkte, er war nicht da, und so dachte ich schon, er 
sei überhaupt nicht mit diesem Zug nach Doboj gekommen. Ich ließ 
darum die Schachtel mit den Sachen im Wartesaal auf dem Tisch liegen 
und begleitete die Schwägerin hinaus. 

Präs.: Ließen Sie die Schachtel mit den Bomben und Revolvern 
zurück, ohne zu fürchten, es könnte sie jemand vom Tisch wegnehmen. 
Wie konnten Sie das tun? Es konnte das größte Unglück geschehen. 

Jov.: Ich hoffte, augenblicklich wieder zurückzukommen, zudem war 
die Schachtel mit meinem Havelock bedeckt. 

Präs.: Was geschah dann ? 

Jov.: Ich kehrte dann zurück, nahm die Schachtel und trug sie mit 
mir. Ich begab mich unterwegs zum Kaufmann Kosta Malinkovic und 
bat ihn, mir Holzarbeiter zu suchen. Darauf kehrte ich auch in die 
Werkstätte des Schneidermeisters Joksic ein, der früher in Tuzla war, 
woher ich ihn kannte, und später nach Doboj übersiedelte. Diesen bat 
ich nun, mir die Schachtel aufzubewahren, ich würde später darum 
kommen. Ich ließ die Schachtel bei ihm und begab mich später in die 
Stadt zum Mittagessen. 

Präs.: Haben Sie denn nicht gefürchtet, es könnte ein Kind kommen, 
neugierig die Schachtel öffnen und über die Bomben kommen? 

Jov.: Nein. 

Präs.: Was geschah hernach? Erzählen Sie uns. 

Jov.: Dann begab ich mich wieder in das Geschäft des Jok§ic. Dort 
verblieb ich, bis der Zug ankam, und redete mit ihm bezüglich 
der Arbeiter. Er versprach mir, Arbeiter zu suchen, und ich seßte 
ihnen den Tagelohn fest. Als der Zug ankam, bat ich ihn, den Laden 



107 


nicht zu schließen, wenn er zum Mittagessen gehe; denn es werde 
ein Mann hierher kommen, dem er dann die Schachtel übergeben solle. 

Präs.: Aber warum übergaben Sie Ilic die Schachtel nicht auf dem 
Bahnhof, sondern ließen sie im Gewölbe, und dies sollte noch über 
Mittag offen bleiben? Es konnte jemand kommen und die Sachen 
fortnehmen. 

Jov.: Nein, es war an jenem Tag der Kleine im Laden, Ich sagte 
Jok^ic, er solle, wenn er nach Hause gehe, den Laden offen lassen. 
Mit dem Zug, der aus Tuzla kam, kam auch Iliö an. 

Präs.: Im Laden war doch niemand, und er blieb leer. 

Jov.: Ilic kam hin, nahm die Schachtel aus dem Laden weg und 
ging fort. Ich begab mich ins Hotel zum Mittagessen. Dann ging 
ich, meiner Frau telegraphieren, daß ich nachmittags kommen werde. 

Präs.r Wann hörten Sie vom Attentat? 

Jov.: Noch am Sonntag nachmittag, 

Präs.: Wußten Sie, daß es mit jenen Waffen verübt wurde, die Sie 
bei sich hatten, und die Sie weiterschafften. 

Jov.: Ich dachte es mir wohl. 

Präs.: War an diesem Tage eine Festlichkeit in Tuzla. Bei Tisch? 

Jov.: Ich weiß es nicht. 

Präs.: Ja, es war eine Feier. Es fand eine Unterhaltung der 
Studenten statt, die auch dann fortgese^t wurde, als die Nachricht vom 
Attentat kam: 

Jov.: Ja. 

Präs.: Haben Sie Artikel geschrieben in den Zeitungen? Gegen 
die Regierung? 

Jov.: Nein, sondern nur zwei, drei Notizen wegen meiner Vertreibung 
aus Srebrenica. 

Präs.: Ist Ihr Sokolverein in irgendwelcher Verbindung mit einem 
Verein in Serbien. 

Jov.: Nein. Er war in keinerlei Verbindung außer mit der Zentrale 
in Sarajevo. 

Präs.: Ist es Ihnen bekannt, daß im Königreiche Serbien der Sokol¬ 
verein »Du§an, der Gewaltige« existiert? 

Jov.: Vielleicht gibt es einen solchen. 

Präs.: Nicht »vielleicht gibt es«, sondern ist er Ihnen bekannt 
oder nicht? 

Jov.: Ja. 

Präs.: Bekamen Sie die Aufforderung, die Tabellen zum Sokol 
»Dusan, der Gewaltige« auszufüllen, in denen alle Mitglieder des Sokols 
in Bosnien, Herzegowina, Dalmatien und Kroatien aufgeführt waren? 

Jov.: Nein. 

Präs.: Haben Sie von der »Narodna obrana« oder aus Sabac ein 
Schreiben erhalten? 


108 


1 


Jov.: Nein. Ich bekam voriges Jahr 10—20 Broschüren über die 
Cholera, weldie ich verteilte, und über die Tuberkulose. Mitunter be¬ 
kam ich auch Zeitungsausschnitte, in welchen man über die Verfolgung 
der Serben in Bosnien schrieb. Ich las das durch und las es 
auch meinen Kameraden vor, wenn ich im Kaffeehaus mit Ihnen 
zusammenkam. 

Präs.: Was war denn Ihre Gesellschaft? Mit wem verkehrten Sie 
denn hauptsächlich? 

Jov.: Georg Mihajlovi6, Milan Petrovic, alle, ich habe viele 
Kameraden. 

Präs.: Nun, welche waren denn Ihre besten Freunde? Sie kennen 
wohl jene Personen, mit denen Sie verkehrten? 

Jov.: Es waren ihrer... ich kann mich nicht ihrer Namen entsinnen. 
Ich habe in Tuzla viele Freunde. 

Präs.: Erinnern Sie sich wenigstens einiger. Was waren sie denn? 
Waren es Advokaten, Kaufleute? 

Jov.: Ja, aber die Advokaten ließ ich es nicht lesen. 

Präs.: Haben Sie diese Ausschnitte auch den Mitgliedern des »Sokols« 
zu lesen gegeben? 

Jov.: Nein, diesen gab ich sie nicht. 

Präs.: Sagen Sie mir, warum haben Sie anfangs alles verschwiegen? 

Jov.: Ich habe nichts verschwiegen. 

Präs, (blickt ihn an): Ja, Sie verschwiegen, daß Sie ein Mitglied der 
»Narodna obrana« waren, und leugneten, Bo2o Milanovi<5 zu kennen. 
Warum das? 

Jov.: Ich las gleich nach dem Attentat in der »Arbeiterzeitung«, daß 
die »Narodna obrana« jene Waffen geschickt habe. Darum fürchtete 
ich, es zu gestehen. Man konnte sagen, daß ich als Kommissär ... 
man konnte sagen .... 

Präs.: Wissen Sie, daß die »Narodna obrana« unter anderen Auf¬ 
gaben auch die hatte, unsere Ortschaften und Festungen auszuspionieren? 

Jov.: Ich weiß es nicht. 

Präs.: Wissen Sie, daß es noch Mitglieder der »Narodna obrana« in 
Tuzla gab? 

Jov.: Ich weiß es nicht. 

Präs.: Haben Sie schriftlich mit Bo2o Milanoviß verkehrt? Haben 
Sie die Briefe durch die Post oder durch gewisse Bauern geschickt? 

Jov.: Ich habe überhaupt nie einen Brief an Bo2o Milanovic geschickt. 

Präs.: Hat noch jemand etwas zu fragen? Nein? Gut. Ich unter¬ 
breche die Verhandlung. Fortseßung nachmittags Punkt 3 Uhr. 

Nachmittag, den 14. Oktober. 

Präs.: Hat jemand an den Angeklagten eine Frage zu stellen? 
Nein? Seßen Sie sich. Es soll Lazar Gjukic kommen. 




109 


Lazar Gjukic. 

Präs.: Sind Sie schuldig? 

Gj. : Ich weiß es nicht. 

Präs.: Wer sind Sie? 

Gj.: Ich bin Student der Lehrerpräparandie. Früher besuchte ich 
das Gymnasium, wo ich aus der fünften Klasse in die Präparandie 
übertrat. Ich fiel nämlich im Gymnasium aus der Mathematik durch. 

Präs.: Wo studierten Sie? 

Gj.: Hier, in Sarajevo. 

Präs.: Hatten Sie an der Präparandie einen Verein? 

Gj.: Ja, wir hatten den Verein der »Serbisch-kroatischen nationa¬ 
listischen Jugend«. 

Präs.:.Was für eine Tendenz hatte dieser Verein? 

Gj.: Eine literarische. 

Präs.: Und eine politische? 

Gj.: Nein, nur eine kulturelle. 

Präs.: Ihre anderen Kollegen, die in diesem Vereine waren, redeten 
ganz anders darüber. 

Gj.: Nein. Politisch vielleicht nur insofern, daß wir für die Ver¬ 
einigung der Kroaten und Serben waren. 

Präs.: Gedachten Sie, diese Vereinigung im Rahmen der Monarchie 
durchzuführen oder außer ihr? 

Gj.: Wir haben darüber nie gesprochen. 

Präs.: Haben Sie Princip gekannt. 

Gj.: Ich kannte ihn; denn er war mit mir in der Schule. 

Präs.: Kannten Sie seine Bestrebungen und seine Ideen? 

Gj.: Solange er in der Schule war, sprachen wir niemals darüber. 

Präs.: Sie sagten bei der Untersuchung, Sie seien ein Freund der 
Vereinigung der Serben und Kroaten gewesen, aber unter der Monarchie. 
Sie behaupteten, diese Vereinigung müsse eine kulturelle sein. Haben 
Sie das gesagt? ^ 

Gj. (schweigt). 

Präs.: Haben Sie das gesagt? Ist das (zeigt ihm den Akt) Ihre 
Unterschrift? Und dachten Sie auch dazu an die politische Vereinigung? 

Gj.: Nein. Der Herr Richter dachte vielleicht, es handle sich um 
eine Vereinigung mit Serbien? 

Präs.: Und Sie? Haben Sie gedacht, daß die Vereinigung mit Serbien 
bewerkstelligt werde? 

Gj.: Nein. 

Präs.: Wie sind Sie gegen das Allerhöchste Kaiserhaus gesinnt? 

Gj.: Ich habe nichts dagegen. 

Präs.: Also Sie haben nichts dagegen ? Wie kam es also dazu, daß 
auch Sie ins Attentat verwickelt wurden? 


110 


G j. : Eines Tages erzählte Ilic, mit dem ich noch von der Präparandie 
her bekannt war, es werde ein Attentat ausgeführt. Er fragte mich, ob 
ich dabei mitwirken wolle. Ich antwortete; Nein. Darauf sagte er 
mir, ich solle einen Studenten fragen, ob er nicht das Attentat ausführen 
möchte. Gelegentlich ging ich mit Öubrilovic spazieren, da kamen wir 
im Laufe des Gespräches darauf, wie wir, als Seine Majestät der 
Kaiser kam, defilieren lernten. Ich sagte, es komme mir sonderbar 
vor, daß wir je^t bei der Ankunft des Thronfolges nicht defilieren. 
Dann erwähnte ich ihm, daß mir jemand gesagt habe, er suche Leute, 
die ein Attentat auf den Thronfolger vollführen möchten. Er antwortete, 
er sei sogleich bereit, falls er nur die Mittel dazu bekäme. Danach 
traf ich zufällig Ilic und teilte ihm mit, daß es einen Studenten gäbe, 
der bereit sei, das Attentat auszuführen. Da bat er mich, der Ver¬ 
mittler zwischen ihnen beiden zu sein. Ich lehnte das jedoch ab. Bei 
Gelegenheit spazierte ich wieder mit Cubrilovic am Quai, als Ilic daher 
kam. Ich machte sie miteinander bekannt. Was sie da gesprochen, 
weiß ich nicht. 

Präs.: Hatten Sie etwas gegen Franz Ferdinand? Wollten Sie sich 
für etwas rächen? 

Gj.: Nein, niemals. 

Präs.: Sonderbar. Sie behaupteten, dem Kaiserhause ergeben zu 
sein und nichts gegen Franz Ferdinand zu haben, und dennoch sagten 
Sie dem Cubrilovic, Ilic suche Leute zur Ausführung des Attentats, und 
Sie machten ihn mit Ilic bekannt. Wie ist das zu erklären? 

Gj.: Ich glaubte nicht, daß es wirklich zum Attentate kommen 
werde, sondern meinte, Ilic werde mich nur auf die Probe stellen. 

Präs.: Haben Sie mit Ilic oder Öubrilovic näher über das Attentat 
gesprochen? . 

Gj.: Mit Ilic nicht, wohl aber mit Cubrilovic. Aber ich konnte ihm 
nicht recht glauben, da er einmal die Bemerkung machte, das Atten¬ 
tat würde uns nur schaden, es würden Verhaftungen von Studenten 
vorgenommen .... 

Präs.: Waren Sie irgend einmal in Ihrem Leben in Serbien? 

Gj.: Ja, das war damals, als ich die Prüfungen ablegen wollte. 

Präs.: Erzählen Sie uns, was sich vor dem Attentat zutrug. Mit 
wem sind Sie zusammengekommen, und was haben Sie gesprochen? 

Gj.: Ich stand einmal beim Perina und Cubrilovic. Perina zeigte 
auf Cubrilovic und sagte: »Der gedenkt etwas Großes zu tun, werm 
er nicht lügt.« Später frug ich den Cubrilovic, ob er Perina etwas vom 
Attentat mitgeteilt habe, und er bejahte es. 

Präs.: Was ist es mit dem Forkapic? Hat er etwas davon ge¬ 
sprochen? Sagte er etwas? 

Gj.: Ich weiß nicht genau, was es mit dem Forkapic war, ich weiß 
es nicht. Wir hatten damals gerade kein Geld. Ich weiß nicht, ob er 



111 


damals eben gekommen ist und wir redeten davon, wie wir zu Geld 
kommen könnten? Forkapic sagte, es wäre am besten, einen zu be¬ 
schuldigen, damit wir dann Geld bekämen und es dann alle miteinander 
unter uns teilten. Zufällig — ich glaube, nur zufällig — zeigte er 
auf Cubrinovic. 

Präs.: Was sagte Öubrilovic darauf? 

Gj.: Ich weiß es nicht mehr, ich erinnere mich nicht. 

Präs.: Sie sagten bei der Voruntersuchung, er habe darauf geant¬ 
wortet : Meinetwegen, zeige es an, aber nimm dann die Verantwortung 
auf dich. 

Gj.: Ich weiß es nicht. 

Präs.: Ist es Ihnen bekannt, ob Forkapic um das Attentat wußte? 

Gj.: Nein, er wußte nichts davon. 

Präs.: Wußte es Perina? 

Gj.: Ja, Perina wußte davon. 

Präs.: Und Kalember? 

Gj.: Nein. 

H o f f m.: Warum hat Ilic gerade Sie eingeladen, Leute aufzutreiben, 
die das Attentat ausführen sollten, und Sie sind darauf gleich ein¬ 
gegangen? 

Gj.: Ich weiß nicht, warum. Ich habe überhaupt nie mit ihm ver¬ 
kehrt. Ich kannte ihn nur insofern, als er in der nämlichen Präparandie 
war wie ich, nur daß er schon am Ende der Studien stand. 

H 0 f f m.: Sie behaupten, der Monarchie ergeben zu sein. Da kommt 
Ilic zu Ihnen und verlangt. Sie sollten Leute für das Attentat suchen; 
Sie aber sagen das gleich dem Öubrilovic, daß Ilic Leute sucht. Wie 
kommt das? 

Gj.: Ich erwähnte bloß im Gespräch Cubrilovic gegenüber, daß 
jemand Leute für das Attentat suche, und da wir zufällig Ilic trafen, 
machte ich sie gegenseitig bekannt. Ich weiß nicht, was sie ge¬ 
sprochen. 

Präs.: Öubrilovic stellt die Sache anders dar. Er sagt. Sie hätten 
ihm, als Sie von dem seligen Thronfolger sprachen, gesagt, man müßte 
ihm einen »Empfang« bereiten. 

Gj.: Es ist nicht wahr, ich habe davon mit ihm nicht gesprochen und 
habe das nicht gesagt. 

Präs.: Öubrilovic, was sagen Sie dazu? 

ö u b r.: Er hat nicht gesagt, man solle dem Thronfolger einen »Empfang« 
bereiten, sondern ich habe es gesagt. Ich sagte, dazu brauche man 
Leute. 

Malek (gegen Gjukic): Sagte Ihnen Ilic, aus welchem Grunde man 
ein Attentat verüben soll? 

Gj.: Nein, er sagte nur, man müsse die Jungmannschaft aufrütteln 
und ihren Kampfesmut beleben. 


112 


Präs.: Hat Ihnen Ilic irgend etwas vom Nationalismus gesprochen? 
Was ist der Nationalismus nach Ihrer Auffassung? 

Gj.: Der Nationalismus ist die Vereinigung der Kroaten und Serben. 

Präs.: Mußte man dann den seligen Thronfolger umbringen, um die 
Vereinigung der Serben und Kroaten zu erreichen? 

Gj.: Das sagte Ilic, nicht aber ich. 

Malek: Sagte Ihnen Ilic, welche Rolle Sie beim Attentat haben 
sollten, ob Sie selbst das Attentat ausführen oder die Waffen verwahren 
sollten? Welche Rolle war Cubrilovic zugedacht? 

Gj.: Keine; ich aber redete nur im allgemeinen, daß mir jemand 
davon gesprochen habe. 

Präs.: Wo waren Sie am Tage des Attentats selbst? Wo standen 
Sie, als es sich ereignete? 

Gj.: An diesem Tage war ich schon in Kljuß^®). 

Zisler: Warum haben Sie sich denn gerade an Vaso Öubrilovic 
gewandt, um ihm auszurichten, was Ilic Ihnen gesagt hatte? 

Gj.: Das war rein zufällig. Ich ging mit Cubrilovic auf dem Quai 
auf und ab, da kam zufällig das Gespräch auf die Ankunft Franz 
Ferdinands. Ich erzählte, wie wir defilieren lernten, als der Kaiser nach 
Sarajevo kam. Ich wunderte mich, daß wir je^t, wo der Thronfolger 
kam, nicht defilieren lernten. Bei dieser Gelegenheit sagte ich, einige 
beabsichtigen, ein Attentat auszuführen. 

Präs.: Sie hatten in der Schule einen Studentenverein und hielten 
Sigungen ab. Welche Beschlüsse faßten Sie bei diesen Sigungen? 

Gj.: Keine; denn wir waren überhaupt nicht tätig. 

Präs.: Wie viele waren Sie in dieser Studentenorganisation? 

Gj.: Ich weiß es nicht. 

Premusic: Waren auch Frauen in Ihrer Organisation? 

Gj.: Nein. 

Staatsanw.: Bitte, sagen Sie mir, ist Ihnen das Programm des 
»Narodno ujedinjenje« (VolksVereinigung) bekannt? 

Gj.: Nein. 

Präs.: Wer gab Ihnen die Initiative zur Gründung der Organisation? 

Gj.: Es kam ein Student aus Laibach. Er kam zu den Studenten 
und sagte, man müsse eine Organisation gründen, damit die Serben, 
Kroaten und Slowenen sich vereinen. Er redete uns von der »Volks¬ 
vereinigung«. 

Präs.: Meinte er das nur auf kulturellem Gebiet? 

Gj.: Ja. 

Feldbauer: Was ist denn das kulturelle Gebiet der Volks¬ 
vereinigung? 

Gj.: Daß sich die Serben, Kroaten und Slowenen zu einem Volk ver- 


Ort im westlichen Bosnien. 



T 


- 113 — 

schmelzen, wie das die Deutschen taten, die noch mehr gespalten waren 
als wir. (Gelächter im Saal.) 

Präs.: Aber das ist eine politische Einheit. ■ 

Gj.: Nicht politisch! ' 

Prem.: Haben Sie jemals von den »Jungkroaten« gehört? 

Gj.: Ja. 

Prem.: Sind diese für die Vereinigung? 

Gj.: Ich habe gehört, ja. Sie sagen nämlich: Wenn die Serben 
wollen, wollen auch wir. 

Präs.: Hat jemand von den Herren an ihn eine Frage zu stellen? 
Niemand? Nun, dann se^en Sie sich. Dort, rückwärts. 

Präs.: Cubrilovic, wie lange haben Sie sich in Tuzla aufgehalten? 
Öubr.: Das legtemal etwa sieben Monate. 

Präs.: Haben Sie einen gewissen Vladimir Kajganovic gekannt? 
Cubr.: Nein. 

Präs.: Und Stevan Veßerinac? 

Öubr.: Auch ihn nicht. 

Präs.: Gut, segen Sie sich. Princip, haben Sie diese Leute gekannt? 
Princ.: Nein. 

Präs.: Grabez, kennen Sie diese? 

Grab.: Nein. 

Präs.: Gut, se^en Sie sich. Es soll nun Ivo Kranjßevic herein¬ 
kommen. 


Ivo Kranjßevic. 

(Ein hochgewachsener, breitschultriger Jüngling. Sein Haar ist kurz ge¬ 
schoren, seine Stirne schmal und ziemlich hoch. Noch ist er jung und hat 
keinen Schnurrbart. Die Gesichtszüge sind grob. Er trägt einen sch\varzen 
Zwicker und dunkle Kleidung. Er hält sich etwas gebückt. Im ganzen 
macht er den Eindruck eines herabgekommenen jungen Menschen.) 

Präs.: Sie sind Ivo Kranjöevic. 

Kr.: Ja. 

Präs.: Wie alt sind Sie? 

Kr.: Neunzehn Jahre. 

Präs.: Was für eine Schule besuchen Sie? 

K r.: Ich war in der zweiten Klasse der Handelsakademie in Sarajevo. 
Präs.: Sind Sie schuldig? Fühlen Sie sich schuldig? 

Kr. (leise): Ja. 

Präs.: Also, wessen sind Sie schuldig? 

Kr.: Nicht angezeigt zu haben, daß ein Mord stattfinden sollte. 
Präs.: Bitte, erzählen Sie mir also, wie das war? Sie haben an 
der Handelsakademie studiert? 

Kr.: Ja. 

Präs.: Waren Sie da in einer Studentenverbindung? 

Pharos, Der Prozeß gegen die Attentäter von Sarajevo. 


8 


114 


Kr.; Ja, icli war in einer Verbindung. Sie hieß »Südslawischer- 
nationalistischer Verein«. Ich war nur einmal bei der ersten Versammlung, 
wo der Ausschuß gewählt wurde. 

Präs.: Was sind Ihre Ansichten in der Politik? 

Kr.: Ich war Fortschrittler. 

Präs.: Was heißt Fortschrittler? 

Kr.: Freund der Vereinigung von Serben und Kroaten. 

Präs.: Sind Sie Nationalist? 

Kr.: Nein? 

Präs.: Was verstehen Sie unter dem Worte »Vereinigung«? 

Kr.; Ich verstehe darunter das vereinte Vorgehen der Serben und 
Kroaten. Diese verfeinden und zanken sich je^t untereinander, während 
die Feinde vorwärtskommen. Unser Handel ist verfallen, unsere Küste 
ist in die Hände der Magyaren gekommen. 

Präs.: Dann, was noch? 

Kr.; Das gemeinsame Vorgehen in diesem Punkte. 

Präs.: Haben Sie die Bestrebungen dieser serbischen Nationalisten 
kennen gelernt? 

K r.: Ja, ich habe gehört. Sie wollen einen großen Staat schaffen, der 
Bosnien-Herzegowina von Österreich losreißen will. 

Präs.; Haben die Studenten so gesprochen? 

Kr.: Die Studenten sprachen darüber nicht. Ich hörte das von 
Kollegen, anderen Studenten. 

Präs.: Und wer wird dann Bosnien und die Herzegowina von der 
Monarchie lostrennen? Die Bewohner von Bosnien? 

Kr.: Nein, sondern die »Narodna obrana«. 

Präs.; Waren Sie damit einverstanden? 

Kr.: Nein. Das kann Vaso Cubrilovic bezeugen, daß ich dagegen 
war (wendet sich gegen die Anklagebänke). Ich sagte ihm, ich werde 
nie einwilligen, daß König Peter nach Bosnien komme. 

Präs.: Was sagte Ihnen Vaso Cubrilovic vom verstorbenen Thron¬ 
folger? Wie kam es überhaupt dazu, daß Sie als Kroat sich in das 
Attentat verwickeln ließen? 

Kr.: Mir sagte zuerst Popovic, er werde ein Attentat verüben. Ich 
spazierte eines Abends in der Cekalu§agasse, da kam er auf mich zu 
und sagte: »Georg, ich gedenke ein Attentat auf den Thronfolger zu 
verüben.« Ich antwortete ihm darauf; >>Ich möchte so etwas nicht tun; 
denn es ist gefährlich, und wir haben keinerlei Nu^en davon.« 

Präs.: Wer? »wir«? Die Kroaten oder Serben oder jemand aus¬ 
wärtiger? 

Kr.: Ich meinte die Siav/en im allgemeinen. 

Präs.: Wie ging es weiter mit Cubrilovic? 

Kr.: Er sagte mir, er wolle Popovic ein Attentat machen. 

Präs.: Haben Sie vor dem Attentat von den Bomben gesprochen? 




115 


Kr.: Ja. Ich fragte Cubrilovic, woher man die Waffen bekommen 
werde. Er sagte, er wisse es nicht, aber er werde nach Serbien gehen 
und Bomben von einem Komitatschi zu bekommen trachten; denn nach 
dem Kriege ist ihnen wahrscheinlich eine oder die andere Bombe übrig 
geblieben. Dann frug er mich, ob ich die Waffen verwahren wolle. 
Ich sagte zu, aber unter der Bedingung, daß kein Attentat ausgeführt 
werde. Noch am Abend vor dem Attentat frug er mich, ob ich auf 
ihn warten wolle, daß er mir das Ding übergebe. Ich versprach es, 
aber unter obiger Bedingung. 

Am nächsten Tag begegnete ich ihm nach dem Attentat. Er war 
ganz bleich und zitterte am ganzen Leibe. Noch einmal bat er mich 
je^t, ich möchte ihm die Waffen abnehmen. Er dauerte mich, und da 
ich sah, er habe das Attentat nicht verübt, hatte ich Mitleid mit ihm, 
denn er zitterte sehr, und nahm ihm die Waffen ab. 

Präs.: Was machten Sie mit den Waffen? 

K r.: Ich verpackte sie in einer Schachtel, ging dann damit zu Mom- 
cinovic und ließ Sie bei ihm. 

Präs.: Waren Sie an diesem Tag schon vorher im Hause des Mom- 
(iinovic ? 

Kr.: Ja. 

Präs.: Weshalb gingen Sie hin? 

Kr.: Ich wartete auf einen Freund. 

Präs.: Sagten Sie dieser Familie schon vor dem Attentat, Sie werden 
etwas zum Verwahren bringen? 

Kr.: Ja, ich sagte, ich werde einige alte Pistolen bringen, die mein 
Vater dem Museum schenken wollte, die ich aber dort nicht ablieferte. 

Präs.: Warum brachten Sie nach dem Attentat die Waffen in das 
Haus des Momcinovic, und warum wollten Sie diese nicht bei sich zu 
Hause verwahren ? 

Kr.: Deshalb, Weil unser Haus weit entfernt ist und es am Tag des 
Attentates gefährlich war, solche Sachen bei sich zu tragen. Die 
MomCinovic sind einfache Leute, die ich von Kindheit an kenne. 

Präs.: Aber warum haben Sie die ganze Sache nicht bei der Polizei 
angezeigt? Sie wußten, daß das Attentat verübt war, daß der Selige 
ermordet wurde und ein ganzes Komplott bestand. Sie wußten, daß 
Cubrilovic Waffen hatte und die Absicht, ihn zu ermorden. Warum 
haben Sie das nicht angezeigt, da sie wußten, die Polizei suche die 
Schuldigen und deren Spur? 

Kr.: Es tat mir leid um Cubrilovic, und ich glaubte, man müsse 
gegen den deutschen Einfluß protestieren, der uns erdrückt. (Ver¬ 
wunderung im Saal.) 

Präs, (blickt ihn einen Augenblick aufmerksam an): Sie erdrückt der 
deutsche Einfluß? In Bosnien erdrückt Sie der deutsche Einfluß? Er¬ 
klären Sie uns das ein wenig. 


8 


116 


K r.: Nicht nur in Bosnien, in Kroatien, in Slawonien, in Lemberg. 

Präs.: Sie glaubten also, das Attentat sei ein Protest gegen den 
deutschen Einfluß gewesen? Wenn man den seligen Thronfolger er¬ 
mordet, soll das heißen: protestieren? 

Kr.: Nein, das ist nur eine Warnung für andere. (Verwunderung 
im Saal.) 

Präs.: Herrschte diese Gesinnung bei allen Studenten oder nur bei 
Ihnen? 

Kr,: Nein, es waren unser genug, die so dachten. Auch Popovic 
dachte so. 

Präs.: Sehen Sie, es ist gerade das Gegenteil herausgekommen. Sie 
sind kein Kind mehr. Sie mußten einsehen, daß ein solches Attentat 
auch andere Folgen haben mußte. 

Kr.: Nein, ich wußte um jenes andere nicht. 

Präs.: Aber, ich bitte Sie, sind Sie mit dem Attentat einverstanden ? 

K r. (entschieden): Ja. Ich bin vollkommen einverstanden. (Bewegung 
im Saal; der Präsident fixiert ihn.) Ich billigte es nicht, daß es am 
Erzherzog verübt werden sollte. Ich sagte, es sei eine Dummheit, 
gerade auf ihn ein Attentat zu machen. 

Präs.: Warum haben Sie es dann nicht angezeigt? 

Kr.: Ich glaubte, man protestiere auf diese Weise. 

Präs.: Was sagte Ihnen Ihre Mutter, als sie erfuhr. Sie hätten die 
Waffen in Verwahrung genommen? 

Kr.: Sie sagte: »Hattest du nichts anderes zu tun? Bist du verrückt?« 

Präs.: Was war denn nach Ihrer Meinung der Zweck dieses 
Attentats ? 

Kr.: Daß wir uns des deutsdien Einflusses entledigen, 

Präs.: Was dann? Billigen Sie das oder nicht? 

Kr.: Ja, ich billige es. (Wird verwirrt und blickt zerstreut umher, 
im Saale tritt große Stille ein.) 

Staatsanw.: Sagen Sie mir, warum Sadilo ausrief: »Schaffe das 
von mir fort, daß wir nicht alle unglücklich werden.« Wie drückte er 
sich aus? 

Kr.: Sadilo sagte zu mir: »Wenn es bei dir nidit sicher ist, so ist 
es auch bei mir nicht.« 

Staatsanw.: Ach, so sagte er zu Ihnen? Wer redete Ihnen von 
der »Narodna obrana«? 

Kr.: Popovic. 

Staatsanw.: Was glauben Sie denn? Was ist das, die »Narodna 
obrana«. 

Kr.: Die »Narodna obrana« ist ein Verein, der zur Aufgabe hat, 
Komilatschi anzuwerben und auszurüsten. Er erzählte mir, daß diese 
Komitatschi sich mit den Türken schlagen. 

Staatsanw.: Welche Aufgabe hat die »Narodna obrana« in Bosnien. 


117 


Kr.: Gar keine. 

Staatsanw.: Was meinen Sie, haben Sie, von jemand gehört, 
welche Dynastie soll in diesem südslawischen Zukunftsstaate der »Jugo- 
slavia« herrschen? 

Kr.: In Serbien die gegenwärtige. 

Staatsanw.: Also sollte in dieser »Jugoslavia« König Peter herrschen ? 

Zisler: Wie dachten Sie über den Thronfolger Franz Ferdinand? 
Wußten Sie, daß er ein Freund der Kroaten sei? 

K r.: Man sagte, er habe die Kroaten lieb, und daß er deswegen sich 
in Slawonien aufhalte. 

Präs.: Warum haben Sie dann zugegeben, daß man den Freund 
der Kroaten zum Zwecke der Gründung Jugoslaviens aus dem Wege 
räume? 

Kr.: Ich glaubte, man protestiere auf diese Art gegen die Unter¬ 
drückung. 

Präs.: Nun gut! Ich unterbreche die Verhandlung auf 5 Minuten. 
Amtsdiener, öffnen Sie die Fenster. 

(Pause.) 

Nach der Pause. 

PeriSic: Kranjgevic, billigen Sie das Attentat auf den seligen Thron¬ 
folger Franz Ferdinand? 

Kr.: Nein, ich billige es nicht. Er ist ein Freund der Slawen. 

Präs.: Warum haben Sie es dann nicht früher angezeigt, damit man 
das Attentat verhütete, so wäre er nicht gefallen, wenn Sie wußten, 
er sei ein Freund der Slawen. 

Kr. (schweigt). 

Peri§.: Billigen Sie das Attentat, das den Tod des seligen Thron¬ 
folgers zur Folge hatte? Sagen Sie es einmal klar. 

Kr.: Nein, ich habe es niemals gutgeheißen. 

Präs.: Warum sagten Sie denn einen Augenblick früher, es sei das 
ein Protest gegen die Unterdrückung gewesen? 

Kr. (schweigt und läßt den Kopf hängen. Man sieht ihm die große 
Aufregung an, und daß er die Fragen und seine eigenen Antworten 
nicht erfaßt). 

Zisler: Er sagte mir jegt, er wisse nicht, um was Sie ihn gefragt 
haben. Er fragte mich, was er geantwortet hätte. Er ist ganz verwirrt. 

Präs.: Nun gut. Hat noch jemand von den Herren etwas zu fragen ? 
Herr Staatsanwalt? Nein? Und Sie, haben Sie etwas? Gut, je^t möge 
Branko Zagorac hereinkommen, und Sie segen sich da rückwärts in die 
Bänke. 

Branko Zagorac. 

Präs.: Wie alt sind Sie? 

Zag.: Achtzehn Jahre. 


118 


Präs.; Haben Sie etwas studiert? 

Zag.: Ich besuchte den ersten Jahrgang der Handelsakademie. 

Präs.: Waren Sie Mitglied eines Vereins an der Akademie? 

Zag.: Nein. 

Präs.: Was bedeutet das: »Nationalismus«? 

Zag.: Das ist die Vereinigung der Serben und Kroaten. Ich habe 
nur im allgemeinen darüber gelesen und wußte, es sei dies die Ver¬ 
einigung der Serben, Kroaten und Slowenen. 

Präs.: Wie stellten Sie sich diese Vereinigung vor? 

Zag.: Kulturell. 

Präs.: Ja, aber wie? Erklären Sie uns das ein wenig. 

Zag.: Wenn sich die Serben und Kroaten vereinigen würden, so 
könnten sie leichter im Landtage arbeiten. (Gelächter im Saale. Eine 
Stimme: Das ist ja eine politische Vereinigung.) 

Präs.: Also Vereinigung mit unseren Serben und nicht mit jenen im 
Königreiche. 

Zag.: Nein. Davon habe ich nichts gehört. Ich war eigentlich nur 
deswegen Nationalist, weil es die Mehrzahl unserer Jungmannschaft war. 

Präs.: War es Ihr Wunsch, daß alle Südslawen sich vereinigen? 

Zag.: Daran habe ich nie gedacht. 

Präs.: Kannten Sie den Lazar Gjukic und den Cubrilovic? 

Zag.: Ja. Sie waren ebenfalls Nationalisten, aber ich sprach mit 
ihnen niemals davon. 

Präs.: Sagte Ihnen Vaso Cubrilovic etwas davon, daß er ein Attentat 
vollbringen wolle? 

Zag.: Ja, er sprach davon. 

Präs.: Konnten Sie es begreifen, daß er ein Attentat verüben wollte? 

Zag.: Ich glaubte ihm nicht, denn ich dachte, er sei nicht fähig, ein 
Attentat zu begehen. Ich sagte davon nichts, daß er mir mitteilte, er 
werde das Attentat zur Ausführung bringen, und reiste dann am 25. 
nach Hause, ohne daran auch nur noch zu denken. 

Präs.: Redete er Ihnen mehrmals davon, daß er ein Attentat machen 
wolle? 

Zag.: Das erstemal teilte er mir nur mit, es werde ein Attentat statt¬ 
finden, das zweitemal sagte er mir, daß er es ausführen werde. Das 
erstemal sagte er mir nur im allgemeinen, es seien Waffen vorhanden, 
aber das zweitemal sagte er, die Waffen seien bereits angekommen. 
Ich glaubte nicht, daß es Ernst sei; denn er bezeichnete mir die Leute 
nicht, denen er ernstlich diese Tat Zutrauen konnte. 

Präs.: Aber jegt glauben Sie es? 

Zag.: Natürlich, glaube ich es. 

Präs.: Sagen Sie mir, billigen Sie dieses Attentat? 

Zag.: Ich habe darüber noch nicht nachgedacht. (Heiterkeit im Saale.) 
Ich kannte Franz Ferdinand nicht als politische Persönlichkeit. 



119 


Präs.: Und als Privatperson? Heißen Sie das Attentat auf ihn als 
Privatperson gut? 

Zag.: Ich wüßte nicht, warum man gerade diesen Mann ermorden 
mußte. 

Präs.: Also Sie meinen, es gebe Fälle, wo man eine Person von 
höherem Rang durch einen Studenten umbringen lassen könne? 

Zag.: Natürlich nicht. 

Präs.: Und meinen Sie, es gäbe solche politische Fälle, wo man 
jemanden töten müßte. 

Zag.: In der Politik gibt es solche Fälle. 

Präs.: Das sind schöne Grundsäße. Es scheint, daß Sie in der Haft 
Ihre Ansichten ein wenig geändert haben. In der Voruntersuchung 
sagten Sie ausdrücklich. Sie billigten ein Attentat überhaupt nicht. 

Zag.: Mitunter muß man doch eines ausführen. 

Präs.: Haben Sie erfahren, daß Cubrilovic mit noch jemanden von 
dem Attentate redete? 

Zag.: Ja, er redete mit Kalember und Perina davon. 

Präs.: Und haben Sie mit diesen davon geredet? 

Zag.: Nein. 

Präs.: In der Voruntersuchung haben Sie etwas anders darüber 
ausgesagt. Sie gestanden nämlich, darüber mit Lazar Gjukic gesprochen 
zu haben. Wie kommt dies? 

Zag.: Ich habe mit ihnen nicht davon gesprochen. 

Staatsanw.: Ist es Ihnen bekannt, daß Lazar Gjukic in Bosnien zu 
dem Zwecke herumreisten, um die Studenten zu diesen nationalistischen 
Vereinen zu organisieren? 

Zag.: Nein. 

Präs.: Warum zeigten Sie die Sache nicht den Behörden an, und 
warum haben Sie so nicht diese Untat verhütet? 

Zag.: Deshalb, weil ich dies alles nicht für Ernst hielt. Ich wußte 
das nicht, und hätte ich es angezeigt, so hätte es Sensation erregt. 

Präs.: Wenn Sie das nun für Ernst gehalten hätten, hätten Sie es 
dann angezeigt? 

Zag.: Natürlich hätte ich es angezeigt, wenn ich es sicher gewußt 
hätte. 

Präs.: Hat jemand von den Herren an ihn eine Frage zu richten? 
Nein? Seßen Sie sich. Marko Perina soll hereinkommen. 

Marko Perina. 

(Ein großer und zum Erschrecken magerer Mensch, der den Eindruck 
macht, als sei er aus einem Grabe herausgekommen. Sein Gesicht ist 
gelb wie eine Zitrone. Sein Kopf ist ungemein schwach und mager, so 
daß ihm die Backenknochen weit hervorstehen. Die Nase ist fast ein¬ 
gedrückt und macht den Eindruck, als sei sie von Bein. Seine Augen sind 
trüb und hohl, er sieht aus, als ob er Fieber hätte, wahrscheinlich ist er im 


120 




legten Stadium der Schwindsucht. Er schwankt mit unsicherem Schritt und 
sigt unter den Angeklagten wie der Sensenmann. Als er vorüberging, 
hörte man jemand sagen: »Der wird nicht einmal das Urteil erleben.«) 

Präs.: Wo haben Sie in legter Zeit studiert? 

Perina: In Sarajevo in der sechsten Klasse des Gymnasiums. (Er 
spricht mit leiser, kaum hörbarer Sttmme. Es werden Stimmen laut: 
»Lauter!«) 

Präs.: Sprechen Sie lauter; denn das ist eine öffentliche Verhandlung, 
und sowohl wir als auch die übrigen müssen hören, was Sie sagen. 

Per.; Ich bin krank und habe Schmerzen im Magen. Ich kann nicht 
stehen; denn ich bin sehr schwach. 

Präs.: Bringen Sie ihm einen Stuhl, er soll sich segen. (Der Amts¬ 
diener bringt einen Stuhl, und Perina segt sich darauf. Er murmelt: Ich 
bin schwach, mir ist schwach im Magen. Er spricht auch fernerhin mit 
matter, kaum hörbarer Stimme.) Was sind Sie Ihrer politischen Über¬ 
zeugung nach? 

Per.: Nationalist. 

Präs.: Was ist das, ein Nationalist? j 

Per.: Das ist eine kulturelle Denkungsart der Südslawen. f 

Präs.: Was hielten Sie von der Idee des Nationalismus? 

Per.: Ich weiß es nicht. Ich war Nationalist, weil diese Idee 
modern ist. 

Präs.: Wie haben die anderen Studenten und Ihre Kollegen darüber 
geurteilt? 

Per. (rückt auf dem Stuhle hin und her und antwortet sehr leise): 
Ich weiß es nicht. Manche waren dafür und manche dagegen. 

Präs.: Wie soll man dieses Ziel erreichen? 

Per.: Mir ist es gleich, wie man es erreicht. 

Präs.: War es Ihnen gleichgültig, was das für eine Vereinigung wird? 

Per. (mit einer resignierten Handbewegung): Mir ist es einerlei; nur 
daß uns die Fremden nicht unterdrücken, 

Präs.: Waren Sie Mitglied eines solchen Vereins an Ihrer Anstalt? 

Per.: Ein Verein existierte nicht; er war nur auf dem Papier. 

Präs.: Wer aus Ihrer Klasse war Mitglied dieses Vereins? 

Per.: Marie, Öubrilovic, Banjac, Kalember und ich. Wir sollten 
eigentlich Mitglieder sein, waren es aber noch nicht; denn der Verein 
bestand nur auf dem Papier. 

Präs.: Hatte jede Klasse ihren Verein oder alle miteinander, oder 
wie war es? 

Per.: Nein, nur das Obergymnasium, nur die höheren Klassen waren 
im Verein. 

Präs.: Wer hat den Verein bei euch eingeführt und gegründet? 

Per.: Mir sagte Milan Prica, daß ein Verein gegründet würde, ich 
solle mich einschreiben. 



121 


Präs.: Gut. Was ist es dann ijiit dem Attentat? 

Per.: Öubrilovic redete mir davon, beiläufig am Anfang Juni in 
Ko^evo. 

Präs.: Wie war das? 

Per.: Ich weiß es nicht, bei Gott. Er sagte, er sei ein Held, und er 
werde den Thronfolger umbringen. 

Präs.: Also, er sagte Ihnen, er sei ein Held. Und was haben Sie 
darauf gesagt? 

Per.: Ich sagte darauf gar nichts. Was sollte ich sagen? (Mit 
Lächeln): Mir war war das lächerlich. 

Präs.: Sagte er Ihnen, Sie sollten eine Bombe und einen Revolver 
mitnehmen? 

Per.: Ja, aber ich wollte nicht. 

Präs.: Und warum wollten Sie keine Bombe und keinen Revolver 
annehmen ? 

Per.: Was ging das mich an? 

Präs.: War auch Forkapic dabei, als Sie vom Attentat sprachen? 

Per.: Ja, er war dabei. 

Präs.: Was war es mit jenem Scherz von den 300 Kronen? 

Per.: Forkapic sagte: »Diese zwei sind wahrhaft verdächtig (nämlidi 
Popovic und Cubrilovic), man sollte sie der Polizei anzeigen.« 

Präs.: Hat Ihnen Cubrilovic etwas von den Tuzlaer Studenten er¬ 
wähnt? 

Per.: Ja, er erzählte mir, wie diese »für das Volk arbeiten«. 

Präs.: Bei Ihnen fand sich die Erklärung zur Generalstabskarte. Wie 
kamen Sie zu derselben, und wozu brauchten Sie diese? 

Per.: Ja, ich hatte eine, wir bekamen sie alle vom Professor Mandid; 
denn wir brauchten sie in dem Geographieunterricht. 

Präs.: Nun gut. Aber warum haben Sie nicht die ganze Sache bei 
der Polizei angezeigt? 

Per.: Ich wagte es nicht. Es war mir auch als Kollege unmöglich, 
es anzuzeigen, zumal ich dachte, es sei das alles nur Spaß. 

Präs.: Haben Sie das Attentat gebilligt? 

Per.: Nein, mich hat es nicht interessiert. 

Präs.: Sie haben früher bei der Voruntersuchung ausgesagt, das 
Attentat sei ein gemeiner Mord. Denken Sie darüber auch je^t 
noch so? 

Per.: Ja. 

Präs.: Sie sagten ferner, die Südslawen (Jugoslaveni) werden auf 
solche Weise nichts erreichen. 

Per. (mit einer Handbewegung und gebrochener Stimme): Weder 
die Südslawen noch die Nationalisten. 

Hoffm.: Sagte jemand, aus welchem Grunde und warum sie ihn 
ermorden wollten? 


122 


Per.: Ich weiß es selber nicht. Ich hielt es für unmöglich, daß 
Princip so etwas tun würde. 

Naumowicz: Warum fürchtetest du dich dann vor ihm, wenn du 
dachtest, er könne keinen umbringen? Warum fürchtetest du dich 
vor ihm? 

Per.: Ich fürchtete mich nicht vor ihm, sondern vor anderen; denn 
er sagte, es gebe noch andere Leute. 

Präs.: Habt ihr auf Cubrilovic auf irgendeine Weise Einfluß geübt, 
damit er das Attentat ausführe, indem ihr vom Attentat im allgemeinen 
sprächet oder ihn auf eine andere Art aufgestachelt habt? 

Per.: Nein, durchaus nicht. Ich billigte die Tat nicht. 

Präs.: Hat noch jemand eine Frage? Gut. Seßen Sie sich rück¬ 
wärts. (Gegen Zagorac gewendet): Branco Zagorac, hast du auf irgend¬ 
eine Weise bei Cubrilovic den Gedanken an die Ausführung des 
Attentats wach gehalten? 

Zagorac: Nein. 

Präs.: Gut, seße dich. Forkapic soll kommen. 

v Forkapic. 

Präs.: Sind Sie Forkapic? 

Fork.: Ja. 

Präs. Wie alt sind Sie? 

Fork.: Neunzehn. 

Präs.: Was haben Sie studiert. 

Fork.: Die Präparandie. 

Präs.: Welchen Jahrgang? 

Fork.: Den vierten. 

Präs.: Sind Sie Mitglied eines Studentenvereins ? 

Fork.: Nein, ich bin nie Studentenvereinen beigetreten. 

Präs.: Sind Sie ein Anhänger der nationalistischen Studentenpartei? 

Fork, (entschieden): Nein; ich bin ein radikaler Serbe. (Bewegung 
im Saale.) 

Präs.: Sie wünschen also nicht, daß sich die Serben mit den Kroaten 
verbinden? 

Fork.: Nein, das wünsche ich durchaus nicht. 

Präs.: Halten Sie Bosnien und Herzegowina für serbische Länder? 

Fork.: Ich halte dafür, daß darin Serben wohnen, aber nicht, daß es 
serbische Provinzen sind. 

Präs.: Wünschen Sie deren Vereinigung mit Serbien? 

Fork.: Nein. 

Präs.: Haben Sie gehört, daß sich die Nationalisten zum Attentat 
rüsteten ? 

Fork.: Nein. 

Präs.: Kannten Sie den Vaso Cubrilovic? 


123 


Fork.: Ja. 

Präs.: Hat er Ihnen etwas erzählt? Hat er davon gesprochen, daß 
er ein Attentat plane? 

Fork.: Nein. 

Präs.: Lazar Gjukic hat Sie von einer Geldsumme reden gehört, 
welche jene bekommen sollten, die eventuell eine Anzeige bei der 
Polizei machten . . .? 

Fork.: Wenn die Rede von irgendeinem Gelde war, so handelte es 
sich um das Geld von der Unterhaltung ”). 

Präs.: Billigen Sie das Attentat? 

Fork.: Nein, ich billige es nicht; denn es hat sich nie mit meinen 
Prinzipien vereinigt. 

Präs.: Wenn Sie gewußt hätten, daß Cubrilovic ein Attentat verübt, 
hätten Sie das angezeigt? 

Fork.: Ja, und wäre es wer immer gewesen. 

Präs.: Was denken Sie vom Attentat selbst? 

Fork.: Ich halte dafür, daß jene das Attentat ohne irgendeine Über¬ 
legung ausgeführt haben, so, wie wenn das Wasser daherschießt. 

Präs.: Hat jemand von den Herren etwas zu fragen? Herr Staats¬ 
anwalt? Die Herren Verteidiger? Nein? Es soll je^t Dragan Kalember 
hereinkommen. 


Dragan Kalember. 

Präs.: Wie alt sind Sie? 

Kal.: Sechzehn Jahre. (Neugierde im Saale. Viele erheben sich, um 
den Jüngling zu sehen.) 

Präs.: Sind Sie Mitglied einer Studentenverbindung? 

Kal.: Nein. Ich bin »Fortschrittler«, aber ich war in keiner Ver¬ 
bindung. 

Präs.: Was heißt das: »Fortschrittler«? 

Kal.: Was das heißt? Nach meiner Auffassung heißt das: »Nur vor¬ 
wärts!« (Gelächter im Saale. Cabrinovic hält die Hand vor den Mund 
und lächelt spöttisch, indem er vor sich hinblickt.) Perina sagte einmal 
zu mir: »Werde Nationalist!« und ich bin es geworden. (Wieder Ge¬ 
lächter im Saale. Kalember wendet sich um und blickt erstaunt auf 
das Publikum.) 

Präs.: Kennen Sie das politische Ziel der »Fortschrittler«? 

Kal.: In die Politik habe ich mich niemals eingelassen, und auch 
mein Vater hat es mir verboten und sagte mir, ich sei noch zu jung 
dazu. Von den Zeitungen las ich einmal eine einzige Nummer des 
»Vihor« wie auch das Werk von Jovan Skerlic: »Serbisch-kroatischer 
Nationalismus«. 

Welche etwa die Studenten mit Gesang, Musik und Deklamation für Gäste 
veranstalten. 



124 


Präs.: Nun sehen Sie, daß Sie sich dennoch mit Politik beschäftigten. 
Haben Sie von der Idee der serbisch-kroatischen Vereinigung etwas 
gehört? 

Kal.: Ja. 

Präs.: Wie stellten Sie sich diese Vereinigung vor? 

Kal.: Ich wünschte eine kulturelle Einheit, weil das für uns not¬ 
wendig ist. 

Präs.: Sind Sie ein Verfechter des Terrorismus, des Attentats? 

Kal.: Nein. 

Präs.: Hat Ihnen irgendjemand vor dem Attentat davon erzählt? 

Kal: Ja, Vaso Cubrilovic. Er kam einmal zu mir und sagte: »Ich 
werde ein Attentat verüben. Ich habe dafür schon eine Bombe und 
einen Revolver.« 

Präs.: Was haben Sie ihm darauf geantwortet? 

Kal.: Nichts. Ich lachte ihn aus, daß er mir so etwas sagen konnte, 
und wollte ihm nicht glauben. 

Präs.: Sagte er Ihnen, Sie könnten das weiter erzählen? 

Kal.: Nein, er sagte mir nichts, daß ich davon schweigen solle. 

Präs.: Sie haben früher darüber anders geredet. Sie sagten, er 
hätte Ihnen gedroht. 

Kal.: Er hat mir nicht gedroht. Ich erinnere mich wenigstens nicht 
daran. Ich konnte es mir nicht vorstellen, daß ein Vaso Cubrilovic so 
etwas vollbringen könnte. 

Präs: Was hat er Ihnen hernach erzählt? Sind Sie später mit ihm 
zusammengekommen ? 

Kal.: Ich traf ihn am Vorabend des Attentates am Freitag (?); das 
war am 27. Wir hatten gerade in der Schule die Zeugnisse erhalten, 
und ich kam mit Cubrilovic zusammen. Er sagte mir, er könne es un¬ 
möglich ausführen, da ihm beständig ein Detektiv nachgehe. Auch 
sagte er mir noch, daß er binnen 24 Stunden aus Sarajevo ausgewiesen 
sei und fortreisen müsse. Er sagte, er müsse jedenfalls fort; denn sein 
Bruder und seine Schwester seien für ihn verantwortlich gemacht. 

Präs.: Was war dann am Samstag? 

Kal.: Am Freitag ging ich mit Perina auf und ab, als plöglich 
Cubrilovic vor uns erschien. Wir gingen alle drei zu einem Zucker¬ 
bäcker und aßen dort Backwerk. Cubrilovic fragte uns auf einmal: 
»Wollt ihr, daß ich euch einen Revolver zeige?« Ich antwortete ihm, 
in der Meinung, daß er keinen bei sich habe: »Es ist nicht notwendig, 
wir glauben dir auch so.« Er stellte diese Frage im Augenblicke, wo 
wir uns schon erhoben hatten, um zu zahlen. Darum glaubte ich, er 
habe nichts bei sich; denn hätte er etwas, so dachte ich, er würde es 
uns sogleich gezeigt haben, sobald wir hineingingen, und nicht erst, 
als wir schon aufstanden. 

Präs.: Wer ist zuerst vom Zuckerbäcker fortgegangen? 


125 


Kal: Das weiß ich nicht. Mir scheint, ich bin zuerst aufgestanden. 
Wir gingen von der Konditorei weiter, vom Attentat war keine Rede 
mehr, und Cubrilovic nahm darauf von uns Abschied. 

Präs.: Ist nach dem Weggange des Öubrilovic das Gespräch wieder 
auf das Attentat gekommen? 

Kal.: Ich weiß es nicht. Nein, es war keine Rede davon. 

Präs.: Perina, hast du zu ihm gesagt: »Du wirst sehen, es wird ein 
Attentat stattfinden?« 

Perina: Ich weiß es nicht. Ich sagte zu ihm nichts. 

Präs.: Sind Sie mit dem Cubrilovic auch noch nach dem Attentat 
zusammengekommen ? 

Kal.: Ich ging nach dem Attentat mit dem Forkapic am Quai auf 
und ab, als auch Cubrilovic dazu kam. Franz fixierte ihn und entfernte 
sich dann. Das war am Tag nach dem Attentat, und wir gingen nach 
der Demonstration zu sehen, was geschehen war. Ich erinnere mich 
aber nicht, ob wir etwas über das Attentat sprachen. Oder doch! Ja 
er sagte mir bei dieser Gelegenheit, vielleicht im Scherz: »Ich habe auch 
einen Schuß abgefeuert.« 

Präs.: Haben Sie es ihm geglaubt? 

Kal.: Nein, ich glaubte es ihm nicht. Ich befand mich am Quai und 
hätte es hören müssen, wenn er einen Schuß abgefeuert hätte. 

Präs.: Haben Sie auf irgendeine Weise seine Absicht, ein Attentat 
zu begehen, gebilligt? 

Kal.: Ich wußte nicht einmal, daß er es ausführen wolle. Ich habe 
ihm niemals meine Billigung ausgesprochen. 

Präs.: Sie wußten es, da er es Ihnen mehrmals sagte. 

Kal. (entschieden): Nein, ich wußte es nicht. 

Präs.: Billigen Sie das Attentat? 

Kal.: Nein. 

Präs.: Warum billigen Sie es nicht? 

Kal.: Wie soll ich es billigen? 

Präs.: Hat jemand eine Frage? Gut. Sege dich. Ich unterbreche 
die Si^ung bis morgen Punkt 8 Uhr. 

Fortsefeung der Verhandlung den 15. Oktober vormittags. 

Präs.: Jovanovic, haben Sie den Ciganovic gekannt? 

Jov.: Nein. 

Naumovicz: Kalember, nicht wahr, Sie waren mit den Studenten 
auf einem Ausflug in Tuzla? 

Kal.: Ja. 

Naum.: Haben Sie damals mit Öubrilovic gesprochen? 

Kal.: Ja. 

f'®) Welche die Katholiken und Mohammedaner am 29. Juni gegen die Serben 
veranstalteten. 



126 


Naum.: Hat er bei jener Gelegenheit behauptet, er könne leicht 
Leute über die Grenze nach Serbien schaffen? 

Kal.: Ja, er redete davon, 

Naum.: Was dachten Sie, als er dies sagte. Glaubten Sie, daß er 
das könne? 

Kal.: Nein, wie sollte ich glauben, daß er das imstande sei? 

Naum,: Haben Sie geäußert, daß Sie jeden nach Serbien hinüber¬ 
bringen könnten? 

Kal,: Ich sagte, daß man leicht hinüber kann, aber nicht, daß ich 
jemand hinüberschaffen kann. 

Präs.: Hat noch jemand eine Frage zu stellen? Nein? Es möge 
Mico MiHc kommen. 

Mi CO Miöic. 

Präs.: Sie sind Mico Micic? 

Mi.: Ja, 

Präs.: Was sind Sie Ihrer Beschäftigung nach? 

Mi.: Bäcker. 

Präs.: Du®*^) übst jedoch dein Handwerk nicht aus? 

M i.: Nein, ich betreibe Landbau. 

Präs.: Und was ist es mit der Bäckerei? 

Mi.: Ich verpachte sie. 

Präs.: Sage mir, wo wohnst du? 

Mi.: In Janja. 

Präs.: Wie weit ist es von Janja bis zur Drina? 

Mi.: Bei Gott, etwa zwei Minuten. 

Präs.: Warst du irgend einmal in Serbien? 

M i.: Ja, vor etwa zwei Jahren oder vor einem Jahr, ich weiß es 
nicht genau. 

Präs.: War das noch damals, als du die Bäckerei aufgabst? 

Mi,: Ich weiß es selbst nicht recht, denn es ist schon mehr als ein 
Jahr, daß ich die Bäckerei aufgegeben habe. 

Präs.: Warum gingst du auf die Inseln? 

Mi.: Ich ging nach Ljesnica auf ein Gläslein Schnaps. Über die 
Inseln ließ mich der Oberfinanzer durch. Ich ging auch zu Tanz¬ 
unterhaltungen und zu Mädchen. 

Präs.: Da müssen auch unsere Grenzwächter sein. Wie konnten- 
Sie hinüber? 

Mi.: Nein, da gibt es keine unsrigen Grenz Wächter. An dieser Stelle 
ist es leicht, hinüberzukommen, da wird auch am meisten geschwärzt. 

Präs.: Es ist doch gefährlich hinüberzugehen; denn würden dich 


''®) Der Wechsel in der Anrede zwischen »Sie« und »du« ist in Bosnien keine 
Seltenheit. 



127 


die Gendarmen erwischen, so bekämst du 14 Tage Arrest. Für ein 
Gläschen Branntwein zahlt sich das nicht aus. 

Mi.: Nicht bloß um Branntwein, sondern ich ging auch hinüber, um 
mit Mädchen zu schäkern und Kolo zu tanzen. 

Präs.: Hast du, wenn du da die Grenze überschrittest, von Grbic, 
jenem Oberfinanzer, irgendwelche Aufträge zur Ausführung erhalten? 

Mi.: Nein. 

Präs.: Sind Sie jemals in Serbien gewesen? 

Mi.: Ja, in Loznica. 

Präs.: Aber vor mehreren Jahren? 

Mi.: Ja, 1Q07 war ich drüben. Besonders 1Q07; denn da war es 
leichter, hinüberzukommen. Man zahlte da nur eine Krone Strafe, je^t 
aber ist ein Monat Gefängnis darauf gesegt. 

Präs.: Sahst du zur Zeit des Serbisch-bulgarischen Krieges unsere 
Soldaten in Janja? 

Mi.: Ich weiß es nicht, ich erinnere mich nicht. 

Präs.: War damals auf der serbischen Seite Militär? 

Mi.: Ich weiß es nicht. 

Präs.: Wie seid ihr in unser Gebiet herübergekommen, ohne daß 
euch die Gendarmen bemerkten? 

Mi.: Es war niemand da. Jakob ging voraus, ich ihm nach und die 
Studenten 20 Meter hinterdrein. 

Präs.: Hattet ihr euch verabredet, daß ihr ein Zeichen geben werdet, 
falls ihr eine verdächtige Person bemerkt? 

Mi.: Nein. Wir gingen ganz lässig. 

Präs.: An welcher Stelle habt ihr das Wasser überschritten? 

Mi.: Bei der Haltestelle. 

Präs.: Seid ihr darauf wieder auf die Insel zurückgekehrt? 

Mi.: Ja, einmal. 

Präs.: Wie war das? 

M i.: Ich traf den Oberfinanzer gerade, als er von dem Grenzwächter 
wegging. Er frug mich: »Wo warst du bis jeßt? Sind jene Studenten 
fortgegangen?» Ich antwortete: »Ja«, worauf er sich nach Ljesnica begab. 

Präs.: Wußtest du, daß Franz Ferdinand ermordet wurde? 

Mi.: Ja. 

Präs.: Wußtest du, wer das getan hat? 

Mi.: Nein, ich hörte, daß ihn einige Studenten ermordeten. 

Präs. :• Kennst dm den Lehrer Jakovljevic in Klein-Zvornik? 

Mi.: Nein. 

Präs.: Weißt du etwas von der »Narodna obrana«? 

M i.: Ich habe davon etwas gehört, weiß aber nicht, was es heißt. 

Präs.: Was hast du von ihr gehört? 

Mi.: Ich habe gehört, daß alle schreien: »Narodna obrana«; aber was 
das sei, das weiß ich nicht. 


128 


Präs.; Kennst du das Königreich Serbien? 

Mi.: Ja. 

Präs.; Weißt du, daß es dort Kreise gibt, welche wünschen, Bosnien 
und die Herzegowina möchten an Serbien angegliedert werden? 

M i.; Ich habe davon in der Anklageschrift gelesen; ich habe nie davon 
gehört. 

Präs.: Hast du gehört, daß zurzeit Krieg sein soll zwischen Öster¬ 
reich und Serbien? 

Mi.: Ja, ich habe das gehört. 

Präs.: Weißt du, was Annexion heißt? 

Mi.; Ja, es heißt Krieg. (Gelächter im Saale.) 

Präs.; Mein Lieber, so dumm bist du nicht, wie du dich hier stellst. 

Naumovicz: Warum haben Sie die Bäckerei aufgegeben und sind 
zur Landwirtschaft übergegangen? 

Mi.: Ich wollte in der Bäckerei nicht arbeiten. 

N a u m.: Sagen Sie uns, haben Ihnen die Studenten gesagt, wozu sie 
die Bomben hatten. 

Mi.: Die Studenten sagten mir nichts. Sie gingen ein wenig hinten 
und ich vorne. 

Präs.: Hat von den Herren noch jemand eine Frage an den An¬ 
geklagten? Nein? Sege dich da rückwärts. Nicht hier, sondern rück¬ 
wärts. Jakob Milovic möge kommen. 

jakob Milovic. 

(Ein ziemlich hoher, schlanker Mann, schwarz, mit kleinem Schnurr¬ 
bärtchen. Er trägt die Nationaltracht des bosnischen Bauern und einen 
kaffeebraunen Koparan [eine Art Weste]. Er ist sehr beschmugt und sieht 
unordentlich aus.) 

Präs.: Du bist ein Bauer? 

Mil: Ja. 

Präs.: Hast du deinen eigenen Grund? 

Mil.; Ich habe etwas, aber meistenteils bearbeite ich den Grund 
meines Aga (Grundherrn). 

Präs.: Bist du schuldig? 

Mil: Bei Gott, Herr, das Geseg weiß es und Sie. 

Präs.: Du wirst es schon selbst wissen, ob ja oder nein. 

Mil.: Ach deswegen, weil ich neulich jemanden über die Grenze 
schaffte .... 

Präs.: Wie war das? 

Mil.: Ich kam neulich aus Obrije^je nach Janja. 

Präs.: Wie weit ist es von Obrijezje nach Janja? 

Mil.: Anderthalbe Stunde. Ich begab mich nach Janja, um Salz und 
Kaffee einzukaufen. Auf dem Markt traf ich den Mi6i6, der mir sagte: 
Es sind zwei Jünglinge, die über die Grenze herüber nach Bosnien 


»' , 


— 129 — 

wollen. Es war das schon zur Zeit der Id2indija (dritte Gebetszeit der 
Türken). Ich habe an der Grenze etwas Kukuruz und ging hin nach- 
sehen, als ich schon den MiCic mit den Studenten traf. 

Präs.: Ist das für dich so einfach, daß du unbekannte Studenten 
über die Grenze schaffst? 

Mil.; Das gerade nicht. Ich habe noch zur Zeit, da ich noch Schwärzer 
war, Leute über die Grenze geführt, aber das Schwärzen kostete mich 
1100 Kronen Strafe, darum habe ich dieses Geschäft aufgegeben. 

Präs.: Hast du mit dem Grbic verkehrt? 

Mil,; Ich weiß von keinem Grbic. Ich ging nur zu dem Grenz¬ 
wächter Milan hinüber. MiCic sagte mir nichts von einem Aufträge des 
Grbic, die Studenten herüberzuschaffen, sondern der Grenzwächter 
Milan hatte den Auftrag gegeben. 

Präs.: Was ist dann geschehen? 

Mil.: Ich kam mit dem Mico auf die Insel, dort erblickten wir die 
Studenten, die zu uns sagten: »Wir sind Bosnier, wir haben das Recht. 
Wir wollen nach Bosnien und wollen dort bleiben; denn wir haben 
dort unsere Mütter und unsere Familien. Auch sagten sie noch, daß 
sie etwas mit sich brächten. 

Präs.: Haben sie gesagt, du möchtest sie irgendwohin führen? 

Mil.: Nein, sie sagten mir nichts. Nur verlangten sie, ich möchte 
sie nach Tuzla führen. 

Präs,: Haben dir die Studenten gesagt, du möchtest sie zu Veljko 
Cubrilovic führen? 

Mil.: Nein, sie sagten mir nichts. 

Präs.: Warum hast du denn das bei der Voruntersuchung gesagt? 

Mil.; Ich war verwirrt; ich hatte vier Tage nichts gegessen, als sie 
mich fragten. Und geschlagen hat man mich, ich war ganz blutig. 

Präs.: Hast du gleich auf der Insel die Revolver gesehen? 

Mil.: Ja. 

Präs.: Haben sie dort auf der Insel daraus geschossen? 

Mil.: Als ich kam, nicht. 

Präs.: Wie habt ihr euch auf den Weg gemacht? Wie ginget ihr? 

Mil.: Wir gingen alle mitsammen. 

Präs.: War unter euch die Rede davon, daß euch die Patrouille 
anhalten könnte? Seid ihr bei Tag gegangen oder wie? 

Mil.: Wir brachten sie noch diesen Abend herüber, aber wenn es 
auch noch Tag gewesen wäre, ich hätte sie auch bei Tag herüber¬ 
geführt. Da kommen viele herüber. 

Präs.: Was geschah weiter? 

Mil.: Als wir uns aufmachten, fiel auf einmal Regen, und wir konnten 
nicht weiter. Wir fanden auf dem Wege einen verlassenen Stall und 
übernachteten daselbst. Dann gingen wir weiter und kamen zum 
Obren Milosevic. Er war nicht zu Hause, und seine Leute kochten uns 

Pharos, Der Prozeß gegen die Attentäter von Sarajevo. 9 


130 


schwarzen Kaffee. Sie gaben uns auch Hafersäcke, damit wir unsere 
Sachen hineinpackten, und ich sagte zu Obren, der inzwischen heimkam, 
daß wir sie zu Veljko Cubrilovic führen. 

Präs.: Wie bist du auf den Gedanken gekommen, sie zu Veljko 
Cubrilovic zu führen? 

Mil.: Das ist auf dem halben Weg nach Tuzla, und ich wollte sie 
darum dorthin führen. 

Präs.: Hast du den Veljko Cubrilovic schon früher gekannt? 

Mil.: Ja. Ich lernte ihn kennen, als er den Sokolverein gründete; ich 
war damals ein »Sokol« (Turner). 

Präs.: Hast du dem Veljko jemals eine Gefälligkeit erwiesen? 

Mil.: Nein, niemals. 

Präs.: Mir scheint, dein Gedächtnis reicht nicht weit. 

Mil. (heftig): Ich bitte dich, ich sage es dir jefet, als ob ich sterben 
müßte, und du erschlage mich jegt. 

Präs.: Und warum wolltest du durchbrennen? 

Mil.: Herr, hätte ich um dies alles gewußt, ich hätte hundertmal durch¬ 
brennen können und nicht bloß einmal. Serbien liegt mir vor der Nase. 

Präs.: Wie war es bei Obren Milosevic? 

Mil.: Wir fanden ihn nicht zu Hause. Da schickten wir einen Knaben 
um ihn, und er kam. Die Studenten verlangten dann von ihm Taschen, 
und er gab sie ihnen. In die Taschen legten sie die Revolver und 
jene kleinen, schwarzen Schachteln. 

Präs, (zeigt die Bomben): Sind das jene Dinge? 

Mil.: Welche Dinge? Ich weiß es nicht, 

Präs.: Hast du sie wenigstens sagen hören, was das sei? 

Mil.: Ich habe nichts gehört. 

Präs.: Sagten sie, das seien Bomben? 

Mil.: Ja, sie sagten es, aber ich weiß nicht, was das ist. 

Präs.: Wer trug die Taschen mit den Sachen? 

Mil.: Ich nicht, sie haben sie getragen. 

Präs.: Mein Lieber, mit dir ist es schrecklich. Obren Milosevic sagt 
ausdrücklich, ihr hättet die Taschen getragen. Wer hat sie also ge¬ 
tragen, die Studenten oder ihr? 

Mil.: Ich habe die Taschen nicht getragen, weder ich noch Obren. 

Präs.: Wieviel solcher Schachteln waren es? 

Mil.: Ich weiß es nicht, vier oder drei oder fünf, ich weiß es nicht 
bestimmt. 

Präs.: Und wieviel Revolver waren es? 

Mil.: Es waren vier Revolver. 

Präs.: Wieviel Wegstunden sind vom Hause des Obren bis zu dem 
des Veljko? 

Mil.: Ich weiß es nicht sicher. Es sind fast vier Stunden, wenn 
nicht mehr. 


131 


Präs.: Wie war es auf dem Wege? Was habt ihr gemacht? Wo¬ 
von habt ihr gesprochen? 

Mil.: Wir gingen miteinander, bis wir vor Priboj kamen und dem 
Veljko begegneten. Ich hielt ihn an — er war zu Pferd — und sagte 
ihm, daß zwei Studenten da seien. Sie redeten etwas miteinander, 
grüßten und gaben uns je fünf Kronen, dann gingen alle fort. Weiter 
weiß ich nichts. 

Präs.: Haben jene vor dir gesagt, wozu sie diese Waffen mitbringen? 

Mil.: Nein, nichts sagten sie. 

Präs.: Haben dir die Studenten gedroht, damit du schweigest? 

Mil.: Nein, Herr. 

Präs.: Bist dm jemals nach Sabac gekommen? 

Mil.: Nein, Herr. (Einen Augenblick schweigt er, als ihn der Präsident 
fixiert): Ja, ich kam nach Sabac, aber vor fünf Jahren. Das war damals, 
als noch die Schwärzerei blühte. Ich war auch ein Schwärzer. 

Präs.: Hast du in Öabac einen gewissen Kauf. . . 

Mil. (fällt ins Wort, noch bevor der Präsident das Wort »Kaufmann« 
und dessen Name ausspricht): Nein, Herr .... (Bewegung im Saale.) 

Präs.: Ich bitte, zu konstatieren, daß er »nein« sagte, noch bevor ich 
das Wort »Kaufmann« aussprach und den Namen dieses Kaufmannes 
nannte. Hast du in Sabac auch nicht einen einzigen Kaufmann gekannt, 
als Schwärzer? 

Mil.: Nein, Herr. 

Präs.: Veljko Cubrilovic! kennen Sie diesen? (zeigt auf Milovic): 
Was sagte er Ihnen damals nach Ihrer Unterredung mit Bo2o Milanovi6? 

Cubrilovic: Ich kenne ihn. Das ist jener Bauer, der nachher ein¬ 
mal zu mir kam und mir sagte: »Wenn du etwas nach Serbien zu 
schaffen hast« ... Er sagte mir: »Ich bin jener Mann, von dem man 
dir in Sabac gesprochen hat. Ich kann je^t nicht behaupten, daß er 
den Namen Milanovic genannt habe .... 

Präs.: Nun, hast du es gehört? Was sagst du jeßt? 

Mil. (läßt den Kopf hängen und schweigt). 

Präs.: Hat euch Cubrilovic vor dem Abschiede und Abgänge der 
Studenten gesagt: »Geh du hinauf und du hinab«? 

Mil.: Nein, Herr, wir trennten uns sogleich. 

Präs.: Wie kommt es, daß du sagst, du wissest von Trnovo den 
Weg nicht weiter und du warst doch dort Schwärzer? 

Mil.: Ich weiß ihn nicht, Herr, ich weiß ihn nicht. 

Naumovicz: Hat dich Obren gefragt, was jene Studenten wollten? 

Mil.: Nein. 

N a u m.: Hast du mit den Studenten ausgemacht, wieviel sie dir dafür 
bezahlen sollen, daß du sie führtest? Sie konnten dich auch nicht be¬ 
zahlen, und du hättest dann umsonst die Zeit verloren. Hast du mit 
ihnen ausgehandelt? 


9 


132 


1 


Mil.: Nein, Herr. Sie sagten, sie würden mich bezahlen, und ich 
führte sie. 

Naum.: Aber wie kannst du unbekannten Studenten Zutrauen, daß 
sie dich wirklich bezahlen werden, wenn du sie nie gesehen hast? 

Mil.: Ich glaubte, sie würden mich bezahlen. 

Naum.: Hat Obren nach seiner Ankunft sogleich eingewilligt, mit 
den Studenten zu gehen? 

Mil.: Ja, er willigte sogleich ein. 

Präs.: Hast du im Hause des Obren Geld bei dir gehabt? 

Mil.: Nein, nicht einen Heller. 

Präs.: Und hast du im Hause des Obren ihm einiges Geld gegeben, 
damit er sich für die Feldarbeit einen Tagelöhner nehme und er frei 
wurde? 

Mil.: Ich sagte ihm: Wenn nicht schlechtes Wetter wäre, so möchte 
ich dir einen Tagelöhner nehmen, aber da schlechtes Wetter ist, kannst 
du gehen und brauchst nicht auf dem Felde zu arbeiten. 

Naum.: Also du würdest für dir ganz unbekannte Leute dem Obren 
einen Tagelöhner bezahlen, und noch wußtest du selbst nicht sicher, ob 
dich jene bezahlen oder nicht? 

Hoffmann: Wer gab die Bomben dem Veljko Öubrilovic? 

Mil.: Die Sachen blieben am Ufer liegen, als Veljko kam. Ich weiß 
es nicht. 

Naum.: Hat Veljko, als er mit dem Popen geritten kam, sogleich 
beim Anblick der Studenten zu diesem gesagt: »Ich werde nicht mehr 
weitergehen« ? 

Mil.: Nein. Jene befanden sich unter dem Gebüsch am Ufer. 

Präs.: Hat noch jemand eine Frage zu stellen? Nein, Gut. Se^e 
dich. Ich unterbreche die Si^ung auf 5 Minuten. 

Nach der Pause Fortsefeung der Verhandlung. 

Grabet: Ich möchte einige Aufklärungen geben über die »Narodna 
obrana«. Die Anklageschrift sagt, wir hätten einige Sachen von der 
»Narodna obrana* bekommen. Aus unseren Aussagen erhellt klar, daß 
Ciganovic niemals Mitglied der »Narodna obrana« war, ebenso auch 
Tankosic. Sie sind möp^licherweise Mitglieder der Loge, aber Mitglieder 
der »Narodna obrana <, wie die Anklageschrift besagt, sind sie nicht. 
Auf Grund dessen und auf Grund unserer Aussagen hätte man durchaus 
nicht einen kulturellen Verein des Königreichs Serbien beschuldigen sollen, 
als hätte er uns die Mittel zur Ausführung des Attentats verschafft. 

Präs.: Sie sind hier Angeklagter und als solcher durchaus nicht be¬ 
rufen, die »Narodna obrana« zu verteidigen. Haben Sie etwas zu Ihrer 
eigenen Verteidigung vorzubringer, so tun Sie es, aber lassen Sie die 
»Narodna obrana« beiseite. Haben Sie vielleicht einen konkreten 
Beweis? .... 



133 


Grab.: Die »Narodna obrana« ist kein politischer Verein, sie hat 
keinerlei politische Tendenzen .... 

Präs.: Davon werden wir später reden. Obren Milo§evic möge 
hereinkommen. 

Obren Milosevic. 

Präs.: Bist du Obren MiloSevic? 

Milos.: Ja, ich bin es. 

Präs.: Bist du schuldig. 

Milo§.: Nein. 

Präs.: Du bist nicht schuldig? 

Milo§.: Nein. 

Präs.: Sage mir, was war denn an der Sache. Sage alles vom 
Anfang an. 

Müon-.: Ich habe mir, Herr, einen Türken aufgenommen, daß er 
mir die Felder bestelle, und weidete seine Ochsen bis über Mitternacht. 
Dann gegen Morgen kam ich nach Hause und traf den Jakob Milovic. 
Ich fragte mein Weib, ob sie Kaffee gekocht habe, und er antwortete 
selber: Ja, ich habe ihn schon getrunken. Ich redete mit meinem Weibe, 
als auf einmal ihrer zwei ins Haus stürmten. Sie waren in schwäbische 
Kleider gekleidet. Wir tranken audi mit ihnen Kaffee. Einer von ihnen, 
ich glaube der jüngere, sagte, ich solle ihnen den Weg zeigen. Das 
sagte mir, Herr, einer von diesen Studenten. Ich antwortete ihnen, 
ich könne ihnen nicht den Weg weisen; denn ich hätte Arbeit auf 
dem Felde, da ein Türke bei mir arbeitete. Sie aber sagten: »Ihr müßt 
uns den Weg zeigen.« 

Präs.: Bitte, sagen Sie, wie euch diese befehlen konnten? 

Milo§.: So, sie sagten, man solle ihnen den Weg zeigen, und zeigten 
dabei ihre Revolver. Da gab mir Jakob einen Wink, ich solle still 
sein, und ich schwieg. Ich nahm Speck und ein Stück Brot, ich schnitt 
ihnen etwas ab, und sie aßen. Dann sagte einer: »Habt ihr einen Lappen ?« 
Ich bejahte es. Da sah einer, wie an der Mauer Taschen hingen, und 
sagte: »Gib sie her.« Ich gab sie. Da zeigten sie ein Geschoß ®''), packten 
es in die Tasche und gaben es mir zu tragen. 

Präs.: Und die Revolver? 

Mi log.: Die luden sie dem Jakob auf. 

Präs.: Wer trug die Geschosse? 

Mi log.: Ich, Herr. 

Präs.: Waren sie schwer? 

Milo.s.: Ja, Herr, bei Gott. 

Präs.: Sagten sie, wohin ihr sie führen sollt? 

Milog.: Ja, sie sagten nach Tuzla. 


®®) Bombe. 





134 


Präs.: Sagten sie, zu wem? 

Milo§.: Ja, zu einem gewissen Misko. Sie fragten mich dann, als 
wir nach Priboj kamen: »Kennst du einen gewissen Lehrer Veljko?« 
Ich antwortete: »Nein, ich kenne ihn nicht.« Da auf einmal kam der 
betreffende Lehrer zu Pferde daher. Jakob sprang auf, redete ihn an; 
dann trafen diese mit ihm zusammen und gingen weiter. 

Präs.: Jakob, sagten jene, wohin ihr sie führen sollt, als ihr sie bei 
jenem Grenz Wächter auf der Insel träfet? 

Milovic: Ich sagte nach Priboj, zum Lehrer. 

Präs.: Wer sagte also, man solle ihn zu Veljko führen? 

Mil.: Ich weiß es nicht. 

Präs.: Was geschah später? 

Mil.: Wir kamen zu einer Anhöhe, und ich sagte zu ihnen: 
»Seht, dort ist das Haus des Lehrers.« Sie entgegneten darauf: «Geht 
ihr mit uns bis zum Lehrer, und dann geht heim.« Inzwischen kam 
der Lehrer selbst. 

Präs.: Haben sie gegen dich eine Drohung ausgestoßen? 

Milos.: Nein, sondern sie sagten nur: »Man muß uns den Weg 
zeigen,« knöpften dabei den Rock auf und zeigten die Revolver. 

Präs.: War das eine Drohung? 

Milo§.: Ich weiß es nicht. 

Präs.: Haben sie dir etwas gegeben? 

Milog.: Sie gaben mir einen Gulden und noch früher drei Kronen. 

Präs.: Und wieviel waren deine Taschen wert, die du ihnen gabst? 

Milos.: Herr, sie waren bei Gott einen Gulden wert. 

Präs.: Habt ihr vereinbart, wieviel sie dir dafür zu bezahlen haben? 

Milos.: Herr, ich glaubte, es seien das Beamte. 

Präs.: Und früher sagtest du, es seien das zwei Studenten gewesen? 

Milos.: Wer? Ich hätte gesagt, es seien das Studenten? Ich sagte 
zwei Jünglinge. 

Präs.: Haben die Studenten, als ihr dort nach Pripoj kamt, auf 
offener Straße gewartet, während Milovic mit dem Lehrer redete, oder 
haben sie sich irgendwo versteckt? 

Milos.: Nein, sie waren auf einer Wiese. 

Präs.: Hast auch du mit dem Lehrer gesprochen? 

Milos.: Nein. Er sagte mir nur: »Geh du hinauf!« und zu Jakob: 
»Geh du hinunter!« 

Präs.: Und seid ihr so fortgegangen? 

Milos.: Ja, ich und Jakob. 

Präs.: Sage mir, hat dir, als das zu Hause bei dir geschah, jemand 
etwas versprochen ? Du hattest einen Tagelöhner, hat dir jemand Geld 
versprochen ? 

Milo§.: Nein, nichts. 

Präs.: Hat er dir einen Gulden gezeigt? 



135 


Milo§,: Nein. 

Präs, (liest): Bei der Voruntersuchung behauptetest du, daß dir Jakob 
einen Gulden gezeigt habe. Ist es so richtig? 

M i I o : Nein, Herr, so ist’s nicht. Sehen Sie, hier sitjt er, er soll es 
sagen, ob es wahr ist... . Wenn er es gesagt hat.... 

Präs.: Er hat es nicht gesagt, sondern du sagtest, er habe dir einen 
Gulden gezeigt und dir denselben versprochen. 

Milos.: Nein, Herr, so ist’s nicht. 

Präs.: Aber warum hast du dann beim Untersuchungsrichter falsch 
ausgesagt? 

Milos.: Ich weiß es nicht. Es kann sein, daß ich es gesagt habe. 

Präs.: Was geschah mit jenen deinen Taschen? 

Milo§.: Sie steckten diese in die Satteltaschen. 

Präs.: Gerade sie? 

Milo§.: Ja, sie haben sie hineingesteckt. 

Präs.: Du sagtest bei der Voruntersuchung, der Lehrer habe sie in 
die Satteltaschen hineingesteckt. Wie ist es denn? 

MiIo§.: Geradeso war es auch. 

Präs.: Hat der Lehrer die Taschen in die Satteltaschen hineingesteckt 
oder die Studenten.? 

M i 1 o §.: Der Lehrer nahm die Satteltaschen herunter und steckte die 
Taschen hinein. 

Präs.: Warum hast du eben vorhin anders gesagt? 

Milos.: Ich bitte Sie, Herr .... 

Präs.: Hast du den Jakob gefragt, was in den Satteltaschen sei? 

Milos.: Ja. Er sagte: »Einige Bomben.« Ich fragte ihn: »Wozu 
brauchen sie das ?« Er antwortete: »Sie wollen sie dem Mi§ko bringen.« 

Präs.: Kennst du den Mi§ko Jovanovic? 

Milos.: Nein. 

Präs.: Hast du den Jakob Milovic gefragt, wozu die Studenten die 
Bomben haben? 

Milo§.: Nein, ich fragte nichts; ich wußte es nicht einmal. Ich habe 
von ihnen nichts gehört, geschweige denn darüber nachgedacht. Wie 
soll ich auch darüber nachsinnen, wenn gescheite, studierte Leute so 
handeln. Wie soll ich, Narr? Herr, ich habe geglaubt, das seien 
Beamte. 

Präs.: Hast du vernommen, daß in Sarajevo ein Attentat stattfand? 

Milos.: Ich hörte es vor dem Kloster am Veitstag. Es kam ein 
Finanzer, der gehört hatte, unser König sei zugrunde gegangen. 

Präs.: Hast du später erfahren, daß Veljko Cubrilovic verhaftet sei? 
Hast du da auch für dich gefürchtet? 

Milo§.: Was sollte ich mich fürchten? 

Präs.: Und dachtest du nicht, man werde auch dich einsperren? 

Milo§.: Nein, Herr, das dachte ich nicht. 


136 


Präs.: Auch darüber hast du bei der Voruntersuchung anders geredet. 
Du sagtest, du hättest dich gleich gefürchtet, ins Gefängnis zu kommen. 
Nun gut! Sag uns, hat einer von jenen zu dir gesagt, du dürftest 
darüber mit niemanden reden? 

MiIo§.: Ja, ein Student sagte es mir. 

Präs.: Jakob, er behauptet, du hättest die Taschen getragen? Wie 
war das? 

Milovic: Bitte, Herr, ich habe sie nicht getragen. Sie haben je 
zwei Revolver getragen. 

Malek (gegen Milosevic gewendet): Seit wann kennst du den Lehrer 
Veljko Cubrilovic? 

Milos.: Ich habe ihn voriges Jahr in einer Schänke kennen gelernt. 
Er kehrte daselbst ein, und so haben wir Bekanntschaft geschlossen. 

Präs.: Obren, warst du jemals in Serbien. 

Milos.: Nein, niemals. 

Präs.: Hast du einmal davon reden gehört, daß es dort auf der 
Insel Leute gebe, die ausspionieren, wieviel es bei uns Soldatenfestungen 
und dergleichen gibt? 

Milos.: Nein, Herr, niemals. 

Präs,: Hast du gehört, es gebe in Serbien Leute, die uns Bosnien 
nehmen wollen. 

Milos.: Nein. 

Präs.: Bist du ein Mitglied des »Pobratimstvo« oder »Sokol«? 

Milos,: Ich weiß nicht, was das ist. 

Präs.: Obren, warst du einmal Soldat? 

Milos.: Ja, ich war kaiserlicher Soldat. 

Malek: Hätten dir die Studenten gesagt, sie würden den Thron¬ 
folger ermorden, was hättest du getan? (Spannung im Saale. Der 
Bauer denkt einen Augenblick nach und pla^t dann unsicher heraus): 

Milos.: Herr, ich weiß nicht, was ich getan hätte. 

Präs.: Sege dich; du weißt nichts. Hat noch jemand eine Frage? 
Nein? Mitar Kerovic soll kommen. 

Mitar Kerovi6. 

(Ein älterer Bauer von etwa 50 Jahren, ganz grau. Ein markanter 
Kopf, hervorstehende Backenknochen, große Adlernase, stechende Augen, 
der Schnurrbart weiß und herabhängend, er trägt Bauerntracht.) 

Präs.: Bist du schuldig? 

Ker.: Freilich, sonst stände ich nicht hier. 

Präs.: Erzähle uns, wie die Geschichte war. 

Ker.: Zuerst kam Velkjo zu mir, etwa zwei Stunden vor Sonnen¬ 
untergang. Er kam in unser Haus. 

Präs.: Was ist dir der Veljko? 

Ker.: Der Veljko? der ist mir Gevatter. 




137 


Präs,: Was war hernach? 

Ker.: Dann kamen zwei Studenten. Veijko sagte, es seien Bekannte 
aus Tuzla, sie wollten nach Mitternacht nach Tuzla zurück. Er fragte 
mich, ob ich sie nach Tuzla begleiten könnte. Ich antwortete, mein 
Sohn werde ohnehin mit dem Cvijan nach Tuzla gehen. Sie ver¬ 
abredeten sich, noch am Tage vorher zeitig aufzubrechen und dahin¬ 
zugehen. Mein Sohn hatte sich in die Hand gehackt und ging 
zum Doktor. 

Präs.: Als nun der Lehrer kam, hat er da etwas mitgebracht? 

Ker.: Er brachte etwas aus seinen Satteltaschen mit. Als er mit mir 
ins Haus trat, sagte er, ich solle ihm Branntwein geben, denn er 
dürfe kein Wasser trinken. Dann schickte er den Nedjeljko hinaus um 
die Studenten. Als ich mit dem Branntwein zurückkam, waren die 
Studenten schon in der Stube. Sie legten sich aufs Bett, und ich redete 
mit ihnen. 

Präs.: Haben sie etwas aus der Tasche ausgepackt? 

Ker.: Dann schickte er den Nedjo (Nedjeljko) um den Cvijan und 
trug ihm auf: »Sage ihm nicht, warum ich ihn rufe.« *■ 

Präs.: Wußte Nedjo, weswegen ihn der Lehrer ruft? 

Ker.: Dann zieht der Lehrer etwas aus der Satteltasche und sagt: 
»Das ist eine Bombe.« Ich sagte: »Und das bringst du mir ins Haus 
herein, Bruder? Er sagte, es gehe nicht los, bis man die Kapsel 
anschlägt. 

Präs.: Hat er dir auch die Revolver gezeigt? 

Ker.: Nein. 

Präs.: Was sagte er, wozu man das brauche? 

Ker.: Er sagte, man solle es dem Mi§ko OrosCic (Jovanovic) bringen, 
Nedjo und Cvijan sollen es hintragen. Sie antworteten, wenn sie nach 
Tuzla kämen, würden sie es hinbringen. 

Präs.: Warum sollte man das dem Jovanovic übergeben? 

Ker.: Bei Gott, sie dachten vielleicht, der Kaufmann habe es bestellt, 
und sie sollten es ihm nur übergeben. Sie fuhren mit dem Wagen 
und konnten es leicht mitnehmen. Der Lehrer sagte ihnen noch: 
»Nehmt das auf den Wagen, ich werde euch dann bezahlen, was ihr wollt.« 

Präs.: Haben auch die Studenten versprochen, etwas zu bezahlen? 

Ker.: Nein, nichts. Sie schwiegen. 

Präs.: Und was geschah weiter? 

Ker.: Ich ging ins Zimmer und legte mich nieder. 

Präs.: Hast du gesehen, daß der Lehrer etwas aufschrieb? 

Ker.: Ich weiß es nicht. Er sagte, er werde an den OrosCic (Jova¬ 
novic) einen Brief schreiben. 

Präs.: Was glaubtest du, warum trugen die Studenten diese Bomben 
und Revolver? 

Ker.: Ich weiß es nicht. 


138 


Präs.: Was sagte dein Sohn Blagoje, als er die Bomben und 
Revolver sah? 

K e r.: Als ich im Zimmer war, zeigte der Lehrer die Bomben und 
Revolver nicht mehr. 

Präs.: Hast du später nicht noch einmal mit deinem Sohn Blagoje 
darüber gesprochen? Was sagte er dir von diesen Bomben und 
Revolvern ? 

Ker.: Er sagte: »Wenn etwas geschieht, so werden auch wir des¬ 
halb zu leiden haben.« 

Präs.: Und was hast du darauf erwidert ? 

Ker.: Ich sagte: »Er wird uns noch ums Haus bringen. Der Teufel 
soll ihn holen.« 

Präs.: Sagte dir Veljko, daß sich jene nach dem Attentat selbst 
umbringen würden? 

Ker.: Ja, er sagte es mir. 

Präs.: Ihr habt also damals mehr mit ihnen geredet, als ihr je^t da 
eingesteht, wenn ihr sogar wußtet, daß jene nach dem Attentat sich 
umzubringen beabsichtigten. Wie ist das? 

Veljko: Ich habe mit ihnen davon nicht gesprochen, sondern se^te 
es einfach voraus; denn jeder Attentäter pflegt einen Selbstmordversuch 
zu machen. 

Präs, (gegen Kerovic): Hat dir Nedjo mitgeteilt, daß die Bomben 
für Sarajevo bestimmt seien? 

Ker.: Ja, er sagte mir, daß die Studenten den Thronfolger ermorden 
würden. (Bewegung im Saale. Alle starren den Vater an, der ganz 
offen seinen Sohn anklagt.) 

Präs.: Warum hast du die Sache nicht den Gendarmen angezeigt, 
nachdem Nedjo dir sagte, jene wollten den Thronfolger ermorden? 

Ker,: Ich fürchtete, Herr, es könnten aus Serbien noch solche kommen, 
Bomben mir ins Haus werfen und mich vernichten. 

Präs.: Haben die Studenten gedroht? Sagten sie, sie würden 
sich rächen? 

Ker.: Nein. Nur Veljko sagte: »Du darfst niemanden etwas davon 
sagen; denn es könnte augenblicklich eine Bombe von irgendwoher 
in dein Haus fliegen.« 

Präs.: Hat dir der Lehrer gesagt, er würde, wenn du etwas sagtest, 
eine Bombe in euer Haus werfen? 

Ker.: Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich nicht. 

Präs.: Also, du sagtest, du hättest es nicht anzuzeigen gewagt, 
damit sie dir keine Bombe ins Haus werfen. Aber du hast es zu¬ 
gegeben, daß man den Thronfolger tötete? Ist das schön von dir? 
Wäre dir daran gelegen gewesen, so hättest du die Anzeige machen 
können, er wäre am Leben geblieben, und dir wäre nichts geschehen. 
Du wußtest es drei Wochen vor seinem Tode, daß sie ihn töten würden. 


139 


Ker.: Herr, ich fürchtete, jene Bösewichte würden mich um Haus 
und Hof bringen. 

Präs.: Warst du jemals in Serbien? 

Ker.: Nein. 

Präs.: Hast du etwas von einem Vereine gehört? Gibt es bei euch 
einen »Sokol«? 

Ker.: Ja. Jovo und Nedjo gingen am Sonntag in den Sokolverein 
nach Pripoj. 

Präs.: Hast du, als das Attentat war, gefürchtet, verhaftet zu werden? 

Ker.: Ja, Herr. Ich wußte, daß nun unser Haus zugrunde gehen 
werde. 

Präs.: Warst du in jener Nacht betrunken, als die Studenten und 
Veljko bei dir waren? 

Ker.: Ja, Herr. 

Feldbauer: Wieviel hast du an jenem Tag getrunken? 

Ker.: Ich weiß es nicht, Herr. 

Feldbauer: Wie solltest du es nicht wissen? Vielleicht weißt da 
doch ungefähr, wieviel du getrunken hast, eine Oka®^)? 

Ker.: Ich weiß es nicht, Herr. Wenn ich in der Feldflasche etwas 
finde, so trinke ich, weiter weiß ich nichts. (Gelächter im Saale). 

Präs.'. Wünscht noch einer von den Herren an ihn eine Frage zu 
stellen? Nein? Gut, se^e dich. Jegt möge Jovo Kerovic kommen, 
aber zuerst eine Pause von 5 Minuten. Amtsdiener, öffnen Sie die 
Fenster; denn es ist dunstig. 

Nadi der Pause, 
jovo Kerovic. 

Präs.: Bist du schuldig? 

J. Ker.: Ich kam nicht freiwillig hierher, sondern gezwungen. 

Präs.: Wußtest du, daß ein Attentat auf den seligen Thronfolger 
geplant sei. 

J. Ker.: Nein, bei Gott, in keiner Weise. 

Präs.: Hat man denn zu Hause nicht davon gesprochen? 

J. Ker.: Nein, 

Präs.: Hörtest du und sähest du, daß zwei Studenten durchreisten? 

J. Ker,: Ja. 

Präs.: Wie ging es an jenem Tage zu. 

J. Ker.: Ich befand mich mit meinem Bruder Blagoje auf dem Felde 
und säte Kukuruz. Als ich abends nach Hause kam, sißen da zwei 
Studenten — oder was sie sind — im Zimmer, einer auf dem Bette 
und einer am Tische. Ich grüßte, und einer von ihnen, ich weiß nicht, 
welcher, ich glaube, jener auf dem Bette, antwortete mir auf meinen 


®‘) Oka = 1’/+ Liter. 



140 


Gruß: »Gott helfe dir!« »Woher kommt ihr?« und er antwortete mir: 
»Zum Bund« oder »vom Bund.« Ich ging wieder in das Vorhaus hinaus, 
ohne noch einmal ins Zimmer zurückzukehren. 

Präs.: Sahst du es, als sie das Haus verließen und auf dem Wagen 
fortfuhren ? 

J. Ker.: Nein. 

Präs.: Sahst du die Bomben und Revolver? 

J. Ker.: Nein. 

Präs.: Hast du später den Vater gefragt, was sie wollten ? 

J. Ker.: Nein. 

Präs.: Bist du ein Mitglied des »Pobratimstvo« (Abstinentenverein)? 

J. Ker.: Ja. 

Präs.: Du trinkst also keinen Branntwein? 

J. Ker.: Nein. 

Präs.: Hat man bei euch im »Pobratimstvo« oder »Sokol« über 
Serbien gesprochen? 

J. Ker.: Nein, es hat niemand davon gesprochen. 

Präs.: Hast du gehört, daß die Studenten den seligen Thronfolger 
ermorden wollten. 

J. Ker.: Nein, Herr. 

Präs.: Hast du davon gehört, daß ihn jene wirklich getötet haben? 

J. Ker.: Ja. 

Präs.: Hast du es zu Hause erzählt, als du hörtest, sie hätten ihn 
ermordet. 

J. Ker.: Ja. 

Präs.: Und was sagte der Vater? 

J. Ker.: Nichts. Er war nicht zu Hause. 

Präs.: Und was sagte Blagoje? 

J. Ker.: Nichts. 

Präs.: Warst du jemals in Serbien. 

J. Ker.: Ja, vor vier Jahren. 

Präs.: Hast du einen Kaufmann kennen gelernt? 

J. Ker.: Nein. Ich war in der Handwerkerschule. Ein gewisser Sto- 
jadinovic lehrte uns Körbe flechten. In die Stadt ging ich nie; denn 
die Schule war außerhalb der Stadt. 

Präs.: Kanntest du einen gewissen Bo2o Milanovi6? 

J. Ker.: Nein. Ich besuchte die Schule nicht in der Stadt, sondern 
außerhalb der Stadt. Dort kennt weder jemand mich noch ich 
jemanden. 

Naumovicz: Was versteht ihr darunter: »für den Bund«? 

J. Ker.: Ich weiß, daß jedes Jahr einige Leute kommen und die 
Bücher untersuchen. 

Präs.: Hat noch jemand etwas zu fragen? Nein? Nun soll Blagoje 
Kerovic hereinkommen. 


141 


Blagoje Kerovi6. 

Präs.: Bist du schuldig? 

B. Ker.: Einerseits bin ich ich es, anderseits glaube ich es nicht 
zu sein; denn ich hatte einen Vormund 

Präs.: Dein Vater ist also schuldig, du bist es nicht? 

B. Ker.: Freilich, mir kommt es vor, ich sei es nicht; denn bei uns 
regiert der Hausälteste das Haus. 

Präs.: Erzähle also! 

B. Ker.: Ich und mein Bruder gingen auf das Feld hinaus, Kukuruz 
zu säen. Da kam das kleine Mädchen' des Jovo und sagte: »Blagoje, 
komm nach Hause. Der Lehrer und zwei Städter rufen dich. Ich ging 
nach Hause, aber vorher auf ein Täßchen Kaffee anderswohin und kam 
darum spät heim. Dort fand ich im Zimmer den Vater beim Lehrer 
sigen und zwei Städter, Ich glaube, einer derselben lag auf dem Bette 
und einer saß. Da sagte ich: »Helf Gott!« »Gott helfe, Bruder!« Wie 
geht’s euch?« >;Gut, und wie geht’s dir?« So stand ich da, und der 
Herr Lehrer sagte: »Blagoje, diese zwei hier sind Studenten.« Ich 
habe gehört, der Nedjo hat sich in die Hand gehackt und wird zum 
Doktor gehen. Laßt diese beiden auf den Wagen aufsißen. Sie 
haben keinen Passierschein, und Nedjo mag heute nach Tuzla gehen, 
bevor die Wunde schlimmer wird; da können auch sie heute nacht 
mit ihm fahren. 

Präs.: Bei der Nacht? 

B. Ker.: Ja. 

Präs.: Und was sagtest du dazu? 

B. Ker.: Ich blieb stehen, auch der Vater war da. Der Vater 
sagte nichts. 

Präs.: Hast du etwas darauf geantwortet? 

B. Ker.: Nein, nichts. Ich zuckte nur mit den Achseln. Dann frug 
ich, wie soll ich es dir sagen; ich frug, wer den Wagen bezahlen werde. 
Der Lehrer sagt: »Der Wagen wird bezahlt.« Darauf bemerkte ich 
die Sattellaschen unter dem Bette und fragte, was das für Taschen 
seien. Darauf antwortete mir der Herr Lehrer: »Das sind ihre Sachen.« 
Dann sagte der Lehrer ... ja, dann sagte der Herr Lehrer: »Geh, zeige 
ihm diese Sachen!«. . . Hernach kam der dort (zeigt auf den Grabez), 
jener kleinere Student . . , nein nicht dieser, sondern jener (zeigt auf 
Princip), und sagte: »Was soll ich ihm zeigen?« Ich sagte: »Zeig es!« 
Da nahm er eine kleine Schachtel (Bombe) und sagte: »Man schlägt es 
an und schleudert es dann« (er macht die Geste, wie man etwas wirft). 

Präs.: Was geschieht dann? Soll es dort liegen bleiben? 


“-) Ich bin nicht verantwortlich für das, was im Hause geschieht, sondern der 
Vater. 



142 


B. Ker.: Ich weiß es nicht. Er sagte nichts. Ich habe nie von 
diesen unglückseligen Bomben gehört. 

Präs.: Was hast du dir denn vorgestellt, was damit hernach geschieht? 

B. Ker.: Ich habe mir nichts vorgestellt. Ich bin dann fortgegangen. 
Ich ging hinaus. 

Präs.: Hast du die Revolver gesehen? 

B. Ker.: Ja. 

Präs, (zeigt ihm einen): Ist’s das? 

B. Ker. (lacht): Aufrichtig gesagt, ich weiß es nicht. Sie waren 
schwarz. Ich habe sie nicht näher angesehen. 

Präs.: Ist es dir nicht sonderbar vorgekommen, daß die Studenten 
hier allein reisen und Revolver mit sich tragen? 

B. Ker.: Ich weiß es nicht. Ich verstehe von diesen Revolvern 
und Bomben nichts. 

Präs.: Nun gut. Was ist dann geschehen? 

B. Ker.: Der Lehrer sagte, er werde einen Zettel mitgeben, und 
man solle ihn dem Misko Jovanovic übergeben. 

Präs.: Was dann? 

B. Ker.: Dann sagte Nedjo, der Throrifolger werde kommen, und 
diese würden dann die Bomben werfen. 

Präs.: Hast du ihm gesagt, daß das nicht in der Ordnung sei? 

B. Ker.: Nein. Ich wußte nicht, daß sie explodieren. (Gelächter.) 

Präs.: Sagte dir jemand, woher diese Studenten kamen? 

B. Ker.: Ja, man sagte, aus Serbien kämen sie. 

Präs.: Und was sagte Veljko noch? Daß sie offen oder insgeheim 
kamen? 

B. Ker.: Nein, sie seien insgeheim hierhergekommen. 

Präs.; Sagte er dir, sie hätten etwas riskiert? 

B. Ker.: Ja, er sagte, sie hätten ihr Leben riskiert, aber darüber 
müsse man schweigen. 

Präs.: Und warum? Sagte er dir, für wen sie ihr Leben riskieren? 

B. Ker.: Davon sagte er mir nichts. 

Präs.: Ja, ja, du hast früher bei der Voruntersuchung ausdrücklich 
geäußert: »Diese Leute kommen aus Serbien; sie haben ihr Leben für 
uns Serben riskiert.« Hat er dir das gesagt? 

B. Ker.: Ich könnte darauf nicht schwören. 

Präs.: Hat er dir gesagt, was du tun sollst? Hat er dir gesagt, 
du könntest ohne Scheu davon sprechen? 

B. Ker.; Nein, er sagte mir r »Schweige!« 

Präs.: Aber je^^t redest du anders, als du bei der Voruntersuchung 
aus freien Stücken aussagtest. Bei der Voruntersuchung gabst du an, 
Veljko habe dir gesagt: »Eine andere Rettung gibt es für dich nicht. 
Schweige, Blagoje; denn sonst ist es um unseren Kopf geschehen.« 
Hast du so gesagt? 



143 


B. Ker.: Ja. 

Präs.: Und das andere: »Für uns Serben riskieren sie ihr Leben.« 

B. Ker.: Ich weiß es nicht. 

Präs.: Habt ihr im Hause drinnen mit den Studenten von Politik, 
von Bosnien, von Serbien gesprochen? 

B. Ker.: Einer von ihnen, von den Studenten, sagte, Bosnien sei 
ihnen eine Träne im Auge. Der Vater redete mit dem Lehrer von 
den Wahlen der Abgeordneten. Der Vater sagte zum Lehrer: »Aber 
warum zanken sich diese Abgeordneten und entzweien das Volk im 
Bezirke von Brßka.« 

Präs.: Sagten auch die Studenten etwas? 

B. Ker.: Ja. Jener größere sagte: »Blagoje, ihr habt nur zu 
schweigen. Das Schweigen ist gesegnet. Fürchtet nicht, daß wir euch 
jemals verraten werden. Wenn aber ihr uns verratet, so haben wir 
Rächer, die hierherkommen und uns schnell rächen werden.« 

Präs.: Haben sie auch gesagt, sie riskierten das Leben? 

B. Ker.: Ja, das sagten sie auch. 

Präs.: Und für wen? 

B. Ker.: Ich glaube, sie sagten: »Für uns Serben.« 

Präs.: Warum hast du ihnen den Wagen gegeben, wenn du solche 
Dinge hörtest? 

B. Ker.: Sie waren damals noch im Hause, als Veljko sagte, sie 
gehen, um unsern Erzherzog zu ermorden. Ich dachte darüber nicht viel 
nach, Herr, daß sie gehen . . . 

Präs.: Hast du etwas gehört, daß ein Serbisch-bulgarischer Krieg war? 

B. Ker.: Ja, Herr. 

Präs.: Hast du jemals von irgendwelchen Komitatschi etwas gehört? 

B. Ker.: Ja. 

Präs.: Hast du gehört, daß diese Bomben schleudern? 

B. Ker.: Nein, das hörte ich nicht. 

Präs.: Bist du ein Mitglied des »Sokol«? 

B. Ker.: Nein, ich bin kein Miiglied. 

Präs.: Hast du von einem Verein »Narodna obrana« gehört? 

B. Ker.: Nein, davon habe ich nie gehört. 

Präs.: Hast du gehört, daß Serbien uns Bosnien wegnehmen wolle? 

B. Ker.: Nein. 

Präs.: Hat euch Veljko das nicht gesagt? 

B. Ker.: Nein, Herr. 

Präs.: Hast du am St. Veitstag gehört, daß der Thronfolger zu¬ 
grunde gegangen sei? 

B. Ker.: Nein. 

Präs.: Hat noch jemand etwas zu fragen? Die Herren Verteidiger? 
Sie dort? Nein. Nun gut; seße dich. Nicht da, sondern in die leßte 
Bank. Es soll Nedjo Kerovic kommen. 


144 


Nedjo Kerovic. 

(Es tritt ein Bauer herein, nach Bauernart von hohem Wuchs und 
schwarzem, geschorenem Haar. Er ist gekleidet wie die übrigen Kerovic. 
Sobald er vor den Senat tritt, beginnt er zu weinen.) 

Präs.: Bist du schuld? 

N. Ker.: Vielleicht bin ich schuldig. 

Präs.: Sage mir, wie ist die ganze Sache gewesen? Sprich nur 
laut, damit es alle hören können; denn das ist eine öffentliche Ver¬ 
handlung. Weine je^t nicht, sondern antworte. 

N. Ker.: Ich war zu Hause, da kam unser Lehrer Veljko zu uns 
ins Haus. Dann sagte der Lehrer: »Komme, Nedjo, daß ich dir etwas 
sage. (Er weint beständig.) Dort gehen zwei Studenten, hole sie herein. 
Ich ging um sie, aber sie kamen selbst herein . . . « (Weint, und man 
hört nicht, was er sagt). Da sagte einer von den Studenten: »Bringe 
uns Wasser, wir sind durstig.« 

Premusic: Rede lauter und weine je^t nicht. 

Präs.: Ich unterbreche die Verhandlung bis 3 Uhr (gegen Kerovic): 
Du, weine je^t, und weine dich aus. Du hast Zeit bis 3 Uhr nach¬ 
mittags, dann wirst du vielleicht antworten können. (Kerovic wischt 
sich mit dem Ärmel die Tränen aus den Augen.) 

Nachmittägige Verhandlung. 

(Fortsekung des Verhörs des Angeklagten Nedjo Kerovic.) 

Präs.: Nun, hast du dich je^t ausgeweint? Willst du nun lauter 
sprechen ? 

N. Ker.: Ja. 

Präs.: Wie war das Ding also? 

N. Ker.: Veljko fragte mich, ob ich nach Tuzla gehen wolle. Ich 
sagte: «Ja!« denn ich habe mich stark in die Hand gehackt, und es tat 
mir sehr weh, ich könnte ein Krüppel werden und würde dann noch 
gestraft wegen des Militärs . . . Ich erinnerte mich an den Cvijan Stepa- 
novic, daß auch er geäußert hatte, er wolle nach Tuzla gehen. Veljko 
sagte mir, ich solle ihn rufen, er habe für ihn einen Brief vom Milorad. 
Ich ging hin und traf ihn beim Getreidesäen. Er sagt: »Was willst 
du? Ich antworte: »Der Lehrer läßt dir sagen, du möchtest kommen, 
er hat für dich einen Brief vom Milorad.« Ich fragte ihn, ob er nach 
Tuzla gehen wolle, und er antwortete: »Ja, ich komme später.« Ich 
kehrte zum Lehrer zurück, und er fragte: »Was sagt er?« Ich antwortete: 
»Er sagt, er werde kommen.« Als ich kam, saß der Vater beim Lehrer 
und den Studenten, und ich ging hinaus zu den Zimmerleuten. In¬ 
zwischen kam auch Cvijan. Er war nur kurze Zeit bei ihnen, dann 
kam er zu mir und sagte: »Willst du nach Tuzla mitkommen?« Ich 
sagte: »Ja«. Er sagte, ich solle auch die Studenten mitnehmen, und 
wir würden die Sachen mit uns tragen. 


145 


Präs.: Welche Sachen? 

N. Ker.: Der Lehrer nahm eine Schachtel heraus und sagte: »Das 
ist eine Bombe.« 

Präs.: Was ist das, eine Bombe? 

N. Ker.: Ich weiß es nicht. 

Präs.: Hast du jemals gehört, daß die Komitatschi Bomben haben? 

N. Ker.: Nein. Der Lehrer sagte, das kann explodieren, und ich 
sagte nichts darauf; denn wenn es der Vater aufnimmt und der ältere 
Bruder, welcher der Hausälteste ist, so habe ich nichts zu sagen. 

Präs.: Was sagte dir Veljko von den Studenten? 

N. Ker.: Nichts. 

Präs.: Sagte er dir von den Studenten, sie seien »gute Leute«? 

N. Ker.: Ja, er sagte, sie seien »gute Leute*. 

Präs.: Sahst du auch die Revolver? 

N. Ker.: Ja, der Lehrer zog eine Bombe und einen Revolver heraus. 

Präs.: Sahen sie so aus? (zeigt eine). 

N. Ker.: Ja, geradeso waren sie, schwarz . . . Als wir den Revolver 
besehen hatten, sagte der Lehrer, wir sollten diese Dinge tragen, da 
jene keine Erlaubnis hätten, Waffen zu tragen; die Studenten sollten 
uns die Waffen in den Gürtel stecken. Ferner sagte er, wir sollten 
diese Dinge nach Tuzla zu einem gewissen Misko Jovanovic bringen. 
Ich antwortete, ich kenne diesen Misko Jovanovic nicht, noch wisse 
ich, wo sein Haus sei; doch er sagte, er werde einen Brief schreiben. 

Präs.: Wer war alles im Hause, als du jene Bomben und Revolver 
sahst? 

N. Ker.: Der Vater, Blagoje, der Lehrer und jene Studenten. 

Präs.: Hat auch Veljko vor seinem Abgänge etwas über jene 
Studenten gesagt? 

N. Ker.: Ja, er sagte mir etwas. Er fragte mich: »Weißt du, woher 
diese Studenten sind ?« Ich antwortete: »Nein, das weiß ich nicht,« wie 
es auch wahr ist. Er sagte darauf: >Sie sind aus Sarajevo und gehen 
wieder nach Sarajevo zurück, um auf den Thronfolger Bomben zu 
werfen. 

Präs.: Und sagte er dir nicht, daß sie ihn ermorden wollten? 

N. Ker.: Nein, das sagte er nicht. 

Präs.: Bei der Voruntersuchung hast du anders geredet. Dort sagtest 
du ausdrücklich, Veljko hätte dir gesagt, sie gingen hin, um ihn zu 
töten. Wie kommt das? 

N. Ker.: Er hat es nicht gesagt. Vielleicht gab ich an, er hätte so 
gesagt, aber er hat es nicht gesagt. 

Präs.: Weißt du, wer der Thronfolger war? Wußtest du, daß jene 
ihn zu töten beabsichtigen? 

N. Ker.: Nein, ich dachte, sie würden die Bomben vor ihm in die 
Luft schleudern. (Gelächter.) 

Pharos, Der Prozeß gegen die Attentäter von Sarajevo. 


10 


146 


Präs.: Dann, was geschah hernach? 

N. K e r.: Ich fragte meinen Bruder Blagoje, ob ich das tragen dürfe, 
und er erlaubte es, denn, sagte er: »Der Lehrer Veljko und der Haus¬ 
älteste werden das verantworten. Nur darfst du niemand etwas davon 
sagen. So sprach der Lehrer und die Studenten. 

Präs.: Haben dir diese gedroht? 

N. K e r.: Ja, sie sagten, wenn ich jemanden etwas mitteile, so würde 
ich verschwinden und unser ganzes Haus, so daß niemand von der 
Familie übrig bleiben würde. 

Präs.: Dann wußtest du wohl, daß dies eine schlimme Geschichte sei? 

N. Ker.: Nein, ich meinte, die Bomben seien irgendeine Spielerei 
für sie, und die Revolver gehörten dem Misko. Ich glaubte, daß diese 
Leute deshalb drohen und sich fürchten, weil sie Revolver bei sich 
trugen und dazu kein Recht hätten. 

Präs.: Wie seid ihr dann weitergereist? 

N. Ker.: Ich se^te mich auf den vorderen Teil des Wagens, die 
Studenten auf das Heu. 

Präs.: Wie seid ihr an der Kaserne vorbeigekommen? 

N. Ker.: Der Lehrer sagte noch zu Hause, wir sollten an der 
Kaserne nicht vorbeifahren, da diese Studenten kein Recht und keine 
Pässe hätten. Die Pferde sollten sich auf dem Wege ein wenig aus¬ 
ruhen. 

Präs.: Hat auch Cvijan die Drohungen und das Verbot gehört, 
niemanden etwas zu sagen? 

N. Ker.: Ich weiß es nicht. 

Präs.: Was gab es weiter? 

N. Ker.: Als wir zum Ivica kamen, in die Nähe von Tuzla, sagten 
jene: »Haltet an, daß wir aussteigen.« Wir hielten mit dem Wagen, 
sie stiegen ab und reinigten sich vom Schmuß. Sie wuschen sich in 
der Jala®®) und blieben zurück, während wir in die Stadt hineinfuhren. 
Ich und Cvijan fanden das Haus des Misko. Ein Weib kam heraus, 
und Cvijan fragte: »Ist Misko zu Hause?« Da kam Misko heraus, und 
Cvijan übergab ihm den Zettel. Er las ihn durch und sagte: »Kommt 
mit!« Als wir ins Zimmer kamen, sagte Misko: »Was sind das für 
Sachen?« und wir legten jene Revolver und Schächtelchen vor ihn 
auf den Tisch. Da fragte er: »Wem gehören diese Dinge?« Wir ant¬ 
worteten, der Lehrer Veljko Cubrilovic habe sie geschickt. Ferner 
sagten wir ihm, er möge in das Lesekasino kommen, die Studenten 
würden auch dort eintreffen. 

Präs.: Sagtest du ihm, daß die Studenten nach Sarajevo wollen? 

N. Ker.: Nein. Er sagte nur noch, er würde uns auf eine Tasse 
Kaffee einladen, aber es sei dazu noch zu früh. 


Fluß in Tuzla. 



147 


Präs.: Bei der Voruntersuchung hast du anders geredet. Du sagtest 
nämlich aus, du hättest ihm mitgeteilt, daß die Studenten nach Sarajevo 
wollen. 

N. Ker.: Vielleicht habe ich das auch gesagt. 

Präs.: Ist es so wahr, wie du bei der Voruntersuchung sagtest 
oder wie du je^t sagst? 

N. Ker.: Herr, ich erinnere mich nicht mehr. 

Präs.: Nun gut. Was ist dann geschehen? 

N. Ker.: Ich ging ins Spital und ließ mir die Hand verbinden; der 
Doktor sagte mir, ich solle in drei Tagen wiederkommen. 

Präs.: Dann kehrtest du mit dem Wagen nach Hause zurück. Wo 
trafest du den Cvijan? 

N. Ker.: Bei Goja. 

Präs.: Was hast du dem Cvijan gesagt? 

N. Ker.: Ich sagte ihm, die Studenten gingen auf Ferien; aber der 
Lehrer behaupte, sie würden nach Sarajevo gehen, um auf den Thron¬ 
folger Bomben zu werfen, wenn er komme. 

Präs.: Wann hast du vom Attentat gehört? 

N. Ker.: Ich hörte davon noch am Tage selbst, spät abends. 

Präs.: Hast du noch am selben Tage erfahren, daß es die Studenten 
ausgeführt haben? 

N. Ker.: Nein, Herr, wer hätte das gedacht? 

Präs.: Jeßt hast du wieder anders geredet. (Liest): »Vom Attentat 
erfuhr ich noch am Tage selbst. Der Bruder war noch am nämlichen 
Tage in Lopare und sah an der Gendarmeriekaserne die schwarze 
Fahne ausgehängt. Ich dachte gleich, jene Studenten, welche wir 
führten, haben ihn ermordet.« Warum hast du sie also geführt, wenn 
sie dir ausdrücklich sagten, sie werden diese Tat vollbringen? 

N. Ker.: Ich habe es nicht gewußt. 

Präs.: Als du dem Cvijan von den Studenten erzähltest, hast du 
ihm das ausdrücklich gesagt. 

N. Ker.: Ich habe ihm erzählt, wie der Lehrer sagte, die Studenten 
gehen nach Hause auf Ferien, und wie sie nach Sarajevo Bomben 
bringen, um sie vor den Thronfolger zu schleudern. 

Präs.: Nicht wahr, um sie in die Luft zu werfen? Aber Cvijan hat 
uns bei der Voruntersuchung anders gesagt. Du sagtest: »Diese 
Studenten haben harte Herzen; denn sie gehen hin, um Franz Ferdinand 
zu ermorden, wenn er nach Sarajevo kommt.« Wie ist es also? 

N. Ker.: Ich wußte es nicht, Herr, Gott behüte! 

Präs.: Warum hast du denn die Studenten nicht angezeigt, wenn 
du sie gefahren hast? Ihr seid an der Gendarmeriekaserne vorbei¬ 
gekommen, während sie sich nicht auf dem Wagen befanden, du konntest 
sie leicht anzeigen. Ihr hattet auch deren Waffen bei euch, und sie hätten 
euch nichts anhaben können. Warum hast du sie also nicht angezeigt? 

10 » 


148 


N. Ker.: Ich wagte es nicht. So etwas darf man bei uns nie ohne 
Erlaubnis des Hausältesten. 

Präs.: Warum solltest du nicht dürfen? Bist du Soldat gewesen? 
Hast du nicht als solclier den Eid abgelegt, dem Kaiser treu zu sein? 

N. Ker.: Herr, hätte ich es gewußt, hätte ich es irgendwie ahnen 
können! '. . . 

Präs.: Ach, schwäre mir da nichts vor! Warst du im »Sokol«? 

N. Ker.: Nein. 

Präs.: Bist du einmal nach Serbien gekommen? 

N. Ker: Nein, ich war niemals in Serbien. 

Naum.: Du sagst, du seist niemals im »Sokol« gewesen, und dein 
Vater sagt, du seist ein Mitglied desselben. Wie kommt das? 

N. Ker: Ja, ich war dabei, aber nur wenig. (Gelächter.) 

Präs: Nur wenig, was brauchst du das zu verheimlichen, daß du 
»Sokol« (Turner) warst? Wie oft warst du bei der Übung? 

N. Ker.: Ich war nur zwei- oder dreimal dabei. 

Präs.: Gehörst du zum »Pobratimstvo« (Abstinentenbund)? 

N. Ker.: Ja. 

Präs.: Habt ihr bei eurem »Pobratimstvo« Versammlungen abgehalten? 

N. Ker.: Nein. 

Präs.: Hat euch der Lehrer, als Führer des »Sokol«, von Serbien 
erzählt? 

N. Ker.: Nein. Als die Mobilisation war, wurde der »Sokol« auf¬ 
gehoben. 

Präs.: Gut. Hat noch jemand etwas zu fragen? Die Herren Ver¬ 
teidiger? Nein? Gut, sege dich dorthin. Nun soll Cvijan Stepanovic 
hereinkommen. 


Cvijan Stepanovic. 

Präs.: Was bist du? 

Step.: Ein Bauer. 

Präs.: Hast du deinen eigenen Besi^? 

Step.: Etwas vom Vater. 

Präs.: Eigenen Besi^ hast du keinen? 

Step.: Nein. 

Präs.: Bist du verheiratet? 

Step.: Ja. 

Präs.: Sage mir, hast du vom Attentat auf den seligen Thronfolger 
gehört ? 

Step.: Nein. 

Präs.: Erzähle uns, wie die ganze Sache war. 

Step.: Ich bitte Euer Gnaden, ich säte auf meinem Felde Kukuruz, 
als der Nedjo kam und sagte, der Lehrer rufe mich, ich sollte kommen, 
es sei ein Brief von meinem Bruder da. Ich sagte, ich würde etwas 



149 




später kommen. Als ich ins Haus des Kerovic kam, traf ich den Lehrer 
und diese zwei Studenten. Ich kannte sie damals noch nicht. Der 
Lehrer fragte mich, ob ich diese beiden Studenten nach Tuzla begleiten 
könne, und ich sagte zu. Darauf zeigte er mir später einen Revolver 
und sagte, es gebe deren noch vier und eine Bombe . . . 

Präs.: Hast du diese Bombe je gesehen? 

Step.: Nein. 

Präs.: Hat er euch gezeigt, wie man diese Bombe abschrauben muß? 

Step.: Nein, Herr, er hat nichts gezeigt. 

Präs.: Dann weiter. Was ist ferner geschehen? 

Step.: Der Lehrer sagte, ich solle diese Bomben und Revolver tragen 
und sie mit den Studenten nach Tuzla schaffen, die Revolver sollte ich 
dem Mi§ko Jovanovic übergeben. 

Präs.: Und die Bomben? 

Step.: Die Bomben nicht. 

Präs.: Aber wie kommt das, daß du nicht fragtest, sondern Bomben 
und Revolver mir nichts, dir nichts zur Weiterbeförderung übernahmst? 
Hast du vielleicht früher schon einmal Bomben und Revolver durch¬ 
geschwärzt, daß es dir ganz natürlich vorkommt, wenn unbekannte 
Leute mit Bomben kommen? 

Step.: Nein, ich habe nie geschwärzt. 

Präs.: Was'geschah dann? 

Step.: Ich ging nach Hause zum Abendessen und hierauf in das 
Haus des Mitar. Ich traf sie ebenfalls beim, Abendessen. Wir saßen 
draußen und gingen endlich ins Haus hinein. Dann steckten sie mir 
und dem Nedjo je drei Bomben und drei Revolver in den Gürtel, und 
wir machten uns auf die Reise nach Tuzla. 

Präs.: Sagten dir die Studenten, du dürftest davon niemanden etwas 
sagen ? 

Step.: Nein, sie sagten nichts. 

Präs.: Nun gut, was geschah hernach? 

Step.: Wir fuhren so nach Tuzla. Als wir nach Josipovac kamen, 
stiegen sie aus, da sie beschmußt waren, und wollten nicht so in die 
Stadt hinein. Wir aber fuhren weiter. Beim Goja Sekulic stiegen.auch 
wir aus und stellten Wagen und Pferde bei ihm ein. Wir gingen nun, 
den Misko Jovanovic aufzusuchen. . . . 

Naumowicz: Was war das bei Lopare? 

Step.: Jene verließen den Wagen. 

Präs.: Und dann, als ihr nach Tuzla kamt? 

Step.: Gingen wir zum Misko Jovanovic, die Sachen abzugeben. 
Als ich vor das Haus kam, war es noch früh. Ich läutete an, und es 
erschien ein Mädchen und fragte: »Was wollt ihr?« Ich sagte: Mi^ko 
möge herauskommen.« Er kam auch in die Küche. 

Präs.: Wer hatte den Brief vom Lehrer an den Misko? 


150 


Step.: Nedjo hatte den Brief. Er übergab ihn, und Mi^ko las ihn. 

Präs.: Was sagtet ihr dem Mi§ko? 

Step.: Diese Sachen schickt dir der Lehrer. Später werden zwei 
Studenten in das Lesekasino kommen. Erwarte sie. 

Präs.: Du hast einen Bruder, namens Milorad. Wohin ist der ge¬ 
gangen ? 

Step.: Er ging nach Valjevo in Serbien aufs Gymnasium. 

Präs.: Sagte dir der Nedjo, es sei ein Brief von deinem Bruder 
Milorad angekommen? 

Step.: Es ist kein Brief angekommen. Nedjo sagte nur, der Lehrer 
habe einen Brief für mich. 

Präs.: Was erzählte dir Nedjo von den Studenten auf der Rückfahrt ? 

Step.: Als wir zurückfuhren, sagte Nedjo: »Diese Studenten haben 
\ ein hartes Herz. Sie wollen ein Attentat verüben.« 

Präs.: Was heißt das, ein Attentat? 

Step.: Es heißt morden. 

Präs.: Und womit? 

Step.: Ich weiß es nicht, er sagte mir damals nichts davon. 

Präs.: Aber du sagtest bei der Voruntersuchung am 28. August, 
womit sie ihn ermorden wollten. Du sagtest: »Mit den Bomben und 
Revolvern, die wir trugen.« Wie ist’s also? 

Step.: Herr, ich weiß es nicht. Vielleicht sagte ich es, aber ich er¬ 
innere mich heute nicht mehr daran. 

Präs.: Wann hörtest du vom Attentat? 

Step.: Das Attentat fand am Sonntag statt, ich erfuhr am Montag 
abends davon. Ich hörte, einige Studenten hätten es ausgeführt. 

Präs.: Hast du sogleich verstanden, daß diese Studenten, die ihr 
nach Tuzla geführt habt, die Tat vollbracht haben? 

Step.: Nein. 

Präs.: Darüber hast du bei der Voruntersuchung anders ausgesagt. Du 
sagtest nämlich, du hättest es dir gleich gedacht, es hätten das jene 
Studenten vollbracht, die ihr nach Tuzla geführt habt. 

Step.: Ich weiß nicht, Herr, wie das war. 

Pr.äs.: Warum hast du nicht die ganze Sache angezeigt? 

Step.: Herr, ich wollte nidit. Ich fürchtete mich vor der Rache. 

Präs.: Bist du Sokolasch (Turner)? 

Step.: Nein. 

Präs.: Warst du jemals in Serbien? 

Step.: Nein. 

Präs.: Hast du jemanden in Serbien oder bei uns Briefe überbracht ? 

Step.: Nein. 

Naumowicz: Haben Sie beim Militär gedient? 

Step.: Ja. 

Naum.: Du hast die Bomben und Revolver mit fortgenommen. Wo 



151 


waren diese Bomben und Revolver, als du in das Haus des Kerovic 
tratest? 

Step.: Unter dem Bette. 

Naum.: Warum habt ihr diese Dinge nicht in den Wagen gelegt, 
statt sie in den Gürtel zu stecken? 

Step.: Sie waren nicht schwer, darum steckten wir sie in den Gürtel. 
Der Lehrer hat es so gesagt. 

Hoffmann; Wer von euch beiden sagte dem Misko, er habe um 
Q Uhr mit den Studenten im Kasino zusammenzutreffen? 

Step.: Ich sagte es. 

Hoffm.: Weißt du, was Veljko in jenem Briefe dem Mi§ko schrieb? 

Step.: Nein. 

Hoffm.: Wie kam es, daß gerade du ins Kasino kamst und die 
Studenten dem Mi§ko vorstelltest? 

Step.: Deshalb, weil Nedjo ins Spital ging. 

Hoffm.: Wußtest du, daß längere Zeit Gefahr war, es möchte 
zwischen Österreich und Serbien zu einem Kriege kommen? 

Step.: Nein. 

Hoffm.: Wie, du wußtest es nicht? Du bist Soldat. Warst du 
nicht voriges Jahr mobilisiert? 

Step.: Ja. 

Hoffm.: Dann mußtest du auch den Grund dieser Mobilisation wissen. 
Wußtest du, daß es hier in Bosnien Leute gibt, welche gerade euch 
Bauern bereden, im Kriegsfall nicht auf die Serben zu schießen, sondern 
gegen Österreich loszugehen? 

Step.: Das wußte ich nicht. Mir hat niemand so etwas gesagt. 

Präs.: Hast du als Soldat den Eid geleistet, dem Kaiser treu zu sein 
und dem kaiserlichen Hause? 

Step.: Ja, ich habe geschworen, aber ich fürchtete für mein Leben, 
darum machte ich keine Anzeige. 

Präs.: Jeßt opfern hunderttausend Leute für den Kaiser ihr Leben 
und fürchten sich nicht. 

Premuöic: Wie hat euch Misko aufgenommen, als ihr zu ihm kamt? 

Step.: Er hat uns nicht aufgenommen, sondern in die Küche 
geführt. 

Prem.: Hast du bemerkt, daß er sich gewundert oder gefreut hat, 
oder hat er sich ernst betragen? 

Step.: Ich habe nichts bemerkt. 

Präs.: Wünscht noch einer von den Herren Verteidigern an ihn eine 
Frage zu stellen? Herr Staatsanwalt? Nun gut, sege dich dort rück¬ 
wärts. Jeßt soll Johann MomCinovig hereinkommen. 


«*) d h. traktiert. 



152 


Johann Momßinovic. 

(Ein kleines, altes Männchen von etwa 60 Jahren, schon grau mit run¬ 
zeligem Gesicht. Er trägt einen alten Fez auf dem Kopfe, sonst die ge¬ 
wöhnliche bosnische Tracht und einen Mantel.) 

Präs,; Sie sind Johann MomCinovic? Was sind Sie? 

Mom.: Ein Bischöflicher (Katholik) vom kroatischen Tagblatt (Kroat) 
von unserem Bischof Stadler. (Gelächter im Saale, auch der Senat 
schmunzelt.) 

Präs.: Darum frage ich Sie nicht. Sagen Sie mir, wie Sie in die 
Sache verwickelt wurden? 

Mom.: Ich ging am Montag auf den Markt und kaufte Gurken. Das 
war an jenem Tag, als man Krawall machte. . . . Dann ging ich nach 
Hause. Da habe ich eine Tochter, aber sie ist krank, und sie sagte 
mir; »Der Ivica (Hänschen) Kranjifevic hat etwas gebracht, er ging ins 
Zimmer hinein und hat es dort gelassen. Ich weiß nicht, was es ist.« 
Ich kenne ihn seit seiner Geburt. Ich habe nicht gesehen, was er 
gebracht hat. 

Präs.: Erinnerst du dich an den Tag, an dem der selige Thronfolger 
zugrunde ging? 

Mom.: Ja, wie sollte ich mich nicht erinnern? 

Präs.: Erinnerst du dich, daß der Ivo noch am selben Tag etwas 
gebracht habe? 

Mom.: Warten Sie. (Gelächter.) Die Kleine sagte mir, Ivica hätte 
etwas ins Zimmer gebracht. Ich habe nichts angesehen. 

Präs.: Du weißt also nichts, weder was er gebracht hat noch was 
er fortgetragen? 

Mom.: Nein, Herr, ich weiß es nicht. Seine Mutter kam, sie packten 
es in Tücher, und sie trug es fort. 

Präs.: Warum hast du es nicht angezeigt, daß Ivica bei dir Sachen 
aufhob ? 

Mom.: Aber ich selbst weiß nichts, was soll ich anzeigen? 

Präs.: Sage mir, wie kommt das, daß du diese zurückgelassenen 
Sachen nicht wenigstens angesehen hast? Das ist unwahrscheinlich, 
daß jemand dir Sachen ins Haus bringt, und du willst sie nicht einmal 
ansehen. 

Mom.: Herr, der Ivica hat auch früher allerlei zu uns gebracht, und 
ich habe auch diese Sachen nie angeschaut. Ich war ja mit ihm bekannt. 
Ich wußte weder, was er brachte noch was er forttrug. 

Hoffm.: Hast du deine Tochter gefragt, was Ivica bei euch wollte? 

Mom.: Nein. 

Perisic: Waren die Sachen, als sie die Mutter des Ivica forttrug, 
eingepackt oder nicht. 

Mom.: Sie waren eingepackt. 


153 


Peris.; Wurden diese Sachen vor dir ausgepackt. 

Mom.: Nein. 

Präs.: Hat noch jemand etwas zu fragen? Geh auch du auf deinen 
Plag. (Ein Soldat übernimmt ihn und will ihn zu den Attentätern se^en. 
Der Alte widerse^t sich.) Nicht dorthin, sondern zu den beiden Sadilo 
in die le^te Bank. 


Franz Sadilo. 

Präs.: Sind Sie Franz Sadilo? 

Sad.:Ja. • 

Präs.: Sagen Sie mir, sind Sie schuldig? 

Sad. (entschieden): Nicht im mindesten. 

Präs.: Was sind Sie? 

Sad.: Ich bin Tischler. 

Präs.: Kennen Sie den Johann KranjCevic? 

Sad.: Ja. Seine Mutter ist meine Trauungspatin. 

Präs.: Sie kamen am Tage des Attentats nach Hause. Wie 
war das? 

Sad.: Ich war am Tage des Attentats nach Hause gekommen, und 
mein kleines Mädchen sagte mir, der Ivica sei dagewesen und in das 
Zimmer des Vaters gegangen, um etwas in die Lade zu legen. Ich 
kehrte mich nicht daran, sondern ging ins Kaffeehaus. Inzwischen 
gingen die Demonstranten am Kaffeehaus vorüber. Ich verließ das 
Kaffeehaus, und traurig, wie ich war, ging ich mit ihnen weiter. 
Endlich kam ich auf dem Rückwege zum Hause des Ivica Kranji^evic. 
Er stand am Fenster und las die Zeitung. Ich hatte eine Extraausgabe 
des »Hrvatski Dnevnik« bei mir und las in dieser unterwegs, es seien 
alle Attentäter gefangen. Nun fragte ich beim Ivica an, was er der 
Frau Danic gebracht habe. Er antwortete mir, er habe zwei alte 
Pistolen gebracht, welche sein Vater dem Museum schenken wollte, 
aber er gebe sie nicht her. Ich sagte ihm, er solle sie augenblicklich 
fortnehmen, denn es seien jetjt kritische Zeiten, und ich wolle so etwas 
nicht im Hause haben. 

Präs.: Waren diese Dinge eingewickelt? 

Sad.: Ich weiß es nicht, ich habe sie nicht gesehen. 

Präs.: Aber Sie sagten bei der Voruntersuchung aus, sie waren 
weiß eingewickelt. 

Sad.: Ich weiß es nicht. Wenn ich ein Wort falsch ausgesagt. . . 
ich war sehr verwirrt. Ich weinte bei der Voruntersuchung, so daß ich 
vor Traurigkeit gar nicht sprechen konnte, weil ich, als Kroat, in ein 
solches Unglück fiel. Darauf kam die Frau Kranjcevic und trug die 
Sachen fort. 

Präs.: Haben Sie darüber mit jemand gesprochen? 

Sad.: Ich sagte zu Hause: »Um Gottes willen, was bringt er in 


154 


dieser kritischen Zeit alte Pistolen ins Haus! Gerade uns will er 
unglücklich machen.« 

Präs.: Wann hat die Frau Kranjöecic diese Sachen fortgetragen? 

Sad.: Ich weiß es nicht. Ich glaube, am Mittwoch. 

Präs.: Bei ihnen hat man später noch eine Bombe gesucht? 

Sad.: Ich weiß das nicht. Ich glaubte, es sei eine Pulverflasche, 
wie man sie früher verwendete. Erst bei Gericht erfuhr ich, es sei 
das eine Bombe. 

Präs.: Sagen Sie, warum haben Sie es nicht bei der Polizei an¬ 
gezeigt, daß Ivica KranjCevic bei Ihnen diese Sachen zum Aüfbewahren 
gab? Die Polizei suchte überall solche Dinge und die Spur von 
weiteren Schuldigen. 

Sad.: Ich wußte nicht, daß das Dinge seien, welche die Polizei 
sucht. Wie sollte es mir in den Sinn kommen, daß Ivica in solche 
Dinge verwickelt sei? Ich kannte ihn, als er noch ein kleiner Knabe 
war, und wußte, daß er ein ruhiger Jüngling ist. Ich konnte also so 
etwas bei ihm gar nicht vermuten. Hätte ich das gewußt, so hätte 
ich es sogleich der Polizei übergeben; denn ich mußte fürchten, mir 
oder meinem Kinde könnte ein Unglück geschehen. Ich habe ein 
kleines Kind, und dies hätte darüber kommen und sich töten können. 
Ich glaubte wirklich, es sei das eine alte Pistole; denn solche Revolver 
habe ich in meinem Leben nie gesehen. Und jene Schachtel hielt ich 
für eine Pulverflasche; denn die sehen so aus. 

Perisic: Sagen Sie mir, wußten Sie, als Sie, wie sie sagen, jene 
Dinge sahen, daß das die gesuchten Bomben seien? 

Sad.: Soviel mir bekannt ist, hörte ich gleich am ersten Tage, daß 
alle Attentäter gefangen und alle Sachen gefunden seien. 

Perig.: Was sind Sie Ihrer politischen Überzeugung nach? 

Sad.: Ich bin von der kroatischen Rechtspartei. 

Feldbauer: Haben Sie die Serben lieb? 

Sad.: Ja, wenn ich sie nicht sehe. (Gelächter.) 

Präs.: Wünscht noch einer von den Herren eine Frage zu stellen? 
Herr Staatsanwalt, haben Sie etwas zu fragen? Nein. Kranjcevic, 
hast du gehört, was er sagte? War es so? 

Kranjßevic (läßt den Kopf hängen und wagt nicht, dem Sadilo 
ins Gesicht zu schauen): Ja. 

Präs.: Gut, dann se^en Sie sich. Nun soll kommen die 

Angela Sadilo. 

(Ein junges Weib, mittelgroß, von sympathischen Gesichtszügen. Ihre 
Haare sind kastanienbraun, ihre Augen klein und blau, das Gesicht bleich. 
Während der ganzen Zeit der Verhandlung si^t sie ruhig da und hört ohne 
besonderes Interesse auf den Verlauf der Verhandlung.) 

Präs.: Sind Sie schuldig? Wissen Sie, wessen Sie die Anklage¬ 
schrift beschuldigt? 





155 


Angela: Nein. 

Präs.: Erzählen Sie uns, wie das war bei Ihnen zu Hause. 

A n g.: Ich traf am Sonntag auf der Straße mit dem Ivica zusammen, 
und er sagte, er habe unserm kleinen Mädchen einige alte Sachen 
gebracht. Ich weiß nicht, sagte er: Revolver oder Pistolen? Ich fragte 
ihn voll Angst, ob sie geladen seien; er verneinte es. Es seien das 
alte Gegenstände, ich sollte mich nicht fürchten. Daraufhin beruhigte 
ich mich, denn ich glaubte, es sei wirklich so. 

Präs.: Haben Sie nachgesehen, was in der Lade war? 

Ang.: Nein. 

Präs.: Bei der Voruntersuchung sagten Sie anders aus. Sie be¬ 
haupteten: »Ich traf noch bei der Haustür mit dem Ivo Kranjßevic zu¬ 
sammen, der mir sagte, er habe im Zimmer des Vaters in der Tisch¬ 
lade einen Revolver zurückgelassen, doch sei dieser nicht geladen. 
Ich antwortete, ich könnte das nicht zulassen, denn es seien je^t 
kritische Zeiten. Als mein Mann heimkam, sagte ich ihm, Ivo KranjSevic 
sei da gewesen und habe Sachen gebracht.« Warum haben Sie heute 
anders ausgesagt als bei der Voruntersuchung? 

Ang.: Bei der Untersuchung war ich durch das Unglück sehr er¬ 
schüttert, nicht durch das meine, sondern durch jenes andere, und ich 
weiß selbst nicht, was man mich gefragt und was ich geantwortet 
habe. Darauf kam seine Mutter und trug die Sachen einfach fort. 
Hätten wir gewußt, woher diese Dinge rührten, so hätten wir es sogleich 
angezeigt. 

Präs.: Hat jemand von den Herren Verteidigern um etwas zu fragen? 
Nein. Ich bitte jegt die Herren Verteidiger und auch die Angeklagten, 
wenn jemand einen Antrag zu stellen hat für neue Beweise, so möge 
er ihn jeßt sogleich Vorbringen. Bis dahin ist 5 Minuten Pause. 
Amtsdiener, öffnen Sie beide Fenster, damit wir lüften. 

(Verhör der Angeklagten abgeschlossen.) 


Zeugenverhör. 

Öas Zeugenverhör dieses Prozesses, das so umfassend war, daß 
viele Personen, welche sich zur Zeugenaussage meldeten, abgewiesen 
werden mußten, förderte nicht viel neues Material zutage. Wir wollen 
darum nur das Protokoll des Landeschefs, Feldzeugmeister Potiorek, 
und das des Grafen Harrach als unmittelbarer Zeugen des Attentats, 
da sie sich mit den Hoheiten im selben Automobil befanden, hier 
anführen. 

Aussage des Feldzeugmeisters Oskar Potiorek. 

»An jenem kritischen Tage fuhr ich im Automobil, das Eigentum 
Sr. Exzellenz des Grafen Harrach ist, mit Sr. k. u. k. Hoheit dem 


156 


Erzherzog Thronfolger Franz Ferdinand und Ihrer Hoheit der Herzogin 
von Hohenberg. Im rückwärtigen Teil des Autos saß der selige 
Thronfolger links, während Ihre Hoheit die Herzogin an seiner rechten 
Seite saß. Der Graf Harrach saß vorn neben dem Chauffeur, ich aber 
im Auto vor dem Erlauchten Paar. Als wir an der Österreichisch- 
Ungarischen Bank vorüberfuhren, blickte ich nach vorn und bemerkte, 
daß an der linken Quaiseite an der Brüstung das Spalier der Volks¬ 
menge an einer Stelle vor der Brücke etwas unterbrochen sei, und 
daß dort ein brünetter, hochgewachsener Jüngling stehe. Ich zeigte in 
diesem Augenblicke gerade Sr. k. u. k. Hoheit die neue, schöne 
Kaserne des 15. Korps, da dies früher nicht möglich war, indem der 
Erzherzog seinen Blick auf die in der Höhe gelegene neue Prinz- 
Eugen-Kaserne gerichtet hatte. In diesem Augenblicke hörte ich einen 
kleinen Knall und sah, wie hinter der Herzogin ein kleiner, schwarzer 
Gegenstand fliegt. Einen Augenblick darauf erfolgte eine Detonation, 
als hätte man aus einer Pistole geschossen. Der Gegenstand flog 
langsam hinter dem Rücken Ihrer Hoheit, und zwar so langsam, daß 
ich dem Fluge folgen konnte. Der Graf Harrach sagte mir, es sei ihm 
vorgekommen, als ob zur selben Zeit ein Projektil vorbeigeflogen sei. 
Des Gegenstand fiel außerhalb des Autos auf die Straße, und darauf 
hörte man die Detonation. Wie ich, so hatte auch Ihre Hoheit die 
Herzogin den Eindruck, es sei das eine Bombe gewesen, die fürs 
Automobil bestimmt war, die aber ihr Ziel verfehlte und weiter gar 
keinen Schaden anrichtete. Die Fahrt wurde einen Augenblick unter¬ 
brochen, ging aber bald programmäßig weiter. Da hinter uns ein 
anderes Auto fuhr, bemerkten wir, daß es einen Moment hielt, und 
daß jemand aus demselben ausstieg. Man berichtete uns, es sei mein 
Personaladjutant®®) verwundet. Darauf hielt auch unser Auto an, da 
sich Se. Hoheit über den Zustand des Verwundeten informieren wollte; 
hernach seßten wir unsern Weg anfangs schnell fort, dann gegen das 
Rathaus zu in langsamerem Tempo. 

In diesem Augenblicke bemerkte ich, daß jemand in die Miljacka 
gesprungen war und daß nach ihm andere hineinsprangen. Nachdem 
wir das Rathaus besichtigt hatten, wovon Se. k. u. k. Hoheit nur das 
Vestibül betrachtete, während Ihre Hoheit sich in den ersten Stock be¬ 
gab, um die mohammedanischen Damen zu begrüßen, mußten wir an 
die Rückfahrt zum Museum denken. Vor der Abfahrt frug mich 
Se. k. u. k. Hoheit, der gleich nach dem ersten Attentat die Bemerkung 
machte, er habe so etwas erwartet, ob unterwegs noch so etwas 
vorfallen werde. Ich antwortete, ich hoffe nicht, aber daß man ein 
solches Unternehmen aus nächster Nähe mit allen Sicherheitsmaßnahmen 
nicht verhindern könne. Darum schlug ich vor, am Appelquai mit 

Oberleutnant Erich v. Merizzi. 

♦ 


157 


größter Schnelligkeit nach Ilid^e zu fahren, damit das auch einiger¬ 
maßen eine Strafe für die Bürgerschaft wäre, oder daß wir, wenn 
Se. k. u. k. Hoheit es erlaubt, in den Konak (Palais des Landeschefs) 
und von da auf den Bistriker Bahnhof fahren. 

Se. k. u. k. Hoheit sagte darauf, er wolle unbedingt meinen verwundeten 
Adjutanten besuchen, der inzwischen ins Garnisonspital überführt worden 
war, woher man meldete, seine Verlegung sei nicht schwer. 

Darauf entgegnete ich, das Publikum müsse um jeden Preis dadurch 
gestraft werden, daß man vom Programm abgehe und daß wir, wenn 
Se. k. u. k. Hoheit schon ins Spital wolle, über den Quai dahin fahren 
können. Ich erwähnte auch, ich empfehle dieses Programm schon 
deshalb, weil auf diese Fahrt längs des Quai niemand gefaßt sei. 
Se. k. u. k. Hoheit ging darauf ein, wir fuhren ab und kamen zur 
Stelle, wo man durch die Lateiner Straße zur Franz-Josef-Straße ein¬ 
biegt. Auf dieser kurzen Strecke kam nichts vor, nur stellte sich 
Se. Exzellenz der Graf Harrach auf das Trittbrett des Autos zur linken 
Seite, um das Erlauchte Paar so durch seinen Leib vor etwaigem An¬ 
schlag von der linken Seite zu Schüßen, von welcher auch das erste 
Attentat stattfand. 

Bei der Straßenbiegung zur Franz-Josef-Straße bemerkten wir, es 
habe das erste Automobil, in welchem der Bürgermeister fuhr, gegen 
die Franz-Josef-Straße eingebogen, und ich trug dem Chauffeur auf, 
jenem Auto des Bürgermeisters nicht nachzufahren, sondern geradeaus 
zu fahren. Im selben Augenblicke hörte ich in meiner unmittelbaren 
Nähe zwei, vielleicht auch drei, vier schwere Schüsse. Die Sißordnung 
im Auto war dieselbe wie beim ersten Attentat, nur stand, wie wir 
erwähnten, der Graf Harrach an der linken Seite des Autos am Tritt¬ 
brette, um so das Erlauchte Paar vor einem verbrecherischen Anschlag 
zu bewahren; doch diesmal schoß man von rechts. 

Die Schüsse fielen in einem Momente, wo der Attentäter in einer 
Linie mit meiner Brust stand. Ich schaute ihm in dem Momente, wo 
er schoß, ins Gesicht und sah, v/ie man ihn gleich überwältigte und 
die Offiziere die Säbel zogen, um auf ihn einzuhauen. Ich bemerke 
auch, daß ich, als er losfeuerte, weder Feuer noch Rauch sah. Die 
Detonation der Schüsse war sehr schwach. Ich glaubte, die Schüsse 
hätten auch diesmal ihr Ziel verfehlt; denn die Hoheiten saßen ruhig 
aufrecht. Ich sah, wir können auf der rechten Seite der Miljacka nicht 
weiterfahren; darum befahl ich dem Chauffeur zurückzufahren. Da 
sank Ihre Hoheit die Herzogin auf die linke Seite, ich fing sie mit 
meinem Arme auf. Ich glaubte, Ihrer Hoheit sei infolge des Schreckens 
übel geworden, und das um so mehr, als ich hörte, daß die Hoheiten 
einige Worte wechselten, die ich nicht verstand. Nachdem ich dem 
Chauffeur gezeigt hatte, wohin er fahren müsse, wandte ich mich zum 
Hohen Paare zurück und bemerkte erst jeßt, daß sich am Munde 


158 


Sr. k. u. k. Hoheit des Herrn Erzherzogs etwas Blut zeige. Er sagte 
etwas, aber saß dabei ganz ruhig im Wagen. Als wir vor dem Konak 
ankamen, bemerkte ich, Ihre Hoheit die Herzogin sei ganz bewußtlos. 
Als sie eine Dame hinaustragen half, sank auch der Erzherzog um. 
Beide wurden gleich in den ersten Stock des Konaks getragen und 
auf ein Bett gelegt. Sofort wurde die erste Hilfe geleistet. Einige 
Ärzte waren neben dem Automobil hergelaufen; doch weder sie noch 
die Ärzte, welche aus dem Spital im Automobil ankamen, konnten 
mehr helfen und die Hoheiten zum Bewußtsein bringen. Nach einer 
Viertelstunde konnte man nur mehr den Eintritt des Todes konstatieren. 
Einige Minuten später konnte man feststellen, daß auch Se. k. u. k. 
Hoheit der Erzherzog tot sei. 

Als wir uns in den Arkaden des Rathauses befanden, sagte mir 
Se. Hoheit, er habe beim ersten Attentat gesehen, wie jenes Stück ge¬ 
flogen sei, und er sei bereit gewesen, falls noch etwas gegen die Her¬ 
zogin geworfen würde, es mit der Hand abzuschlagen, doch habe er 
nicht bemerkt, daß jener Gegenstand, den der erste Attentäter geworfen 
(die Bombe), zu Boden gefallen sei. Er glaubte, sie wäre zwischen 
sie beide gefallen, aber er wollte nichts sagen, um die Herzogin nicht 
zu erschrecken. Das Auto sei vor dem ersten Attentat langsam ge¬ 
fahren; denn so wollte es der Erzherzog, damit er alles besser 
sehen könne. 

Sonst habe ich nichts mehr zu sagen.« 

Das mit dem Grafen Harrach aufgenommene Protokoll. 

(Das Protokoll ist in deutscher Sprache verfaßt, und Gerichtsrat Naumowicz 
überseht es ins Kroatische. Er sagt, er wolle es nur nach seinem haupt¬ 
sächlichen Inhalt übersehen, da es der Hauptsache nach mit dem Sr. Ex¬ 
zellenz des Landeschefs Potiorek übereinstimme. Er beginnt die Überse^ung, 
dann nimmt der Senatspräsident v. Curinaldi das Schriftstück und übersegt.) 

Graf Harrach führt ausdrücklich an, er habe beim ersten Attentat, 
bevor die Bombe fiel, deutlich einen Schuß gehört. Ferner sagt er, 
er habe vor dem zweiten Attentat bei der Fahrt vom Rathaus auf dem 
Trittbrett des Automobils auf der Quaiseite gestanden, um das hochselige 
Erlauchte Paar mit seinem Leibe zu decken, falls etwa eine Kugel von 
der Uferseite abgeschossen würde. 

(Während der Verlesung dieses Protokolls herrscht im ganzen Saale ge¬ 
spannte Aufmerksamkeit. Die Angeklagten lassen mit Ausnahme von 
Princip den Kopf hängen; Cabrinovic zupft nervös an seinem Barte.) 

Als wir zu der zur Franz-Josef-Straße führenden Straßenbiegung 
kamen, fielen Schüsse, aber von der entgegengese^ten Seite, wo ich 
nicht stand. Kurze Zeit darauf fiel ihm (dem Erzherzog) die Herzogin 
auf den Schoß, und er neigte sich zu ihr. Ich stand dicht bei ihnen 


Palais des Landeschefs. 



159 


% 


und hörte, wie er ihr sagte (der Präsident liest mit zitternder Stimme 
und mit Tränen in den Augen): »Sopherl, Sopherl, sterbe nicht, bleibe 
am Leben für unsere Kinder!« 

(Im Saale herrscht große Ergriffenheit, Der Präsident kann nicht mehr 
weiterlesen. Er wirft dem Gerichtsrat Naumovicz den Akt zu, der ihn 
auffängt, aber sich im Augenblicke nicht zurechtfinden kann. Einige Augen¬ 
blicke herrscht im Saale Grabesstille, bis man sich beruhigt. Auch auf die 
Angeklagten wirkte dieses Schauspiel sehr erschütternd, ja, sogar Princip 
senkte das Haupt und schloß die Augen.) 

Ich wandte mich sogleich zu Sr. k. u. k. Hoheit und frug ihn, ob 
ihn etwas schmerze, und er antwortete mir schwacher Stimme: »Es 
ist nichts!« Dann wiederholte er für sich einige Male mit schwacher 
und leiser Stimme! »Es ist nichts! Es ist nichts!« Dann fiel er in 
Ohnmacht. 

Präsident: Ich unterbreche die Si^ung auf 5 Minuten. 

Während der Pause tritt der Verteidiger Dr. Feldbauer zu Princip 
und fragt ihn, ob dieses erschütternde Schauspiel im Saale während 
der Verlesung des mit dem Grafen Harrach aufgenommenen Protokolls 
auf ihn keinen Eindruck gemacht habe. Princip antwortet mit einer 
heftigen Handbewegung: »Glauben Sie, ich sei ein Tier und habe keine 
Gefühle?« 

Beim Beweisverfahren 

kommt auch der Verein »Narodna obrana« (Volksverteidigung) zur 
Sprache, den die Angeklagten entweder als einen harmlosen Kultur¬ 
verein hinstellen oder ganz ignorieren möchten. Mit diesem hoch¬ 
politischen Verein hat es folgende Bewandtnis: 

Durch die Kaiserliche Proklamation vom 5. Oktober 1908 wurde die 
Souveränität Sr. Majestät auf Bosnien und die Herzegowina ausgedehnt. 
Wegen dieses Staatsaktes entstand zwischen der österreichisch-ungarischen 
Monarchie und dem Königreich Serbien eine Spannung, die man ge¬ 
wöhnlich mit dem Namen Annexionskrise bezeichnet. 

Das beste Bild der üblen Laune, die in Serbien zur Zeit der An¬ 
nexionskrise herrschte, gibt die im Jahre 1911 in Belgrad bei Davidovic 
gedruckte Broschüre >;Statuti Narodne obrane«. Dieselbe wurde in 
Bosnien gerichtlich konfizsiert, da ihr Inhalt das Verbrechen der Störung 
des öffentlichen Friedens involviert. 

Diese Broschüre wurde bei der Verhandlung vollinhaltlich vorgelesen. 
Sie bringt den Bericht des Zentralausschusses über das Wirken dieses 
Vereins von der Gründung bis Ende 1910. 

In ihr wird hervorgehoben, das Serbenvolk hätte seit seinem Be¬ 
stände schon viele schwere Tage erlebt, und »zu diesem komme nun 
auch der 24. September 1908 (das ist der 7. Oktober 1908 neueren Stils), 
als Österreich-Ungarn ohne irgendein Recht Bosnien und Herzegowina sich 


160 




angeeignet habe. Dieser Tag reihe sich an die schwersten Tage der 
Vergangenheit« .... »Zu dieser Zeit hätte Österreich-Ungarn neben 
anderen Völkern auch einige Millionen Serben unterdrückt, um sie zu 
quälen und zu entnationalisieren. Es erlaubt ihnen nicht, sich frei als 
Serben zu bekennen und ihre Häuser mit der serbischen Trikolore 
zu schmücken, es läßt sie nicht frei Handel treiben und ihre Felder 
bestellen noch serbische Schulen gründen, es erlaubt ihnen nicht, frei 
ihre Feste zu feiern noch vom Amselfelde, vom Kraljevic Marko und 
vom Milo§ zu singen« (S. 5). 

Auf derselben Seite wird weiter angeführt, daß die Annexion Bosniens 
und der Herzegowina nicht bloß Serbien und Montenegro, sondern alle 
Serben, ja man kann sagen, ganz Europa in Aufregung verseht habe, 
und darum wurde unter diesen Umständen in so ernster Zeit auch die 
»Narodna obrana« gegründet, und es bildeten sich Ausschüsse dieses 
Vereins fast in jedem größeren Orte Serbiens. 

Aufgabe des Ausschusses ist es: 

1. Das nationale Bewußtsein zu wecken und zu stärken. 

2. Freiwillige einzuschreiben und anzuwerben. 

3. Einzelne Freiwillige auszubilden und sie für die Waffenaktion 
vorzubereiten. 

4. Freiwillige Beiträge, Geld und andere Artikel zur Verwirklichung 
ihrer Aufgabe zu sammeln. 

5. Eigene Freischaren zu organisieren, einzuüben und auszurüsten für 
eigene und selbständige Kriegsführung. Ferner wird angeführt, wie es 
eine Hauptaufgabe des Ausschusses war, Freiwillige anzuwerben und 
auszurüsten und dazu die nötigen Geldmittel durch Sammlung auf¬ 
zubringen, und wie sich Freiwillige nicht bloß aus Serbien, sondern auch 
aus Österreich-Ungarn, Rußland, Deutschland, Bulgarien und der Türkei, 
Griechenland, Italien und anderen Ländern gemeldet hätten. Das Haupt- 
komitee habe Studenten- und Schügenkorps gebildet, bei denen be¬ 
geisterte Offiziere das Einüben der Freiwilligen besorgten und sie in 
allen Waffengattungen und Handhaben von Sprengstoffen unterwiesen, 
damit sie dem Gegner ohne Rücksicht möglichst großen Schaden zu¬ 
fügten .... »Sie sollten die Vorläufer unserer Regimenter und der 
Schrecken der Nachhut der Feinde sein.« 

Außerdem arbeitete der Ausschuß eitrigst und, wie er selbst anführt, 
mit Erfolg an der Verbreitung des Patriotismus und an der Erläuterung 
der feindlichen Rolle, welche Österreich spielt, durch Konferenzen, Vor¬ 
träge und Versammlungen, in denen über die serbische Frage, das 
serbische Volk und die serbischen Länder gesprochen wurde mit be¬ 
ständigem Hinweis auf die feindliche Haltung der Monarchie. Ja, die 
»Narodna obrana« ließ ein Buch über das österreichische Heer drucken 
und verbreitete es in 8000 Exemplaren unter das Volk, und der Aus- 




161 


schuß wußte auch auswärtige große Blätter für Serbiens Sache zu 
interessieren. 

Auf S. 9 heißt es jedoch, daß dieser Arbeit der »Narodna obrana« 
durch die Anerkennung der Annexion Bosniens und der Herzegowina 
von seiten der Großmächte ein Ende gemacht wurde. »Dadurch war 
Serbien auf sich selbst angewiesen und mußte sich im Interesse seines 
Weiterbestandes dem Gange der Ereignisse fügen und das gezogene 
Schwert in die Scheide stecken, um es bei erster Gelegenheit mit mehr 
Kraft und Geschicklichkeit wieder zu ziehen.« 

Das Komitee der »Narodna obrana« in Belgrad drückte allen Frei¬ 
willigen, den Organisationen wie den einzelnen, die mitgewirkt hatten, 
seinen Dank aus. Nun schritt es an die Reorganisation, indem es die 
Unterausschüsse beibehielt und mit denselben eine neue Arbeit unter¬ 
nahm, nämlich das Land vorzubereiten, »daß unser Verein erstarke, uns 
alle befreie, um mit noch größerer Kraft und Erfolg bei einer ähnlichen 
Gelegenheit die alte rote Fahne der »Narodna obrana« zu entfalten. 
Diese Phrasen sollen heißen, man wollte sich auf den großen »Befreiungs¬ 
krieg« gegen Österreich vorbereiten. Es wurde wahrhaftig fieberhaft 
auf dieses Ziel losgearbeitet. Alle serbischen Vereine, die Sokol- (Turner-), 
die Schüßen-, die Mäßigkeits-, die Kulturvereine, die Volksschulen, der 
Handel und Aufklärung wurden der »Narodna obrana« dienstbar gemacht. 
Ein bei dem Einmarsch der k. u. k. Truppen in Loznica aufgefundends 
Tage- und Rechnungsbuch des Grenzhauptmanns Konstantin Todorovic 
gibt genauesten Aufschluß, wie die Spionage der einheimischen Serben 
in Bosnien organisiert war, und wieviel Geld dafür die »Narodna 
obrana« als Belohnung zahlte. Überall fanden sich Vertrauensmänner, 
die bereit waren, neue Mitglieder anzuwerben, mit deren Hilfe man über 
den Stand und die Bewegung der österreichischen Truppen in den ein¬ 
zelnen Garnisonen, über den Bau und die Armierung der einzelnen 
Festungen und Forts nach Serbien berichtete. Ein großer Hochverrats¬ 
prozeß, der in Banjaluka im November 1915 durchgeführt wurde, ver¬ 
breitete unheimliches Licht über diese neue Arbeit der »Narodna obrana«. 
Unter den 156 Angeklagten, die sämtlich schismatische Serben waren, 
befanden sich 19 schismatische Popen, 7 ehemalige Landtagsabgeordnete, 
20 öffentliche oder private Beamte, 4 Professoren, 2 Ingenieure, 2 Ärzte, 
15 Lehrer, 2 schismatische Theologiestudierende, 10 Hochschüler, 
29 Kaufleute, 26 Bauern, 20 Gewerbetreibende, 3 Besißer und 2 Frauen. 

Ferner wurde bei der Verhandlung das vorläufigerevolutionäre 
Statut zur Befreiung der Südslawen, der Kroaten, Serben 
und Slowenen zur Verlesung gebracht. Dasselbe hat einen ehe¬ 
maligen österreichischen Offizier, den Serben Milan Pribicevic aus 
Kroatien, zum Verfasser. Dieser, einer der Häuptlinge der Belgrader 
Verschwörung und einer der Gründer der »Narodna obrana«, kämpfte 
zur Zeit des Weltkrieges als Oberstleutnant auf serbischer Seite und 

Pharos, Der Prozeß gegen die Attentäter von Sarajevo. 11 


162 


wurde von seinen eigenen Soldaten, die in ihm den Anstifter des 
Unglückes ihres Volkes erblickten, in den Wäldern des Jastrebac- 
Gebirges erschlagen. 

Zum Ziel se^te sich das Statut die Vereinigung aller Südslawen zu 
einem föderalistischen Staatengebilde oder einem republikanischen Bund. 
Das Mittel zur Erreichung dieses Zieles sollte die Revolution sein, und 
zwar zunächst die Revolution der Attentate auf hochstehende 
Persönlichkeiten in der Monarchie, dann die Revolution der Volks- 
massen. 

Eigentümlich ist hier wieder das Eingreifen der Loge. Ihr Vertreter in 
der ganzen Angelegenheit des Attentates war ein gewisser Dr. Radoslav 
Kazimirovic, ein Serbe. Über ihn äußert sich 

Cabrinovic: Er ist Freimaurer, ja gewissermaßen eines ihrer 
Häupter. Er reiste gleich darauf (nachdem sie sich für das Attentat 
angeboten hatten) ins Ausland. c,r bereiste den ganzen Kontinent. 
Er war in Budapest, Rußland und Frankreich. Wenn ich immer den 
Ciganovic fragte, wie es mit unserer Angelegenheit stehe, pflegte er zu 
antworten: »Dann, wenn jener (Kazimirovic) kommt.« 

Damals erzählte mir auch Ciganovic, die Freimaurer hätten den 
Thronfolger schon vor zwei Jahren zum Tode verurteilt, aber sie 
hätten keine Leute, welche es (das Todesurteil) ausführten. Hernach, 
als er mir den Browning und die Patronen übergab, sagte er: »Jener 
Mann ist gestern abend von Budapest zurückgekehrt.« Ich wußte, daß 
derselbe die Reise im Zusammenhang mit unserer Angelegenheit 
unternommen und im Ausland mit gewissen Kreisen konferiert habe. 

Präs.: Sind das nicht Märchen, was du da erzählst? 

Öabr.: Das ist die reine Wahrheit und hundertmal wahrer als Ihre 
Dokumente von der »Narodna obrana«. 

Es ist jedenfalls charakteristisch, daß man diese Attentäter aus Serbien 
nicht fortließ und ihnen keine Waffen gab, bis Kazimirovid von seiner 
Rundreise zu den Logenzentren zurückkehrte. 

Übrigens haben Dokumente, die man beim Einmarsch in Serbien 
fand, über diese Angelegenheit helles Licht verbreitet. 

Der Staatsanwalt 

klagt in seiner Rede zweiundzwanzig des Hochverrats und drei der 
dazu geleisteten Mithilfe an. Er behauptet, jene zweiundzwanzig seien 
in gleicher Weise bei der Ausführung des Attentates schuld, das in der 
Absicht ausgeführt wurde, um das Gebiet Bosniens und der Herze¬ 
gowina mit Gewalt von der Monarchie loszureißen und es Serbien an¬ 
zugliedern. Darum beantragt er für sie die Todesstrafe, die für Hoch¬ 
verrat festgese^t ist. Jene übrigen drei sollten für ihre Mithilfe ent¬ 
sprechende Strafen erhalten. 


163 


Das Plädoyer der Verteidiger 

führt hauptsächlich an, daß die meisten Angeklagten Verführte seien, 
die in dem Milieu, in dem sie lebten, von allen Seiten von jenen 
revolutionären Ideen beeinflußt waren, während jene einfältigen Bauern 
nicht einmal einen Begriff von einem Attentat hatten. 

Das Urteil. 

Am 28. Oktober 1914 fällte das Kreisgericht in Sarajevo über die 
Angeklagten folgendes Urteil: 

I. Gabriel Princip, Nedjeljko Öabrinovic, Trifko Grabei^, Vaso Öubrilovi6, 
Cvjetko Popovic, Danilo Ili^, Lazar Gjukic, Ivo Kranjfevic, Veljko 
Öubrilovic, Michael (Mi§ko) Jovanovic, Nedjo Kerovic sind schuldig, 
in der Absicht gewaltsam das Verhältnis der Gebiete Bosnien und 
Herzegowina gegenüber Österreich-Ungarn ändern und Bosnien-Herze¬ 
gowina zu Serbien schlagen zu wollen und zu dem Zwecke, den Thron¬ 
folger Franz Ferdinand zu ermorden, folgendes unternommen zu haben. 

Nun werden die Taten der einzelnen aufgezählt. 

II. Jakob Milovic, Mitar Kerovic sind schuldig, in der Absicht 
gewaltsam das Verhältnis der Gebiete Bosnien und Herzegowina 
gegenüber Österreich-Ungarn ändern und Bosnien-Herzegowina zu 
Serbien schlagen zu wollen, dem obigen Verbrechen durch ihre Mithilfe 
Vorschub geleistet zu haben. 

III. Cvijan Stepanovic ist schuldig, die Anzeige unterlassen zu haben. 

Ebenso sind 

IV. Branko Zagorac und Marko Perina schuldig, obwohl sie um 
das geplante politische Attentat wußten, aus eigener Schuld die Anzeige 
unterlassen zu haben. 


Deshalb begingen: 

Gabriel Princip, Nedjeljko (^abrinovic, Trifko Grabe2, Vaso Cubrilovic 
und Cvjetko Popovic das Verbrechen des Hochverrats und des Meuchel¬ 
mordes. 

Danilo Ilid das Verbrechen des Hochverrats und der Mitschuld am 
gedungenen Meuchelmorde. 

Veljko Öubrilovic, Mi§ko Jovanovic, Nedjo Kerovi6, Lazar Gjukic das 
Verbrechen des Hochverrats und der Mitschuld am Meuchelmorde. 

Jakob Milovic und Mitar Kerovic das Verbrechen des Hochverrats. 

Ivo Kranjßevic das Verbrechen der Mitschuld am Meuchelmorde. 

Cvijan Stepanovic, Branko Zagorac und Marko Perina das Verbrechen 
der Mitschuld am Hochverrate. 


11 



beilagen 

zum 

Prozeß gegen die Attentäter von 
Sarajevo“ 

von 

Professor Pharos. 


Abbildungen: 

1. Monument und Stahlplatte an der Stelle des Attentats. 

2. Die Mörder von Sarajevo vor ihren Richtern. 

3. Oberstleutnant Tankosic. 

4. Milan Ciganovic. 

5—7. Die Mörder von Sarajevo. 

8. Die Mordwaffen beim Attentat in Sarajevo. 

Karten: 

1. Plan von Sarajevo (Teilplan). 

2. Karte zur Veranschaulichung des bosnisch-serbischen Grenzgebietes. 







Abb. 1. Monument und Stahlplatte an der Stelle des Attentats. 





























Abb. 2. Die Mörder von Sarajevo vor ihren Richtern. 

Von links nach rechts: Qrabez, Cabrinovic, Princip, Ili«, Jovanoviü. 














Abb. 3. Oberstleutnant Tankosic, Abb. 4. Milan Ciganovic, 

einer der Hauptanstifter des Attentats von serbischer Eisenbahnbeamter in Belgrad, der 

Sarajevo. “u Topcider Walde die Schießübungen der 

Attentäter leitete und das Komplott mit 
Bomben und Pistolen, sowie Cyankali versali. 

















Abb. 5—7. Die Mörder von Sarajevo. 

Princip. Cabrinovic. Orabez. 

Die Werkzeuge der serbischen „Narodna Odbrana“. 










H Bf Abb. 8. Die Mordwaffen beim Attentat in Sarajevo. 

1. Browning des Princip. 2. Browning des Vaso tubrilovid. 3. Browning des 
Cvjetko Popovid. 4. Browning des Trifko Grabez. a—b) Sprengstücke der 
Bombe des N. £abrinovid. c) Projektil, welches den Tod der Herzogin von 
Hohenberg herbeifUhrte. 



TEILPLAN VON ^AR/^EVO 


^ONAK 


Fahrt des Auto.3 
X Stelle des ersten Attentats 
Stellt des zweiten Attentats 






















































Karte zur Veranschaulichung des bosnisch-serbischen Grenzgebietes. 




















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Dr. GRETENER, Breslau, - Prof. T HEiLBORN, Breslau, - Dr. HÜBSCH, Mini- 
(lerialdirektor, Karlsruhe, — Prof D. D“. KAHL, Berlin, — Prof. Dr. KÖHLER, 
Jena, — Prof. Dr. OETKER, Würzburg, ■ OLBRICHT, Er|ter Staatsanwalt, Görli^, 

— Se. Exz. Dr. v. OLSHAUSPil, Wi-id, vjt Rat, Senat, präfident am Reichsgericht 
a. D., — Dr. Rlb^OM, Kriegsgerichts u., tiensburg. — ROTLRING, Lcrndgerichts- 
direktor, Magdeburg, — SiEBURG, Geh. JufHzrat, Oberlandesgerichtsrat, Celle, 

- SPANGENBERG, Wirkl. Geh. Ober-Reg.-Rat, Berlin, - STUBENRAUCH, Geh- 
Juflizrat, Berlin, — Se. Exz. Prof. Dr. WACH, Wirkl. Geh. Rat, Leipz g, — Prof* 

Dr. WACHENFELD, Fo|lock, — WIRZ, Erfler Staatsanwalt am Ob-^rlandes- 

gericht, Colmar i. E., 

unter ftöndiger M i t a r b e i t e r f c h a f t von 
Se. Exz. Wirkl. Geh. Rat. Dr. ZWEIGERT, Oberreichsanwalt, Leipzig, — Prof. 
Dr. JAMES GOLDSCHMIDT, Berlin, — Dr. KLEE, Staatsanwaltschaftsrat, Pro- 
feffor, Berlin, — Dr. ALSBERG, Rechtsanwalt, Berlin, — Reichsarchivrat Dr. 
KNAPP, Reichsarchiv München, — Kriminalkommiffar Dr. ANUSCHAT, Berlin, — 
Amtsrichter Dr. A. HELLWIG, z. Z. im Felde, 
herausgegeben von 

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